Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 181 (6.3.1931)
- Date
- 1931-03-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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f Seifei Ii DIE NEUE WELT nt.m GRABSTEINE FRIEDLÄNDER * DEUTSCH Wien, I. Bet., Seitenstettengässe 2, Telephon V-28'1-28 XI« Zenitalftiedhof, neb. d. f. Tor, Telephon V'18-0 85 RADIO in eleganter Kofferform für Radio und Schallplatten, spielt liberall ohne Antenne, ohne Erde so wie alle modernen Netzempfänger. Radio-Apparate mit Auslandempfang, Radio-Bestandteile. Kredit bis 20 Monate. W% Anzahlung, l°/0 Kreditspesen pro Monat Freie Besichtigung von 8 bis 6 Uhr. Kein Kaufzwang ■ ■ ■ 4» W ff» fffe aller Art sowie sämtliche LUITED Bateuchtuitgsartikcl Bei mmy mW m mm eTO zu billigsten Preisen Kofferapparate Läxns-Apparate, Sdiillilatten «ob S 2 - Die neuesten Schlager in größter Auswahl sowie Mandolinen» Gitarren, Harmonikas, Lauten. Violinen, Zithern, Blasinstrumente» erhalten Sie für S 2*50 Wochenraten Radio-HuslKhnus Schwer Wien, 7. 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Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechens S land, Türkei Aegypten und Palästina | I?iiiiitiiHitntiiiiitiiieiiiiiiiiliifuiiiiiiiiiittiitiitiHiitiniM»«it>r Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. ee Nachdruck verboten. Roman von Schafom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. R b s e n h a 11. Seltsames Ding um diese Zwei. Na, von Sladke nicht 2U reden. Sie, Sladke, lag in hämmerndem Schmerz, es sei zu Ende, hatte vom ■ Leben schon Abschied ges nommen, fast den Todesboten vor sich gesehen, aber als sie den ersten Laut des zur Welt gekommenen Wesens hörte, bat sie, ihr zu bringen, was geboren wurde. Und vom ersten Augenblick an, da sie es sah, war in ihr das Gefühl grenzenlosen Mitleids für das Geschöpf aufge« stiegen und im Nu verging ihr jeder Schmerz, schwanden alle Wunden. Wo war die Schande hingeraten, von der sie früher glaubte, sie werde sie nicht ertragen können? Wo war der Wunsch hingeraten, daß sie jemand in der lärmenden Hölle, die London heißt, .überfahren möge, um nur ein« für allemal die Schande, loszuwerden, die ihr 4yie fürchterliche Wolken mit aller Macht entgegenzog? Alle Gedanken und alle Gefühle waren dem einzigen- Ge« danken, dem einzigen Gefühl: gewichen, daß sie Mutter sei. Wenn es hier wen zu'bewundern gibt, so ist das die alte Sore Broche. Für sie war es ja doch wie. ein Donner mitten am hellen Tag, als wären zehn Mauern auf sie eingestürzt, als hätten hundert Kanonenschüsse sie mitten ins Herz getroffen. Es war gerade zu > jener Zelt, da sie mit ihrer Tochter die sieben Trauertage nach ihrem Sohn absaß. Ihre Augen waren schon lange ausgetrocknet, die Tränen» quelle war* schon lange versiegt und eine seltsame Leere war in ihre Herzen' eingezogen, furchtbare Betrübnis und Trauer hatten'ihre1 Seelen; erfaßt „Heute ist der-sechste Tag", sagte die Mutter zur Tochter, „übermorgen mit Gottes Hilfe stehen wir schon auf. Was werden wir tun? Wohin werden wir gehen? An wen werden wir uns . wenden?" Die Alte war schon nahe daran, wieder einmal lose /.uweinen, als die Tochter ihr plötzlich um den Hals.fiel, die Mutter umfaßte und küßte, schrecklich rot wurde, «ich mit ' beiden Händen an den Bauch griff und -herausschrie: „Mut—terl Rette *~ ich bin verlorenr „Gott ist:mit dir, Tochter,• ein Donner hat mich .getroffen—was ist dir? Was ist dir?" Die Töchter begann die Hände 2u ringen, sich immer wieder an den Bauch zu greifen, sich an den Kopf zu schlagen, sich den Körper wundzureißen und fort* während laut zu schreien; " ' „Mutterl Ich bin verloren;" ' Es geschah ein Wunder. Öder es war vielleicht der Instinkt einer Frau und einer Mütter — diejalte Sore Brosche legte rasch den zerrissenen Kragenmantel um, vergaß die Schande, vergaß alles auf der Welt, lief*zu einer Nachbarin, zur anderen, fragte sich zu einer Heb* amme durch — und nach einer schweren Nacht, in der ihre Tochter, ihr