Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 182 (13.3.1931)
- Date
- 1931-03-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2711613-2711790-2711801--2395-2715684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seife 12 DIE NEUE WELT Nr. 182 H Obel »f bequeme Tellzahlangen bis 18 Monatsraten im Tischler- und Tapezierermöbelhaus Joief Dreikurs Wien, XX., Wallensteinplatz 3 und 4 Gegründet 1885 Tel A-42 4-32 Großes Lager in einfachen und modernen Schlaf- und Speisezimmern, Kuchen' und Vot Zimmereinrichtungen illlllllllfiiii.; Ol« besibewährte unschädliche NUSS 1 HAARFARBE" WESENA türbt echt, naturgetreu und dauerhaft ton blond bis schwarz Ueberau erhältlich & und S 3.50 W. SEEGE«vW!en XV, Wurt bachgaise 1» wmm EINLOSUNG oTld SILBER PLATIN Q. A. SCHEID wun VI, Oumptjndorlaratr. 8S Wieu I, Frant-Josef« Kal 49 Wien VII, KaiserotraUe 67/69 Rainer Wien VI. Dfiwgässe 4 ällllllllllllllllllllllltlllllllltllllllllllllllllMllllllllllllllllllllll» BEI BESTELLUNGEN BITTE SICH AUF .DIE NEUE WELT« 2U BERUFEN I .PHÖNIX' | liegrlindat 1882 | Lebensoerslcherunss i Gesellschaft | Zentredirektion: WIEN I., Riemergasse Nr. 2 | s tasidieiungsiwtanD per Milta 1930 2450 MiHinm SdriHiaq s .odtlngeztMtti Ifctienxapitai 4.000.051— Scftiilina; s s Prämienmi tatinnahmin in Jih» 1929 125 MiliiMin ttillinp s laranffemifta per Ende 1929 390 tfffiifftfa Mffllino s s HamWüngw an fersWirtt im Jahre 1S29 3111 MilliMtn SAillhig 5 s Tätigkeitsgebiet: Uesterreicli, Oeutsches Reich, Frankreich, s s Belgien. Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische § s Republik. Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- § s land. Türkei Aegypten und Palästina s niiiiiHiiiitiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiKifiMitiHi? Copyright 1928 by „Die Neue Welt*«. Wien. 0 Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. Denn' ich, wenn ich mit paar Worten an den jungen Mann komme, so wird das sein wajomer — und er hat gesprochen, el — zu, mojsche — zu Mojsche, lemor — sprich wie folgt. Ich, versteht ihr mich, hab nicht gern zigele -r bigele und ein Akteur mit einem Akteur, das ist ein ganz anderes Verhältnis. Bei mir, versteht ihr michy wird er ganz anders tanzen. Ihr meint, weshalb ich das eigentlich mache. Aus nichts anderem als aus Mitleid. Ich hab Mitleid mit eurer Tochter und ich will, daß ihr Kleines — mir ein so gutes Jahr, was für Kleines das ist — einen Vater habe, sonst will ich nichts, Gott soll mir so Glück geben und Gute Verrichtung." Scholem Meir Murawtschik begnügte sich nicht nur mit Worten. Er hat ein Prinzip. Ist er jemandem ergeben, so mit Kopf und Seele und Leib und Leben. Er konnte es nicht mitansehen, wie die alte Sore Broche immer wieder ein Bund Holz oder einen Kübel Mist trägt. „Laßt es mich, ich werd' euch zeigen, wie man Holz trägt, daß es euch. scheine, es sein kein Holz, sondern Federn." Oder: „Nicht so nimmt man einen Kübel Mist. Einen Kübel Mist packt man so an . . ." Ebensowenig konnte er es leiden, daß sich Sladke mit dem Kleinen ganze Tage und ganze Nächte abmüht. Es ist wahr, er selbst hat noch nie Kleine gehabt, Gott geb's auch weiter, dafür aber hat er eine Schwester, zwar nicht wenig arm, aber