Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 272 (29.11.1932)
- Date
- 1932-11-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711893--3437-2716810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 DIE NEUE WELT m tttaa» rnr. «rW dfcrart aus dem Gleichgewicht gebracht, daß sie in ihrem Organ Iii seitenlangen Artikeln Beschimpfungen ärgster Art ausstoßen. Politische Unanständigkeit, tückischer Verrat ist das nllermindeste, was sie den zionistischen Listenführern vorwerfen. Kein Kraftausdruck aus dem der jüdischen Oeffentlichkeit nur allzu gut bekannten „demokratischen14 Schimpflexikon fehlt diesmal. Der Paroxysmus der Schimpfwut hat sich wieder einmal gründlich ausgetobt. Daß dabei die Wahrheit zu kurz kommt, tut nichts tut Sache. Es gibt eben Mensehen, für die Schimpfen das einzige Argument ist. Die „Demokraten"* haben schon lange vor der Wahl ihre eigene Liste angekündigt. Als dann später die zionistischen Einigungsbestrebungen einsetzten, wurde ihnen der Beitritt zur gemeinsamen Liste unter den gleichen Bedingungen wie allen anderen zionistischen Gruppen offengehalten. Sie machten das Zusammengehen von Voraussetzungen abhängig, von deren Unannehmbarkeit sie von vornherein überzeugt waren. Nicht das Wahlrecht war — wie sie jetzt vorgeben — der Streitpunkt. Denn für das allgemeine Wahlrecht treten die anderen zionistischen Gruppen geschlossen ein. Das Hindernis der Einigung war vielmehr ihre überhebliche Forderung, dofi ihre Partner sich für die zukünftige Mandatsperiode durch Reverse verpflichten sollten, sich in allen wichtigen taktischen Fragen dem Diktat der demokratischen Minderheit zn fügen. Den Beitritt zu einem gemeinsamen Klub der zionistischen Kultusvorsteher lehnten sie ab. Die allgemeinen und die revisionistischen ZionipNmi haben — wannt die Demokraten rechneten — diese mutwillige, an sie gestellte Forderung als unannehmbar bezeichnet, worauf sich die Demokraten beeilten, timgohend die Verhandlungen als gescheitert zu erklären, ohne vorher auch nur den geringsten Versuch zu mnehen, eine friedliche Einigung herbeizuführen. Sie waren glücklich; den von allem Anfang gesuchten Vorwund für eine s e 1 bständige Kandidatur gefunden zu haben. Der Wahlkampf. den sie eröffneten, richtete sich aus. schließlich gegen die „Zionistische Liste". Er wurde zum Gaudium unserer Gegner mit jener Hemmungslosigkeit geführt, die den Listenführern dieser Gruppe eigen ist Die zionistischen Wähler aber versuchten tie dadurch zu ködern, daß sie ihnen erzählten, sie hätten mit den übrigen Zionisten die L'istejikoppelung vereinbart, keine Stimme^ die für ihre Liste abgegeben werde, gehe den Zionisten verloren. Ihre Taktik war darauf abgestellt, auf den Krücken u n s o r e v Reststimmen' in die Kultusstube einzuziehen. Tatsachlich haben die Demokraten knapp vor Ablauf der Frist an alle wahlwerbenden zionistischen Gruppen das Verlangen gerichtet, mit ihnen zn koppeln. Die „Zionistische Liste", aber nicht nur diese, sondern alle zionistischen Gruppen, haben eine Koppelung mit den „Demokraten" abgelehnt, weil sie der Ansicht waren, daß ein wenn auch nur wähltechnischer Zusammenschluß mit ihnen der Prämiierung ihW Disziplinlosigkeit nid wilden Schmähungen gleichkäme. . ■ •' ■ " Darob