Einziges, mit dem Todesboten rang, zwischen Leben und Tod schwebte, beglückte Gott sie schon im Morgengrauen — mit einem Enkelkind..» Zermartert, blaß, ausgezehrt lag Sladke im Bett. Die aufgelösten schwarzen Haare lagen über dem weißen Kissen ausgebreitet. Ihr spitzes Naschen war noch spitzer geworden. Die Augen irrten umher, blieben immer wieder am Fügendehalten,, wo, in ein Leintuch gewickelt, ein lebendiges Wesen zappelte und ruderte. Sie lauschte neugierig, wie,rtes pfauchte, piepste,' miaute, rauschte, gleich einem Kätzchen,. Jung und schön war^die-/Gesegnete. Das Gesibljt kindlich, blutjung. Die, Händc^e.n .klein, pie Brust , hart und mädchenhaft, und alles zus^mmea ergab die bittende Klage; „Jüdische Kinder, o :^eh,, bin nodinlcfir-'ac^t« zehn Jahre alt!" .;,"?.. j; Ganz anders sah Sore Broche aus. Die alte Mutter hatte :die Aermel bis zu den breitknochigen Ellenbogen hinauf geraff t,ließ; die weggehenden, .auf gequollenen Adern ihrer breiten, dürren ..Hj^ide sehen, das .Kopftuch hinter die' Ohren gerUckt^ bisac^cr ein, schweres, hplzernes Schaff herbei, in dem .Wäsche gewaschen wird, stellte Wasser zu, um das Kind zu; jjaden, und schimpfte und fluchte auf die Stadt London und ihre Einwohner, was das Zeug hält. . . „•. Eine-Stadt,-versinken soll, sie, der Hof verbrennen soll er, Nachbarn auf keinem guten Ort sollen sie stehen, daß unter Juden kein Mehltrog zu finden ist 1... Kurz, die Alte war in ihrer Mutterrolle, als hät,te sie sich schon lange darauf vorbereitet, wewußt, was geschehen werde..V ■••; Was wollt ihr euch Gedanken machen! Gewiß war ihr Schmerz groß genug und ihre Schande doch gröjß^r. Würde sich hier ein Grab öffnen, sie spränge hinein.. Aber was soll, man tun! Sie wird sich doch nicht jetzt hin« setzen und ihrer Tochter Vorwürfe machen, die" soeben eine so große Gefahr überständen hat. Soll nur der Oberste helfen, daß sie gesund!, auf steht, wird sie,- macht nichts, sie tüchtig hernehme^ sY/ie sichs gebührt. :Sie; wird schon anpacken, sie bis zum letzten .Rest .hernehmen. Sag nur, Tochterleben, wieso und wann und wo' und.*', von.wem? Verfinst.ert und verwüstet sindiwir berae ge* worden — was werden wir tun, wohin werden wir/gehen, an wen werden wir uns wenden? Das alles wird später geschehen, Später, nicht jetzt. Jetzt muß man zusehen, sie aufzufüttern, ihnen zweimal im Tag eine gute Suppe aufstellen . . .. eine Wöchnerin, ein Erstling;—- ein DÖnner' hat sie erschlagen . »\» und das Kind? Was ist das Kind schuldig? 'Gott! die fSeele. Ein lebendiges Wesen. Mitjejd , .mit allem Lebenden. Wenn es selbst sich'. fortmachte, würde es 'gewiß ■ etwas Vernünftiges tun. Aber hingeben und es erwürgen ~; das nicht. Gehört, man doch, zu den, Juden, oder nicht?. Ein Stückchen Glück wenigstens,: daß ein Mädchen geboren wurde, kein Junge; Keine Beschneidungsfeier notwendig, eine Schande weniger. Und" ausgerechnet ein gesumies Mädel, kein böses Aug, ein'festifcs Fräulein, und schön'ist das, und wirklich ein "Spaß. Alle Nachbarinnen : sagen, daß sie schon lange kein'- solches Kind gesehen halben, Nach wem ist es geraten? ' „Nach wem? Nach dein Vater':, sagt ihnen; Sore Broche. Er ist ein schöner Kerl, ein Schneider, in Amerika ist er. . , V/o Sore Broche fühlt ihr altes Gesicht vor Scham brennen. So viele Jahre gelebt und im Alter eine Lügnerin geworden! Ach und Weh ihren grauen Jahren und Jammer auf ihrer Feinde Köpfe. Krepieren sollen sie alle für ihr Kind, mit jenem dort zusammen! Bfl BESTELLUNGEN BITTE SICH AUF ,DIE NEUE WELT' ZU BERUFEN I lllllilltlllllllllllllllllllllllllllllllllllilifllllil EINLÖSUNG VON Q O L D S I II I R PLATIN G. A. SCHEID WISN VI» aumpendorleretr. SS Wien I, Franz-Josefs-K«! 