Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 333 (19.1.1934)
- Date
- 1934-01-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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DIE NEUE WEM .f. _ f ^■Ujii.U^WW'.I», Nr. S83 > i «rtWi i ii I!■ » 6) Marinka Erzählung von Ch. N. Bialik. (Uebersetzt von Dakar Rosenfeld) V. Unterhalb Chanine-Lipes Hof und Skuripint- «chichas Obstgarten, dort drüben, auf jener Seite, macht sich von ferne, wie eine stille, abgesonderte Welt, ein öder, breiter, grasbewucherter Platz bemerkbar. Gärten und Gemüsebeete umschließen ihn, und von allen Seiten ist er mit Zäunen umgeben. Ein enger Pfad zwischen zwei Zäunen macht ihn innen gangbar, und hineingehen kann man durch ein Loch im Zaun. Den ganzen Winter über liegen dort aufeinandergehäufte Schichten Schnee, hohe und saubere, die bis in die halbe Höhe des Zauns reichen. Zur Sommerszeit bilden und mehren sich dort in der Stille allerlei Arten Gräser und wilder Kräuterling, manchmal findet dort ein einsames Kalb oder ein einzelnes Schwein Nahrung. Ein Hahnenschrei oder der Widerklang einer Menschenstimme läßt sich dort von weitem, als wäre er von irgend einer anderen Welt gekommen, vernehmen. Manchmal kommt ein Kazap dorthin ein Schwein braten, ein Fuhrknecht ein Schaf abziehen. Der einzige Lumpensammler der ganzen Gegend, ein alter Mann, ein schweigsamer und ein wenig irrer Mensch, dem man unterstellt, daß er ein Zauberer sei, leistet es sich, dort stundenlang allein mit seinem Stock und seiner Tasche seine Zeit zu verbringen, zu stehen und im Mist herumzustierlen, wobei er die Unterlippe närrisch hin und her bewegt und irgend etwas murmelt. Gemischt und dichtverwachsenen Schlingpflanzen eine Menge weißen Knochen und Ochsenhörnern liegt dort, wie Golemfiguren im Finstern, im Schoß von Kräuterwerk und dicht verwachsenen Schlingpflanzen eine Menge schwerer und dicker Baumwurzeln, die man samt den Adern aus der Erde herausgerissen hat. Und überall stecken, wie uralte Grabsteine breite, runde Köpfe abgeschnittener Stämme heraus, Zeichen von Bäumen, die einmal gewesen sind... Vor langen Jahren — so erzählt man — hat auf demselben Ort ein dichtschattiger junger Eichenwald gerauscht. Jetzt ist es sehr still ringsherum, still wie auf einem Friedhof. Von der ganzen ehemaligen Pracht sind nur zwei Bäume geblieben: der eine ein alteingesessener riesiger Eichenbaum, der mitten auf dem Platz steht und mit seiner Höhe alle Dächer des Vorstädtchens überragt, der zweite — ein Birnbaum, niedrig und zur Hälfte eingetrocknet — hält sich an der Seite eines Hügels und streckt seinen hageren Leib zum Wärmen der Sonne entgegen. Es ist zwar dort noch ein dritter, ein Lindenbaum, ein reichverzweigter und breitkroniger, vorhanden — aber dieser Alte steht abseits neben der Lücke jenseits des Zauns, mit seinem dichtastigen Kopf an den Zaun angelehnt und sich vergaffend in seinen älteren, mächtigeren Genossen — den Eichenbaum, der diesseits steht. Gerade dahin schlich sich Noach oft, seitdem er in der umliegenden Gegend heimisch geworden war, pflückte dort Beeren für sich oder suchte Vogelnester. Wenn er sich so allein dorthin begab, pflegte ihn jedesmal ein Gefühl von