Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 178 (13.2.1931)
- Date
- 1931-02-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 12 DIE NEUE WELT Nt. 178 GRABSTEINE FRIEDLÄNDER <ft DEUTSCH Wien, I. Bei« SeHensteitengasse 2, Telephon U-28-7-28 XI., Zentralfriedhof, neb. ä. 1, Tor, Telephon V-18 0 85 KINDERWAGEN von S 16.— aufwärts direkt beim frs«ug«r ENrCf DCDf xx* WALlfiNSTCINPLATZ 3 nlll I ül nll1"» BARICH0.4 E4e Hanpntrafe (08) IIULLUM1U XX, Klosterneuburgarstr.OI aillMllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllliillllllllllltlllllllltlU § Uagründet 1882 I Lebensoenlchernnssi Gesellschaft | Zentradirektion: WIEN I., Riemergaste Nr. 2 ■£ 5 fersidicfangsbestanit per Milte 1950 2450 Millionen Sdiillinq | a »illilngnahlt« Aktienkapital 4.000,000.— Sdiilfins s Prlmlenand Zinseneinnahmen im Jahre 1929 , 125 Millionen Stililling s Girantiemittel per Ende 1029 300 Millionen Schilling ~ 3 loutfilonp an fwIdiMte im Jahre 1929 30*5 BHiionen Schilling s Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, jjj Belgien, Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s s Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen» £ s land, Türkai, Aegypten und Palästina. niiliiiiiiiiiifiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiir; .PHÖNIX' RADIO in eleganter Kofferform für Radio und Schallplatieti, spielt überall ohne Antenne, ohne Erde so wie alle modernen Netzempfänger. 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Das bestieg er zusammen mit ihnen und fuhr ab, mit einem Fluch, duf, den Lippen, gegen das jüdische New York, gegen das verwünschte downtown, das ihnen eine:.so parademäßige, fast kaiserliche Leichenfeier be* reitet hatte. Den gelungenen speech des Mr. Nickel hörte Rafalesco, aber nicht bis zum Schluß. Als jener den prominenten Gästen zu danken begann, die mit ihrer hohen Anwesenheit sein Theater beehrt haben, hielt es Rafalesco nicht mehr aus und ging in seine Garderobe, um für den 3. Akt-Maske zu machen.?;\v*as ist für Gepolter?", fragte er den . barber (Perückenmacher), der aus dem' -Parterre verschwitzt herbeigelaufcfci kam. v „Narren", antwortete der barber, ein junger Mann, ein Freidenker und socialist, der keine einzige sozialistische lecture in Clington Hall ausläßt,"wenn der nur nicht nachts stattfindet, wo er mit dem Frisieren beschäftigt ist. „Reine Narren. Wilde Menschen ohne Tropfen Zivilisa« tioh! Unseren Manager. Mr. Nickel,, gelüstete es, einen speech über den heutigen;Abend zuhalten. Halt dir dann deinen speech anstandig, wie es sich^gehört? —; nein, lbt er dqch, ünteV uns gesagt, ein boss, ein bourguj, muß er den Kapitalisten schmeicheln, den prominenten Gästen und ihren1 aristokratischen Künstlern, die uns beehrt haben, heruntergestiegen sindvon der fünften avenue zu uns hinunter nach döwntbwn. Pst, Kleinigkeit, wär Karl Marx da, könnte er sich lebendig begraben lassen!" ■ „Wer sind denn die Künstler von der fünften avenue?",« fragte Rafalesco, indes er in den Spiegel blickte und, eine Stellung probierte, die sich am besten für den 3. Akt' eignet, für die tragische Begegnung mit seiner Familie und seiner blinden Mutter. „Wer sie sind? : Ep ist ein Violinist, spielt Geige spielt er, und. sie ist eine Sängerin,.eine Primadonna, er heißt Grischa Stellmach und sie . Rosalie; Spiyak oder Rosa Spiwak;"1 •'*' ' 1 •" 1 ' Hptte der barber; d.er; sociflist, ihn mit einem heißen Eisen gebrannt oder unversehends den Hals mit einem scharfen Rasiermesser geschnitten. — Rafalesco hätte nicht mit solcher Hast' aufspringen müssen wie er - nach den letzten Worten "des barber aufsprang. Eine Minute lang stand er wie gelähmt, war blaß wie der Tod. Dann riß er die Perücke vom Kojpf und den Bart vom Gesicht herunter und lief zur Tür. Der barber-glaubte, daß der junge Maestro plötzlich irrsinnig geworden sei . . . . In diesem Augenblick hörte man Pochen an der Tür, und ohne das gewöhnliche come in abzuwarten, .trat zu Rafalgfco in die Garderobe mit Geräusch und Chachacha die Primadonna Henrietta S.chwalb. „Chachacha, eine Komödie mit unseren aristokrati* schon uptowner Kollegen! Wie von der Pest sind sie von uns ■ davongelaufen. Eine Komödie, ein Vaudeville chachacha!" 