49 Wien VII, KafserstraSe 67/69 Rainer. Wien VI. Dürergasse 4 Habel aal lepneTeflzaMongen Iiis 18 Monatsraten im Tischler- und Tapezierermöbelhaus Josef Dreikurs Wien, XX., Wailensteinplatz 3 und 4 Gegiündet 1885 . Tel A-42 4t32 Großes Lager in einfachen und modernen Schlaf- und Speisezimmern, Küchen' und Vot Zimmereinrichtungen Die b e s t b e wlh r t e unschädliche NUSS ii/cc :riu A" HAARFARBE/rW'.CO >fcNA fSrbt echt, naturgetreu und dauerhaft von blond bis scnw.au ,, Ueberau erhllitHch » 2 - u«<l *> W. SEE GE«, Wien XV, Wursbactigasse 19 Wen die Alte mit „jenem dort" meinte, das ist nicht schwer zu erraten ... Das Schöne ist nur, daß Sladke schon vom Kindbett, aufgestanden ist, sich schon im Zimmer herumschleppt — und Sore Bräche sie noch immer nicht bis zum letzten Ende hergenommen hat; Es war ganz und gar überflüssig. Erstens . das. Kind, ein Würmchen. Man muß es baden — was versteht denn Sladke? Was ist da zu sagen, sie ist ja selbst ein Wickel1* kind! Und zweitens dieser heisere Schlemihl. ihreB'Sohnes guter Freund Scholen»' Meir Muräwtschik, der jetzt, 'gtän* diger Gast bei ihnen im Hause geworden ist, zweimal täglich zu kommen pflegt und der alten Sore Broche einen Plan vorgelegt hat, wie sie von aller Not und Schande befreit werden soll. Er will bewahre nichts dabei. Im Gegenteil, er tut es nur aus . reiner Gutfreundschaft zu ihr und zu ihrem Sphn, er ruhe in Frieden^ der sein bester und einziger Freund gewesen ist — „Gott soll ihm so Glück geben und gute Verrichtung". . ' 66. Kapitel. Ein Mensch wie eine Taube.; Anfangs hat unser Murawtschik — möglicherweise —- wirklich nichts beabsichtigt. Die Nase iri; des Änder^ Teller' stecken, gewahr werden, wonach : es dort, riecht und dem Andern mit einem Rat dienen -—'das ist eine jüdische Angelegenheit. Nur daß j Scholem Meirs Nase ein bißchen zu ' scharfes Gerüchsver* mögen hat. Wozu ein . Anderer ' vielleicht ' Wochen und vielleicht 'Monate braucht, wird euch Muraw» tschik in einem Tag ,. herausbekommen. . In. diesem Menschen steckt eine Kraft — sbgleiclv ist :er . euch „ein guter Bruder und ihr werdet euch ihm anvertrauen wie dem Nächsten, erzählen, was bei' euch unter dem Fingers nagel steckt. Nicht nur' die alte Sore Broche, sogar , dje schamhafte Sladke. horchten ihm vom Munde ab, lauschten seiner heiseren.,Stimme und .seinen Worten,-die .sich ihnen wie Baumöl ins Herz gössen: Er-sagte zu ihnen:: „Was "soll ich euch tun; wenn ihr, 'Muhme meine, eine Frau von der alten Welt seid' und eure Töchter ein Schäfchen ist?' Fragt, mich, werd ich euch akkurat sägen, was hier, vorgeht. Ich werd'-es euch lesen wie aus einem Buch. Ich. kenne meine Leute, versteht ihr. mich, durch und durch. Bin ich doch -selbst. ein Stück Schauspieler. / Der Kerl, soweit ich ihn aus der Heimat kenne, noch aus Holeneschti, ich erinnere mich an ihn sogar im Schlaf, ist ein junger Mann, soll ich ein solches Jahr haben. Er ist nur allerdings weg nach Amerika, doch die Stiefel auss gezogen und an: des' „Sei 'gesund" vergeSseh.* •:Wie i' sagt man bei uns: „Dali otschi, doli srdeel" Besteht aber in Amerika ein Paragraph," demzufolge, wenn ein junger Mann so etwas anrichtet, wofür ihm ein „Brav" auf die Wange gebührt, (bei diesen Worten wirft er einen Blick auf das Kleine bei Sladke . auf dem Schoß und Sladke wird rot wie ein Krebs und läßt die Augen sinken) mit ihm keine langen Faxen gemacht werden: 'eins —- zwei -— drei — und ich sage ja zur Heiligen da, bin ihr nach, oha [ und ba ... und vielleicht bewahre, sagt er -'nein', gibt's dafür ein Loch, dort nennt man das KunkeUMunkel oder sigsing, ich weiß es, obwohl ich dort noch nicht, war, ich ,'geh erst dorthin, ich hab dort, versteht ihr michi mit. einer berühmten Sängerin, einer Primadona business, die, wenn sie mir geraten, ein Segensspruch auf Honig und einen solchen Hut voll Gold —Dollars nennt man das bei ihnen. Dollars müßt ihr. wissen, sind eine gute Münze- Für einen Dollar bekömmt man. bei uns so viel wie; zwei Rublonim . . . Was also heißt das hab ich euch sagen wollen? Ja. Wenn fahren, dann sollen wir zusammen fahren (Fortsetzung folgt) Eigentümer. Verleger, Heraasgeber and verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. VerU*$»A^a Igus Stelvnuwt beide Wien, IX. UnlvexeititMtrele 6-4 Druckerei* und