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Die neue Welt · 1933-12-08 · Heft 326 (8.12.1933) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 326 (8.12.1933)
Date
1933-12-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 326 Marinka Erzählung von Ch. N. Bialik. (Uebersetzt von Oskar Rosenfeld) I. Der Holzmarkt N., ein neues Vorstädtchen, wo noch vor zwanzig bis dreißig Jahren eine kleine, aber freie Ansiedlung breitbärtiger, wohlhabender Großrussen mit Obstgärten und mit Wäldern und mit Gemüsebeeten war, ist jetzt völlig in eine mit Juden vollgestopfte Stadt umgewandelt worden, Juden, die einer am anderen sitzen und mit Besen handeln und mit Trögen aus den gefällten Wäldern und mit Früchten und Grünzeug. Alles ist dort verjüdischt worden: die Häuser, die krummgezogenen Zäune der Höfe, die Hühner, die im Mist krabbeln und scharren, ja selbst die Luft und die freien Vögelchen des Sommers. Die Großrussen, und mit ihnen zugleich die Wälder und die Gemüsegärten und die Weiden, sind jetzt vom Holzmarkt weit zurückgedrängt. Dort dehnen sie sich frank und frei unter Gottes Himmel aus, säen und pflanzen, lassen Pferde weiden, legen nachts goldene Feuerchen an und halten Schaf- und Rinderherden und ein ganzes Rudel junger Burschen und Hunde. Sie lassen sich's gut gehen und darob fällt auch für die Juden ein wenig ab. So steht der Jude frühtags auf und macht sich auf den Weg auf einem Wägelchen weg vom Ort den Feldern zu und kehrt bei Tag zurück nach Hause, mit Glücksegen voll und mit einem duftenden, lieblichen Gruß aus Feld und Wald; ein Zwiebelchen, ein Rettich, ein Kranzhaupt Kraut, eine Schnur Schwämme, ein Bündel Heu, noch von Gottes Tau feucht, und oftmals auch ein roter Apfel, ein kleines Töpfchen, bis an den Rand gefüllt mit Beeren, roten und schwarzen, tief, tief im Heu verwahrt. Nur die eine hartnäckige Christenfrau, Skuriphv tschicha heißt sie, eine „Kinderlose, eine Wittfrau", die zuhause bei sich im Hof ein angenommenes Christenmädel und einen großen Hund mit Jungen aufgezogen hat — sie ist die einzige von allen früheren großrussischen Einwohnern bei ihrem Besitz geblieben, einem Hof mit einem Obstgarten und einem Gemüsegarten hinten, hat sich mit beiden Händen darangeklammert — und war nicht vom Fleck zu bringen. Jahr um Jahr verstrich. Die Nachbarn gingen sie an mit Gutem und mit Bösem, umlagerten ihren Hof mit Bauten, umschlossen ihn rings mit Ställen, Scheunen, Misthügelchen und Steinhaufen; dann begannen sie, ihr in den Hof das Spülwasser zu gießen, beim Reinemachen Steine hineinzuwerfen, ihr den Zaun zu zerbrechen, indem sie von ihm spahWeise und scheitweise Stücke zum Heizen abbrachen, ihr zu tun, „was man keinem Juden tut" •— und Skuripintschicha bleibt fest: „Ich trete nicht ab von hier, Juden! Wird euch auch die Galle zerspringen und zerplatzen — ich trete nicht ab!" Es gibt keinen Tag, an dem man sich mit Skuripintschicha nicht zum Erschlagen zerkriegt, und es gibt keine Woche, an der man sich nicht vor Gericht stellen müßte. Sie schütten ihr in den Hof Kisten Mist und Asche und allerlei Zeug — sie vergilt mit brennenden Holzscheiten. Und einmal schon hat auch, ein solches Holzscheit einen Brand fast erregt. Sie rupfen Gänse und blasen ihr die Federn in den Hof — sie röstet ein Ferkel und läßt den Rauch geradeaus in die Fenster; sie stellen hart an ihrem Zaun mit Verlaub Abtritte auf — sie errichtet absichtlich eine hohe Planke genau ihren Fenstern gegenüber und verdunkelt ihnen das helle Licht. Sie schicken ihr wilde Rangen in den Obstgarten — sie läßt auf sie die Hunde hetzen . . . „Sich hingefetzt