63. K api tel.; , . Noch eine Begegnung. Zur Zeit, da-das erhitzte Publikum dös Nickel* Theaters stürmte und donnerte, zuerst Rafalesco, .dann Grischa . Stellmach und ,, Rosa Spiwak Ovationen.. dar« brachte, spielte sich im .Vestibül'. des Theaters eine Szene solcherart ab: , . ., ' ' ' . Unser eleganter Freund Mr. Klamer steht im Vesti» bül, bei 4er Tut, upd rhört von dort zu, wie Mr. . Nickel speecht. Sin Aug halt er. zu, einen Teil1' seines HerzUBarts nimmt e* in den AJund,; und sein ganzes Aussehen b'e* sagt,,daß-ihm der speech des,Mr. Nickel gär nicht gefällt. Er versteht nicht, wie,' ein Ungebildeter Mensch, der keinen Funken. Idee von Geschichte hat, von Kunst, von Shakcs* peare, sich, untersteht sich hinzustellen vor ein solchem Publikum eine Rede halten! Wenn man ihn, Mr. Klamer, hinauf ließe, auf die stage, würde es schon aliright sein. Es würden los sein Tische und Bänke; oder wiesagt der enghshman;,I would fire. a^way for all I man Wörth" „Aaah?: Scholen*; Alechern, mein lieber Knapker, was tut sich? Euch such ich, wirklich mit der; Kerze. Euretwegen bin ich wirklich hergekommen zu fahren, so soll mir Gott Glück geben und Gute Verrichtung." ' Mr. Klamer erblickte vor sich einen Menschen von niedriger Statur mit schelmischen Augen, bekleidet mit einem neuen Anzug geradeaus von der Nadel weg, mit sonders bar großen Lackschuhen und[ mit zu breiten Oberhemds Manschetten, die allzusehr hinaus über die Hände streben Und die der Mensch' jede.. Minute höflichst bat, in den Aermel zurückzugehen. Dieses Umstandes wegen wären seine beiden Hände fortwährend en Tätigkeit. Sprechen tat dieser Geselle ein wenig heiserig und rasch,- in einem :Atem* und wartete nicht ab, bis jener ihn mit einer-Änt* ,. . •. : - rf ' i . <ür}••., v»..' . , t wort beehren wurde. '*V' >*: " ' \ •' *."" *"° ... „Sagt mir, mein geehrter Engländer mit der k.af* rierten Hosen, wie gehts euch da im. hiesigen Land, was macht ihr zu gesund, wie/sind die business und was'guckt ihr mich an wie ein Bräutigam frei; nüchternem'Magen ~ ihr erkennt mich nicht? Nun,' erinnert euch; zünächst: Mein Name ist Muraw.tsc|uk({ Scholem. Meir Murawtschik. •Ich bin bei euch 'abgesws^n^lft'^ön'dbn-,nicht'<heUtf -s'ei's ' gedacht, war sehr^'schlec'bi'^^n^Mußte'zü «uch kommen ' um ein Darlehen, einigeFlshiliing, borgen, natürlich gegen ein Pfand. Scholem im Haus; Pfand in der Tasch. Ich bin jetzt gekommen, um meine Schuld abzutragen, das Packel [abzuholen. Hier. Geld, hier Mehl Ich mag nicht.mit Grind Jam Kopf herumlaufen, versteht ihr mich. Ündrinebejtjibei -brauch ich auch wirklich die Papiere." , , , '„Was für Papiere?" : ' Es scheint, daß bei Mr. Klamer nicht die Spur; eines r Erkennens vorhanden war Der Mensch mit '^en x schelmischen Augen lachte mit seinem heiseren Lachen los, hörte nicht auf, Krieg zu führen gegen die Hemdärftjel. „Gefällt euch ein Mensch, der krepiert tut! Ihr habt vergessen? Ein kleines sachel, ein rötliches, mit' einem .Bäuchtein, vollgestopft mit Papieren, wichtigen Papieren. Für euch haben sie vielleicht keinen so großen'Wert, aber bei mir ist das ein ganzer Gutsbesitz. Na,., probiert's nur, gebt mir für meine Papiere tausend Dollar, ob ich sie nehmen werde, Gott soll mir so Glück" geben und Gute Verrichtung! . . ." „Wirklich Währ? Seht aber zu, ob ihr euch nicht geirrt habt und an, eine fremde Tür gekommen!" Der andere hörte nicht zü lachen auf. „Eine schöne Geschichte, aber kurz! Hört ihr? Ich