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Die neue Welt · 1931-05-29 · Heft 193 (29.5.1931) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 193 (29.5.1931)
Date
1931-05-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seit« 12 DIE NEUE WELT j\t. wi GRABSTEINE FRIEDLÄNDER <ft DEUTSCH Wien, l Be*„ StiientieHtmgmui 2, Telephon U~28*1-28 XJH Z«ntralfrhdhof,neb. d, 1, Tor, Telephon V-18-0-85 gllHIlHINIIIIfiniHIIIIIIIIIINIIIIIIIIHIIIIillMIIHIHIIIIIIIIIIIIg 5 a^mmOmdM* Ulli S atgrlimtot 1112 .PHONIX' 5 ZwttftdlrfHfn i UHUI L, Wwiiimti Nr« 2 5 a Vwtöeraismttias w Kth 1931 s rtiMigtailfis IWobffi« s MM» ai tiunitmkBU ■ Mn im 5 DvMfimi)f») ptr Mi 1129 s liraHrnjn n Tmidiifti in Jiiri 1129 2451 MffiNti SiUffiH 5 MUHL— SAffdf s 125 OBm Joffes 3MKffira Safts» s 3fS MfflftMR Sddffing s siiiiiiifiiiiiiiiiiiiiiififiiifftiittiimiiiiitfiiiiiiifiiiiiiiiiiimiiii? RADIO in «l«gaiit«rKoff«rforiit für Radio und Schallplatten, spielt überall ohne Ant«nn«t ohne Erde, sowie alle modernen Netzempfänger, Radio-Apparat« mit Auslandempfang, Radio-Bestandteile. Kradit bis 20 Monat«. 10°/0 Änzahlg., l°/„ Kredit- Spesen pro Monat. 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Unbemerkt stieg er in jene unterirdische Welt hinunter, die man in Amerika subway nennt oder Metro* politainoBahn, die alle Straßen New Yorks unter der Erde verbindet. Die subway, das ist eine neue Stadt mit neuen Gassen und einer neuen Weit, einer Welt von Eisen und Elektrizität. Dorthin dringt kein einziger Sonnenstrahl und dennoch ist's dort hell und lebhaft vierundzwanzig Stunden im Tag. Dort kennt man keine Nacht. Alle vier* undzwanzig Stunden seht ihr dort Menschen auf« und ab* laufen wie in einer Höllenwelt, jeden seines Wegs, in ständiger Hast, in ständigem Zagen, in ständigem hurry up. Fast dasselbe Leben mit dem Laufen und Jagen und Lärmen, das im geschäftigen New York sich oben auf der Erde abspielt, herrscht auch unter der Erde. Ihr steigt die Treppen hinunter zum unterirdischen Reich und habt soglejch das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein. Eisen und Elektrizität umfassen mit Zangen euer ganzes Sein, und es scheint euch, daß ihr die Geheimnisse der Tiefe hört, und unwillkürlich denkt ihr an Dinge, von denen ihr an einem andern Ort weit entfernt seid. Und unwill* kürlich kommen euch. Ideen über die ewig verborgenen Kräfte, die über euch und unter euch walten. Aber lange läßt es euch nicht nachdenken. Von ferne schon hört ihr das Keuchen und Schnauben eines Tiers, das mit gewal« tiger Kraft aus der Finsternis daherkommt. Schon' hat es sich aus dem tiefen finstern Abgrund herausgeschält und schon seht ihr vor , euch dieses seltsame stählerne Riesen» tier mit den fürchterlich großen elektrischen Augen. Schon streckt es sich vor euch aus, sich wie eine Schlange über den glänzenden Schienen, windend, wie die Teufel springen die Kondukteure auf-und rufen den Namen der Station aus und man hört das Aufschlagen von Türen. Und es schießen hunderte, vielleicht - täusende Menschen hinaus — ein Strom hinaus, der andere Strom hinein und das alles .geht'.ruhig, stillwor sich, ohne jede Nervosität, in