Einsamkeit und süßen Schauers zu beherrschen, wie wenn man eine Einöde betritt. Er eilte nicht schnurstracks hin, sondern langsam, nach und nach, allmählich sich hinschleichend. Zuerst den Kopf ins Zaunloch gesteckt, einen Blick dahin, dorthin getan, hierauf den Fuß hineingesetzt, und .all das vorsichtig und langsam — still!... Das mindeste Geräusch oder ein Hase warf sich aus irgend einer Vertiefung heraus — und schon überfiel ihn ein süßes, geheimnisvolles Gefühl und das Herz — tick! tick! Er selbst begriff nicht recht, woher sich dieser Schauder zu ihm schlug, aber er konnte sich von ihm nicht befreien. Irgendwie besaß der Ort eine Art geheimer Zauberkraft, die ihn schreckte und ihn zugleich magnetisch anzog, als ob hier eine lebendige, verborgene Seele atmete, die aus allen Gefäßen, aus allen Löchern und Verstecken hervorblickt und ihn an sich heranzieht. Einmal an einem Hochsommertag begab Noach sich dorthin. Die Sonne brannte erbarmungslos, von den ausgetrockneten Sandkörnern flogen die Funken und Noach kroch hinauf auf einen Baum. Schon einige Tage lang vermißte er Marinka gegenüber dem Lattenloch: Wahrscheinlich habe sie den Obstgarten zu bewachen, auf daß niemand von den gerade reifen Früchten stehle — und er, Noach, sehnte sich so sehr nach ihr. Auf dem Baum sitzend, blickte er um sich — und der ganze Obstgarten der Skuripintschicha öffnete sich seinen Augen, ein Winkel des Gartens grenzte gerade an den Zaun derart, daß zwei, drei Bretter des Zauns nachbarlich zusammenstießen. Die Bäume im Garten waren samt und sonders mit Früchten beladen: blinkende Aepfel und goldglänzende Birnen — aber nicht leicht zu erreichen. Vielleicht könnte er Marinka erblicken und sie rufen. Aber sie ist nicht da. In Gedanken veraunken stieg Noach vom Baum und ging zum Winkel hin. Die- Latten des Zauns hoch und zugespitzt, unmöglich, darüberzukriechen. Wenn man vom Zaun ein Brett herausreißen könnte — durchblitzte es seinen Kopf — würde er doch Marinka recht sehen können. Und rasch ging er daran, unter einer Latte die Erde wegzugraben. Er arbeitete mit allen Mitteln? mit einem Lattensplitter, mit den Nägeln. Es dauerte keine Viertelstunde, und schon war zwischen der Erde und dem Zaun eine kleine Vertiefung gemacht, so ger räumig, daß eine Faust hindurchkonnte. Er steckte die Hand hindurch, o weh! in Brennesseln geraten! Plötzlich bemerkte er, daß jenseits der Vertiefung eine Hundeschnauze steckte — Skuripin! Der Hund begann zu knurren und zu wittern, schüttelte den ganzen Körper, stieß mit großer Plage die beiden Pfoten und ein Stück Kopf in das Loch hinein, wühlte unablässig mit den Krallen, mit der Schnauze, mit dem Maul, und drängte mit allen Kräften hin, als würde er versuchen, die kleine Grube zu vertiefen. Da ihm dies nicht gelang, begann er einen dünnen Klagelaut von sich zu geben, als wollte er sagen: Kommt zu Hilfe! Im selben Augenblick zeigte sich Marinka zwischen den Bäumen. Der Hund hob den Kopf, lief ihr entgegen und zog sie zu der Grube. „Marinka!" rief Noach freudig aus. „Sag"', rief Marinka erschreckt aus und trat beiseite, „was machst du da?" „Marinitscko, ich bitte dich..." „Geh weg, und gleich", entgegnete ihm Marinka still und