mm die große Wut des Herrn Ddktor Plaschkes und seiner HeJfer, die es so schlau eingefädelt ^hatten.: Sich der Einigkeit widersetzen, die zionistische Liste bekämpfen, aber mit ihr koppeln und miiJii^''JM^^^'^t,^l^9a *$TdenA % S$sh - nnng war falsch, aber das haben die „Demokraten*4 nur "*tich selbst zuzuschreiben. Sonderbare t Sehr geehrte Redaktion! Ich ersuche um folgende Veröffentlichung; Die demokratische Liste (Verband radikaler Zionisten), Listenführef Dr. L. Plaschkes, hat mich als Kandidaten für die Wahl der Vertrauensmänner ohne in eine Zustimmung auf gestellt Ah Mitglied der Union der Zionisten-Revisionisten Oesterreich, halte ich es für meine Pflicht, Sie davon in Kenntnis zu setzen. Mit ZlonsgruB Leo Birnbaum. Äehnliche Schreiben liegen bereits von verschiedenen Personen vor. Ein übelberatener Sohn des Hauses Rothschild Kiu Jahrhundert hindurch war der Name Rothschild in der jüdischen Welt der Inbegriff vornehmkonseivativfer Geeiunung, philanthropischer üroU- «ttgukeh, jüdisch betonter Haltung Diesem allgemoui anerkannten und berechtigten, Ruf hat der Wiener Zweig der Rothschild-Familie einen starken Hieb versetzt. Was bfcber .in der jüdischen Gaw als Vermutung, als unbestätigte Meldung galt, das Zusammengehen der konservativen Rothschild-Kreise mit deu strammeu, revolutionären Sozialisten, hat nun seine Bestätigung gefunden: Die Herren von der Union deuteeböftter reiehischer Juden haben sich im Kampf um die Wiener Kultusgemeinde mit dem jüdfßchen Ableger der österreichischen Soziajderao- JUDEN! Sozialdemokraten und Kultuswahl I Achtung vor Wahlsdiwmdel! Das Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, die „Arbeiter-Zeitung", veröffentlicht am 23. November folgende offizielle Erklärung der sozialdemokratischen Parteileitung: In der nächsten Zeit findet die Neuwahl des Vorslands der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde statt. Wir haben in einer am 1. November erschienenen Notiz dazu Stellung genommen nnd mitgeteilt, daß die Sozialdemokratie, getreu dem Grundsatz des Parteiprogramms „Religion ist Privatsache'*, jede Beeinflussung konfessioneller Wahlen grundsätzlich ablehnt nnd keine der an diesen Wahlen beteiligten Gruppen unterstützt. Trotzdem versuchen in diesem Wahlkampf zwei einander bekämpfende Gruppen, bei ihrer Propaganda von der Mitgliedschaft einzelner Wahlwerber in der sozialdemokratischen Partei Gebrauch zu machen oder an die Wühler unter Hinweis auf die Zugehörigkeit der Partei zu appellieren. Wir stellen neuerdings lest, daß jedes Parteimitglied, das sich an diesen Wahlen in einer Religionsgemeinschaft beteiligt, dies nicht in seiner Eigenschaft als Sozialdemokrat tut und daß keine Gruppe das Recht hat, sich in irgend einer Form auf die sozialdemokratische Partei z u berufen. * Trotz dieser e i n d e u tl g e n Erklärung wird in Reden und Aufrufen an die sozialdemokratische Parteizugehörigkeit der Wähler appelliert! Das ist Wahlsch windel! kratief -den sogenannten „Werktätigen Juden" verbrüdert. Die weiße Taube des Großkapitals soll Schulter,an Schulter mit dem roten Falken des Sozialismus in die Wiener Judengemeinde einbrechen. ...... Der aitehrwürdige Ruf des Wiener Hauses Rothschild hat erst kürzlich in seinem eigenen, finanziellen