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Die neue Welt · 1932-05-06 · Heft 242 (6.5.1932) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 242 (6.5.1932)
Date
1932-05-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 242 Sport-Verein „Zukunft". Die Arbeiterbewegung ist stark kommunistisch und hat bereits zu Ausweisungen geführt. Die von den Arbeitern mit Gewalt eroberte „Israelitische Bibliothek" hat ihnen die Polizei aus der. Hand genommen und einem Komitee „neutraler" Juden übergeben, in Wirklichkeit den Zionisten. Die Zionistische Organisation ist sehr schwach. Ihr fehlt jede Energie und Initiative. Sie führt ein Scheindasein. Das nationale Leben der Juden, wenn von einem solchen überhaupt die Rede sein kann, ist vollkommen steril, ergeht sich in Formalitäten ohne jeden Inhalt. Man darf allerdings nicht vergessen, daß man hier durchaus veränderte Verhältnisse antrifft. Jeder ist mit dem Aufbau seiner eigenen Existenz so sehr beschäftigt, daß ihm wenig Zeit für andere Dinge übrig bleibt. Die Jagd nach „Parnosse" absorbiert jeden einzelnen. Die Reichen kümmern sich hier ebensowenig um jüdisch* Dinge wie anderswo. Die deutschen, österreichischen, ungarischen und anderen Juden sowie überhaupt die zuletzt eingewanderte jüdische Intelligenz hält sich von den ostjüdischen Organisationen fern. Gegenwärtig wird ein „Verband der Reichsdeutschen jüdischen Glaubens" geplant. Die deutschen Juden müsen natürlich päpstlicher . sein als der Papst. Sie wollen nur deutsche Staatsbürger haben, während die Deutschen selbst hier, überhaupt keine Staatsuntersehiede machen und jeden Deutschsprechenden (auch Juden) gerne aufnehmen. , Die Jugend wächst ohne Tradition heran. Sie bleibt von den nationalen Ideen unberührt, sich selbst überlassen. Als einziges Aktivum wäre die Bestrebung der Jüdischen Schule zu buchen. Was den Juden hier not tut, ist ein Führer. Erst wenn dieser Mangel behoben sein wird, kann an eine Besserung der Verhältnisse gedacht werden. Die Erkenntnis von der momentanen Wertlosigkeit der hiesigen Volksgenossen für das Gesamtjudentum ist um so betrüblicher, als es sich hauptsächlich um Ostjuden handelt, die in ihrer früheren Heimat zum großen Teil aktiv tätig waren. Hier versagen sie völlig. Die Elemente, die hier einwandern, zählen zum Teil nicht zur Elite, manche sogar leider zur Hefe des Volkes. Die Reinheit der jüdischen Kolonie ist außerdem besudelt durch eine Gruppe schon vor längerer Zeit eingewanderter Individuen, die Freudenhäuser unterhalten und bevölkern. Die politische Gruppierung der Juden gliedert sich folgendermaßen: Auf der einen Seite die Nationalgesinnten, Zionisten und ihre „Sympathisierer" (wie man sie hier nennt), welche einer bedeutenden Gruppe von Sozialisten und Kommunisten mit ihren vielen „Sympathisierern" gegenüberstehen, die sich ewig in den Haaren liegen. Die anderen Grüppchen sind zu unbedeutend, um überhaupt genannt zu werden. — Die hier geborene Jugend assimiliert sich automatisch. Im „neutralen" Sportclub Israelita pflegen bis zu drei Viertel nicht jüdischer Spieler, selbst Neger (!) mitzuspielen, obwohl in der Verwaltung Juden sind, die sich Zionisten nennen. Die Juden, die hieher kommen, behaupten, durch den Zwang der Verhältnisse und als Produkt der neuen und ungewohnten Umgebung unbewußt Objekte eines Assimilationsprozesses zu sein. Doch das stimmt nicht ganz, denn niemand hindert sie an der Arterhaltung, niemand oktroyiert ihnen fremde Sitten auf. Die sephardischen Juden haben eine eigene Gemeinde und einen neuen Tempel. (Etwa 150 bis 200 Mitglieder.) — Wenngleich-von einem Antagonismus wie anderwärts, hier nicht gesprochen werden kann, so ist bloß die Tatsache hervorzuheben, daß die spaniolischen Juden mit den aschkenasischen keinerlei Verbindung haben und auch keinen Verkehr pflegen. In der sephardischen Kultusgemeinde sind alle englischen, französischen, portugiesischen, holländischen und türkischen (syrischen) Juden vereinigt, fast alle gehören der Intelligenz an. Was den Antisemitismus anbelangt, so kennt man ihn hier nicht. Noch nicht. In vereinzelten Ausnahmen wird wohl über den „sujo judeo" (schmutziger Jude) räsoniert. Nur zu Ostern erinnert man sich der judeos, Da werden hunderte lebensgroße Puppen (wie Vogelscheuchen) hergestellt, die den verhaßten