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Die neue Welt · 1931-07-24 · Heft 201 (24.7.1931) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 201 (24.7.1931)
Date
1931-07-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Dürergasse i Sorgfältig und reell. S. Seil., Wien XX, Jagerstralle 69 LESET UND VERBREITET DIE NEUE WELT"! in Mendt Ruhig Eine Erzählung von Oskar Rosen leid Der Sommer kam ins Land, und Mendl fand er am Rand der Roggenfelder, wie er in die gelben Aehren starrte, mit sinneridjen Augen in dem fahlen, barttosen Gesicht. Die heißeij Tage gingen durch das Städtchen, einer wie der aridere,' und alles war, wie es zuvor gewesen. In den Küchen Wartete'man nicht mehr auf Mendl, wenn er sich verspätete.; Beim Gottesdienst! wunderte sich der Vorsteher nicht• meht-' über ''s'ein häufiges Fernbleiben. Alles ging seinen Geschäften nach, vom Morgen bis zum Abend, den althergebrachtem Regeln folgend: man aß, arbeitete, belustigte sich, ging zur Ruhe, wie es die Voreltern ge* halten. Niemand fiel es ein, sein Leben über die üblichen Grenzen zu erweitern. Der Tag hatte sein Recht und die Nacht das ihrige; und jeder tat, was seine Pflicht ihn tun hieß. . ., Als es aber gegen' den Winter ging, da zeigte sich ein neues Gesicht ini Städtchen.' Es -gehörte - einem 'Mut* jungen, halbverhungerten Dbrfgehyr aus Galizien, der den Erlös seines Wärenbljündels aHmählich5' verausgabt hätte und sich nun anschicäcte, eine' dauernde Versorgung zu suchen. Sein anstelliges Wesen gefiel dem Vorsteher; dazu kam noch, daß er geschickt , zu schmeicheln verstand, indem er auf das Ansehen der Gemeinde hinwies, von der man ihm auf seinen Geschäftsreisen erzählt habe. Der Vorsteher sann lange* nach,. wie; er - sich, dieses; jungen Menschen vergewisserjn könne. In Mendls Anwesenheit entwarf er ihm ein I|ild von djem inneren. Getriebe... der Gemeinde, und er lieji auch durchschimmern, daßes an der Zeit wäre, gewisse Lücken" zweckmäßig auszufüllen. Zickl,.so hieß der Drjrfgeher, machte sogleich Anstalten, sich dem Vorsteher gefügig zu zeigen. Er schwatzte in seinem nicht ganz verständlichen Idiom allerlei Zeug zu« sammln, warf. einige h|ebräische, Worte tyn," und nachdem er. erklärt hate, daß.seßne Voreltern „hier am. guten Orte" bestattet seien, war djpr Vorsteher gefangen. Er-empfahl ihn .dfehi 'alten krankerij Teihpeldiener, der; in den Dvorky ein rHä'nsc^eh'. besaß, und,.-gab gleichzeitig; zu verstehen, daß .Mendl". und er / abwechselnd dem. Dienst obliegen sohlten; .'.Mendl Schindeilmacher", so sprach er wohlwollend schmunzelnd, „der Kosjtgeher der, Gemeinde ist hier an* sassig, .und auch seine Familie -hat gewohnt bei uns. Er ist zwar nachlässig im JDienst, er, sitzt, mehr Un Wald wie im Teitipel,- aber "er gehört doch zu uns und wir sorgen für ihn. Weisen Sie ihr| auf den rechten1'Weg, Herr Zickl, und wir werden Ihnerf. sein dankbar. Dann werden wir auch haben in_ der-.Gemeinde Eintr.acht und sagen können, wie- -es heißt in - der heiligen;Schrift: Und er sähe,- daß es gut War. Und, wenn e| auch nicht leistet den' Tempel* dienst ordentlich, sondern bloß aufhört zu sein ein Apikores, dann können] wir sagen nach-den Sprüchen der Väter: „Auch das ist f.um Guten..." Zickl1 strich zwin* kerrtd über seih rotblondjes.Spitzbärtchen. Er verbeugte sich vor dem Vorstand, strikte zwei Finger in die Westen* tasche, blickte görinerhwft auf Mendl, der, ohne mit. der Wimper zu zucken, zur Erde starrte, und verbeugte sich nochmals. Darauf setzte sich der Vorstand an seihen Schreibtisch, um anzudeuten, daß die Audienz zu Ende war. Die beiden traten jangsam ab, Zickl ging zuerst durch die-Tür.; i .' Mendl befreite sij;h bald von der Beengtheit, unter der er in der- Wohnung des Vorstehers gelitten. Seine Bejjie