wie ein Stein, nicht vom Fleck zu kriegen", besannen sich die Nachbarn und ließen sie vorläufig in Ruh' — alles bis zu seiner Zeit. Und die Gebäude, die sie umlagern, wachsen indessen und vermehren sich von Jahr zu Jahr. Und Skuripintschicha tut das Ihre, setzt sich immer mehr fest, macht von Zeit zu Zeit die Planke höher, vergrößert die Zahl ihrer Hunde, der getreuen Wächter von Hab und Gut; das Tor mit der Tür, die zur Gasse führt, zu den Juden hin, verhämmert und vernagelt — und so hat sie sich von der Nachbarschaft ganz abgesondert. Wenn sie oder Marinka, das kleine Mädel, zum Markt oder in die Stadt hineinwollen, so pflegen sie sich durch die hinterste Hoftür hinauszustehlen, um alsogleich einen schmalen, von ihnen selbst ausgetretenen Pfad einzuschlagen, über Planken und Zäune zu kriechen, durch Gärten und Gemüsebeete, wo man einem Juden selten begegnet, Umwege zu machen und so weiterhin im Bogen zu gehen, bis sie endl*«* verschwinden im Schatten von Baum und Gebüsch, die dicht beide Seiten des Weges schwarz überschatten. Die Gnade, Skuripintschicha vors Gesicht zu bekommen, hatte die Gasse nur an einem Markttag, da sie, Skuripintschicha, Früchte oder Grünzeug auf den Markt zu führen pflegte. Zunächst tut sich knarrend und ächzend das Vordertor auf, dann erscheint vom Hof her ein Karren auf zwei Rädern, ein Bottich, vollgepackt mit grünem Zeug, und das alles schleppt ein Pferdchen, ein kleines, wie ein Maulesel, das „Mutzik" heißt Auf dem Grünzeug obenauf sitzt Skuripintschicha, die Zügel in den Händen, haltend. Die jungen Fuhrleute, die beim Tor zu stehen und auf sie zu warten pflegten wie auf den Erlöser, bilden sogleich Spalier, indem sie sich zu beiden Seiten'des Tores aufstellen, und begrüßen sie mit begeistertem „Hurra". Aus lauter Freude legen sie sich vom Wägelchen eine große grüne Gurke zu, einen rotfunkelnden Apfel oder eine unförmige Birne, die sie auch alsogleich ganz ohne Zeremoniell mit ihren kräftigen weißen Zähnen anbeißen. Skuripintschichas Haus steht, den Juden zu Gift und Galle, mit der Seitenfront zum Beth Midrasch- Gäßchen gewandt und an jedem Freitagabend, da die' Juden in Lüster-K.aftanen und samtenen Schildkappen durch das Gäßchen in den Beth Midrasch gehen, werde» sie an der Planke zur Rechten von drei Führern feierlich; geleitet: zwei Sabbatengeln und — wohl zu unterscheiden — von „Skuripin", dem größten Hund der Skuripintschicha, den man nach seiner Herrin benannt hat — oder war es umgekehrt, daß man sie mit seinem Namen gekrönt hat. Eigentlich sieht man zwar nicht einmal die Spur von' einem Hund, denn er steht dort jenseits der Planke an; eiserne Ketten geschmiedet, aber sein wildes,' böses Gebell und sein Gezerr und Geklirr mit den Ketten peitschten die, Vorbeigehenden mit Angst und Schreck, daß die Seele bebt. Der Gasse zu war der Skurpintschicha Haus' um ein Haar aus der Häuserzeile vorgeschoben ünd;W'istand auch sonderbar, verkehrt: mit dem Gesicht und den Fenstern ganz zum Hof gewandt und mit dem Hinterteil — einer tauben Wand — ganz zur Gasse. In der Art des Stehens selbst lag etwas Beleidigendes, etwas vor den Kopf Stoßendes oder ein Judtament: Hier, seht, Juden, ich wende euch mit Verlaub die Kehrseite zu! Daß das Haus so ungebührlich dastand, das ächcfe stach den Nachbarn in die Augen. Jüdische Kiridier,' die ganze Gasse mit den Häusern verschandelt sie uns, sägtön sie bitter aus vollem Herzen und zeigten dabei mit unbeholfener Hand auf das dreiste Hintere.Aber idu Haii^ hatte noch einen häßlichen Fehler, einen viel schlimmeren als jenen: ein Ausbund war's, ein;Frevei,.","elne Geißel