erschrocken, „die Tante ist da im Garten. Komm morgen... in der Früh... Skuripin!" Marinka ließ einen Pfiff für den Hund los und verschwand mit ihm zwischen den dichten Bäumen. Voll Seelenpein kam Noach nach Hause. Die ganze Nacht grübelte er darüber nach, wie man die Wand, die sie voneinander trennte, beseitigen könne. Am nächsten Morgen, früh am Tage, stand er auf; es gelang ihm, die kleine Hacke, die unter des Vaters Bett lag, unbemerkt herauszubekommen, er verbarg sie bei sich unter dem Hemd und schlich sich still aus dem Haus. Auf dem Hof fand er unversehens Chanine-Lipe beim Brunnen stehen und das Pferd aus einem schiefgestellten Eimer tränken. Chanine-Lipe blickte ihn rasch mit saurem Blick an und „empfing" ihn mit den Worten: „Wohin willst du, Spitzbub?" Statt zu antworten, zwinkerte Noach irgendwohin, als ginge ihn die Frage nichts an, und verschwand im Augenblick. Keine Zeit, zu bleiben — es galt, rasch zum bestimmten Ort zu kommen. Dort angelangt — war der ganze Platz mit Sonnenschein voll, aber die stechenden Brennesselstauden im Schatten des Zauns neben der Vertiefung funkelten noch, feucht vom Morgentau Noach versank zwischen den Gebüschen und fluga ging er an die Arbeit: klemmte die Hackenspitze in den Bretterrand, dort, wo das Brett am unteren Ende der Zaunlatte mit einem Nagel befestigt ist, und drückte seine Hände mit allen Kräften dagegen. Das Brett gab ein klein wenig nach — tritsch! Da ward, wegstehend vom Brett, ein verrostetes Stückchen Nagel wie ein morscher Zahn sichtbar. Zwischen dem einen Brett und dem nachbarlichen ward eine Oeffnung in Fingerbreite. Vom Obstgarten her unter den Bäumen ließ sich ein Rascheln vernehmen. Es war Marinka, die mit dem Hund daherkam. Noach setzte noch einmal an: Eins, zwei drei — krach! Der unterste Nagel war fast ganz herausgetreten, und das Brett blieb auf dem obersten hängen — wie ein Vorhang. Noach warf den „Vorhang" zur Seite. Eine Welle frischer, kühlender Luft strich vom Garten gegen das erhitzte Gesicht. Jenseits des Loches stand Marinka mit dem Hund. „Komm her", sagte Noach zu ihr, das losgelöste Brett zur Seite haltend. Marinka schlüpfte mit dem Hund durch. Die Sonne stürzte in ihr Gesicht mit all ihren goldenen Fäden und blendete ihr die Augen. Marinka war von der Süße, Helle und Wohligkeit verwirrt. Jedes Gräschen — wohin sie nur blickte — schimmerte. Sie hielt die Hand vor die Stirn und ein Lächeln stummer Dankbarkeit schwebte über ihr Gesicht. „Gut, Marinka? Gut?" fragte Noach, indem er sie bei der Hand nahm und ihr glücklich in die Augen blickte. „Sehr, oh, sehr gut", antwortete sie in freudiger Erregung. „Wirst du mich in den Obstgarten hineinlassen, Marinka?" „Hineinlassen, gewiß hineinlassen." „Und Aepfel wirst du mir geben?" „Wieviel du willst." „Und Birnen? und Pflaumen? „Alles werd' ich dir geben, alles.. Noach hörte nichts mehr. Verrückt vor Freude und junger, stürmischer Kraft, warf er sich mit einemmal auf die Erde, stellte sich auf den Kopf und machte einen Purzelbaum, schlug mit den Händen und Füßen Räder..» Der Hund tanzte ihm nach und purzelte mit ihm. Plötzlich war Noach in einem Erdloch verschwunden. Nach einigen Sekunden ließ sich von dort her ein sonderbares