Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1931-07-24 · Heft 201 (24.7.1931) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 201 (24.7.1931)
Date
1931-07-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2711613-2711790-2711820--2638-2715946
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Seife iö DIE NEUE WELT Nr. 2W mir eine Möglichkeit zu leben: Erez Israel? Warum geht aber dennoch die jüdische Jugend „hin"? Mit der schweren ökonomischen Lage und dem Kampf für das tagtägliche Leben, für das Stückchen Brot diese Erscheinung zu erklären — ist wohl nicht ganz richtig. Wir haben doch in den zionistischen Reihen den« selben jüdischen „P r o 1 e t a r i e r", denselben Armen. seftSst wir, der „b o u r g e o i s e" Brith Trumpeldor, besteht doöh aus 90 Prozent Proletariern, aus Men* seilen, welche schwer arbeiten, physisch schwer, bis sie ihr Minimum verdienen. Und dabei haben sie doch die so« fiale Revolution nicht vor Augen, es flattert in ihren Reihen nicht die rote Fahne und man schreit auch keine besonderen Losungen von Erlösung — bis alle Armen reich werden. Im Gegenteil, sie wissen, daß ihnen das Leben in Erez Israel auch nicht leicht kommen wird. Das Bild auf der anderen Seite: In den kommunisti* sehen Reihen gibt es viele reiche Söhne und T ö c h< ter, welche von der Ausrottung der Parasiten und vom großen Weltfeuer, welches alle Bourgeois vernichten müsse, sprechen und dabei auf Rechnung des reichen Vaters leben. Aber es gibt noch andere Ursachen, warum die jüdische Jugend doch zu den „Linken" geht und ich glaube, daß folgende zwei Momente hiebei nicht unwe» sentlich sind. Es ist keine. Zeit vorhanden, alles läuft. Bei einer Zeitung liest man bloß die Köpfe der Artikel, ein Buch — den Nameji des Schriftstellers, wie das Buch heißt und was die Kritik sagt. Eindringen in das Problem? Wer hat das not» wendig? Und so laufend hört man: — Zionismus, Erez Israel mit 160.000 Juden, soziale Gerechtigkeit. — Kommunismus, Rußland, die Menschheit, soziale Revolution, Millionen Menschen bereit zum Kampfe. Da Juden, dort — die Menschheit; da im ganzen ein Jischuw mit 160.000 Juden, dort — Millionen; da irgend ein Land in Asien, ein Leben mit unbekannten Bedingun« gen, ein übler Kampf für die tägliche Existenz, dort — ein Land, wo Throne fallen, ein Kampf im vollen Sinne des Wortes. Gehe nur auf die Gasse hinaus. Und er ist schon „dort". Es ist keine Zeit vor« handen zum Nachdenken. Die Gasse ruft, er hört ihren Schrei . . , ........ So läuft größtenteils die wilde, nicht organisierte Jugend weg. Warum geht aber ein Teil der zionistisch«soziali* stischen Jugend fort, warum verläßt sie den Zionismus, was jagt sie „dorthin"? Die Erziehung, welche sie bekommen. Es fing an mit einer sehr schönen und nützlichen Wissenschaft: „Jugendbewegung". ,MaD ist schon dank dem ein bißchen revolutionär geworden, weil Jugend immer revolutionär ist und alte Wege nicht gehen kann. Erez Israel muß auf neuen Prinzipien gebaut wer* den, auf Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit. Und wer sind die Bauer, wenn nicht Chaluzim? Und wer sind die Chaluzim im tagtäglichen Leben, wenn nicht die Ar« beiter? Arbeiter fühlen sozialistisch und so kommt man zur" Zweiten Internationale. Und von der zweiten stiehlt man sich langsam zur zweiundeinviertelten, zur zweiundeinhalben, zur zweiund* dreiviertelten und man hält schon bei der dritten. Jugend ist doch revolutionär, halbe Sachen be» greift sie nicht — ihre Seele ist eine ganze — es ist in ihr kein Platz für zwei Götter. Zwei Götter existieren überhaupt nicht; einer von ihnen muß ein Abgott sein. Und diesen Abgott haben