Gottes! .. ,..., .. .""'i Flugs denkt man: Was kann eigen^cJb'ien^d&M^; Dach mit Wänden schaden? Starrte aber beiSknHpiistschicha aus dem vordersten Hauswinkel dem Gäßchen iu eine lange Stange wie ein Horn hervor, was von der Ferne aussah, al?'deute jemand. mit langem Finger aßf das Gäßchen dem Hund hin:' Bell, bell, Skuripin," Juden kommen, bell sie an! Und diese Stange, die vom Boden genau. in Menschenhöhe aufragte, war ein Jammer. So oft ein Jude nachts am Gäßchen vorbeigeht und nach rechts einbiegt, gibt's sogleich' einen Krach 'und eine runde Beule, wie ein Ei die Größe! glänzt ihm schon auf der Stirn. Hölle, Feuer, Pest! schilt der Zerbeulte und eilt geschwind nach Hause, die Beule mit der Messerklinge plattzudrücken. Wieviel Lärm auch die Nachbarn wegen, der Stange schlagen mögen, es hilft ihnen, wie einem, Toten ein Nachtmahl: Einfach zur Wand gesprochen!. Steckt doch die Stange, die gemeine, seelenruhig zum Haus heraus und tut langsam das Ihre, legt jede Nacht „Eier" jüdischen Kindern auf die Stirn. Es ist nicht anders, sie tut es mit Absicht. Sie lauert, diese Bestie^ still im Winkel, und wenn sie einen Juden kommen sieht ~ 1 krach, kriegt er eins ab. Es fanden sich Jähzornige, die es hinriß, „die Fenster einzuschlagen"; aber ans Haus gekommen, blieben sie ohnmächtig da. Sie standen vor einer stummen, blinden Wand ohne die Spur eines Fensters. „Hölle, Brand, Pest!" Und der Zerbeulte eilt nach Hause, die Beule mit der Messerklinge plattzudrücken ... (Fortsetzung folgt.) GRABSTEINE FRIEDLANDER & DEUTSCH #ien,l. Bez., SeUenstettengasse2, Tetephon Ü-28-U2S XLZent'aftripdhot neb.d 7.7nt,7t>teohonU-f*~O A5 pilllllllllllllllM | Das zeitgemäße j | Chanuka-Geschenk: ( Ü Dio Sicherung eines Studien- oder Aus- |j H stattungsbeltrages für Söhne und Töchter um S 1.— bis 10.— monatlich durch den §j | „FAMILIENSCHUTZ" § § gemeinnützige Vereinigung für Familien- fUrsorge § | Der „FAMILIENSCHUTZ" stellt die § H Leistung bei der Lebensversicherung»- §§ Gesellschaft „P h ö n i x" sicher § 1 Der „FAMILIENSCHUTZ" wird von der |f H Wiener Kultusgemeinde befürwortet j§ Ein Anruf der Nummer R-4S.500 genügt! s I Adresse: „FAMILIENSCHUTZ", II. Bez., | H AspernbrUckengasse 2. llllllllllllllllM strengen Wintermonate ausgiebiges Mittagessen mit Brot zu erhalten. Zum größten Teil wird das Essen von Familien abgeholt, während alleinstehende Personen die Mahlzeiten im Ausspeisungslokal selbst einnehmen. Unter Mitwirkung der Bezirksfürsorgekommission Prater wird in demselben Lokal in den nächsten Tagen eine Tee- und Wärmestube errichtet werden. Von den weiteren Spendeneingängen für unsere Notstandsaktion hängt es nunmehr ab, wann die Ausspeisung im Rahmen der Winterhilfsaktiön der israelitischen Kultusgemeinde in den anderen .in Aussicht genommenen Ausspeiselokalen eingeleitet werden kann. Es ergeht daher der neuerliche Appell an diejenigen Personen, die vor Kälte und Not geschützt sind, zur baldigsten Inangriffnahme aller Hilfsaktionen (Ausspeisungen, Lebensmittel- und Kohlenaktion) durch reichliche Spenden beizutragen. Spenden werden erbeten an die Fürsorgezentrale der israelitischen Kultus gemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 2, Postsparkassenkonto B 29.659 (Telephon U-25-5-85 Serie). Abteilung für Kultus- und Schulangelegenheiten Der Kultusvorstand hat sich aus administrativen und ökonomischen Gründen bestimmt gefunden, die räumliche Vereinigung der Kanzleiabteilungen für Kultus- und für Schulangelegenheiten zu verfügen, wobei bemerkt wird, daß diese Abteilungen lediglich administrative Agenden zu versehen haben, während die