Verräter Judas darstellen sollen. Er wird öffentlich mit Stöcken so lange geschlagen und geschleift, bis er bewußtlos und zerfetzt am Boden liegt,, schließlich zum Gaudium der Jugend verbrannt. Man hat nichts gegen die „anständigen" Israelitas, nur auf die Judeos ist man nicht gut zu sprechen. Was sich die Brasilianer über den Unterschied zwischen Israelitas und Judeos denken, müssen wir allerdings ihnen überlassen. Sao Paulo beherbergt auch eine ansehnliche Kolonie ungarischer Juden — die es nicht sein wollen. Es sind lauter Leute, welche vor einigen Jahren als (jüdische) Flüchtlinge herkamen; solche, die vor den Schergen Horthys flüchten mußten — ihres Judentumes wegen. Sie haben die erhaltenen Fußtritte schon vergessen. Hier vertreten sie als Uebermagyaren das Magyarentum in einem „Ungarischen Klub", der aus 90 Prozent Juden besteht und einen Paradegoi zum Präsidenten hat. Als der ungarische Thronprätendent Erzherzog Albrecht hier war, entblödeten sie sich nicht, seiner Hoheit zu Ehren einen Empfang in Form eines Balles zu geben und ihn ihrer Loyalität als gute Ungarn zu versichern. Die ungarische republikanische Zeitung brachte interessante Glossen, und erinnerte die kriecherischen Juden an die Fußtritte König Horthys. Aber das genierte sie nicht. Bis auf einige wenig rühmliche Ausnahmen ist die brasi 1 ianische Lokalpresse den Juden günstig gesinnt und pflegt interessante und anerkennende Aufsätze über die jüdische Bewegung und Kulturarbeit zu bringen. Die deutsche Presse bringt schon seit einigen Jahren (wegen ihres Hinterteiles, nämlich der Annoncen!) keine antisemitischen Artikel mehr. Während der Unruhen in Palästina im Jahre 1929 standen die Zeitungen bis auf die „Deutsche Zeitung" ausnahmslos auf Seite der Juden und orientierten sie d"-ch eingehende Situationsbericr te. Die Juden selbst begnügten sich mit einem Protestumzug durch die Stadt, in der viele jüdische Geschäfte zum Zeichen der Trauer geschlossen hielten. Im allgemeinen werden die Juden hier „Russos" oder „Polaccos" genannt. Zum Schluß sei noch eine Episode anläßlich des Besuches der „Hakoah" aus New York festgehalten. Ungarische Assimilanten, die als Sportpresseschraocks und Vertreter der Hakoah fungierten, verbreiteten in der Presse die Nachricht, daß es sich um einen ungarischen Klub handelt. (Der ungarische Konsul lehnte ihren Empfang ab.) Die Nationaljuden überlegten noch, ob sie die Hakoahner als Juden empfangen sollten, und schickten ihnen zwei Mann entgegen, welche ausforschen sollten, mit welchen Emblemen ihre Kappen geschmückt seien. Zum Glück wären sie blau-weiß. Die Juden lancierten nun die Mitteilung, daß die. Hakoah aus Israelitas bestehe und bereiteten ihr einen Empfang. Sofort verbreiteten die ungarischen Juden die Nachricht, daß die ungarischen Spieler keine Juden seien. Waren doch tatsächlich drei waschechte Amerikaner darunter! — Und so schrieb jede Zeitung, was ihr einfiel: die eine von „Hungaros", die andere von Israelitas", eine von „Judeos" oder „ungarischen Juden" und die „Deutsche Zeitung" nur von „Amerikanern", last not least von ..jüdischen Amerikanern". Beim Aufmarsch sah man dann eine Doppelfahne: halb zionistisch, halb amerikanisch. Im Grunde genommen sind die Juden von Sao Paulo genau wie drüben. Nicht schlechter und nicht besser. Zur hebräfedien Woche in Wien Sonntag, den 24. April, .Fand dir Konform/ der Vertreter der zionistische» Jugmdgriippefi (Brith Trumpeldor, Zeiremi, Mirjam. Gordonia, Zirotli, Misrachi und Gedud Zeinrn) statt. Dr. . Ch. Tartakower referierte über die Ziele der Konferenz. An das Referat schloß sich eine «dir lebhafte Diskussion, an der sich der Präsident der Histadruth und sämtliche Vertreter aller Jugendgruppen beteiligten. Herr Herzberg sprach im Namen der Hebräischlehrer. BetarVertreter Goldstein sprach über die Art des hebräischen Unterrichtes in seiner Gruppe. Die Vertreter sämtlicher Ju.gend.grupp.en erklärten einstimmig, dafl sie der Brith Iwrith OlamiÜh beitreten. Am Montag, den 25. April, fand die Konferenz der Rabbiner und Lehrer (Rcligionslehrer aller Schulkategorien und die Höbräischlehrer) statt. Dr. Rothblum eröffnete die Konferenz und sprach über die Bedeutung der Brith Iwrith Olamith und über die Kulturarbeit der Histadruth Iwrith in Wien. Oberrabbiner Dr. Feuchtwang hielt ein ausgezeichnetes Referat über die Form des Religionsunterrichtes. An der Diskussion beteiligten sich der Präsident der Religionslehrer der Mittelschulen Prof. Dr. Papo, der Präsident der Religionslchrer der Volksschulen Lehrer V'ller, Prof. Rath, Prof. Dr. Kupfer, Prof. Gelernter, Professor Chartiner und die Lehrer Herzberg, Pick, Schwertfinger und Rosen. Zum Schlüsse wurde nachfolgende Resolution angenommen: ].. Die versammelten Rabbiner, Religions- und Höbräischlehrer' Wiens begrüßen die Gründling der Brith Iwrith Olamith und empfehlen jedem Rabbiner und Lehrer, derselben beizutreten. 