Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 187 (17.4.1931)
- Date
- 1931-04-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 DIE NEUE WELT N* 1* IWien, h Bes* Seitensiettengaue 2» Telephon Ü-28-1-28 |jP„ Zenitalfriedhof, neb, d. 1. Tor» Telephon U~78 0-&5 GRABSTEINE IFRIEDLÄNDER & DEUTSCH .......IHlimiimillllllllMlMIIMIMM Möbel aof bequeme Tellzablongen Iiis 18 Monatsraten im Tischler- und Tapezierermöbelhaus Josef Dreikurf Wien, XX., Wallensteinplatz 3 und 4 Gegründet 1885 Tel. A-42-4-32 Großes Lager in einfachen und modernen Schlaf' und Speisezimmern, Kuchen- und Vor Zimmereinrichtungen Dia best bewährt« unschädliche j*j k jfallf tärbt echt, naturgetreu und dauerhaft von blond bis schwarz Ueberau erhältlich ü 2.— und S 3.50 W. SEEGEQ, Wien XV, Wurzbachgasse 19 RADIO in eleganter Kofferform für Radio und Schallplatten, spielt Uberall ohne An* tenne, ohne Erde, sowie alle modernen Netzempfänger, Radio-Apparate mit Auslandempfang, Radio-Bestandteile. Kredit bis 20 Monate. 10% Anzahlg., 1% Kreditspesen pro Monat. 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SCHEID WIEN VI, Gumpenderlerstr. 85 Wieu 1, Franz-Josefs-Kal 49 ]||||||||||||||||||||||||||||||||||||l,r 9^^MSS^4 »IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIU Gegründet 1882 5 i Lebensverslcherunss- PUflMIY6 i 1 Gesellschaft »rnUHIA | | Zentradirektion: WIEN I., Riemergasse Mr. 2 | s Versidiernngs&estana pst Mille 193D s «ollelngezaliltes Aktienkapital s Prämien- und Zinseneinnahmen im Jahre 192d s GarantiemittB' per Ende 1929 s Auszahlungen an Versicherte im Jahre 1929 2450 Millionen Sdiillinq S 4.000.000.-Shilling s 12S Millionen Schilling E 300 Millionen Schilling 5 30*5 Millionen Schilling s 5 Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, 5 Belgien. Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s Republik. Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- 2 5 land. Türkei. Aegypten und Palästina. niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiimiiiiiufiir; LESET UND VERBREITET „I "X Copyright 1928 by „Die Neue Welt". Wien Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. Er -war fast so zusammengebrochen wie in jener Minute, da er vom Kassier Schischen*we*Simche, der Leser erin* nert sich, die böse Nachricht von seiner Mutter Tod erhielt, mit dem Unterschied nur, daß seiner Mutter Tod in ihm Tränen und Mitleid und ein wenig Reue hervor« rief, während der Tod seines unglücklichen Freundes ihn daran denken machte, daß er sich gegen Holzman wie ein verderbter Mensch ohne jedes Gewissen, ohne einen Tropfen Gerechtigkeitsgefühl und, wenn ihr wollt, wirk* lieh wie ein Mörder benommen hatte. Wie konnte er so leichtfertig und mit so leichtem Herzen einen kranken Freund verlassen, an dessen Bett, er erinnert sich sehr wohl, bereits der To'desengel stand! Und unwillkürlich erinnert Rafalesco sich an jenen Morgen, da er zu seinem Freund sich verabschieden kam, und das traurige Bild, das ihn auf dem Schiff verfolgte, tauchte auch jetzt vor ihm auf. Und dann noch an viele Dinge erinnert sich jetzt unser junger Held, wie er so dasitzt am Fenster, an Dinge, derentwegen ihm ein Schauer durch den Leib geht, an Dinge, die er vergessen möchte und nicht vergessen kann ... Aber schrecklicher als alle Erinnerungen— Sladke. Von Sladke, erinnert er sich, hat er nicht einmal Ab» schied genommen. Damals schätzte er sich glücklich, daß er sie nicht zuhause getrofffen habe. Vor ihr war er ein* fach geflüchtet. Geflüchtet, wie ein Dieb flüchtet, der Angst hat, daß man ihn bei der Tat ertappt. Kein junger Mensch hat sich jemals so unmenschlich gegen ein Mäd* chen benommen wie er zu dieser armen, unschuldigen Sladke . . . Was sie sich gedacht hat nachher, als sie von ihrem kranken Bruder erfuhr, daß er, Rafalesco,. ihr Ideal, ihr Gott, nach Amerika davongelaufen sei! Was hat sie ausgestanden und