Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 179 (20.2.1931)
- Date
- 1931-02-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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r Seite 10 Gibt es judisdie iviiiyn * Wir erhalten vom bekannten jüdischen Komponisten und Musikschriftsteller Joachim Stutsehcwsky nachstehende Zuschrift: .,Dic Wa hr h ei t", das Organ der Union dcutschüsterreichischcr Juden, bringt in ihrer Nummer \um 6. Februar audi eine Kritik über das IV. Hebräische Konzert im großen Konzcrthanssaal, ganz klein, in einer Ecke versteckt, ohne Unterschrift. Ich möchte dem Herrn Musikrcferentcn dringend empfehlen, seine Bestheklemheit zu überwinden und seinen Namen zu nennen. Erstens sichert er sidi dadurch Unsterblichkeit, dann erweist er der Musikwissensdiaft einen großen Dienst. Während nämlich die Musikforscher bis heute noch kein System besitzen, um aus der melodischen Linie oder der rhythmisdien Gestalt einer Volksmelodic mit schärfster Präzision ihren wahren Charakter und ihre Volkszugehörigkeit genau zu bestimmen, hat der Herr Referent scheinbar ein solches, welches es ihm ermöglicht, schon beim erstmaligcn Hören die feinsten Differenzierungen der Volksmotive vorzunehmen. Uobcrlegen »teilt er fest, daß das „hebräisdie Konzert" eine Falschmeld u n g" war. „Aber, liebe Ziomisten, was, außer (im Original gesperrt) der Sprache der Liedertexte, war an diesem Konzerte hebräisch? Wo in aller Welt sind in Wolfsohns Suite oder Brandmanns Symphonie hebräische (im Original gesperrt) Motive zu finden? Doch bestenfalls russisch-jüdische oder polnisch-jüdische Motive!" Toll frage in einerseits: Ist dies nicht eine Anmaßung?! Nein, nicht das Konzert, seine Behauptung ist eine Falschmeldung, die geeignet ist, Unwissende falsch zu orientieren. Oder gehört er auch zu den Unwissenden? Dann, bitte, bin ich gerne bereit, ihnen zu zeigen, daß das Brandmannsche Werk einige lieh räi sehe Motive enthält und noch mehr, daß die Lieder von Kroin, Engel und Miluer weder russischjüdische noch polnisch-jüdische Motive verwenden, sondern daß diese Lieder Werke von eigener Potenz, eigenem Blut und Geist .sind. Es ist ja sicherlich eine Kühnheit, daß jüdische Musiker eine ihrem Wesen und Empfinden entsprechende Musik zu schaffen wagen und ihre Werke ajs „jüdische Musik" deklarieren. Die Musik wiird jedoch nicht nach den Worten, sondern nach den inneren Werten beurteilt. Und wenn Ihnen, liebe Unionisten, das Organ hu'efür fehlt, dafür kann die jüdische Musik nicht verantwortlich gemacht werden. Vielleicht nehmen Sie ein paar Artikel in der „Neuen Welt" zur Hand? Z. B. „Jüdische Musik für Klavier" oder „Musdk und die Juden". Aber ich bin Ihnen gewiß zu zionistisch, zu jüdisch. Aber einem Nichtjuden pflegen Sie doch sonst mehr Glauben zu schenken. Lesen Sie: „Die nationaljüdische Schule in der Musik" von Leonid Ssabanjen (Universal. Edition), ein russischer Musikkritiker, oder „Die Jüdische Musik" von. Dr. Lauko (Bratislava). Der Musikreferent der „Wahrheit" belegt seine Auflassung mit der Frage: „Wird Wagners Lohengrin dadurch, daß diese Oper mit unterlegtem italienischen Texte aufgeführt wiird, zu einer italienischen Oper?" Neiu! Sie bleibt also deutsch. Ich ziehe ein anderes Beispiel heran: Wind Verdis Oper mit unterlegtem deutschen Text ein<e deutsche Oper? Nein! Sie bleibt italienisch. Daraus folgt logischerweise, daß -wenn die Lieder von Krein, Engel, Milner mit deutschem oder russischem Text gesungen wären, ihre Musik auch dann jüdisch bleibt.'Das paßt Ihnen nicht? Bei den Deutschen, Italienern ja, hier stimmt's. Aber bei den Juden?! Wie kommen die Juden zu einer eigenen Musik? Auf einer russischen^ Landstraße wandern zwei Burschen, stark angeheitert, und streiten heftig, ob der Mond oder die Sonne gerade am Himmel