die Erzieher hereingeschmuggelt in den Kreis ihrer jungen Zuhörer. Und anstatt ihnen einen reinen Herzlianischen Z i oji i s m u s zu geben, in sie Liebe und Ergebenheit zur Sache einzupflanzen, hat man ihnen andere, neue, fremde Ideen zugetragen, in Wirklichkeit keine schlecht ten, vielleicht auch nützliche, welche aber mit dem Zionismus nichts Gemeinsames haben. Und man hat das Gleichgewicht verloren. Erez Israel ist nicht mehr ein Ideal für sich, ein Heiligtum. Es ist ein sozialistisches Erez Israel geworden und wenn man zum Sozialismus kam, muß man sich ernst mit ihm befassen..... Wochen-Kalender Juli 1931 ' D« «"inn Ab 5691 24 Freitag NM Sabbateingang 7.20 25 Samstag 11-* Sabbatausgang 8.20 idh: raff »pnrw 20 Sonntag 12-y . / Montag 13-» 28 Pienstag 14-t 29 Mittwoch 18-1» 90 Donnerstag 18-tö Zionismus, weiß man doch, ist eng verbunden mit Erez Israel. Zuerst verstand man unter Erez Israel „Juden* Staat", nachdem man Sozialist wurde, hat man an den Staat fast vergessen. Das heißt konsequent sein. Grenzen für eine solche logische Ausführung sind keine vorhanden. Und so bleibt der Zionismus ein Teufel, welchem man sich ganz ent* sagen muß. Die, welche fort sind — mögen gehen, wir verlieren in ihnen nichts. Zionisten sind sie keine, und falls sie auch gut hebräisch sprechen, bedeutet das noch nichts. Daran tragen bloß die Erzieher Schuld. Weil man Erez Israel verstellt, man wickelt es mit 1000 Schleiern um und man gibt viele überflüssige Zu« gaben dazu. Aber werfet das alles ab, vergesset an Missionen, vergesset an den sozialistischen Zionismus, zeiget der jüdi« sehen Jugend unser Ideal in seiner ganzen Reinheit und ihr werdet sehen, daß die Jugend, von euch nicht fort* gehen wird. Und ihr werdet sehen, daß der Gedanke des Judenstaates zur stärksten Anziehungskraft für die jüdi« sehe Jugend werden wird. Das einzige, was wärmen und Kräfte geben wird, an eine bessere Zukunft des jüdischen Volkes zu glauben. Bericht über den 1?. Zionisienkongreß Nach Abschluß des 17. Zionistenkongresses und der Rückkehr der revisionistischen Delegierten nach Wien fand Montag, den 20. Juli, im Verbandsheim, IL, Untere Augartenstraße 38, eine Vertrauensmännerversammlung statt, in der Oberbaurat Robert Stricker eingehend über die Ereignisse in Basel und die Ergebnisse des 17. Zionisten« kongresses referierte. Dienstag, den 21. Juli, wurde in einer Massen« Versammlung im Festsaal des Hotel Post über den Kongreßverlauf berichtet. Zunächst zeichnete Oberbaurat Robert Stricker in großen Zügen den politischen Rahmen des Kongresses, die Vorgänge, die zum Sturz Weizmanns führten, und die Tendenzen, die sich in den gefaßten Beschlüssen herauskristallisierten. Der Delegierte Josef Fränkel betonte die Wich* tigkeit der von der revisionistischen Studentenschaft m Basel geleisteten organisatorischen Arbeit, die zu den positiven Resultaten in bezug^auf das Haifaer Technikum und die Jerusalemer Universität führte. Einberufung eines judischen Weltkongresses Das vorbereitende Komitee Die auf Initiative des ÄmerikanlscKsjüdischen Kon« gresses in Sachen der Einberufung »eines jüdischen Welt« kongresses tagende Beratung hat bei Fortsetzung ihrer Be* ratung in B as e 1 nach Reden von R.*A. Sliosberg (Paris), Abgeordneten Rabbiner Nürok (Riga), Ober* rabbiner Rubin st ein (Wilha), Staatsrat T e i t e 1 (Berlin) u. a. m. grundsätzlich die Notwendigkeit der Ein* berufung eines jüdischen Weltkongresses anerkannt und folgendes beschlossen: 1. Die Wahl einer Kommission für den a 11 j ü d i* sehen Weltkongreß vorzunehmen und diese Idee unter den Juden der ganzen Welt zu propagieren. 