gelitten die ganze Zeit über? Was für Meinung hatte sie damals von ihm und auch jetzt? Wo gibt es auf der *Welt eine solche Strafe, wie sie der leichtfertige Mörder ehrlich verdient hat? . . . Seine Strafe ist die: er muß aus seinem Herzen alle seine Jünglingsträume reißen, seine dummen Phantasien. Er muß vergessen, daß es irgend einmal auf der Welt eine Rosa gab, und muß sogleich, ohne darüber nachzudenken, der armen Sladke ihr geraubtes Ideal wiedergeben, zur unglücklichen Sladke gehen, ihr zu Füßen fallen, ihr die Hände küssen und sagen: „Sladke, ich bin der Deine, der Deine für immer." Und so wird er es tun, bestimmt tun. Er hätte es noch heute am Morgen getan, wenn ihn nicht dieser Murawtschik davon abgehalten hätte. Der machte ihm klar, daß das nicht so rasch getan werden dürfe. Saldke, sagte er ihm, ist ein einfaches ehrliches Mädel. (Chacha, obwohl sie ein Kleines hat.) Die nie Romane gelesen hat. Und wenn ein junger Mann zu ihr kommen wird und sich vor ihren Füßen zu wälzen und zu schreien beginnt, ich hab gesündigt, schlachte mich, da hast du meinen Hals, wird sie vor Schreck in Ohnmacht fallen und die Mutter wird gelaufen kommen, — man darf nicht vergeben, daß es eine alte Mutter mit dem Namen Sore Broche gibt — und Ihm ein lautes Vivat aufspielen, daß er daran zu denken haben wird. Nein. Lieber wird er, Scholem Meir Murawtschik, sogleich einen Spaziergang machen dorthin, zu seinen Weibern heißt das, und wird sie lang* sam vorbereiten. Und ganz im Gegenteil, ihnen keine Geschichten erzählen, daß man sich reuig an die Brust schlägt. Weiber mögen „keinef.zerquetschten Mannsbilder, die, kaum ist was los, sich zefheulen und, in pathetische Worte zerfließen, Antinomien, mit Limonade, Philosophie, mit Kraut, Petersilie mit Seife,— pfui! Weiber lieben es,: daß! ein Mannskerl ein Mannskerl sei... Murawtschik kennt diese Sachen gut. Er hat. nicht soviel Haare am Kopf, wieviel er schon mit Weibern hin und her zu tun gehabt hat, so soll ihm Gott Glück geben und gute Ver» richtung.; . So schloß unser Geschäftsträger wie immer bei schweren Angelegenheiten und machte sich, wie wir ge* sehen haben, an seine Sendung. Und unser junger Held, der schon wieder bußfertig geworden war, schickte seinen zweiten Freund Nißl Schwalb mit langer Nase hinaus und blieb selbst allein, eine Zigarre im Mund, mit seinen Ge* danken beim Fenster und blickte ins Freie. Wie er so hinausblickte, kam ein großartiges Auto* mobil vorgefahren. Vom Auto sprang ein Schwarzer und ging geradeaus ins Hotel hinein. Schön wär's, wenn1es mir gälte, dachte sich Rafalesco nur so, ohne sich dabei etwas Bestimmtes vorzustellen. Und richtig — es klopft an der Tür. „Come in!" Der Schwarze tritt ein. Er hat einen letter abzu* geben, eigenhändig an Mr. Rafalesco. „I am Rafalesco." Mit zitternden Händen nahm Rafalesco aus der Hand des Schwarzen ein elegantes Kuvert, mit parfümier* tem Siegel versehen, öffnete es vorsichtig und warf zu* nächst einen Blick auf die; Unterschrift — das Herz be* gann ihm so stark zu klopfen, daß er sich setzen mußte. 71. Kapitel. Der Brief. „Mein teurer irrender Stern! , Die ausschweifendste Phantasie ist nicht imstande, ein Geschehnis mit dem andern so wild zu verknoten und verknoten, wie es der Zufall gemacht hat, das Leben selbst. Ich bin aber noch so aufgeregt davon, was ich in den letzten zwölf Stünden erlebt-habe, daß ich Dir nicht ein Hundertstel dessen wiederzugeben vermag, was ich Dir zu sagen habe. In Kürze muß ich Dir mitteilen, daß nur ein wilder Zufall mich gestern zu Dir ins Nickel* Theater brachte. Wenn mein Herz nicht in Stücke zer* In^mg, als ich erfuhr, der Uriel Acosta seist Du, so ist l^fffin Beweis, daß mein Her^z aus Stahl ist,,Wie ver* steinert bin ich bis zum Schluß des zweiten Aktes dort gesessen. Nicht länger als die zwei Akte; denn es ist ein kleiner Skandal entstanden, den niemand