steht. Jeder bekräftigt seine Argumente mit ein paar Faustschlügeu. In diesem Augenblick kommt ihnen ein Jude in den Weg. „Jude, komm her! Der Jude weiß alles!" Zwischen die beiden gestellt, soll er die Frage entscheiden. Die Situation ist für ihn wenig günstig. Sagt er „der Mond", kriegt er Prügel von dem einen, für „die Sonne" vom andern. Er blickt eine Weile zum Hümmel und antwortet:. „Ich bin nicht aus .dieser Gegend". Meine Herren, Sie sind auch nicht aus dieser Gegend. Ich . .. ich bin aus dieser Gegend und kenne mich in ihr ausgezeichnet aus. Ich sage Ihnen: es existiert eine echte jüdische (ost jüdische und palästinensische) Volksmusik, eine vollwertige jüdische Kunstmusik.' .'.['[ Der Leitartikel der gleichen Nummer „Deutschland erwache!" schließt mit einem Satz, den ich, etwas variiert, hierher setzen mödite, „Gegen diese j ü d i s c h e Ignoranz gilt es nun den Kampf mit aller Vehemenz zu führen, Es gilt auch, jene Kreise des jüdischen Volkes, die seelisch und geistig tief darniederliegen, aufzurütteln und ihnen zu zeigen, daß sie einen falschen Weg beschreiten. Jude erwache! D;, .ist unsere „Wahrheit1'! Joachim S1 u 16 c -h e w 6 k yi DTE NEUE WELT_ _ realer, Kunst und ■ illlliillliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Li I e r a f ur* Jüdischer Kammermusik-Abend. Nach mehr als einem Jahr des Ruhens hat sich der „Verein zur Förderung jüdischer Musik" zu einer Veranstaltung aufgerafft, die der neuen jüdischen Kammermusik gewidmet war. Der zahlreiche Besudi bezeugte das Interesse für echte Kunst. Israel Brandmann, nach der Aufführung seines jüngsten Werkes „Hachahiz" im Mittelpunkt des Interesses, zeigte sidi in seiner Violin-Klavier- Sonate als ernster Musiker, der Volksmotive thematisch zu behandeln versteht, und glänz'e auch als ein das Quartett meisterhaft führender Geiger. In Joachim Stutschewskys drei Stücken aus der Serie „I. eichte Klavierstücke" läßt sidi trotz des Nichtvorhandenseins von Volksmotiven eine gewisse volkstümliche Motivik konstatieren, Sinn für jüdischen Melos und jüdisdien Rhythmus. Diese Stücke ebenso wie sein im Mittelteil reizvolles Tanzstück „Rikkud", das im Druck vorliegt, brachte Rita Kurzmann mit guter Einfühlung zu Gehör. Vom selten gehörten M. G n e ss i m kamen Variationen über ein jüdisches Volksthema für Streichquartett zur Aufführung. Aus dem Nachlaß von Joel Engel gab es bekannte Volkslieder und Volkstänze, die sehr geschickt und wirkungsvoll für Streichquartett und Klarinette gesetzt siud. Seine fünf Kinderlieder sang in jiddischer Sprache Maria B e r n e y mit guter Stimme und ebensolchem Verständnis. Der Abend kann als gelungen angesehen werden, eine zielbewußte Leitung zeitigt unbedingten Erfolg. o. r. Neues jüdisches Theater, Praterstraße 6o. Der jüdische Schausoielerverein veranstaltet am Freitag, den 20;, Samstag, den 21. und Sonntag, den 22. ds. drei Sondervorstellungen unter Teilnahme erst* klassiger Kräfte. Zur Aufführung gelangt das bekannte Werk von Sch. Anski: „Der Dybuk". Chassidische Stücke auf der Jüdischen Bühne. IL, Taborstraße 12. Diese Bühne bemüht sich mit Erfolg, chassidisches Leben auf die Bühne zu verpflanzen. Seit Wochen werden dort die Lustspiele „Chasene im Städtl" und „As der Rebbe will" gespielt, zwei Stücke, die das jüdische Volksleben plastisch behandeln. Man kommt aus dem Lachen nicht heraus. Das Programm für die nächsten Tage lautet: Freitag, 20.: „Chasene im Städtl". Samstag, 21.: „As der Rebbe will". Sonntag, 22.: 3 Uhr: „Äs der Rebbe will". 8 Uhr: „Weib und Geliebte". Montag, 23.: „As der Rebbe will". Dienstag, 24.: Sonder* Vorstellung. Mittwoch, 25.: „As der Rebbe will". Donners* tag, 26.: „Wie ein Mann liebt". 