2. Füh* lungnahme mit den Vertretern der wichtigsten jüdi* sehen Organisationen der Welt, um dieselben über die programmatischen Punkte der geplanten Konferenz aufzuklären. 3. Vorbereitung einer Vor* konferenz für den Sommer 1932, an der offiziell Ver* treter der jüdischen Institutionen und Körperschaften aus Palästina, Europa, Amerika, Afrika usw. sich beteiligen sollen, deren Aufgabe es sein soll, die Postulate für die Zusammensetzung des alljüdischen Weltkongresses vorzu* bereiten und zu beschließen. 4, Ein provisorisches Komitee von Vertretern verschiedener Länder zu wählen, das sich mit der Organisation des Kongresses sowie mit der Pro« paganda, zu befassen hat. Es ist ein Komitee von mehreren Personen gewählt worden, aus deren Mitte ein Rat von 17 Herren zur Füh* rung der laufenden Arbeiten bestimmt wurde. Diese wählten wiederum ein provisorisches Präsidium, bestehend aus den Herren Dr. Stephen Wise und Bernard Deutsch (New York), Dr. Leo M o t z k i n (Paris), Abg. Jizchak Grünbaum (Warschau), Dr. Oskar Cohn (Berlin) und Abg. Mordechai Nurok (Riga). In Europa wird unter Leitung des provisorischen Präsidiums und eines technischen Sekretärs ein Büro eröffnet. Herr Z. T i g e 1 (New York) ist provisorisch zum General* Sekretär gewählt worden. Zur Führung des technischen Apparats sind bestimmt,worden: Zwi Abersohn (Genf), Dr. S. Spiegel (Berlin) sowie der General* sekretär Herr Tigel. Die Frage der jüdischen Einwanderung in Spanien Toledo lädt die sephardischen Juden ein — Der Magi« strat will ihnen die antiken Synagogen zurückgeben. — Die erste öffentliche jüdische Trauung seit 1492 Toledo, 16. Juli. Der sozialistische Bürgermeister von Toledo, B a 11 e s t e r, ein bekannter Vorkämpfer der Republik, hat an die jüdische Gemeinde von Saloniki und an die Vereinigung sephardischer Juden in Arne* rika und Jerusalem ein Schreiben gerichtet, in dem er erklärt, er werde sich freuen, in seiner Stadt die Nach« kommen ihrer einstmals vertriebenen besten Bürger be* grüßen zu dürfen. Die Botschaft trägt offiziellen Charakter und besagt ferner, daß der Magistrat von Toledo den rückkehrenden Juden selbstverständlich die alten Syn« agogen („Del Transito" und „La Bianca") zurückgeben werde. Ebenso wolle man ihnen das gesamte Gebiet des ehemaligen jüdischen Viertels für Ausgrabungen und zur Ansiedlung zur Verfügung stellten. Schließlich verspricht Ballester, daß er selbst und alle seine Freunde den rück« kehrenden Juden jederzeit gern mit Rat und Tut zur Seite stehen werden. Es sind bereits Antworten auf dies«; B-jIschuft ein« gegangen, die von der Bewegung zeugen, v. JJie hie unter den sephardischen Juden ausgelöst hat. Bürgermeister Ballester hat sie der Tagespresse zur Veröffentlichung übergeben, und diese knüpft an sie ausführliche Betrach« turigen über die Perspektiven, die sich bei der Rückkehr der Juden nach Spanien eröffnen. :,R e p u b 1 i c a" schreibt zum Beispiel: „Für Spanien wird es ein glücklicher Augen« blick sein, wenn die Sepharditen zurückkehren. Sic mögen zu uns kommen, und vor allen Dingen nach Toledo, der Wiege ihrer Rasse und ihrer ruhmreichen Geschichte. Nach Toledo, wo ihnen ein Stadtteil gehört, in dem jeder Stein eine jüdische Legende ist, eine liebe Erinnerung an jenes arbetsame und kraftvolle Volk, das unserer Na* tion zu Ehre und Achtung verhelfen wird, je inniger wir uns mit ihm verknüpfen." Barcelona, 16. Juli. Hier ist der Madrider Führer der jüdischen Gemeinde, Dr. C o r i a t, ein aus M a* rokko stammender junger Gelehrter, der in Madrid seit langem als Syndikus einer französischen Bank tätig ist, eingetroffen, um mit den Behörden über eine größere jüdische Ansiedlung in Barce* lona