Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 247 (9.6.1932)
- Date
- 1932-06-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IST Titl. Universitätsbibliothek Wien. I Preis 35 Qrosclteit -i***»-* 4™ *.hmim* Nr« «47 Vi bt bt Kfl IE - U .IE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oestemrfcb monatlich S 1.50. vierteljährig S4.20, ganzjährig S 16.-5Polen monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Zloty 6.-; Tschechoslowakei monatlichiltt 6.—, vierteljährig Kc IS."; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.-: Rumänien monatlich Lei 40,-, vierteljährig Lei 120.^; pentsthlnnd monatlich Mark 1—, vierteljährig Mark 3.-; Bulgarien monatlich Lewa 40.-, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Üre 9.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franc« l^SO, vierteljährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX» Universität sstr. 6-8, Jet. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag JUDISCHE VOLKSPARTf I 1111111........«1»^ am 13. Junl, um Vf9Uhr lm Saal des Hotel Continental, II., Taborstr 3 MASSENVERSAMMLUNG Gegenstand: Was werden wir Juden tun t Referenten: ReflKbaitrafl 20q Oberbaurat Robert Stricker, Dr« Jakob Weiner RUNDSCHAU Judenschutztriippe? — Unter sozialdemokratischer Zensur Die sozialdemokratische Partei Oesterreichs wehrt »ich heftig und voll Aerger, wenn sie von rechter Seite her als Judensch.utztruppe" bezeichnet wird. Es ist. der Aerger der gekränkten Unschuld, denn die Partei denkt in Wirklichkeit nicht daran; ihre großen Machtmittel in den Dienst des Schutzes einer von heftigem Antisemitismus bedrohten Judenschaft zu stellen. Der Umstand, daß Menschen jüdischer Abstammung (unjüdische Denkart ist Vorschrift!) Führerstellen in der Partei bekleiden, daß die Partei in Wahlzeiten um die iOftÖOO Wiener jüdischen Stimmen recht lebhaft wirbt, kann , wohl bei näiven Antisemiten 'und naiven Juden falsche yorsteUuiig.en .,YA« :V;«inef >: gewissen Hilfsbereitschaft bedrohten Judengegenüber erwecken. Aber wie wenig dr? Partei daran denkt, jüdische Ehre ünd; jüdisches £eben zü. schützen; das läßt ein Vorfall aus jüngster Zeit 'erkennen, Wer in Wien plakatieren will, der muß sich ah die Plakatierungsanstalt Wipag" der Gemeinde Wien wenden* der alle Reklamesäulen utid Plakatwände gehören. Diesen Umstand benützt die herrschende sozialdemokratische Partei,, um eine Z e n sur' auszuüben, d. h. die Piakatierung ihr nicht genehmer Texte zu verweigern. Vor wenigen Tagen übergab die nationalsozialistische Partei der „Wipag" Plakate, deren Anbringung, die „Wipag" aber ablehnte. Die Plakate enthielten .nämlich. folgende Sätze: - „Stadtrat Breitner fürchtet , die Kontrolle durch die nationalsozialistischen Gemeinderäte und" will zurücktreten. Auch Stadtrat Kokrdawill, gehen." Die „Wipag" begründete die: Abweisung , mit der •Erklärung, daß' sie gegen Personen und Parteien gerichtete „Schmähungen" zur. Plakatierung nicht zulassen könne. Es soll nicht untersucht werden, ob diese Zurückweisung berechtigt, ob die Empfindlichkeit der „Wipag" in diesem Falle nicht etwa übertrieben ist. Festgestellt ■soll nur werden, daß in anderen Fällen die Leitung dieses ■städtischen Instituteskeine Spur von .Empfindlichkeit zeigt. So prangen an manchen Stellen noch heute Exemplare von nationalsozialistischen Plakaten, mit welchen Wien in Zeiten der Gemeinderatswahl förmlich überschwemmt war. Und diese von der „Wipag" widerspruchslos übernommenen und angeklebten Plakate tragen in R i e s e n 1 e 11 e r n folgende Sätze: „Juda verrecke! — Wenn's Judenblut vom Messer rinnt, darin geht es doppelt gut! —- Die asiatischen , .Blutsauger . müssen ausgerottet werden! — Ritual- ' jnörder!" etc. Nun, lieber Leser, entscheide selbst! Ist die österreichische Sozialdemokratie eine Judenschutztruppe? Sie .'duldet'nicht, daß einem' ihrer1 Führer,' daß' den Herren Breitner .und Kokrda auch nur die geringste Achtungs- 'verletzung widerfahrt.'