kinderkriegend, daß es ein Schrecken ist. Sie hält sich an die Mode des „Zweikinder« Systems" und hat jedes Jahr Zwillinge. Deshalb ist er so erfahren in den Dingen. Er weiß sogar ein Mittel, daß ein Kind aufhöre, zu schreien. Und so, nicht lange überlegt, nahm er Sladke das Kind aus den Händen, das in diesem Augenblick mitten im richtigen Schreien war, und schwenkte es rasch rechts und links, hinauf und hinab, so daß das Kleine, wirklich verstummte,, dafür'aber fiel Sladke vor Schreck fast das Herz aus dem Leibe. '. ' 1 ' Ihrem eigenen Bruder hat Sladke in ihrem ganzen Leben nicht ein Hundertstel' dessen geoffenbart, erzählt, was sie diesem Murawtschik offenbarte. Ihm hat sie das anvertraut, was sie nicht einmal ihrer eigenen Mutter an« vertraute. . ■ '. ,' Das war an einem Vormittag, da Sore- Broche auf dem Markt war zum Dinner einzukaufen, und Sladke mit Murawtschik r allein zurückgeblieben war.. An jenem Vor* mittag war Sladke seltsam aufgeregt. . „Ich hab an euch eine Bitte", sagte sie ihm mit ge* brochener Stimme und bereute es auch schon. Aber da begonnen, •— verfallen. „Was für Bitte, Kätzchen? Für dich ins Feuer und ins Wasser." Mit zitternden Händen zog Sladke aus dem Busen ein gelbes Tuch, darin irgend ein Ding gewickelt war. Dieses „Ding" war ihr vom'Bruder zurückgeblieben. Er hatte.es: ihr übergeben, eine Stunde vor seinem Sterben, ihr. mit unzusammenhängenden Worten eingeschärft, „darüber zu wachen, wie über den Augapfel, daß kein Vogel etwas davon erfahre, nicht einmal die Mutter". Bei diesen Worten ist Holznian in' Husten geraten, in Agonie verfallen und hat nichts mehr sagen können. , Da Sladke das „Ding" ihrem neuen Freund über» geben hatte, fühlte sie, daß ihr ein Stein vom Herzen gefallen sei. Sie sagte zu ihm: „Ich geb euch dieses Tuch — unser ganzes Leben. Ich vertrau' euch meine Seele an. Nehmt das und tut damit, was ihr wollt, wenn ihr mich nur zu ihm bringt, so wie ihr gesagt habt." Weiter konnte die arme Sladke nicht sprechen. Ein ganzer Sturm war in ihrem Herzen losgebrochen und die Tränen würgten sie- Scholem Meir Murawtschik war so gerührt, daß er das Tuch nicht einmal aufknotete und es wie ein Jongleur in die Tasche gleiten ließ. Es kam auch schon die Alte und er konnte nur noch Sladke die Hand drücken und ihr sagen: „Seid sicher, Liebling, soll mein Name nicht Murawtschik heißen.'* Nicht später als am nächsten Morgen kam Muraw* tschik rasiert und von Kopf bis Fuß nagelneu angezogen wie ein Bräutigam zur "Trauung und sagte gut gelaunt: „Hört also, Muhme mein. Die Geschichte davon ist die: Meine business gehen gottseidänk viel besser als ich ge* hofft habe. Es ist ganz G*gut rundum. Nur das eine: man ruft mich nach New York. Wenn ihr allen Jammer vergessen und Freude auf eure alten Jahre haben wollt, dann macht keine langen Faxen und nehmt sogleich, wie sagt man, das Päckel mit dem Säckel, ich meine die Tochter mit dem Kleinen und vorwärts Mojsche»Mordche mit dem rechten Fuß. Ich mach einen Sprung um tiketts, Schiffskarten heißt das, und wegen Geld sollt ihr mit mir nicht sprechen. Wenn Gott helfen wird, werden wir abrechnen." > ......