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Die neue Welt · 1931-01-30 · Heft 176 (30.1.1931) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 176 (30.1.1931)
Date
1931-01-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seife T«. DIE NEUE WELT ifr. m nmm GRABSTEINE FRIEDLANDER <ft DEUTSCH Wien, I. Bei., Setten$teUengas$e 2, Telephon V-28*1*28 XL, Zentralfriedhof, neb. d. 7. Tor, Telephon U-18'0-8S ^lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllltlllllllllllllllllg Gegründet 1882 i Lebcnsuerslchcrunss- § Gesellschaft PHÖNIX' s Zentradirektion: WIEN l„ Riemergasse Nr. 2 s Versidierangibestanii per Milte 1930 volleingezahltes Aktienkapital PrSmien- und Zinseneinnahmen in Jahre 1929 Garantienlittel per Ende 1929 Auszahlungen an Versierte im Jahre 1929 2450 Millionen Schilling. 4.00.0.000.- Schilling 125 Millionen Schilling 300 Millionen Schilling 30-5 Millionen Schilling 5 Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, s Belgien, Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechens land, Türkei, Aegypten und Palfistina. 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Dort hatte sich ein Bündel Weiber versammelt, die sich leise miteinander unterhielten wie, es sei wohl unterschieden, beim Beten in der Schul, wo man gerne plauschen, den Chasen aber nicht stören will. Das Bündel Weiber gehörte scheints zum Nickel* Theater und zur Kommune Klamer, Schwalb et Comp., denn unter ihnen befand sich eine Bekannte von uns, die Lomscher Chasenfrau, und einige nicht mehr junge aber stark herausgeputzte Damen mit zerknitterten aber sehr geweißten Gesichtern. Wenn das nicht selber Schauspiele* rinnen sind, so sinds Schauspielerfrauen. Welche wichtige Angelegenheiten das waren, daß sie ihr Gespräch nicht auf spater verschieben konnten, ist schwer zu wissen. Es ist immer so. Wenn man schweigen soll, möchte man just gerne reden. Es ist ein böser Trieb. Aber diese Weiber wären noch zu ertragen, würde sich nicht die Tür der Direktorenloge öffnen und rüit Geknarre nicht irgend eine seltsame Schöne mit so großem Hut, Unter den man gemütlich das ganze Bündel Weiber hätte stecken können, eintreten. Und erst da begann die richtige Hochzeit. Wenn Rösa könnte, würde sie diese Schöne mit dem fürchterlichen Hut zerreißen. Daß ein Mensch nicht eine Minute ruhig bleiben kann! Wirklich, als hätte sie der böse Geist zum Trotz hergebracht. Die ganze Zeit über schloß sich ihr der Mund nicht. Sie geheimniste und flüsterte mit der, mit der zweiten vom Bündel Weiber, lachte leise, warf sich hin und her, schob die Aermel hoch und zeigte die bracelleten und brillanten und gleichzeitig auch ihre schönen starken weißen Arme. Rosa wechselte einigemal Blicke mit ihrem Kavalier, mit den Augen fragend, was das für ein Mordstier sei. Auch dann, als der erste Akt zuende. war, der Vor* hang fiel und das ganze Theater von Applaus und Rufen „Rafalesco!" erbebte — auch dann hörte dieses „Mords* tier" nicht auf, mit den Weibern zu sprechen, zu lachen, sich hin und her zu werfen und überhaupt sich so aufzu* führen, daß man sie gerne aus dem Theater hätte hinaus* komplimentieren lassen. Zum drittenmal als man Rafalesco auf die Szene rief und er sich sehr höflich vor dem donnernden Publi» kum verneigte, sah Rosa, wie dieses Mordstierihm die Zunge herausstreckte, und das Bündel Weiber in der Direktoxenloge platzte in solch ein Gelächter los, daß es Rosa über alle Maßen verdroß, sie sich an die Schöne, wandte und auf Jüdisch fragte: „Hat Ihnen etwa dieser Schauspieler nicht gefallen?" „Welcher Schauspieler? Rafalesco? Chachal Er ist doch ein Bräutigam zu mir, chachachal" Das wurde so selbstverständlich und mit so naivem Lachen gesagt, daß das „Mordsvieh" auf einmal Rosa gefiel. Sie rückte