15 Jahre Wilnaer Truppe. Ende Februar feiert die berühmte W i 1 m a e r jüd isch e Theatertruppe das Jubiläum ihres 15jäihrigen Bestandes. Die Truppe hat aus diesem Anlaß beschlossen, das Jahr 1931 als Jubiläumsjahr zu proklamieren. Es soll ein Jubiläumsf onds zur För* derung der Entwicklung des jüdisdien Theaters gegründet und ein Sammelbuch herausgegeben werden. Ferner sollen Massenkundgebungen und Fest Vorstellungen im ganzen Lande stattfinden. Dem Jubiläumskomitee gehören die Herren Dr. K. Wygcdzki, Salman Reisen, Schalit, Dr. Ghaim Zytlowski, Dr. Max Weinreich und S. Sdiabad an. Das Berliner Gastspiel der Wilnaer Truppe. Seit dem 7. Februar gastiert in Berlin die von Alex Stein geführte „Wilnaer Truppe", die seit einigen Jahren in Wien ihr Domizil hat und von dort, aus .einige künstlerisch sehr erfolgreiche Gast* spieltourneen unternommen hat. Die ersten Vorstellungen im Berliner Wallner*Theater waren sehr gut besucht und von tiefer Wirkung auf das Publikum. Auch die B er 1 in er Kritik widmet dem Gastspiel viel Aufmerksamkeit. Der, Kritiker des „Berliner Tageblatt", Leo Hirsch, hebt in seiner ausfuhr* liehen Besprechung die Regie des Leiters und Stars des Ensembles, Alex Stein, hervor, zieht eine Parallele zwischen Amskis „Dybuk" und dem von der Wilnaer Truppe gespielten „Tag und Nacht" und schließt: „Es ist' Amskis,''des'früh verstorbenen Klassikers der jiddi*, sehen Dramatik, nachgelassenes Werk, dramaturgisch schwächer als „Dybuk", doch in der Fabel und im Wesen fast noch stärker. Arno Nadel hat es unter dem Titel „Die-Pest" übertragen. Hier wird es von einer Wilnaer Truppe original' gegeben, in einer stilisierten, eindrucks* vollen, technisch etwas unzulänglichen Aufführung, die zum Schluß verblaßt, aber gleichwohl mit Recht Beifall findet." Als weitaus besser bezeichnet Leo Hirsch die sonntägige Aufführung von Ossip Dymows lyrischem Spiel: „Der Sänger seiner Trauer". Der Kritiker der * „V o s s i s c h e n Z e i t U n g" schreibt u. a.: „Die Wilnaer Truppe, die zur Zeit im Wallner-Theater gastiert und am Sonntag Ossip Dyroows von Reinhardt her schon bekannte Küchenlegende in den Urtext übersetzte, verdient den Beifall ihres ebenso ursprünglichen wie kritischen Publikum?. Was für ein Glück, vor ihm zu spielen, was für ein Glück aber auch, gerade in diesen Tagen, nach einem tragischen Verglich, Reliefßtil in der Gehirnretorte zu erzeugen» wieder einmal Theater?u sehen, das ihn hat» ohne den Kontakt zur Volkskunst zu ver# Her eri" Der Kritiker führt dann noch „eine Reihe prachtvoller Leistungen" an. Per Kritiker der „Montagspost" schreibt zur Auf« führung von „Tag und Nacht": „Alex Stein, Truppenchef und Regisseur, ist auch ein Darsteller, der das Leuchten __ Nr. 179 der Würde und die Schauer des Verfalls durch ge» schlossene Charakterisierung übermittelt." Im „Vorwärts" schreibt Max Hochdorf: „. . . Die Wilnaer Künstler fesseln durch die ethno« graphische Treue der Darstellung, sie wollen dem Verständnis der Fernstehenden nichts erleichtern. Ihr Heldenspieler, der Truppendirektor Alex Stein, hat die Technik der Maske und Modulation imponierend entwickelt." Erste Enzyklopädie in jiddischer Sprache. In Berlin ist eine neue jüdische Verlagegesellschaft ins Leben gerufen worden, die die erste Enzyklopädie in jiddischer Sprache herausbringen wird. Die Enzyklopädie soll neben den allgemeinen Wissenschaften auch alle mit dem heutigen Judentum zusammenthängenden Probleme berücksichtigen. An dem Werke werden die bekanntesten Fachwissenschaftler mitarbeitet-.. Eine Prager Jadenchronik. Soeben ist der zweite Teil des Jahrbudis der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der tschechoslowakischen Republik erschienen. Als Herauageber zeichnet Prof. S. Steinberg. Das Jahrbuch enthält von Juden und Nichtjuden geschriebene Aufsätze über die Erlebnisse der Prager Juden von 1741 bis 1757. Der Jude im deutschen Kulturkreis. Unter diesem Titel ist im Berliner Thilo-Verlag ein Buch erschienen, das im Untertitel behauptet, ein Beitrag vom Wesen des Nationalismus zu sein. Der Verfasser Felix Goldmann setzt sich mit der nationalen Auffassung der Judenfrage auseinander und charakterisiert mit den Mitteln der Assimilanten die kulturelle Bedeutung Palästinas. Allerdings geht er in der Betrachtung des Judenproblems tiefer als die landläufigen C.