2. Sie fordern die Reform des Religionsunterrichtes nach der Richtung der Viertiefung der Kenntnis der hebräischen Sprache tind Literatur, insbesondere in den Unterklassen. 3. Sie geben der Ucberzeiigung Ausdruck, daß nur die jüdische Volksschule da« Problem der jüdischen Erziehung restlos lösen Vann. %. Solange und insoweit' aber dies nicht möglich ist, mufl wenigstens in den faku lt. Bibel- und Sprnchf-chulen der Unterricht im Hebräischen den wichtigsten Programmpunkt bilden. Zu diesem Zwecke müßten die Lehrstunden vermehrt werden, und die hebräischen Lehrer herangezogen werden. 5. Die gegenwärtige Konferenz wird zur ständigen Einrichtung erhoben und hat zumindestehs einmal in zwei Monaten unter Leitung der Histadruth zusammenzutreten. — Zum Schluß wurde eine Erziehungskommission gewählt. * Die von der Hastadruth Iwrith proklamierte Hebräische Woche fand in dem am 30. April 1932 im Saale des Handelsmuseums stattgefundenen sehr .gut beschickten Hebräertag ihren feierlichen Abschluß. Der Tag wurde vom Präsidenten der Histadruth Iwrith, Herrn Dr. Rot h b 1 u m, eröffnet, der über die Bedeutung der Weltunion der Hebräer und über den dieses Jahr einzuberufenden Hebräerkongreß sprach. Große Bedeutung maß der Redner der im Rahmen der hebräischen Woche stattgefundenen Konferenz der Rabbiner, Religions¬ und Hebräischlehrer in Wien bei, welche zu einer ständigen Einrichtung seitens der Teilnehmer erhoben wurde. Darauf hielt Herr Dr. Tartakower ein erschöpfendes Referat über den Stand der Literatur im letzten abgelaufenen Jahre. Herr Ungarfeld hielt ein Referat über den Stand der hebräischen Bewegung in der Welt und insbesondere in Oesterreich und hob die Tätigkeit der Histadruth Iwrith hervor. Es wurde sohiu folgende Resolution einstimmig aii£*npmmen: Das Zentralkomitee der Brith Iwrith Olamith, in Berlin ist zu seiner erfolgreichen Arbeit auf dem Gebiete der Einigung und zur Einberufung der hebräischen Kräfte der Welt zu beglückwünschen. Der Hebräertag machte es jedem Mitglied zur Pflicht, den Sela zu zahlen. Ferner wurde an die zionistische Oeffentlichkeit der Appell gerichtet, sich aktiv an der hebräischen Bewegung zu beteiligen und insbesondere für den Kulturfonds zu spenden. Das Ergebnis der hebräischen Woche war: Konferenz der Vertrauensmänner aller zionistischen Fraktionen, der Mandatare und der Wizo, Wahl einer Erziehungskommission. Jugendkonferenz: Nach einem Referat des Herrn Dr. Tartakower und einer Diskussion, an der sich der Betar-Vertreter Goldstein und andere beteiligten, erklärten die Jugendvertreter ihren Beitritt zur Brith Olamith. ' ' Rabbiner- und Lehrerkonferenz: An einem ausgezeichneten Referat des Oberrabbiners Dr. D. Feuchtwang über die Reform des Religionsunterrichts und der Bedeutung der hebräischen Sprache schloß sich eine lebhafte Diskussion, an der sich Prof. Dr. Papo (Obmann des Mittelschullehrerverbandes), Lehrer Müller (Obmann des Volksschullehrerverbandes), J. Herzberg (Hebräischlehrer), Rabbiner Dr. Kupfer, Lehrer Pick, Schwertfinger, Prof. Chartiner und Rosen beteiligten. Palästina-Reisende. Dienstag, den 17. Mai, um 7.40 Uhr früh reist eine Auswanderergruppe aus Polen durch Wien (Ostbahnhof) nach Erez Israel. Auszeichnung. Am 26. v. M. wurde den Sängern der Wiener Staatsoper, Herren Mi-thael Strycks und Hermann Th i e ma n n von dem Direktor der Wiener Staatsoper Prof. Clemens Kraufi in feierlichster Weise die ihnen vom Bundespräsidenten für Verdienste um die Republik Oesterreich taxfrei verliehene Goldene Medaille überreicht. Die Herren Strycks und Thiemann wirken bekanntlich seit vielen Jahrenals Sänger bei der Israel. Kultusgemeinde (Stadttempel).

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