weniger als einer halben Minute, denn man hat keine Zeit, hürry up. In diesem Strom, der sich hineinriß, war auch unser Held Rafälesco, der fast schon mit einem Fuß im Waggon stand, Als ihm aber plötzlich aus den sich, herausschütten* den Fassagieren eine bekannte Figur in die Äugen blitzte, ein Kleiner mit einem kleinen zerdrückten Hut —> Mu* rawtschik? —-, stieg'Rafälesco nicht ein. 1 ■'■ •■ Auch Murawtschik, als er Rafälesco. erblickte, war überrascht stehen geblieben.' Er hatte nicht erwartet, diesen Rafälesco just zu der Zeit zu erblicken, da er von Brejndele Kosak Dinge erfuhr,: von denen er früher nichts wüßte. Nooh bei Scholem im Restaurant sitzend, hatte unser Murawtschik einen ganzen Plan zum Reifen ge* bracht, wie die sonderbare Lage auszunützen,^ in der sich sein neuer Freund Rafälesco mit seinen drei Bräuten be» fand: per Primadonna Schwalb, Rosa Sojwak.und Sladke Holnnan. Na, was die zwei ersten Bräute anbetrifft, war es für Murawtschik ausgemachte Sache, es sei kein Zweifel, daß der Geschichte nach, die ihm Brejndele Kosek '*tsijUte, Rafälesco mit Gottes Hilfe die Prima» donna Schwalb links beim Teufel liegen lassen werde, daoa man muß ein Idiot sein und ein Ochs vom Berge Sinai, um einen so goldenen Apfel wie Rosa Spiwak, von der die Welt erklingt, gegen irgend eine Lemberger Drall* heit, eine Primadonna des jüdischen Theaters, einzu* tauschen. Aj, daß zwischen ihnen Verlobung» stattge* funden hat, ist — ruf mich Knacknüssel und zitier' mich vor den Wene*sanetojkef! Ein Schauspieler und ein jüdischer noch dazu hat Angst vor solchen Dingenl Wenig jüdische Schauspieler da bei uns, die nicht nur drei Bräute haben, sondern drei wirkliche Weiber: meins und deins und beide zusammen! Was hat aber er davon? Nichts und. wieder nichts. Bleibt also noch Braut Num* mer 3: Sladke mit dem Kleinen ... Und hier liegt der Hund begraben. Da muß man zusehen, einen , fetten Knochen abzunagen. Sei nur, Schalem Meir Murawtschik, kein Ochs vom T$erg Sinai, und wisse, was du mit dem Zimpel*Gerümpel zu tun hast, was dir Gott in New York zugeschickt hat, sonst wird man dir Stroh zum Kauen geben müssen!. So sagte Murawtschik zu sich selber, als er plötzlich hier unter der Erde mit Rafälesco zusammenstieß. Aber er verbarg die Freude .in. seinem Herzen, stellte sich gleichgültig und sagte naiv: „Wenn ein solcher Vogel wie Sie unter der Erde fährt, was sollen wir darin sagen, gewöhnliches Fleisch und Blut aus der Schnorrersippe?" 7 6. Kapitel. Aj, Ameritschke! Wenn Murawtschik es für nötig fand, vor Rafälesco seine Freude zu verbergen, so zeigte Rafälesco ganz offen seine Freüde und Zufriedenheit, ^seinem neuen Bekannten begegnet zu sein. .< „Hallo, how do you do?" rief Rafälesco freudig in amerikanischer Art aus und streckte ihm die Hand ent* gegen. „Gut, daß wir uns treffen. Gott selbst hat Sie hiehergebracht. Ich brauche Sie wirklich." „Bitte schön — hinni, — ich bin bereit," sagte Murawtschik, sich dumm stellend, kalt. „Wohin werden wir gehen, zum Beispiel na primer?" „Nirgendhin", sagte Rafälesco und suchte mit den Augen einen Platz zum Sitzen. „Hier ist eine Bank. Hier werden wir sprechen." „Hier gar, unter der Erde?M" „Hier gar,, unter der Erde.'