erwarten konnte:, man erkannte uns in der Loge und enthüllte unser Inkognito in häßlicher Weise, und man zwang mich, zu flüchten, obwohl der Himmel mein Zeuge ist, wie sehr es mich zurückzog, zurück, noch einmal einen Blick auf Dich zu werfen, noch einmal Deine Stimme zu hören, die nicht aufhörte, in meinen Ohren zu klingen alle die Jahre unseres Herumirrens in der großen lichten Welt. Aber warte — das ist noch nicht alles. Zu Hause fand ich auf dem Tisch einen ganzen Haufen Briefe, von denen nach den Poststempeln einige schon vor langem angekommen waren, mir aber nicht übergeben wurden wegen der Zen* sur, die sich mein Manager — ein Engländer zwar und ein Gentleman — gegen meinen Willen anmaßt und von denen er bereits einige ohne mein- Wissen beseitigt hat. Das Ende war, daß ich ihn rufen ließ und> ihm ohne viel Worte und Erwägungen mitteilte, daß .ich ab heute meines Vertrags ledig bin und daß er mich'klagen-könne', von mir einen Schadenersatz zu fordern überließe ich. ihm. NÜas ist aber nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist, daß im Haufen Briefe auch Dein Brief war, den ich, ich weiß selbst nicht wie oft, gelesen habe, '■ und 'eine ganze Hölle ist in meinem .Herzen erwacht. Die .-Buchstaben Deines teuren Briefes küssend, habe ich sie "mit ■ meinen Tränen benetzt. Warum Tränen, wirst Du .fragen 1 'Ich habe da unsere gestorbene Kindheit beweiht; ' unsere glücklichen jungen Jahre, unsere frühe ' Liebe, "die mög*; licherweise jetzt heißer,' flammender werden kann, .als sie damals war, aber niemals, man muß eingestehen, .so kristallrein, so himmelhoch, so göttlich schön, so' kindlich* naiv, wie damals in unserem kleinen, armen; unv.ergeß* liehen Holeneschti. " J Ach, Holenetschti! Weißt Du, daß ich dort war und ■meinen Lebl suchte, nach meinem „des Reichen Jungen4' fragte? Leider wußte mir niemand, niemand von Dir etwas zu erzählen. Du verschwandest wie ein süßer Traum von meinem Himmel, wie ein Traum, den man nur-einmal er* lebt, kein,zwejtesmal.; ■ ,-;v, i ■ J ,».:.. i. » . Teurer mein! Du fragst mich in Deinem Brief, ob ich mich erinnere,, "was mir 'die. alte Kartenaufschlägerin in jenem galizischen Städtchen gesagt hat. O, ich erinnere mich sehr gut, aber woher weißt Du davon? Du\ hast also nach mir gefragt wie ich nach Dir, warum dann /hast-Du Dich, böser Mensch, von mir so lösgesagt, daß Du äs einer andern erlaubtest, auch einer Primadonna — einer schönern vielleicht als ich, aber einer viel dümmeren — sich zu rühmen, Du seist ihr Auserwählter? Aber, ach, was rede ich? Wie darf ich Dir Moral, predigen, wenn ich selbst durch verschiedene verwickelte Umstände ge* trieben wurde, goldene Ketten anzulegen!. . . Aber sprechen wir nicht von Ketten, die man in jeder Minute zerreißen und von sich werfen kann, wenn wir es nur wollen... Sprechen wir lieber davon, wo wir uns heute sehen können. Unten findest Du eine Adresse. Kommst Du zwischen vier und fünf dorthin, suchst Du mich gut, dann findest Du mich dort. Wir sind dort ganz allein und können uns genug voMreden (und wir haben doch soviel zu reden)! Sei dort heute zwischen vier und fünf und such' mich. Ich befehle Dir, dort zu sein. Nein. Es ist eine Lüge. Warum soll ich Dir nicht die ganze Wahrheit sagen? Ich befehle Dir nicht, sondern bitte Dich, flehe Dich an, ich falle Dir zu Füßen und ich küsse Dich, ich küsse Dich! Hörst Du? Ich küsse Dich!... ResV 7.2, Kapitel. Wieder einmal Brejndele Kosak. Scholem Meir Murawtschik war bei seinem neuen Freund Rafalesco pünktlich zur Stunde, diesie verabredet hatten, erschienen. Er traf ihn aber nicht mehr zu Hause an. Auf dem Tisch lag ein offener Zettel, anscheinend für ihn bestimmt. (Fortsetzung folgt.) Eigentümer, Verleger» Herausseber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. mm Druckerei- und y.erlags?A,*fi, Jgoaz Steiumaan, beide Wien. IX. Universitätwtraße 6—8.