zu verhandeln. Er erklärte Pressevertretern, daß sich in Amerika bereits ein Komitee von sephardischen Juden gebildet habe, dessen Bevollmächtigter in den nächsten Wochen nach Barcelona kommen und den Bau eines jüdischen Gemeindehauses in Angriff nehmen werde. Dr. Coriat hat zur Vorbereitung dieser Aktion bereits konkrete Anweisungen aus Amerika erhalten. Er berichtete ferner, daß der als besonderer Judenfreund bekannte jetzige Justizminister Fernandes de los Rios ihn gebeten hatte, möglichst bald eine jüdischere Ii* giöse Zeremonie in aller Oeffentlichkeit zu vollziehen, damit so demonstriert werde, daß im republikanischen Spanien volle Gleichberechtigung der Konfessionen herrscht. Am 10. Juni konnte dann unter besonderen Feierlichkeiten in der . Betstube von Madrid die Trauung zwischen Senorita Ventura und Don M. Cohen, zwei marrokanischen Juden, deren Familien seit langem in Spanien leben, vollzogen werden. Das Ereignis ist von der gesamten Tagespresse lebhaft besprochen worden. Jüdische Arbeit in Palästina. Im Jerusalemer Tagblatt „Doar Hajom" schreibt Ben Baruch einen Artikel über diePipe Line und die Bagdad—Haifa «Bahn: Wir haben eine Zionistische Exekutive, eine Exekutive der Jewish Agency und viele andere Körperschaften, und trotz alledem ist auch dies* mal wieder zu befürchten, daß unsere Rechte und Angele« genheiten werden beeinträchtigt werden. Wir hätten selbstverständlich dafür sorgen müssen, daß bei der Fest« setzung des Vertrages über die Konzession der Pipe»Line auch ein Paragraph über die Ei n s t e 1-1 u n g jüdischer Arbeiter und Angestellter darin aufgenommen wird. Aber wir haben anscheinend die ganze Angelegen* heit vernachlässigt und das Ergebnis davon ist, daß nach dem in der „Official Gazette" veröffentlichten Konzes* sionsabkommen die Gesellschaft zwar verpflichtet ist, nur „einheimische Arbeiter" einzustellen, daß sie aber in der Praxis natürlich nur die billigsten Arbeiter, das heißt Araber, beschäftigen wird. Und für die Juden wird kein Platz sein. Bei Arbeitcrmangel aber ist der Ge* Seilschaft erlaubt, auswärtige Arbeiter hieherzu* bringen. Da sie nun hier nicht genügend arabische billige Arbeitskräfte finden wird, werden natürlich aus allen umliegenden Ländern Ärab,er hergebracht werden! Welchen Nutzen zieht aber das jüdische Volk daraus? Arbeiter werden von auswärts kommen, Beamte werden E n g 1 ä n d e r sein, die Waren werden aus England bestellt werden, was aber wird mit den unteren Beamten, Arbeitern, Handwerkern usw. sein? Vergessen *wir nicht, daß es außer den Regierungsbeamten in Lon* don und Jerusalem auch noch eine andere Stelle gibt, an die wir uns wenden können: die Aktionäre und die Leitung der Gesellschaft selbst. Unter ihnen werden sicher auch Juden und Menschen sein, die für unsere gerechten Forderungen Verständnis haben. — Aehnlich Hegen die Dinge bei dem zweiten Projekt: bei der Bagdad—Haifa*Bahn. Und warum schweigen wir zu alledem? Oder haben vielleicht unsere Bevollmächs tigten doch in dieser Sache etwas unternommen? Dann mögen sie es sagen, damit wir ohne Sorge der Entwicklung der Dinge entgegensehen können. , j;_ ■ -1 Verschollen. Das Rab-binat der Israelitischen Synagogengemeinde (Adass Jisroel) zu Berlin (N 24, Artilleriestraße 31) bittet um die Verbreitung folgender Mit^ teilung: Jizchak Schmidt aus Secureni, Bez. Hotin, Rumänien, 26 Jahre alt, Mittelgröße, dunkelblond, aus Brasilien anscheinend geisteskrank im April 1931 nach Bremen in Begleitung eines Herrn Wenger zurückgekehrt, ist seitdem verschollen. Nachricht erbittet Rabbiner Dr. E. M u n k, Berlin,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.