näher an sie heran. , „Ein Bräutigam von Ihnen? Sind Sie selbst auob Sobauspielerin?" „Ob ich Schauspielerin bin?" Sie hörte zu lachen auf. „lob bin, eine Primadonna. Mein Ngme ist Henriette Schwalb." ~ „Freut mioh sehr," Rosa nannte ihren Namen nicht, rückte aber an die Primadonna noch näher heran, so daß sie fast Gesicht an Gesicht saßen, nur getrennt durch die dünne Logenwand, so daß ein dritter ihr intimes Gespräch nicht hören konnte. „Was ich von Ihnen wissen möchte, ist folgendes", wandte sich Rosa an die. Primadonna. „Ist es wahr, was die Zeitungen über den Rafalesco aus Bukarest schreiben, daß die Königin Carmen Sylva . . ." „Geologen, ganz gelogen", unterbrach sie Henrietta lachend. „Erstens ist er nicht aus Bukarest, sondern aus Holeneschth" ■r. „Holeneschti?" Das Wort Holeneschti sprach Rosa nicht aus, es entriß sich ihrem Herzen, und sie ergriff Henrietta am starken, nackten, kalten Arm. Sie faßte sich aber sofort, tat als besähe sie sich Henriettas bracellet. „Sie tragen so viel Schmuck. Ihr bracellet ge* fällt mir." ' „Das ist ein Geschenk meines Bräutigams." „Wie sagten Sie, heißt die Stadt?" Rosa hörte nicht auf, Henriettas bracellet und die brillanten zu betrachten. „Eine Stadt? Chachacha! Ein Städtchen. Holeneschti heißt es. In Bessarabien ist das.-Dort ißt man mamaligen, chachachal" Das intime Gespräch beider Primadonnen mußte im richtigen Ansatz unterbrochen werden, denn plötzlich wurde es im Saal dunkel, der Vorhang ging auf und es begann der zweite Akt. 61. K a p i t e 1. Das Theater ist verrückt geworden. Wo waren ihre Augen? Wieso erkannte sie ihn nicht gleich von der ersten Minute an, auf den ersten Blick, dem ersten gesprochenen Wort? Rosa blickte hinein ins Programm. Sie las: Uriel Acosta — Leo Rafalesco. „Nun ja — Leo . ." „Was Leo?" Das fragte sie Grischa Stellmach, der sah, daß Rosa irgendwie mit einemmal eine andere geworden war. Früher, die ganze Zeit über vom ersten Akt an, war sie neben ihm ganz nah gesessen, Ihre Hand wir in seiner Hand. Jetzt, im zweiten Aktj ist Rosa schon nicht mehr anwesend. Sie beugte sich ganz und gar aus der Loge und blickte durch ihr Binocle und sieht einen Garten vor sich. Etliche Baumdekorationen. Zwischen den Bäumen sieht sie Figuren. Unter den Figuren ist nicht der, den sie mit ihren Augen sucht ... Es kommt ihr vor, die Figuren seien aus demselben Material wie die Bäume. Dekorations* iiguren. Bewegliche Marionetten, Redende Golems. Irgend ein alter Mann, elegant gekleidet, ließ etwas von einem Papier herunter. Der Alte spficht weinerlich, mit fremder Stimme, Neben ihm steht ein "Diener in einer altmodischen Uniform, ein Zopf hängt ihm hinten herab. Etwas reden sie, diese hölzernen Figuren, untereinander. Was — weiß sie nicht. Hernach tritt ein Mädchen auf, nicht gut in der :Maske, mit schlecht gezogenen Brauen. Ihre Hände sind zu groß und rot. Wer ist das Mädchen? Was tut sie da? Sie spricht den Alten auf deutsch an;'„Vaterl" Etwas reden sie, scheints,; läppische überflüssige Reden.'Von der Amsterdamer Börse reden sie. Von Rubens und van Dyk; von Moses dem Gesetzgeber^ und von Sokrates und von Christus) von Kuszst und von Religion; ' und just auf deutscht „Religion". Läppische» überflüssige Reden . .. Der Diener geht ab — gottseidank, einer erledigt. Der Alte ist auch nicht mehr da/ Das Mädchen bleibt allein. Sie dreht sich auf der Bühne herum, eine überflüssige Person. Sie glotzt mit ihren schlecht untermalten Augen hinauf, drückt die roten Hände auf die falsche Brust und sagt deutsch (just deutsch): „Die Ketten von Kleinmütig« keit liegen auf mein Herz." Läppische, überflüssige Worte. Aber da ist — er! Uriel Acostal . , . Rosa fühlt, daß es ihm den Atem verschlagen hat. Es wallt das Blut, und das Herz reißt