-> Sore Broche wechselte Blicke mit ihrer Tochter. Sie verstand nicht, was das für eine Art Bote war. Ah* scheinend ein Schlemihl — und nimmt soviel auf sich. Und vor großer Begeisterung wahrscheinlich rollten über ihr altes runzeliges Pergamentgesicht zwei Tränen' rund wie Bohnen herab. Kaum war sie im Begriff, ihres Sohnes gutem Freund zu danken, ihn zu segnen und ihm allerlei zu wünschen, wie er es ehrlich verdient hat, als er sich mit den Händen beide Ohren verstopfte und sich fort* machte, nicht einmal hören wollte. „Schön, schön, schön, einen guten Tag, ich lauf um Billette und ihr bereitet euch vor auf den Weg. Morgen fahren wir. Adieu!" „Kennst dich aus? Ein' Mensch wie eine Taube", sagte die Mutter zur Tochter, hob und senkte beide Hände und blieb mitten im < Zimmer stehen. „Ein Mensch wie eine Taube", gab die Tochter zu und beide gingen daran, sich für die Reise vorzubereiten. 67. Kapitel. Raifalescos großer Durchfall. Wir haben unsern jungen Helden Rafalesco in ■ der Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt mit der - Primadonna Henrietta Schwalb zurückgelassen, die unter Gelächter zu ihm in die Garderobe hereingestürzt kam, gerade in . jenem Augenblick, als er vom barber erfahren . hatte, daß sich Rosa Spjwak im Theater befinde. „Eine Komödie mit unseren uptetwner aristokrati« sehen Kollegen, eine Komödie, ein Vaudeville, chachacha, weißt du, sie sind doch geflüchtet, chachachal" Rafalesco, der im Begriff war, aus der Garderobe hinauszulaufen, ohne selbst zu wissen wohin, kehrte um, als er Henrietta begegnete, und warf mechanisch die Frage hin: „Wer ist geflüchtet?" Henrietta versetzte ihm ganz toll einen Stüber in die Nase, „ Du grüne Stachelbeere, die du bist! Weißt du gar nicht, was für hohe Gäste wir hier hatten? Grischa Stell» mach und Rosa Spiwak. In der Loge Nr. 3 sind sie ge* GRABSTEINE f RIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, /. Bet„ SeUenaieHengasee 2, Telephon V-28-1-28 XL Zentralfttedhot, neb. d. 1. Tor, Telephon U*18 0-85 \ —*I»W9 «g'^r J«rtywy»g rr*;s •*•<:»*" «^W^ffWßi fiMHHHHH RADIO in eleganter Kofferform tür Radio und Schailplatten, spielt überall ohne Antenne, ohne Erde so wie alle modernen Netzempfänger. Radio-Apparate mit Auslandempfang, Radio-Bestandteile. Kredit bis 20 Monate. 10°/„ Anzahlung, l°/„ Kreditspesen pro Monat. Freie Besichtigung von 8 bis 6 Uhr. Kein Kaufzwang R llaf EP BP V% aller Art sowie sämtliche 1 II %T|l JLM> Beleuchtungaartikel mß m Mal B^fc zu billigsten Preisen Koffer apparate Loxbs Apparate, Sdiailplalten von S 2- Die neuesten Schlager in größter Auswahl sowie Mandolinen, Gitarren, Harmonikas, Lauten Violinen, Zithern, Blasinstrumente, erhalten Sie für S 2'50 Wochenraten Rodlo-NoslKhoiis Schlesinger Wien, 7. Bes., Burggatte 122-124 sessen, die Nachbarloge von der Direktionsloge. Wir haben uns miteinander bekanntgemacht. Es gefielen ihr meine braceletts. Ich hab' ihr gesagt, daß es ein Geschenk ist von dir, sie hat sich erkundigt, woher du bist." „Was hast du ihr denn gesagt?" „Was soll ich ihr sagen? Ich hab ihr gesagt, daß du aus Bukarest bist, chacha, die rumänische Königin, chachacha, man kann sterben vor Gelächter. Aber das ist nichts dagegen, wie sie vom Theater davongelaufen sind. Wer sie laufen gesehen hat, der hat