* „Ta, wenn's euch lieb ist, , mir soll's willkommen sein." . ' \ Beide ließen sich auf einer Bank nieder und es ent* spann sich rasch ein Gespräch; Eigentlich sprach nur Rafälesco und Murawtschik sah ihm in die, Augen und . * 1' ' . * ■ ■ i . * * ■ ° V hörte aufmerksam zu. Eine sonderbare Kraft besitzt dieser Murawtschik, mit keinem .werdet ihr euch so rasch anfreunden wie mit ihm, eng beisammen wie ein Knopf ' bei denv andern, und ihm anvertrauen, was auf'der Seele ist. Rafälesco wenigatens fühlte sich ihm so' nahe wie; einem Bruder. Dazu hat er noch einen Vorzug, oder Mu* rawtschik: Man braucht mit ihm nicht lange zu,; reden, Worte sind durchaus überflüssig, er sieht euch mit seinen schelmischen Augen an und errät, was bei euch im Herzen vorgeht, und'nimmt euch das Wort aus dem; Mund. Eine Freude, ein Vergnügen mit einem solchen Menschen. „Sie brauchen mir keinen Finger in den Mund zu legen", brummte Murawtschik mit seiner ' rnonotomen, heiseren, aber fließenden Stimme Rafälesco i ins Ohr. „Glauben Sie mir, ich verstehe die Sache aus denvGrund; Ich werde es'Ihnen sagen, wenn Sie wollen, wie aus::dem Gebetbuch: Man soll behütet und beschützt werden vor c iiiiiiniHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiniiiiiiiiiiii BEI BESTELLUNGEN BITTE SICH AUF ,DIE NEUE WELT' ZU BERUFEN! Illlllllllillllllillllllllllllllillllllllllltlllllllll EINLÖSUNG q&°Id SIL BIR PLATIN G. A. SCHEID WlftN I, Frans-Jotata-Kai 49 Wien VI, Oumpendorferstraöe 85 Wien VI), Kaiserstraße 6//69 Rainer, Wien VI, Dtirergasse I einem bösen Aug. Es passiert manchmal einem von uns, einem sündigen Menschen, man fällt hinein. Ein Mädchen ist wie ein böser Trieb und manchmal ist man Gott die Seele schuldig und dem Teufel einen Weg. Geh hin und prophezei, daß es mit einem Kleinen enden wirdl Und dann — halt die Bombe fest ... In Wirklichkeit ist das aber nichts für Sie und nichts für euch beide. Sie glauben, ich versteh* das nicht? Ich versteh' das selber besser als wir alle, Gott soll mir so Glück geben und gute Ver* richtung." Unserem Helden war mit diesen Worten ein schwerer Stein vom Herzen gefallen. Er sah ein, daß sein ganzes Reden, Einleitungen und Entschuldigungen, über* flüssig geworden waren. Murawtschik zeigte nicht nur keinen Widerstand, vertrat nicht nur die gefallene Sladke, die arme, sondern ging noch weiter. Aus seinen Reden folgte, daß Sladke selbst die Heirat gar nicht so sehr wolle. Um unseren Helden noch mehr zu beruhigen, sagte Murawtschik: v „Woher, glauben Sie, komme ich jetzt? Von dort natürlich. Wollte Ihre Worte überbringen, wie Sie be* fohlen haben. Da weinte sie. Was bin, sagte sie, gleich mit ihm? Er ist, sagt sie, heute so in den Federn, wer weiß, wo er morgen sein kann. Warum soll ich glauben müssen, daß ich mich ihm angedrängt habe, mich ihm auf* geweint habe, hören Sie Worte!" Rafälesco war gerührt. „Wirklich wahr?" „Was denn? Ich werde Ihnen einen Jahrmarkt auf dem Himmel vormachen?" „Nein, ich meine nicht das. Ich meine, hat sie Ihnen diese Worte wirklich gesagt?" „Ich soll so Glück haben und gute Verrichtung! Wissen