Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 186 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 186 GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wen, /. Bei» SeUensieiiengeuse 2, Telephon U-28-1-28 £/» Zenttalftiedhof, neb. d. 1» Tot, Telephon V-18 0 85 Möbel ai! Meine Tellzahlongen tis 18 Monatsraten im Tischler- und Tapezierermöbelhaus Josef Dreikurt Wien, XX., Wallensteinplatz 3 und 4 Gegründet 1885 Tel Ä-42-4-32 Großes Lager in einfachen und modernen Schlaf- und Speisezimmern, Küchen- und Vor Zimmereinrichtungen unschädliche ' ti färbt echt, naturgetreu und dauerhaft von blond bis schwarz Ueberau erhältlich S 2.— und S 3.50 W. SEEGER, Wien XV, Wuribachgasse 19 RA 010 in eleganter Koiferlorm für Kadio und Schallplatten, spielt überall ohne Antenne, ohne Erde, sowie alle modernen Netzempfänger, Radioapparate mit Auslandempfang, Radio-Bestandteile. Kredit bis 20 Monate. 10% Anzahlg., 1% Kreditspesen pro Monat. 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Man muß nicht so trauderig sein, wenn es einmal vorkommt, man kriegt eins auf, man hat einen Durchfall." „Was alles heißt: man kriegt eins ab, man hat einen Durchfall," antwortete ihm Rafalesco und begann ebenso wie er durchs Zimmer auf« und abzuschreiten. „Ein Durchfall und ein Durchfall ist nicht gleich. Seit ich lebe, seit ich die Bühne kenne, ist mir so was noch nicht pas* siert, daß ich auf den Souffleur angewiesen bin, nein, das war eine richtige Niederlage." „Kannst dir's Votstellen, es ist noch weit zu einer Niederlage. Gott wird helfen, übermorgen bei der zweiten .Vorstellung werden wir es verbessern. Vorläufig müssen wir zusehen, an diesen paar Tagen, die wir frei haben, unser privates Stück Arbeit zu erledigen, eins zwei drei — und ein Ende soll es haben. Wann, glaubst du, soll die Hochzeit sein?" „Was für Hochzeit?" „Was heißt, was für, Hochzeit?" Beide hörten auf, durchs Zimnier zu. schreiten, blieben einer. dem andern gegenüber stehen und blickten einander an, als sähen sie sich zum erstenmal in ihrem Leben. „Du treibst Spaß?" fragte Nissl Schwalb und ver« suchte zu lächeln, was ihm nicht gelang. „Ich treib Spaß?'" antwortete Rafalesco. „Das treibst du Spaß. Ihr alle habt euch verschworen, mit mir Spaß zu treiben." „Wir alle haben uns verschworen, Spaß zu treiben?" „Ihr alle: Du und das Stück von deinem Bruder und deine Schwester, die Primadonna. Was denn sonst war der speech des Mr. Klamer beim Lorascher Chasen wenn nicht Spaß? Ein häßlicher* Spaß, ein ordinärer Spaß. Gott hat euch mit einer Schwester beglückt, Gotts Ein« falt, eine Schnecke, die ihr selbst Schikse nennt und einen Trampel und einen Holzklotz und da ihr sie nicht loswerden könnt, wollt ihr sie mir anhängen, daß ich nicht wieder auferstehe? Ich dank euch sehr und sehr, sucht euch einen andern Idioten." Mit diesen Worten, verneigte sich Rafalesco vor seinem Freunde Schwalb so elegant höflich, so deutlich graziös und führte seinen Monolog mit so viel Kunst und Anmut zuende, daß er, wäre es auf der Bühne geschehen, den größten Applaus geerntet hätte. Aber da sich das nicht auf der Bühne abspielte, sondern im Leben, und noch dazu aus einer Frage heraus, die einer ganzen Familie sozusagen an den Lebensnerv ging, kann man sich vor* stellen, wie Nissl Schwalb aussah. Zuerst wurde er bleich. Dann rot. Dann blau. Auf seinem dicken roten Hals schwoll eine Ader an und begann auf und abzuschwingen, wie bei einem Ochsen eine Minute nach der Schächtung. Es sah aus, als wollten die Augen aus ihren Höhlen springen wie bei einem Fisch, wenn man ihn mit dem Bauch abwärts hält und von den Schuppen reinigt. Der Fisch denkt sich wahrscheinlich dabei: Reinigt, reinigt «eir, wir werden sehen, was weiter sein wird , . . Vor großer Üeberraschung und Aerger ließ sich Schwalb auf einen Stuhl nieder und atmete schwer. Es wurde ihm trocken im Mund und seine Stimme veränderte sich. Er sagte zu Rafalesco um einen Grad leiser: „Sag' mir nur, Teurer, was