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Die neue Welt · 1931-05-29 · Heft 193 (29.5.1931) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 193 (29.5.1931)
Date
1931-05-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite IÖ__ kam Dr. Altmann zu dem Resultat, daß nicht — wie bisher angenommen wurde — in Köln, sondern in Trier das historisch nachweisbar älteste jüdische Gemeinwesen zu suchen sei. Neben allgemeinen historischen Tatsachen wies der Vortragende auf die im Codex Theodosianus festgelegten Gesetze und Verordnungen sowie auf die auf Juden und jüdische Gemeinwesen in Trier sich beziehenden Verordnungen der Kaiser Gratian und Valentinian hin, die ausnahmslos aus der Mitte und dem Ende des vierten nachchristlichen Jahrhunderts stammen und geordnete jüdische Gemeinwesen voraussetzen. Daneben bilden von Dr. Altmann erstmalig gedeutete archäologische Funde ein aufschlußreiches Beweismaterial. Es handelt sich bei diesen aus dem dritten und vierten Jahrhundert n. Chr. stammenden und im Provinzialmuseum zu Trier aufbewahrten Funden um eine sogenannte Tonbildlampe (terra sigillata), ein gut erhaltenes Brudistück eines reliefartigen eingebrannten siebenarmigen Leuchters (Menorah) und Terrakotta-Figuren, die Jud*enkarikaturen darstellen. Die Menorah und die Figuren .sind aus. jenem rotbraunen Ton gebrannt, der in den berühmt ehemaligen römischen Töpfereien zu Trier und Carden an der Mosel verwendet wurde. Die Menorah entstammt einer jüdischen Grabstätte, die nachweislich «in der Nähe des nördlichen römischen Gräberfeldes in Trier lag. Em Produkt politischer Ziellosigkeit« Der neue „Judenstaat" von Kadmi Cohen Seit einiger Zeit macht in Pariser nichtjüdischen, vornehmlich konservativ*antisemitischen Kreisen ein Mann von sich reden, der allerlei Ideen zur Rettung des Zionis* müs auf den Markt wirft. Der Mann heißt Kadmi Cohen, stammt aus Polen, hat einige Jahre das Tel* Awiwer hebräische Gymnasium besucht, soll später in der französischen Armee gedient haben, hat in Paris Jus absolviert und übt gegenwärtig den bescheidenen Beruf "f eines Advokaten beim Pariser Gericht aus. Kurz, ein junger Mann, deren es überall Dutzende gibt. Unser Kadmi Cohen aber ist plötzlich von politi* sehen Ambitionen besessen. Solche lassen sich bekanntlich am besten in Zeiten ungewisser politischer Zustände be* friedigen, wenn man nur ein wenig rührig ist. Und Rührig* keit kann man dem polnisch*jüdisch*pAlästinensisch*franzö» sischen Anwalt nicht absprechen, In der akut gewordenen Krise der Zionistischen Organisation Morgenluft witternd, trat Kadmi Cohen auf den Plan, natürlich" als Experte in jüdischen und zionistischen Dingen für Frankreich, auf einem Gebiet also, in dem jeder, wenn er will „Fachmann" sein kann. Den Anfang machte unser Cohen mit einem Artikel in der konservativen Zeitschrift „Mercure de France" unter dem Titel „Bankrott des Zionis* m u s'\ worin so ziemlich alle von der ernsten zionistischen Opposition vorgebrachten Einwände gegen bestimmte Kolonisationsmängeli in Palästina abgeschrieben und mit ziemlich wirren, eigenen Draufgaben garniert waren. „Bankrott des Z i o n i s m u s" macht sich für manche Kreise Frankreichs sehr gut und nimmt für den Autor, der obendrein ein, Jude ist, überaus ein. Mit der gleichen Sachkenntnis schrieb Kadmi Cohen ein Buch über Amerika, das er nie gesehen hat, ein Buch „Nomaden", das in pseudowissenschaftlicher Manier unsinnige Dinge über das Judentum enthält. Zum großen Schlag holte Kadmi Cohen in seinem vor einigen, Monaten erschienenen Buch „L'E tat d'I s r a e 1" aus, ein Titel, der wohl ein wenig größenwahnsinnig die epochale Bedeutung des Buches ä la Herzls „Judenstaat" andeuten soll. Kadmi Cohen löst aufs neue die Juden* frage. Der Zionismus ist seiner Meinung nach in seiner heutigen Form nicht verwirklichbar, weder durch seine bisher geübte politische Methode (einseitige