. Sie "unterläßt' jede Zensur, gibt ihre Anschlagsäulen und Plakatwände seelenruhig her; wenn es; sich darum handelt, das Volk in unerhörter Weise gegen die Juden zu hetzen, die Juden in unsäglicher Art zu beschimpf en, J u d e'n m o r d z u' predigen. Mögen 'Judenschädel krachen, mögen die Juden im Unflat viehischer Beschimpfung ersaufen. ... Was tut's!;Wenn; nur die Hosen der verehrten'Genossen Breitner > und Kokrda vor dem kleinsten Kotspritzer bewahrt bleiben. So ist nun einmal die Denkart eine Partei beschaffen, > die jüdische Wahlstimmen gerne, nimmt. So die Denkart der Wiener Juden, die von jüdischen Vertretern nichts wissen wollen und gerne dieser Partei den „Schutz" ihrer Ehre anvertrauen,! Palästina -~ ein Monopol der Linken? In der zionistischen Welt wird eifrig über die Verteilung der kürzlich erteilten 2000 Zertifikate debattiert. Bekanntlich obliegt die Zertifikatsmanipulation den Palästinaämtern der Länder. Die Zusammensetzung dieser Aemter ist durch einen Beschluß des Baseler Kongresses geregelt worden, u. zw. in der Weise, daß jede zionistische Gruppe gemäß ihrer S timmenanzahl zum Kongresse vertreten zu sein das Recht habe. Wie die „Neue Welt" in ihrer letzten Nummer berichtete, ist trotz vielerlei Ürgenzcn von seiten der revisionistischen Union die beschlossene paritätische Neuform'ierung der Palästinaämter systematisch sabotiert worden —r durch Verschiebungsmanöver bis jetzt verhindert worden. Dieser skandalöse Zus t a n d "tr cg.inn t s k a n d-a-l ö s e H.q l,g e n, z u'' z eH- ' tigen. ..,'-■ V : , ... . Die ^zionistische A r b e i.t e r l,i n k e, die durch, den Köngreßbesdhluß ihre Monopolstellung in den Palästinaämtern und. in weiterer Folge ihre dominierende Machtposition auf dem Arbeitsmarkt Palästina erschüttert sah, sie, die iii erster Linie f ü r d i e Außerachtlassung (des K o n g r e ß b e s c h lu s s e s v e r a n tw o r 11 i c h; i s t, nützt natürlich diese Situation für sich aus: sie usurpiert einfach die 2000 Einwanderungszertifikate für sich. Weder der Misrachi noch die Revisionisten sollen an den Zertifikaten partizipieren. Schon auf der ersten Sitzung des Palästinaamtes in Polen zeigte sich die Tendenz, durch verschiedene Begrenzungen die Möglichkeit einer misrachistischen Mittelständsbewegung zunichte zu machen, ■ ■ Noch diktatorischer verfährt das Amt, das kraft .seiner gegenwärtigen Zusammensetzung keine rechtliche Funktion mehr hat, da seine Amtsdauer bereits abge- . laufen sein müßte., gegen die revisionistischen Ansprüche. So sieht sich z. B. die revisionistische Union Polens gezwungen, in einem Aufruf an die jüdische Oeffentlichkeit festzustellen: „Das Palästinaamt hat trotz der Tatsache, daß wir hunderte Einwanderungskandidaten haben, Chäwerim mit absolvierter land- - wirtschaftlicher Vorbildung (Hachschara), unser Recht auf Zertifikate zur Gänze ignoriert." Der Aufruf weist weiter auf die Ungesetzlichkeit . des gegenwärtigen P£- lästinaamtes hin und fährt fort: „Um aber dennoch die neue Art der Verteilung von Zertifikaten zu rechtfertigen, schob man den Modus vor, entsprechend der Zahl von Mitgliedern jeder Organisafeion, die im Wintermonat Jänner auf Hachschara waren, die Zertifikate zu verteilen. Es ist klar, daß so nur der linke Hechaluz dank der Subsidien des Keren Hajessod die Möglichkeit einer Winter-Hachschara besitzt. . . . Nach dieser Berechtigung erteilte man dem linken Hechaluz 84 Prozent und uns, einer Bewegung von mehr als 30.000 organisierten Mitgliedern in Polen, die lächerliche Zahl von vi et! Prozent Zertifikaten." Die revisionistische Union' Polens weist darauf hin, daß sie, falls dem Uebelstand nicht raschest abgeholfen wird, an ihre Freunde die Aufforderung richten werde, die Tätigkeit für die zionistischen Fonds (K. K. L. und K. H.) einzustellen, da. diese Tätigkeit „nur dazu führt, Hechaluz-Kibuzim in den Wintermonaten zu ermöglichen und unsere eigenen Reihen zu benachteiligen". Das ist die Proteststimme Polens gegen dieses skandalöses Verhalten, gegen den offenkundigen Bruche eines Kongreßbeschlusses. Die A.-C.