Piepsen irgend eines seltenen Vogels hören. Der Hund richtete seinen Kopf gegen Marinka und blickte sie an, als wollte er fragen: Was soll das heißen?" „Oh, hu!" rief Marinka ein wenig erschrocken aus. „Chacbacha", platzte Noaoh mit einem Gelächter au« der Grube los, wohüi er eicfi verkrochen hatte, „ha, komm, wirst's sehen, eine Grube ist's, eine Grube/' Noach lief, schleppte Marinka mit dem Hund nach und zeigte ihr versteckte Gruben, mit Sandkörnern und dichtem Kräuterwerk unzugänglich gemacht. Aus dett Gruben konnte man eine Art Wimmern und Heulen verborgener Tiere hören. Aus einer Grube tauchte ein* Grille blitzschnell auf und verschwand rasch. Skuripin löste sich plötzlich von den beiden und ging der Jagd auf ein Kaninchen nach. „Hap, hap, hap!" rief Noach aus, um die Begierd« des Hundes zu steigern, und ließ sich selbst nachjagen« Das Kaninchen erreichte in Sprüngen den Zaun und verschwand dann irgendwo. „Schade", rief Noach, auf den Fang verzichtend, aus, fiel ermattet zur Erde nieder und blieb im Graa liegen. Es gab hier eine ganze Menge Kaninchen, aucH fanden sich Igel und Eichhörnchen und Maulwürfe, jä sogar Grillen und Schlangen» „Schlangen?" Marinka sprang auf und ein Schaue* lief durch ihren Körper. „Ja, ja, ein wunderbarer Schatz, ich hab' kein« Angst vor ihr. Bei uns im Dorf hat es eine Meng« Schlangen gegeben. Sie sind oft unter den Mauerbänken herausgekrochen. Große, kleine, winzige. Es hat unter ihnen sehr schöne gegeben. Der Vater hat sie jedesmal mit einer Hacke erschlagen." „Man darf an eine Schlange nicht herangehen", sagte Marinka. „Man darf nicht? Im Gegenteil, man soll est Mäderl, dummes. Bei uns auf. dem Hof sind sie haufenweise erschlagen gelegen. Ich hab* sie immer auf detf Zaun gehängt wie die Würste, so wahr ich leb'. Marinka", mahnte er und sprang plötzlich auf, „und In den Garten, wann werden wir gehen?" „Geh' mir nach", gab ihm Marinka ein Zeichen mit dem Kopf, „Skuripin"! Skuripin der ununterbrochen das Graa berupfW und beschnupperte, hörte von. der Ferne den Pfiff Marinkas und kam mit ein paar Sprüngen zu Marinka und Noach, die den Obstgarten betraten. Neben der Grube lag noch, wie vergessen, die kleine Hacke. Marinka warf den „Vorhang" zur Seite. . „Herein!" Und alle drei verschwanden rasch im Obstgarten. (Fortsetzung folgt.); GRABS FRIEDLÄNDER VPien,LBez„ Seitenstetten. XL. Zentralfriedhof. neb. a Lebensversicherungs-Gesellschaft PHÖNIX Aus dem Jahresbericht 193 2: Versicherungsbestand S 2.728,000.000.— Prämien- und Zinsen- Einnahmen . i k ■ ■ „ 179,000.000,— Garantiemittel . . . „ 527,000.000.— Auszahlungen an die Versicherten , ,,. H 60,000.000.— Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslovakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Ungarn, Polen, Jugoslawen, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Tunis und Aegypten. Wochen-Kalender Jänner 1934 m! Schebat 5694 ' 19 Freitag Sabbateingang 4.30 20 Samstag 4-t Sabbatausgang 5.30 w um istri mtwi «a % 21 Sonntag 5-n 22 Montag 8~l 23 Dienstag 7-1 24 Mittwoch 8-n 25 Donnerstag 9-» ^geatumer, Vj&rieger, Herausgeber; uad RerantworlUcher Redakteur; D^^6^^t^^^ Druck! ^cto**1, und cVerlags-A.-G, Ignaas Steinmann, beide. W1m%