in ihrem Innern, will hinausspringen, nicht anders als hinausspringen. Tik*tik»tak! Tik*tik*takl Eine Minute schein es ihr, daß Uriel Acosta zu ihr in die Loge hereinsieht, geradewegs auf sie. Sie fühlt, daß ihr Gesicht brennt wie ein höllisches Feuer. Nein, es war ihr nur so vorgekommen. Ruhig, still und gelassen spricht Uriel mit seiner geliebten Judith. Seine Stimme ist weich, seine Bewegun* gen sind schön, edel, plastisch. Alles abgewägt und mit Maß. Kein überflüssiger Schritt, keine Betonung ohne innere Berechtigung. Das ganze Theater lauscht jedem Wort, das er spricht. Als wäre nur er hier und außer ihm niemand. Mit einemmal erhebt sich seine Stimme. Eine besondere Macht läßt sich in seinen Worten hören. Zärt* lieh, weich und voller Liebe faßt er die geliebte Judith brüderlich an der Hand: „Meine teure Judith! Zum letzten* mal — leb wohl!" Ach, wie schön, wie wundervoll schön sind seine Augenl Wieviel Gefühl, wieviel schmerzliche Liebe leuchtet in ihnen! Soll er jetzt etwa ab von der Bühne? Nein. Es kommt der frühere Alte mit noch irgendeiner Person, und Uriel ist geblieben — gottseidank, er ist ge* blieben. Rosa richtet ihr Binocle auf ihn. Sie sieht, wie Judith ihn an der Hand faßt und wie sie langsam ab* gehen. Von weitem hört man Musik, Mit einem Seufzer legt Rosa ihr Binocle zur Seite. Der junge Maestro Stellmach, der neben ihr sitzt, sieht ihr fest in die Augen, will sehen, was mit ihr ist, will sie fragen, warum sie seufzt. Rosa sieht ihn nicht. Rosa sieht niemanden. Rosa ist jetzt bei sich selber im Abgrund ihrer eigenen Seele. Ist er es also, der nach dem sie so lange Ausschau gehalten, der, den sie in ihren Gedanken zärtlich gehegt hat, der, den sie sooft im Traum gesehen hat? Oder ist es Traum, was sie jetzt sieht? Nein, das ist kein Traum . . . Hinter ihrem Rücken hört sie flüstern. Das ist in der Nachbarloge. Immer noch jene, die sich Primadonna genannt und sich gerühmt hat, Ra* falescos Braut zu sein. Ist das möglich? ... Sie wird ihn fragen. Heute noch wird sie ihn fragen. Wo wird sie ihn sehen? Nun, hier, im Theater. Hinter den Kulissen. So* fort nach Schluß des 2. Aktes wird sie hinausgehen und sich den Gastrolleur rufen lassen, Leo Rafalesco. Was soll man ihm sagen? Wer läßt nach ihm fragen? Eine Lady wolle ihn sehen. Kein Name -— eine Lady „ . . Alle blicken sie an. Wer ist die Lady, die nach Rafalesco fragt? Aber was geht das sie an! Eines hat Rosa vergessen: daß sie nicht allein ist im Theater. Daß noch jemand mit ihr in der Loge sitzt. Daß hier mit ihr Grischa Stellmach sitzt. Ach, Grischa Stellmach 1 An ihn hat sie vergessen. Ganz vergessen. Ganz vergessen. Vergessen, was heute mit ihnen vorge* fallen war. Vergessen, daß es auf der Welt einen gibt, der den .. Namen Grischa Stellmach führt . , , Armer, armer Grischa Stellmach. Plötzlich hört man von der Szene den Ton einet Schofar. Rosa fährt auf wie aus dem Schlaf. Die Bühne ist voll von Menschen, Alle reden. Wie es ihr scheint, seltsame läppische, überflüssige Worte. Wo* ist Uriel? Hier ist er. Schon wieder ein ganz anderes Aussehen. Ein ganz anderer Mensch. In neuer Kraft ertönt seine Stimme. Rosa nimmt das Binocle nicht vor die, Augen, lauscht nur den Worten des langen Monologs des Uriel Acosta. Den Sinn des Monologes versteht sie nicht genau, aber jedes einzelne Wort hat für sie seine Bedeutung. Und nicht so sehr die Worte wie die Stimme. Seine Stimme. Wie konnte sie seine Stimme vergessen? Wie oft hörte sie ihn doch bei geschlossenen Augen! (Fortsetzung folgt.) Btaentttriw, Verleger, Herausgeber und verantwortücber Redakteur Oberbaarat Robert Stricker« « Druckerei- und Verlags-A,-G, iguax Stchtmann, beide Wien, IX« UaivertJtltMtrafle 6-&

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