hab mich hoch niemals geirrt und noch immer dort bin* getroffen, wo man soll, und wenn ihr noch-mehr wissen wollt, ich hab noch niemals den geohrfeigt, den man nicht soll. Einen Beweis werd" ich euch angeben. Euch ruft man, Mister Klamer und ihr wohnt geradeaus mitten im Whiteshapel und euer Gasthaus oder euer Hotel heißt mit dem heiligen Namen „Cafe National". Seht ihr jetzt schon, daß ich mich nicht geirrt habe? Und da so, habt ihr noch einen Beweis. Mein sachel mit den Papieren habt ihr mir aus der Hand genommen und es hinaufgetragen und es in einem Kleiderschrank versperrt. Was werdet ihr jetzt sagen, panje Zwergerl, mein' ich Mister Klamer?" Anscheinend erinnerte sich Mr. Klamer bereits, daß er wirklich bei' sich ein solches sachel mit Papieren hatte. Aber wo es hingekommen ist, hatte er vergessen, wenn ihr ihm! auch den Kopf abschlägt. Blieb's also für ihn dabei, sich krepiert,zu stellen.. , „Ech hab keine Ahnung von keinem.: sachel, yoh keinen Papieren, von keinem gestrigen Tage. .Und ver» dreht mir keinen Kopf und ech geb einen Pfiff, wirft man euch aus dem Theater direkt auf die Straße hinaus." ', „So gar? Pfeifen werdet ihr? Na, pfeift nur, pfeift! Warum pfeift ihr nicht?"' ,'., : ' Mit diesen Worten rückte unser alter ,Bekannte|* Scholem Meir Murawtschik immer näher ■•und-i -näher an Mr. Klamer heran,- bis er ihm nahe war, ' so nahe, daß Mr. Klamers wundervoller HerzhBart ihm schön fast in den Händen war, und wer weißj was da herausgekommen, wäre, wenn auf, Mr.' Klamers „Gewalt"?Schreien. nicht Nissl Schwalb gekommen. Wäre (wie ist das möglich;>'daß, Wo ein Skandal ist, NissPSchwalb nicht dabei wäre) und mit ihm die Gilde usher's und die Diener des Theaters, die , Scholem Meir Müräwtschiks neuen Anzug', uiid . Hütchciji angingen — und es entstand da etwas-Schönes.'. ... ' Wehn der Leser'glaubt,'daß Scholem'Meir Muraw* tschik nur zu dem Zweck nach New York gekommen sei', um dem Mr. Klämer in den HerzhBart zu fähren und dafür ' die Knochen gebrochen und das Hütchen eingebeult, zu bekommen, irrt er sehr. Gekommen ist er eigentlich nach Amerika abgesehen von. seinen Papieren und;den Ge« Schäften ,mit. Rosa ..Spiwak, sehr, wichtiger business wegen izum jungen Helden -unseres Romans^ zum berühmten faufgehenden .Stern Xeo. Rafalesco. Das waren solche! business, daß unser" Held, als er von ihnen erfuhr, . . . Aber warum sollen wir vorwegnehmen? 'Kehfen wir besser 'für eine Weile nach London zurück uhd erzähle^ wir so kurz wie möglich, ■ was .sich mit unserem ' Mürawtscjiik 'dort ereignet hat. ' ' .'' 1 .' ' 1 . .64. Kap'itel. - .- ,;i ' i - . -I \ J .. -.. t . k./ i . . : .; : Eine iDrgulfgalje 'zu dem Jammer.. ' (; Nach Scholem Meir Müräwtschiks Brief aus -London an seinen. Freünd Albert-. Schtschuppak in Odessa wird sich der Leser erinnern, daß er seinem einstigen Kollegen, dem Direktor Hqlzmlan^ ei^en , Krankenbesuch.. Abstatten wollte. ■ ■"' ' .'V' ' London ist abpr nicht die-Stadt,.wo man gleich, den . findet, den man sucht. Man muß sich zu einem sojchen 'Sfüek Arbeit gut vorbereiten. Außerdem, war unser "Schöldm^'eir .dani'als;.wie er,selbst angab, 'in großer: Not. . Das bißchen Kleingeld,'das er sich aus Pairis'rn.itbrachte, zerfloß in seinen Händen und sein Freund ßchtschuppak beeilte sich nicht sehr, ihm die „RübelchenTiWfefäe&eiki um.die ihn.gebeten hatte. So verging ein Tag nach"dem andern, bis Murawtschik einmal an einem trüben Nebel* tag, wie er. im düsteren London häufig 'ist, in einem .Häuserwinkel landete, an einer BrooklymStreet, die in ' Wilria, oder in ßerdytschew ohne sich, zu schämen stehen könnte.'"' '.;;; "' '' .'''^""V i (Fortsetzung folgt.) Eisentütner, Verleger» Herausgeber and verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. VerU^9*A.*G, Ignaz Steiamaoo. beide Wien, IX, Universitätsstraße 6—S. Druckerei« und