waren noch ein \venig schwer, als. er "auf die Gasse trat Sobald .er sjph aber den Dvorky näherte, schritt er kräftig aus, er beeilte sich, nach Hause zu kommen. Das Bassin war nur mit einer Strohschicht ausgestattet. Ob* wohl er fror, daß die Finger starr und blau wurden, sehnte er sich nach seiner Lagerstätte, dem einzigen sicheren Winkel, den er bes>ß. Dann war auch Flock da, des Ge* Schimmer in Mendls Blick auf, seine braunen, knöchrigen Finger streckten vsiQh .dem^üiici _ 'entgegen;'' und wenn er sich wieder an ihn schmiegte, danti lief? ein Zittern durch seinen fröstelnden Körper, .;Sein einsames Gemüt erheiterte sich und das Verlangen : nach der Sonne wurde wach in ihm ynd scheuchte ihn von seinem Lager auf. Und vom Mittagstisch stürzte er wieder in die Rasierstube, voll launiger Einfälle und.5chhurrö'n^ürid bald war er von des Gesellen lustigen. Stücklein eingefangen. Flock hüpfte um ihn, und die Schna,p^ in die andere. •.' ■• ...... Es kamen die .Tage, an denen er die Dämmerung nur. noch, vom, Frau§npad genießen könnte. Zeitig legte die Nachtihre schwarzen Laken, vor die Fenster, und wenn auch über den .herrschaf^tiiehen 'Feldern 4er. Mond aufstieg und die Sterne §ich. allenthalben der Dunkelheit - ent* wirrten -r. der Frost knisterte vor den Türen und trieb die Menschen in.,ihre dumpfen Kammern. i; Indessen, hatte Zickl, das kleine, schlaue Männchen, es verstanden, sich der Gemeinde unentbehrlich zu ma* chen. Der Vorsteher war entzückt von ihm, und als er erfuhr,'daß Zickl jeden Morgen den Tempeleingang! vom Schnee reinige, nahm er sich vor, ihn bei der > nächsten Gelegenheit auszuzeichnen. Die stellte sich nun bald ein. Mendl' hatte, nämlich vor der Passahwoche einen abge* legten Schlußrock bekommen und sogleich, angelegt. Der Vorsteher schalt ihn wegen seines Leichtsinns,- und als er darauf Fettflecke bemerkte/ schrie eT ihn zornig an: „Du bist ein Schmutzfink, Mendl, ein Lieder jahn, ein gott* verlassener! Woher sind die Flecken auf dem neuen.Rock? Hundert Jahr kannst du alt werden, bevor du wieder be* kommst von mir etwas zum Geschenk, so-wahr ich leb'..." Mendl hielt eine Hand fest unter dem Rock ver* krallt. Unruhig schlenkerte er hin und her. : „Zeig', was du hast darunter",'legte 4er Vorsteher 1 wieder los. ' -! ■• „Zeig' her, Tagedieb!" Und er zerrte ihn am Rock. Verzweifelt preßte Mendl seine Hand, an die Brust. Zickl bückte sich, um unter die, Rockenden zu gucken, und piepste: „Trefenes Gefraß! Was kann er haben, was?" Der Vorsteher riß den Mund auf: „Den;Rock mach' ich dir herunter vom Leib, und wer bekommt ihn? Der Herr Zickl! Da nimm dir ein Beispiel, da, da,"'da'.. r Darauf wandte sich Mendl und lief nach Hause. Sogleich öffnete er die Papierhülle und breitete die Schätze aus: blutige Knochen, die ein Dienstmädchen ihm ge* schenkt hatte. Seine Augen lachten freudig, da er Flocks gedachte. Er legte sich ins Bassin und wartete. Es wurde stiller und dunkel, er hülle sich enger in d^e. E^cke» auf die Füße schichtete er Stroh, und die Knochen hatte er wieder; untpr dem Rock verborgen. Von der Gasse hörte er plötzlich .das laute Reden einiger Gemeindemitglieder, welche, vor, dem Tempeleingang, standen, und mitten her* aus ^ick]sJ meckernde .Stimme, nacfi einer Weile wurde ans Fß'nsfer gepocht, er drückte den Kopf ins Stroh, dann schlief er.vor Mattigkeit.ein.: •........ Pinige Wochen kommt, ein lauer Wind von den Feldern herüber und die Dächer werden schwarz mit einem Male, und in den Rinnen gluckst das Wasser und brodelt, und die Wälder sehen wie gewaschen aus, so blank sind sie von Regen und Sonne und Frühlingssturm. Mendl hilfen zutrauliches Hündchen, dem er jetzt, wo. er seine Spaziergänge einschränken mußte, mit doppelter Fürsorge zugetan war. In den Nächten lag Flock bei ihm, den klei* nen runden Kopf auf seiner Brust, und seine Hände hielten das warme Tier fest umschlungen. Und wenn morgens die Kinder, die zur Schule gingen, ans Fenster klopften, sprang Flock lautlos auf, und seine verschalfenen Augen er* schienen hinter den Scheiben. Die Pfoten hob er drohend gegen die Störer. Da leuchtete ein wehmütig nasser schreitet mit blankem Haupt durch das Städtchen. Sein Mund ist offen. In der Hand trägt er den grünen krempen* losen Hut. Seine erloschenen Augen erhellen sich, .wenn er zum tiefblauen Himmel aufblickt. Lichtgrün sind die Wälder, die Aeoker dampfen jeden Morgen, und es werden nicht viel Tage vergehen, bis die' Knechte mit ihren hohen Wagen" auf die herrschaftlichen Felder fahren, mit den langen Pfeifen im Mund, und knallen, daß die Kinder aus den stickigen Hütten der Dvorky zusammenlaufen. Mendl lächelte still. Seine rasierten Wangen sind braun und glatt, glänzen wie Seide im Sonnenlicht, aber das Haar wächst schon über den Rockkragen, gebleicht, wirr, und zahllose weiße Fäden haben sich eingenistet, dort bei den eingefallenen Schläfen. Sinnend steht er vor dem Frauenbad, und er halt die Hände nicht mehr am Rücken gefaltet: Vorn auf die Brüst drückt er sie, wo die Frühlingssonne, Wölken uiid Wind vor sich her treibend, süß und mild brennt. Und wie die >Wolken über den grenzenlosen Himmel, so segeln die Erinnerungen an die Waldmärsche durch sein Gehirn, er'mag wohl auch des Felsblocks oben hart bei der ver* wilderten Allee gedacht haben, denn er lächelt wehmütig und löst die Hände, als wollte er den Felsblock fassen und ins Tal schleudern. Es ist ein erratisches Gestein voller Klüfte und, Ris^e, man nennt ihn Kozel, Ziegen* bock, weil seine groteske. Form dem Schädel eines Ziegen* bockes ähnelt-, und diealten .Leute. im Ort erzählen, daß man von seinem Gipfel das Land weithin, überschauen . kann, und;wer von Gottes Geist beseelt ist, sagen sie, dem ist es vergönnt, -. sogar „die große Stadt" zu sehen. Mendl saß jetzt weniger m der Rasierstube als früher. Er ließ sich lieber die Sonne auf den Rücken scheinen, seine Lungen füllten'sich mit derjlauen, starken Luft, und wenn er den Wald betrat, dann'blieb er'plötz* lieh wie angenagelt stehen, hob die Hände zum Himmel und blickte mit starren Augen durch die Baumstämme, heftig atmend, fast bestürzt, und legte er dann die Hände über die Augen, so stand anstatt der Gegend ringsum der Kozel vor ihm, so nahe, so verlockend nahe, daß er ihn zu berühren vermeinte.' Er selbst hatte ihn noch nie ge« sehend Aber unter den Ortsbewohnern gab -es viele, die wundersame, Sagen von versteinerten Sündern zu erzählen wußten, und;er vernahm auch öfter, daß Wanderer aus der Ferne herbeikamen, um das Ungeheuer zu erklimme». Und so oft ein Fremder im Städtchen auftauchte, spähte, ihm Mendl nach, ob er nicht die Richtung zum Kozel nehme, angstbeklömmen vergessene Flüche stammelnd und An« klagen gegen sich, weil er die Tat noch nicht gewagt hatte. Unaufhörlich nagte dieser Gedanke in ihm. Er begann ihm sogar die Stunden in der Rasierstube zu vergällen. Der Geselle fand ihn verändert, stiller und einsilbiger, und da er mit Mendls kindlichem Gemüt rechnete, schalt er sein kopfhängerisches Wesen mitten auf dem Markt in derart drastischer Weise, daß die Gassenjungen wieder auf ihn r. •fiuerksam wurden., Ueherdies machte sich Zickl Mendls Zerstreutheit zunutze,_indem er dessen Pflichten i^hernahm und ihn durch seine Diensteifrigkeit beim Vorsteher ganz* lieh in den Schatten stellte, (Fortsetzung folgt.) Eigentümer. Verleger. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Koben Stricker. Verlags-A,-a Ignaz Steiumaau, beide Wien. IX« Unlversitätwtraße 6—& Druckerei- und

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