englische Orientierung) noch auf den schmalen Schultern Palästinas. Beides müsse erweitert werden, die Politik und das Land. Die Politik durch Einbeziehung Frankreichs und vor allem aller Araber, das Land durch Hinzu* Ziehung aller arabischen Länder des Vordem Orients. Pansemitismus habe die Losung zu sein, Anglejchung der beiden semitischen Völker bis zur Wesensgleichheit in Sprache, Sitte und Religion, wofür die Voraussetzungen in der Wesens* Verwandtschaft gegeben seien. Daneben offeriert Kadmi Cohen einen Reorganisa* tionsplan für den so erweiterten Zionismus, dessen heutige Organisation mit der neuaufzubauenden nicht konkur« rieren müsse. Auch für die gemeinsam jüdisch*arabische Wirtschaft giht der Autor des „L'Etat d'Israel" heil* bringende Rezepte. Diese Robinsonade erfreut sich in Frankteich einer % gewissen Beachtung. Der Advokat aus den Kreisen der nationalchauvinistischen „Action Francaiee" und deren antisemitischen Gruppe M. Garcon hat im „Mercure de France" eine spaltenlange Vorkritik veröffentlicht, worin der arme Kadmi Cohen als Märtyrer seiner Ideen, als Opfer der zionistischen Ver* folgung dem französischen Publikum vorgestellt wird. Sogar ein ernstes Blatt, der Pariser radikal* „L'Ouevre" brachte ein Interview mit dem Begründer des Pausemitis« raus, worin die Zeitung erzählt, daß . . . Kadmi Cohen ihr erzählt habe, man nenne ihn „unter seinen Freunden und DIE NEUE WELT_ Millionen Anhängern in der jüdischen Welt den Erb* folger des Ztonismus". Ein neues Basel stehe be* vor, der souveräne jüdisch»arabische Staat sei auf dem Matsch usw. usw. Wie gesagt, in krisenhaften Zeiten haben es Scharlatane leicht. Was liegt so einem Windbeutel daran, mit den heiligsten Gefühlen eines armen Volkes Schind* luder zu treiben» wenn offizielle anerkannte Größen dieses Volkes nicht minder absurde „zionistische" Ideen feil« bieten? Wenn Unsere Brith SchalonuLeute täglich einen „Separatfrieden" mit den Arabern schließen, wenn unsere Exekutive allem zustimmt, was den Judenstaat zu be< graben fähig ist? Wenn seit Jahren eine Politik gemacht wird, die in fernstehenden Kreisen das Bewußtsein er* wecken konnte, der Zionismus habe bankrottiert und neue Lösungsvorschläge für die Judenfrage seien notwendig? Kadmi Cohens können nur auf dem Mistbeet poli* tischer Ziellosigkeit gedeihen. Wenn die Atmosphäre wieder gereinigt .ist, werden sie in der Versenkung ver« schwinden. ' o. r. Jompe Ein Charakterbild Von Mordechaj Goldenberg . Greise sogar, die an der Wiege des Städtchens gestanden sind und wissen, i wer und wann geboren wurde, und sich wohl an die heute ausgewachsenen Kerle als Knirpse erinnern, würden mit den Achseln zucken, Wollte man ihnen die Fangfrage stellen: Wer ist Jompe? Woher stammt er? Wer waren seine Vater- Mutter? Treibt sich da ein Wesen herum, ein hochgewachsener, hagerer Bursch, wie ein Stein; so elend und wie ein VogeL so sorglos, in Fetzenlumpen gehüllt, nächtigt einmal auf der Gasse und einmal irgendwo in einem Loch je nach der Jahreszeit, und ist der immerwährende Laufschammes des Städtchens, mit dem man alle Löcher stopft. Na, wer wird da auf einmal ergründen wollen, wer der gute Mann, ist! Wer wird die Stirn in Falten legen, um herauszuk/ie.gen,, wo er das Licht der Welt erblickt, welcher Schoß ihn, geboren hat! Wie aus dem Chaos ist er in die Welt gesprungen, wie er da leibt und lebt, fix und fertig, mit dem langen, hageren Hals eines Storches, mit den breitgeratehen, unbeschuhten Füßen, mit den schmutzigen. Knien, die aus den zerlumpten Hosen herausgucken, und der immer mehlverstaubten Kappe mit dem zerbeulten Rand, die auf dem Hinterkopf sitzt 1;- ■^ Und man kann nicht , behaupten, daß Jompe von Almosen gelebt hätte. Sein Brot, verdienteer ehrlich im Schweiße seines Angesichts. 