Bereich Schaden erlitten. Der Aasgetuch. der sich um die Affäre der Creditanstak und um den Fall Ehrenfest verbreitete« /Kat^aucb, das Haus Rothschild nicht verschont, und mit .Bestürzung mußte das jüdische-'-Wien'-' ü&h'ivebmea,'<&B sich die Wieher Rothschilds mit entjudeten, ha 1 bu nd ga n z a uis getretenen F ä s e u r e n eingelassen hatten, die nur eines verband: SK Mittellosigkeit. Dieser Fleck "auf der Ehr*, war ein Signal für die österreichische Sozialdemokratie, in gewohnt großsprecherischer Weise gegen die Sünden des Großkapitals loszuziehen, den jüdischen ' Weltbankier als blutgierigen Vamp y r zu brandmarken und schließlich sogar — cW blieb dem Herrn Allina Vorbehalten in der Art der seeligen Salome das Haupt Rothschilds zu verlangen. Das geschah vor den Aigen; und Ohren der Massen. Hinter deu fcplissen sah es allerdings anders aus. Während die Sozialdemokratie von den Podien herab Zeter und Mordio schrie, verhandelten ihre politischen Schadchonim mit den konservativ jrroQbourtfeoisen Rothschild-Freunden von der Union und brachten das Bündnis zustande, das in der politischen Geschichte wohl ein Unikum darstellt, das groteske Bündnis, über das gahz Wien den Kopf schüttelt — bis auf die Wiener Rothschilds, die es scheinbar ganz in Ordnung finden. Denn es ist beute kein Geheimnis mehr, daß die Wiener Rothschilds dem frischgebackenen Brautpaar Union Werktätige eine große Wa h 1fondsspende nuior das Traudach legten. Diese Mitgift Söll dazu dienen, dem nationalen, stolzen, ehrenhaften und leeitimen Judentum de*» Weg in die Wiener Kultusgemeinde zu verrammeln. Ueberdies kandidiert als Vertreter des Hauses Rot h s c h i l d Herr Prokurist Bettelheim auf der Liste mit den „Genossen". Die Herren von der Union und nicht weniger auch die Sendlinge der österreichischen Sozialdemokratie israelitischen* Kalibers, die Werktätigen -Juden, wußten scheinbar, daß sie nicht fruchtlos auf Rothschilds Brust und Brusttasche anklopfen würden. Si> fühlten, daß iie sich mit den Wiener Barons in einem Punkte sicherlich begegnen werden: im n'chtnationajen, im antinationalen. Juden, in deren fnthillaretn und baijkierem Umkreis es von denaturierten, assimilierten ..Glaubensgenossen44 nur so wimmelt, denen jüdische Ehre und Pflicht Fremdwörter gewprden sind, fallen den verderblichsten Ratgebern zum Opfer, Rothschilds auf Seiten derjenigen, die seine Pauperisierung fordern — das Ist eine Situation, die Uber das Groteske hinaus ins T r a g i s c he wächst. Ein Blick nach Paris konnte die Wiener Rothschilds lehren, daß „jüdischer Kopservatis. m u s" zu etwas anderem verpflichtet als daau, den Einbruch volksentfremdeter, nichtjüdischen Interessen dienender Elemente in die Judengemeinde zu unterstützen. Dort in Paris sitzt der greise Edmonde de Rothschild, dem man wohl eine Verletzung der JRothßchildschen Familientradition nicht zum Vorwurf machen kann. Er ist kein Heißsporn, kein Chauvinist — aber er favorisiert auch keine nichtnationalen antinationalen Koalitionen* Sein jüdisches Herz gebietet ihm« Es gebietet ihm» jedes Geld, das er schenkt, dem nationalen Juden« tum, der Wiedergeburt des jüdischen Volkes, zur Verfügung zu stellen, nicht aber der Machtgier eines politisch-perversen Brautpaares. Der Pariser Rothschild ist wohlberaten. 