nichts Schöneres gesehen, chachacha!" Rafalesco begann sich den kalten Schweiß zu wischen, der ihm auf die Stirn getreten war, und fragte so kaltblütig wie möglich: „Warum haben sie eigentlich davonlaufen müssen?" „Es hat ihnen wahrscheinlich bei uns nicht gefallen, chacha. Solche Aristokraten! Kleinigkeit, ich-hab die ganze Zeit nachgeschaut, wie du gespielt hast, das Paar ist da gesessen und hat gelacht, chachacha." In der kläglichen Geschichte unseres Helden und der Primadonna Schwalb gab es verschiedene Momente. Es gab Zeiten, da er sie haßte wegen ihrer Beschränktheit, sie nicht ansehen konnte. Es gab Zeiten, da er ihr ihre Dummheit verzieh, alle ihre Capricen ertrug' und zu ihr freundlich war . . . In dem Augenblick, den wir jetzt be* schreiben, ging sie ihm so an die Nerven, daß er sie nicht nur haßte — er war bereit, sich auf sie zu .stürzen, sie mit beiden Hähdfen an der Gurgel zu packen und zu würgen oder ihr den Mund mit einem Taschentuch zu stopfen und sie zu ersticken, wie Shakespeares Othello Desdemona erstickt — so sehr wallte das Blut in ihm. Und es pochte ihm. mit zehn Hämmern in den Schläfen und seltsame Ringe von allerlei Farben schwirrten ihm vor den Augen, es zuckte ihm in der Nase und die Zähne knirschten leise im Mund. Ein Tier, ein wildes, gereiztes Tier war in ihm erwacht. Man hätte stärker als Eisen sein müssen, man mußte wirklich ein Held sein, um das . ertragen zu können, was Rafalesco in diesen wenigen » schweren, schweren Minuten erlebte. Und Henrietta war schon lange nicht, so aufgeräumt wie an diesem Abend. Sie warf sich in Rafalescos Stuhl gegenüber dem Spiegel, lehnte den Kopf zurück und im Spiegel auf ihre weißen Zähne blickend, platzte sie. in ein solches Gelächter los, daß der . barber sich dachte: wenn •es zu wenig sind, habt ihr da noch eine Verrückte! „Nein", kaute Henriette noch einmal wieder, „man hätte sehen müssen, wie die Zwei sich am Arm faßten und marsch*marsch aus der Loge durch den ganzen 'Korridor direkt hinaus zum Automobil, und das Publi* kura: Bravo Spiwak, Bravo Stellmach! Eine reine Komödie, ein Vaudeville— chachacha, chachacha!" i „Hurry up, der dritte Akt kommt", rief , ein hoch» gewachsener gentleman aus, steckte den Kopf zu Rafalesco in die Garderobe hinein und zeigte, daß er ein Vogelgesicht ohne Spur von Brauen an , den geröteten Augen habe. Das war der Regisseur des NldceLTheaters, der achtgibt auf den. Auftritt der Schauspieler, daß er zur Zeit erfolge. Das „Hurry*up" hörend, stand, unsere Primadonna auf und befreite den Stuhl und Rafalesco setzte sich mit gesenktem Kopf für den barber hin, der an seine Arbeit ging mit dem ganzen Ernst eines Künstlers, der weiß, was er zu tun hat. Rasch wurde die Perücke festgemacht, das kleine Bärtchen aufgekämmt, hier ein Strich, dort ein Streifen, und Uriel Acosta stand wieder zum Auftritt auf der Bühne vor dem Publikum bereit, das sich schon ein wenig beruhigt hatte und auf den Gastrolleur wartete, auf den jungen aufgehenden Stern Leo Rafalesco aus Bukarest, (Fortsetzung folgt.) Eigentümer. Verleger. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. — Druckerei- und Ver<8£9»A,*G. Igmt Steiuraana beide Wien. IX. UoiversJtätsetraße 6—8,