ich dich fragen werde. Weißt du, was die Worte ,breach of promise' bedeuten?" Rafalesco stellte sich ihm gegenüber, die Hände am Rücken verschränkt, nicht weniger aufgeregt als sein freund Schwalb, aber er hielt sich ruhig. „Was bedeuten die Worte breach of promise?'r „Das bedenket, wenn ein junger Mann einem Mäd* chen vor Zeugen das Wort gibt, sie zu nehmen und ihr dann eine lange Nase macht, kriegt er ein ,Brav gemacht' und muß sie heiraten." Rafalesco ging an Nißl: Schwalb ganz nahe heran: „Wann hab' ich eurer Schwester das Wort gegeben? Vielleicht an jenem Abend bei der Lomscher solovej, da ihr mich betrunken gemacht habt mit saurem Champagner* wein und zu mir alle gekrochen t seid mich zu küssen, so iJaß selbst Brejndele Kosak und die Chasenfrau mich ab« geschmatzt haben, chachacha?" Das Lachen war für NissJ Schwalb vielleicht noch schlimmer als die Worte, die er da hörte. Die ganze Kombination also geplatzt? Eine solche Netzarbeit, die er hier hatte und plötzlich — treh! Es hielt ihn nicht mehr länger auf seinem Platz. Er erhob sich, legte seine schwere Hand auf Rafalescos junge Schulter und brachte rasch, in einem Atem, wie es seine Art ist, hervor: „Rafalesco, mein Kleiner, wir werden hier in Ameritschke einen unschönen Prozeß vor dem Richter haben. Ameritschke ist ein Land, dag Späßchen nicht gerne hat. Wir haben Zeugen, Närrchen, die vor Gericht treten und schwören werden, daß sie gesehen haben, wie der Jüngling das Mädchen in den Armen gehalten und geküßt hat . . . Am Schiff war das — erinnerst du dich noch oder hast du es schon vergessen? . . . Und es wer* den sich ,weiter Zeugen finden', bei den§n du Braceletts und ähnliche Dinge für meine Schwester gekauft und es ihr ' angelegt hast vor aller Augen. Närrchen, folg mir, ich bin dir ein guter Freund, mach's lieber im Guten ab, denn mit Bösem wirst du's schlimmer machen, ich soll so aller Menschen Gutes haben. Wirst mir Dank wissen, Kindchen,-wenn nicht — so sollst du dich an diesem Tisch erwürgen." Nach diesen Worten verließ Nissl Schwalb das 'Zimmer. „Erwürgt - solltet ihr alle werden", sagte Rafalesco zu Nissl Schwalb, der schon jenseits der Tür war. Nachdem unser junger Held noch ein wenig durchs Zimmer geschritten war, setzte er «ich ans Fenster, rauchte eine Zigarre an, legte ein Bein über das andere und versank in tiefes Nachdenken. 70. Kapitel. Rafalesco — wieder bußfertig. Rafalesco hatte worüber nachzudenken. Dichte Wolken zogen sich ihm auf dem Himmel zusammen. Auf -einmal ballte es sich. Und überhaupt der gestrige Durch* fall, den er im NickefcTheater hatte. Aber das war eigentlich das kleinste Uebel, denn dessenungeachtet hatten ihn gestern in den Pausen und nacb^SQ^^B'.:.?;^ schiedene Menschen umkreis^ Vertreter djes. englischen Theaters, rannten ihm das Meh^mnis insj6hr^er; sei allright., Das sollte heißen, er sollet sich .an "kein-Theater binden, bis nicht morgen ein'e^estjmmte' Person bei ihm erscheinen und eine solche broposition machen werde, aiiiiiiiiitiiimiiiiiiiiiiiimtiiiiiiiiiiiiiiitiiitiiiiiiiiiiiiiimiiiti § Begründet 1882 | I LebensoerslcheransspunMIYi I I Gesellschaft »"nUlllA | | zentradirektion: WIEN I., Riemergasse Nr. 2 | 5 VersidietungsDesiano per Mitte 1930 2450 Millionen Schilling s «olleinflenhltei Aktienkapital 4,000.000.- Schilling s s Prämien- und Zlnsenelnnahmen im Jahre 1929 125 Millionen Schilling S s Garantienlittel per Ende 1929 300 Millionen Schilling s s tastthlongem an fershtertt im Jahre 1929 30*5 Millionen Schilling s 5 Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, £ 3 Belgien. Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische S s Republik, Polen, Ungern, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- § s land. TUrkei, Aegypten und Palästina. s ntiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiriiiir? „Hill Komplettee engl. Klosett S 52.-. Komplette Badezimmereinrichtung S 480.—. Karl Hlrachleld, I. Fichteg. 