1 Verband der jüdischen Kaufleute und Qewerbe- | treibenden In Wien | Mittwoch, den 30. November 1932, findet I um 739 Uhr abends, im Hotel „Post" I, i Fleischmarkt24 KEingang:Dracheng.),eine I Massenversammlung | statt / Gegenstand: | Die wirlsdiafili'dieii Aufgaben 1 Kultusgemeinde 1 Redner: | Kommerzialrat Arthur Albert | Benno Deutsch I Siegfried Sraubart | Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der g I israelitischen Kultusgemeinde 1 1 Max Schiff mann I I Dr. Michael Steinberg und I I Oberbaurat Robert Stricker 1 | Jüdische Kaufleuto und Gewerbetreibende, 1 | ersehe net In Mast ml . I iii Werktätige Herrschaften unter »dein der Gruppe der sozialdemokratischen „Werktätigen" die jetzt in geschlossener Front mit der kapitalistischen „Union" gegen die böse „Zionistische Liste" kämpfen, herrschte nicht immer holde Eintracht. Vor zwei Jahren gab es dort einen Kampf, der wenig erbauliche Enthüllungen mir sich brachte. In Nr. 18, Juni 1929, der „Mitteilungen. der Vereinigung werktätiger Juden" findet sich ein Brief des Genossen und Kultusvorstehers Josef Grünhüt an den Obmann der .„Werktätigen" Kultusvorsteher Gustav M o r i z, in welchem es u. a. heißt: „Meiner Weigerung mit Bezirksrat. H.irschfe 1 d gemeinsam zu arbeiten, ja auch nur an e i ni e nf" ¥ i s1 c hi e z u 's i t z "e h, liegt folgender Sachverhalt zugrunde. Während des Wahlkampfes (uro die Kultusgemeinde!) erst erkannten meine Freuade und ich, daß Hirschfeld als Mandatar für die Kultusgemeinde und als Führer der „Vereinigung werktätiger Juden'?, nicht der rechte Mann sei, weil er für das Judentum erst I n t c t e s s e z e i g t e, als ihm die Möglichkeit der Erlangung eines Kultusvorstandsmändats gegeben erschien. Nach der Wahl erschien in der „Roten F a h n e" ein Artikel, worin die Wahl Hirschfelds zum Kultusvorsteher glossiert wurde, da er gleichzeitig Vorstandsmitglied der Freidenker sei. Als nun meine. Freunde und ich erklärten, daß es unmöglich sei, Hirschfeld die Führerstelle in der Vereinigung werktätiger Juden einzuräumen, begann er den Kampf gegen uns und fand sofort Unterstützung bei jenen Mitgliedern, die auf der Kandidatenliste nach mir figurierten, das waren Stern, Rath, Löwy und Krämer..." „Die Leitung besteht nun aus vier Prpmmenten: den beiden Madataren M o r i z und Hirschfeld, dann Dr. Josef Löwy und Jakob Eisenberg. Den beiden letzteren kann ich aus anderen Gründen Vertrauen n icht entgegenbringen. Der eine hat statt der für Inserate eingegangenen Barbeträge dem Drucker auf sich ausgestellte Akzepte an Zahlungs Statt gegeben, der andere.war während des Krieges prominenter Konfident der Heeresgruppe des Obersten Fischer in der Bukowina. Mit Kriegsende und Beendigung dieser Tätigkeit wagte er nicht mehr in .seine Heimat zurückzukehren und blieb uns als Wiener erhalten. Ich glaube, all dies genügt..." Wir glauben auch, daß das genügen —solltet gum besseren Verständnis sei festgestellt: Der „Freidenker" Hirschfeld ist noch heute „werktätiger" Vorstand In der Wiener Kultusgemeinde. Entscheide* euch für das positive Judentum, wählet «m 4 Dezember die Zionistische Liste Uttonftihrer Dr. 0t*/</er Friemann, 06er6ftfr*t Röhrt Strkker, Dr. Jostf LBwtnhw