Sie denn, was für ehrliche Seele das ist? Wiegt auf achtzehn Primadonnen!' Bei Rafälesco zeigten sich Tränen. Aber er verbarg sie vor seinem neuen Freund. Und sein neuer Freund Murawtschik hackte weiter. „Hin*her, ich seh, das Mädel spricht vernünftig, so denk ich mir, vielleicht hast du recht. Deshalb sag ich zu ihr so: Hör' an, mein Seelchen, sag ich. Die Geschichte ist so. Der junge Mann, sag ich, hat nur dein Gutes gewollt, sag ich, und das Gute von dem kleinen Seelchen. Aber* sag ich, wenn das bei dir nicht so aj*aj ist, ist's wieder dieselbe Geschichte. Antreiben, sag ich, wird man dich dazu nicht, und mit Gewalt wird man dich nicht schlep« pen. Aj was, das Kleine? Brauchst, sag ich, keine" Sorge haben. Mußt wissen, sag ich, daß er nicht irgendwer «ist. Kein Jüngel von der Gasse. Ein Verdiener ist er, kein böses Auge, ein ganz schöner. Wird wahrscheinlich zu* sehen, sag ich, dich sicherzustellen, wie es sich gehört, dich und das Kind,' sag ich, und sogar die Mutter, sag ich, wird auch nicht auf fremde Leute angewiesen sein müssen und überhaupt, sag ich, du bleibst nicht allein. Ich bin, sag ich, auch noch nicht gestorben. Ich bin, sag ich, mit dir gewesen, mit dir werd' ich bleiben. Wer, sag ich, hat dich hierher gebracht wenn nicht Murawtschik? Wer, sage ich, hat dich beim Heruntergehen vom Schiff auf seinen Namen geschrieben, wenn nicht Murawtschik? Soll es dir vorkommen, sag ich, daß du schon Meine bist und ich Deiner, und was macht das aus, und wenn man schon dabei halten wird, bekommt man in Amerika auch vier Stangen und Murawtschik geht hin und sagt das „Nach dem Gesetz Moses und Israels" und — ein guter Tag. Und ich selbst, wie Sie mich da sehen, bin gar nicht weit davon. Erstens vom Mitleid. genommen. Eine arme Waise. Und zweitens, ein braves Kind, eine stille Taube. Aj, die Frage: Was wird mit dem Brotladen sein? Ist ja Gott ein Vater und, wie gesagt, Sie werden wahr* scheinlich auch nicht vergessen." „Vergessen?" Rafälesco faßte Murawtschik an der Hand. Hätte er sich vor sich selber nicht geschämt, würde er ihn umarmt und geküßt haben. „Ich kann es Ihnen schriftlich geben, wenn Sie wollen." „Wozu die Schreiberei? Sie werden ein paar Wechselchen unterschreiben und Schluß. Auf meinen Namen nämlich, heute am Abend. Ich werde bei Ihnen sein, Ihnen schon alles bringen. Jetzt wollen Sie doch wahrscheinlich irgendwohin gehen." Rafälesco war vom Gespräch so sehr in Anspruch genommen/daß er nicht bemerkte, wie .oft die stählerne Schlange mit den elektrischen Augen an' ihnen vorbei* gesaust war, Ströme ausgespien und Ströme eingesogen hatte. Die Zeiger der Uhr* hatten sich der Ziffer "Drei zu nähern begonnen» Eine Stunde später mußte er dort sein. Das Wort „dort" glühte ihm int Herzen. Er verab* schiedete sich freundlich von Murawtschik, sprang in einen der. langen Waggons und nach einer halben Minute hatte ihn die unterirdische Finsternis verschlüngem (Fortsetzung folgt.) Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. m Druckerei« und Veriftgf-A.«& If&ai Steimnaau, beide Wien. IX. Universitätsstraße *•&

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