'Wenn die Zeit des Gänseschächtens kam, der Vorbereitung von Pessachschmalz, pflegte Jompe auf einer Stange dutzendweise Gänse vom und zum Schäditerii trägen. Damals; ging er in den reichen Häusern aus utid ein und' sein Wert stieg. Man mußte ihn um ein paar Tage früher be4 stellen und ihn mit Berufung auf der Ahnen Verdienst beschwören, daß er den Weg mache; denn sonst hatte sich schon ein anderer seiher^yersichert und es half kein Sichklammern an seine Rockschösse. Er kannte seinen Wert und schrie: „Uebers Jahr nach der Kugel geh' ich! Wo warst du früher? Jetzt kannst du nach Hause gehen, dich in die Wiege . legen." Mit Jompe mußte man überhaupt wissen, wie zu reden. Er hatte seinen eigenen 'Spleen, und wenn ihr es ihm ein klein wenig nicht rechtgeniacht habt, so konntet ihr ein Paar Stiefel seinetwegen zerreißen — er ging nicht, eure Bestellung auszuführen. Außer zum Schächter gehen, trug er auch Säcke Mehl, reinigte die Ställe und verschmähte überhaupt keine noch so schwere Arbeit, wiewohl er, nicht euch zugedacht, einen Bruch hatte und seine; Seele in Gefahr war, wenn sein Leiden wieder einmal sich auftat. Und er verdiente auch stärk. Aber das schwer* erschuftete Geld ließ er leicht durch die Finger rinnen, kaufte Bonbons, trank Limonade und vertrödelte es überhaupt in Näschereien. „Ins Grab mit deinen Knochen, Tojwjele (so war sein richtiger Name), warum siehst du nicht zu, die Rubelchen zusammenzuhalten? Spar dir auf einen Anzug für Jontew und auf ein Paar Stiefel", so pflegte ihm dann und wann eine Hausfrau, einer seiner Kundinnen, Moral zu predigen. Aber er lachte und antwortete mit einer solchen Zote, daß sie überrot wurde und ihm alle ihre bösen Träume wünschte. Den Mund hielt Jompe im allgemeinen nicht sehr im Zaum, und Mädchen, die auf der Promenade spazierengingen, bekamen ein blutleeres Gesicht vor Scham, wenn er sie mit seinen feinen Reden anhielt. „Jompe, man wird dich bald in die Fisolensuppe tauchen, wirst hinein in die Kosakenjauche, mit der Rotte Korah dort tanzen, du LumpenkerlI" So drohte ihm dann und wann die junge Bande. Und er antwortete mit einem Pfiff, daß es durchs Städtchen hallte. Manchmal trat auf ihn Reb Jankel Chossid zu, ein Schulhalter, ein frommer Jude, der keine Sünden leiden mochte, auf daß er beten lerne und endlich Tefillin lege — muß er doch Kaddisch sagen zu Jahrzeit für Vater-Mutter! „Hackt nur nicht ins Ohr, Vetter Onkel," lachte Jompe. „Gebt mir lieber eure Rifke Röchele. Ein festes Mädel, ich soll so Glück haben! Ich will heiraten und er will gar, ich soll hinein erst in den Cheder!" So war Jompe ein lustiger Kamerad für die Dorf« Nr. m 1 burschen und Gassenjungen, Taubenfänger und Tagediebe, immer gut aufgelegt, immer lachend und inif unschönen Worten um sich werfend; ließ kein einziges Mädchen vorüber, keine einzige junge Frau, ohne ein saftiges Wort, nm dafür einen Fluch, ein Schimpfwort einzuhandeln. Aber was scherten Jompe Schimpfwortet Fand eine Hochzeit im Städchen statt, eo trug er Tische und Bänke in den Festsaal, half den Serviererinnen, um sich schließlich vor dem Eingang aufzupflanzen, auf daß keine Fremden hineinkönnen. Ihm pflegten da noch andere aus seiner Gesellschaft mitzuhelfen und man bewarf sich mit „aalglatten" Warten, nur so „des Zeitvertreibs wegen". Aber es gibt kein Ding auf der Welt, für das nicht einmal seine Zeit käme. Und Jompe ward eines echönen Tages beweibt. Es geschah damals, als irgend eine ärgerlich« Grippe das Städtchen zu fegen begann. Es warf das fromm-biedere Weibervolk ein Auge auf Jompe und führte ahn mit Mischka zusammen, einer stillen armen Seele, die drgendwo in einem Loch auf der Zigeunerman die Beiden „Leuten gleich" und das Städtchen war gasse hauste — und man machte Hochzeit für Jompe mit großer Parade au* dem Friedhof, auf daß der Todesengel zerspringe mit seiner dummen Grippe, und dl« ganze Stadt war Beistand. Zusammengetragen wurde für das neue Paar als Hausstand von Leuten, die gerne geben, ziemlich großartig: ein Tisch, ein Paar Sesseln, ein