-V.-Anhänger. An die Freunde des hebräischen Buches. Die Buchhandlung und Leihbibliothek M. Rath, IL, Taborstraße 20a, hat sich bereit erklärt, bei einer entsprechenden Anzahl von Anmeldungen sämtliche hebräischen Neuerscheinungen anzuschaffen. Freunde des hebräischen Buches, die dafür Interesse haben und bereit sind, die Abonnementsgebühr von S 3 monatlich zu entrichten, werden gebeten, dies (mündlich oder schriftlich) der genannten Buchhandlung oder dem Sekretariat des Chajes-Realgymnasiums, IL, Castellezgasse 35 (mit dem Vermerk „Leih* bibliothek"), bekanntzugeben. Judisdie Sport? und JHiiiiiiilli Turn Bewegung« Der jüdische Sport an einem Wendepunkt. Wir enhalten von einem bekannten jüdisdien Spontschriftsteller folgende Zuschrift: Die jüdische Sportbewegung, die in den ersten Nachkriegisjaihren in deu verschiedenen Ländern eine mächtige Entwicklung genommen hatte, ist auf dem toten Punkt angelangt. Heute kann man nicht mehr von einer jüdischen Sportbewegung sprechen. Ob in Wien, Prag, Budapest oder Warschau, auf der ganzen Linie ist es um den jüdischen Sport traurig bestellt. Wien, noch vor wenigen Jahren ein jüdisches Sporizentr um, zälhlt, bei 200.000 Juden, drei jüdische Sportvereine und drei Turnvereine. Der jüdische Sportverband Oesterreichs, der früher 18 Vereine umfaßte, hat seinen Betrieb einstellen müssen, weil sich ein Verein nach dem anderen aufgelöst hat. Dafür sind viele Hunderte jüdische Sportler im Arbeiterhger zu finden. In Budapest gibt es überhaupt keinen ausgesprochen jüdischen Sportverein mehr, und die einst weltberühmten V i v o-T u r n e r haben ihren Betrieb stark einschränken müssen. In Warschau und Prag fehlt dem jüdischen Sport der Nachwuchs. Wenn man noch bedenkt, daß sogar in Palästina eine aligemeine Flucht aus dem jüdischnationalen Sport eingesetzt hat, so kann man sich ausrechnen, wie es in kurzer Zeit in dieser Beziehung aussehen ward. Die Ursachen dieses Rückschlages: Der schwere Existenzkampf, den die Juden führen, und die Interesselosigkeit der zionistischen Organisationen halben es bewirkt, daß die Kerntruppe der jüdischen Jugend bald nur im fremden Laiger zu finden sein wird, Was hat der Makkabi-Wedtverband, was hat die Zionistische Leitung in den letzten zehn Jahren für den jüdischen Sport geleistet? Wir werden es in kurzer Zeit bei der Arbeiter-Olympiade in Wien erleben, daß Hunderte jüdischer Sportler, darunter viele aus Palästina, mit der roten Fahne vor den sozialdemokratischen Führern defilieren werden, als Vertreter des jüdischen Volkssports. Eine Hoffnung bleibt noch den jüdischnationalen Sportlern: die ^Makkafciah" im Jahre 1932 in Palästina. Die erste jüdische Olympiade kommt um einige Jahre zu spät, aber vielleicht noch rechtzeitig genug, um den jüdischen Sport vor dem gänzlichen Untergang zu retten. Die ,,MakkaibiaIh" muß z/u einer machtvollen Kundgebung 4er jüdischen Jugend der ganzen Welt für den jüdischen Sport gestaltet werden. Die jüdischen FöÜhrer haben alber hier die letzte Gelegenheit, zu beweisen, wie groß ihr Interesse für die jüdische J u g e n d ist. Hasmonea spielt Sonntag, den 32. d. M., um IQ Uhr vonniittaigs auf dem Elektra-Platz (Endstation A-, Ak-Wagen) ihr erstes fälliges Meisterschaftsspiel der Frühjahrssaison gegen C r i c k e t. Vbrllef die Reserven, Der Jüdische Turnverein Makkabi, St, Pölten» hielt am 3. Februar seine Generalversammlungim