Angelegenheiten des Kultus und die rituellen Angelegenheiten nach wir vor ausschließlich in den Wirkungsbereich des ehrwürdigen Rabbinats und seiner Organe fallen. Es müssen daher die an die erwähnte Maßnahme geknüpften Ausstreuungen, daß die Kultusangelegenheiten eine Einschränkung erfahren haben oder daß irgend eine Schmälerung der Kompetenz des Rabbinats stattgefunden habe, als unwahr entschiedenst zurückgewiesen werden. ••' •' ," - r Aus der Filmwelt Heute: Lucie Englisch in „Sehnsucht nach Wien" Ab heute spielen Ppern-, Imperial-, Löwen-, Maria- Theresien-, Flieger-, Schloß- und Theater-Kino das neue Lucie-EnglisCh-Lustspiel „Sehnsucht nach Wien". Heute: George O'Brien im Schäffer-Kinö und Kreuz Kino Heute präsentiert das Kreuz- und Schäffer-Kino seinem Publikum wieder den beliebten amerikaniscnen Cowboystar George O'Brien in einem neuen Wildwestfilm der Fox: „Die Sklavin der schwarzen Geier". Der Film spielt unter den Viehdieben und Raubmenschen von Arizona. Heute: „Ein Königreich ifir ein Herz" Im Schweden-Kino findet heute die Uraufführung der Paramount-Komödie „Ein Königreich für ein Herz" nach dem Bühnenstück Noel Cowards statt. Im reichhaltigen Vorprogramm beginnt der junge Wundergeiger . Ossy R e n a r d y ein Gastspiel. Heute: Szöke-Szakall- und Hans-Moser Abend Ab heute gelangen im Elite-, Schottenring-, Lustspieltheater-, Sascha-Palast- und Flotten-Kino im Rahmen eines Filmkomikerabends mehrere Lustspiele mir Erstaufführung, . wie . „Jubiläum", „Wie. wohne ich gut und' Wochen-Kalender Deze uber- 1933 v^OD wn | Kislew 5694 8 Freitag 20-3 Sabbateingang 4 9 Samstag 21- M3 Sabbatausgang 5 «1 iom na meerr a»n t 10 Sonntag 22-33 11 Montag 23-» 12 Dienstag " 24-13 13 Mittwoch 25~ H3 naum n 14 Donnerstag 26->3 nawm «a « biliar*4, „Ein Mädel ist vom Himmel gefallen" mit Szöke Szak*Jl, Karl' Ettlinger usw., ferner „Kurzschluß" mit Hans Moser. Ein neuer Joan-Crawford-Fila« Die vielen Anhänger der Künstlerin werden sicn freuen zu hören, daß die Metro demnächst einen neuen Film mit Joan Crawford herausbringen wird. Er führt den Titel „Zum Leben verurteilt". Der neue Völkerbund! Als Folge der in allen Ländern herrschenden Wirtschaftskrise und als wirksamstes Mittel zu deren Bekämpfung ist ein neuer Völkerbund entstanden, die Vereinigung aller Sparsamen. Alle, die sparen wollen oder müssen, werden heuer in allen Ländern zum Weih» nachtsfeste das einzig Richtige, das praktische Geschenk von dauarndero Wert, bevorzugen. Die sparsam»*. Wiener Warden das „Weihnachtsgeschenk" nur im popuiä)«a . „Warenhaus der Sparsamen" kaufen, das ihnen ermöglicht, viel Freude für sehr wenig Geld zu erstehen. Schiffmann ist führend in systematischer Warehverbilligung. Schiffmann-Preise sind nicht zu unterbieten... und was das Wichtigste ist, gehen nicht auf Kosten der Qualität. Stoffe, Seide, Kleider, Mäntel, Schuhe, Schneeschuhe, Wäsche, Strumpf- und Wirkwaren, Spielwaren. Alles für Küche und Heim in größter Auswahl und tu jeder Qualität ganz besonders preiswert bei Sphiffmann. Geschäftszeit täglich von 8 Uhr früh bis 7 Uhr abends. Wer rasch bedient werden und in Ruhe wählen will, kommt am Vormittag. Provinz-Versand, prompt und verläßlich, per Nachnahme. Fahrtvergütung. Illustrierter Winter-Katalog gratis und franko. Verlangen Sie den „Geschenk-Bon" zu S 10.—, S 20.-— und S 50.—! Sparsame Oesterreichs... besuchet Schiffmann, II., Tn*or* Straße 48. bj Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei« und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann beide IX., Universitätsstraße 0—8.

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