Kanapee, für das Schmul Leb Tischler einen Tag spendete. Und so machte man die beiden „Leuten gleich" und das Städtchen war. bestens daran, befriedigt zu sein. Nach der Hochzeit nahm sich dasselbe frommbiedere Weibervolk Jompe vor und meinte, es wäre höchste Zeit, daß er in frommen Wegen wandle. Immerhin bereits ein Jude mit Talles und im Besitz eines so netten Frauchens, das nur Kraft seiner Wohlanständigkeit es 6ich abgerungen hat, einen solchen Galgenvogel zu nehmen! Er hörte zu, versprach zu folgen und man muß gestehen, daß er wirklich daran war, sich fast wie ein besserer Mensch aufzuführen. Das Ehepaar mietete eine gute Stube und sogar ein Spiegelchen hing1 bei ihnen an der Wand. Jompe pflegte sogar am Sabbat fast etwas Aahnliehes wie ein Vorhemd zu tragen und irgendeinen Übermächten Rock und ein Paar Schnürschuhe, die ahm ein Krämer billig zukommen Heß, so aus gut Bruderschaft. Und wer weiß, wieviel Freude von Jompe das Städtchen noch erlebt hätte, wäre nicht plötzlich wie aus dem Jenseits . her irigend ein Verwandter aus Amerika aufgetaucht, der Jompe von Kopf bis Fuß wie einen Prinzen ausstattete und ihn mit sieb nahm mit dem Versprechen, auch so rasch wie mögüch seaü ' Weib dorthin zu beordern. Aber Monate und Jahre vergingen. Mischka gebar ein Kind, leistete niedrige Arbeit, um sich fürs Leben zu verdienen, bis ihr Mann sie zu sich rufen würde —< und von' ihrem Mann, dem Vater ihres Kindes, hört man nichts und sieht man nichts, als wäre er ins Wasser gefallen. Miscihka schreibt immer wieder Briefe, schmeichelt und weiht, spricht sich aus und bittet Erbarmen, erzahlt von der Klugheit des Kindes — vielleicht wird das helfen und ihr Mann wird sich melden — schildert, wie in den Weiberibüchern, ihre große Pein und fleht um eine Kleinigkeit: eine Schiffskarte für sich und das Würmchen. Josef Leb der Melamed hat sich die Finger wundgeschrieben und seinerseits ebenfalls versucht, es diesem Jompe tüchtig zu sagen. Er wollte nämlich, der Arme, das von Gott für einander bestimmte Paar wieder za.* sammenbringen. Mischka versprach dafür ein .gut Teil der Freuden des Jenseits abzugeben .. . und ging, die englische Adresse vom Apotheker schreiben zu lassen, da sie das niemand anderem zrcitraute . ., man könmte einen Fehler machen, gottbewahre und alles wäre dahin. Und das fromm-biedere Weibervolk flucht Jompe mit schweren Flüchen, daß er ihren Bau eingerissen hebe, und ober auch das half nichts. So zurückgelassen mit einem lebenden Waisenkind, seufzte Mischka aus tiefem Herzen, wenn sie Neugierige wieder einmal fragten, ob sie nicht doch' einen Brief aus Amerika bekommen habe. Man hört nichts von ihm. Aber ein Gerücht war letztens heriibergedrungen, daß Jompe in Amerika wieder die einstige Lust bekommen habe, ein freier Vogel zu sein, und daß er dort wie einst im Städtchen, bevor man ihn mit Mischka verheiratete, herum* strolche. Versicherungen zugunsten des Jüdischen National« fonds (Keren Kajemeth). Die Versächerungsabteilung des Keren Kajemeth! bat eine Aktion eingeleitet, die bezweckt, Versicherungen zugunsten des Keren Kajemeth durchzuführen, und zwar auf folgender Grundlage: Im Erlebensfälle fällt die versicherte Sumtne ganz dem Keren Kajemeth zu, im Ablebensfalle die eine Hälfte den Erben der Versicherten, die andere Hälfte dem Keren Kajemeth. Durch die Aktion sollen dem Keren Kajemeth neben den Spenden neue Mittel zum Zwecke der Ausdehnung des jüdischen Bodenbesitzes für die jüdische Kolonisation zufließen. Schon nach drei Jahren erhält der Keren Kajemeth gegen minimale Zinsen 65 Promille zu seiner freien Verfügung. Anträge für diese Versicherung? zugunsten des Keren Kajemeth Übernehmen die Versicherungsabteilung des Keren Kajemeth und unser Gg. Herr David Neben zah l, Leiter der City-Filiale der Lebenaver- «fah«ruog»ge«e4lsohft{t „Phönix", I., Bäokeratraße 9t j

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