-Mitgliedcr derrevtjl* sionistischen Union haben, wie unsere Leser wissen, be& den zionistischen Instanzen in dieser Sache Protest eingelegt. Auch in der Zertifikatsverteilung durch privilegierte Gruppen ist noch nicht das letzte Wort ge* sprochen. Palästina ist kein Monopol dieser Gruppen. Zu schwach getauft Von der Prager deutschen Universität ist nach' längerer Zeit — nach den antisemitischen ICrawallen und Demonstrationen gegen den jüdischen Professor Stejnherz hat man nicht mehr viel Pikantes gehört wieder etwas zu lesen. Eine akademische Angelegenheit, so wie; die Sache St einher z. Die Präger deutsche Universität braucht einen neuen Rektor und befindet sich in der unangenehmen Lage, daß dem Turnus gemäß die Wahl entweder auf den bekannten Indojpgen Prof. Win t e r ri it z oder . den. GeiWanisten" Professor Oskar K r aus zu. fallen hat. Beide Herren haben einen Schönheitsfe;hle.r: der\ ei'gtp ist Konfessions Jude, der zweit^\%/eSi^^ Wen ^lso mm Rektor machen? Prof., Winternitz; ließ sich in kein Gedränge ein. Als die deutselivöljcische Studentenschaft , gegen seine Kandidatur Einspruch erhob,., trat', er mit jener Bescheidenheit' zurück, die den mit Judentujri bemakelten. Israeliten eigen, ist. Prof. Kraus war schon forscher.. Er seheint als getaufter Jude damit gerechnet zu haben, daß sein Deutschtum, und sein Christentum Gnade finden würden in den Augen der deutsclivölkischen Studenten und der rassenantisemitischen Professoren. Denen aber, Studenten und Professoren, genügte anscheinend das bißchen Taufwasser nicht zur Anerkennung des christlichen Deutschtums. Prof. Kraus ist nicht Rektor geworden. Im Bericht heißt es, daß „auf die Wahl des Prof. Kraus verzichtet werden müßte". Man half eich im deutschen Prag. Rektor wurde der bisherige Rektor. Man motivierte diesen ungewöhnlichen Vorgang damit, daß der neu-alte Rektor noch eine Reihe wichtiger Arbeiten durchzuführen habe. D/iese deutschen „Manipulationen" des deutschen Prag werden natürlich von der deutschisraelitischeii Presse '. Präge i>is zur deutschnational schimmernden „Bobemia" mit Unwillen im Herzen und mit Sorge um die deutsobböhmischen Kulturbelangc — ■verschwiegen. Es ist ihr peinlich. Sie stammelt etwas von einem unentbehrlichen alten Rektor. Man spuckt ihr ins Gesicht und sie sagt, daß es regnet. Sic will nicht zugeben, daß den Deutschvölkisehen Günstlinge der deutsohtümelnden Judenpresse nicht imponieren, weder die noch nieht getauften noch auch die zu schwach getauften. Brith Sdialom mit dem Sowjetsfern Norman Bentwidi hält Vorträge — Die milde Histadrufh — Hinaus mit dem Betar Der Brith Schalom ist bekanntlich eine Gesellschaft von Juden, von — wie sie vqn »ich behauptet — Zionisten. Derr Brith Schalom ist bekanntlich eine ethischpazifistische Richtung, die jedes politische Machtstreben als nationalen und sozialen" Chauvinismus verdammt. Der, Brith Schalom ist bekanntlich,;> wie,sein Name sagt, für den Frieden, also gegen ^niform und'Gewehr, ja gegen ejnc nationale Staatsordnung, In Palästina aitast er auf dem S k 0 pu s, Universität genannt/ und verbrüdert sich am Morgen und am Abend>■*mit Alien, den Beduinen, Fellachen, E,ffendis.. Am Morgen und* am Abend. 'Dje Herren weinten riaeji dem Araberaufstand vom August 1929 bittere Tränen über das Schicksal' der Mörder von Safed und Hebron, über die armen, landlos gewordenen, Alle im redaktionellen Teil befindlichen entfielt* liehen Notizen sind durch «in beigefügtes E bezeichnet von Juden nicht beschäftigten, von. zionistischen Chauvf- ' nisten bedrohten arabischen Bauern, wobei ihnen Sympathie und Aufmunterung seitens einiger. Kollegen draußen in der Berliner und Prager Galuth gratis in den Schoß fiel. Kurz, der Brith Schalom ist eine ethische Gesellschaft. Er ist, wie gesagt, allem abhold, was da nicht ^Friede, Freundschaft, Geist und Kultur atmet. Man trug dieser edlen Hältung Rechnung. Auf ja und nein wurde an der hebräischen Universität in Jerusalem für die < Wissenschaft des Friedens ein Lehrstuhl etabliert, auf dem sich als erster der edle Norman Bentwich, der abgesetzte Oberstaatsanwalt Palästinas von Englands Gnaden, niederließ. Seit der Eröffnung der Friedenssaison auf dem Skopus, die sich nicht sehr friedlich gestaltete, da bekanntlich mit Revolvern und Gummiknüppeln ausgestattete britische Polizisten „inter» verderten", jüdische Studenten aus dem Saal in 4*9