1 a. Tel. R-26-0-84 EINLÖSUNG VOM GOLD SILBER PLATIN G. A. SCHEID WIEN VI, Gumpendorf erstr. 85 Wieu 1, Franz-Josefs-Kai 49 Wien VII, Kaiserstraüe 67/69 Rainer. Wien VI, Dürergaase 4 wie sie kein jüdisches Theater samt und sonders im Ver« mögen hat. ( Und die bestimmte Person ließ auch nicht lange auf sich warten und erschien heute in aller Frühe. Das war ein frischer, gewaschener und rasierter Engländer mit ungefaßtem Einglas, mit goldenen Zähnen und mit sonderbar langen Fingernägeln. Zusammen mit dem Engländer kam noch einer, der Reporter einer großen englischen Zeitung, ein durchtriebener Geselle mit lächelndem,' ein wenig rötlichem Gesicht, der alle Sprachen spricht, selbst Jüdisch. Dem Namen nach, dessen sich der Reporter bediente, Archibald Boverles, und nach seiner ausgezeichneten englischen Aussprache, mit dem th auf der Zungenspitze und mit dem rh auf dem bloßen Gaumen, könnte er ein echter geborener Amerikaner sein, ein echter yankee. Aber der Nasenrücken, der Glanz des Haares und überhaupt die Augen (o jüdische Augenl) schrien. Wer mir Archibald. was mir Boverles, sagt, daß man mich Artsche Berls ruft und bastal Die beiden gentlemen, kaum waren sie eingetreten, hatten sich hingesetzt, die Hosen bis zum Knie hinauf« geschoben, die breiten Nasen ihres bequemen amerika* nischen Schuhwerks zeigend, und man ging sogleich an die business. Der das ungefaßte Einglas trug, sprach wie ein Mensch, dem man erst heute zwei Backenzähne heraus» gerissen und Watte eingelegt hat; und der lächelnde Archibald Boverles übersetzte ihn in Jiddisch. Der Inhalt der Rede bezog sich auf den Vorschlag, sogleich auf die englische Bühne überzutreten; die erste Zeit könne er seine Rollen in Jiddisch spielen, bis er die englische Sprache plenty erlernt habe; und es wurden Rafalesco solche Bedingungen geboten, daß ihm fast schwindelte. Trotzdem hatte unser Rafalesco so viel Verstand und Blick, sie kaltblütig anzuhören und zu erklären, er brauche vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. „Allright", rief der Gentleman mit dem ungefaßten Einglas und erhob sich, um zu gehen, und der Reporter mit dem lächelnden Gesicht warf Rafalesco auf Jiddisch hin: „Jehudi lbeoj! Losst nischt durch dem sluzej, ss' a — fetter reger*. . . god byel" Das war Nummer eins. Das Zweite, das unseren Helden nachdenklicher als sonst machte, war Rosa Spiwak. Was hatte sie veranlaßt, ins NickekTheater gerade am ersten Tag seines .Auftretens zu gehen? War es ein einfacher Zufall oder hatte sie die New Yorker Zeitungen gelesen und erfahren, daß es sein, * Rafalescos, Benefice sei? Wenn so, warum ist sie dann davongelaufen nach dem zweiten Akt? Und ist das wahr, was Henriette er* zählt, daß Rosa und ihr aristokratischer Kavalier Grischa Stellmach in der Loge saßen, einander ansahen und lachten, während, er, Rafalesco, seine ernste tragische Rolle durchführte? Es ist wahr, gestern war er ein wenig schwach in seiner Rolle, aber zum Lachen war kein Grund, und dazu noch in den ersten zwei Akten, die doch mit dem größten Erfolg abliefenl Ach, wieviel würde er von seinem Leben hergeben, könnte er all das erfahrenl Wäre es zu einer andern Zeit, dann würde er nicht ruhen, bis er sich einen Weg gebahnt hätte, bis er sich schließlich zu der durchschlagen würde, nach der er sich so viele Jahre gesehnt hat, derentwegen er eigentlich hier ist. Jetzt aberl . . . Und hier kommt Nummer drei. Das ist dieser Scholem Meir Murawtschik mit seiner guten Nach« rieht und mit seinem Masel Tow. Der Tod seines einstigen guten Freundes und Käme* raden Holzman, mit dem er aus seiner Heimat geflüchtet ist und mit dem er, man kann sagen, seine besten Jahre zugebracht hat, mächte' ihm, abgesehen von allem, einen fürchterlichen Eindruck. VJuda, aufgepaßt! Laß den Elefanten nicht aus, es ist ein fettes Aas. ■* (FortsetäBong folgt.) Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker, m Druckerei- und Verlags-A,-G. Iguaz Steitunana, beide Wien, IX« Universitätsstraße 6—8.