Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 175 (23.1.1931)
- Date
- 1931-01-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife IS DIE NEUE WEIT Nr. m GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, 1. Bet., SeÜensleiiengatee 2, Telephon U'28~U28 XI., Zenitalfriedhof, neb. d. 1. Tor, Tetephon V-78'O-SS il|IIIIIIIIIM!H1llllll!IIIIIIIHHIIIIIIIHIIII1llllllllllll!lllllimUtt Gegründet 1882 Lebensverslciieninss Gesellschaft .PHÖNIX' 3 Zentradirektion: WIEN l„ Rltmergatse Nr. 2 Vnsidieningsliestanfl per Milte 1930 2450 Millionen Schilling | s folleingezahlfes Aktienkapital 4,809,000.- Schilling s 5 Prämien-und ZinseneinnihniM im Jahre 1929 125 Millionin Schilling s 5 Garanliemiftel per Ende 1929 300 Millionen Schilling £ Ansxahlangen an Versfdierte Im Jihre 1929 30*5 Millionin Schilling s § Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, Belgien. Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s 5 Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen* E 'and. Türkei. Aegypten und Palästina, s nifiiiiiiiiiiiiHiiiiiiniiiiiHiiiiiHiiiiiiiiiiiiiHMiiniiniiiiiiiiiiT iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii RADIO in eleganter Kofferform für Radio und Schallplatten, spielt überall ohne Antenne, ohne Erde so wie alle modernen Netzempfänger. Radio-Apparate mit Auslandempfang, Radio-Bestandteile. Kredit bis 20 Monate. 10°/0 Anzahlung, l4/0 Kreditspesen pro Monat. Freie Besichtigung von 8 bis 6 Uhr. Kein Kaufzwang KofFerapparate Ulli-Apparate, SAallpiattefl m S 2- Die neuesten Schlager in größter Auswahl sowie Mandolinen, Gitarren, Harmonikas, Lauten. Violinen, Zithern, Blasinstrumente, erhalten Sie für S 2'50 Wochenraten Rodio-NusiKhaus Schlesinger Wien. 7. Bes., Burggasse 122-124 iiiiiilliiiiiiiiilliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiii Copyright 1928 by „Die Neue Welt". Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. R o s e n h a 11. Gestellt wurde, wie immer bei seinem ersten Auf* treten, Uriel Acosta. Vom erstn Augenblick, da Uriel sich auf der Szene zeigte, war er der Mittelpunkt, auf den aller Augen gerichtet waren. Dieser vornehme Jüng« ling mit dem schönen, edlen, blassen Gericht, mit dem langen Haar, mit den großen, schmerzdurchzuckten Augen, mit dem kaum aufgesprießten Bärtchen und dem offenen Hals forderte den Vergleich mit Jesus Christus heraus. Mit seltsamer Kraft lenkte er die Sympathie des ganzen Publikums auf sich. Irgendwie lag schon in seiner Haltung und in seiner Stimme diese Kraft, die den Zuhörer im Banne hielt. Ein besonderer Reiz war in jedem seiner Schritte und in jeder seiner Bewegungen auf der Bühne. Und die Uebergänge von einer Haltung in die andere waren höchst natürlich und farbenreich. Es stand vor euch ein junger Denker, der mit dem Doktor de Silva in der Art debattiert, wie ein junger Mann aus dem Beth*Hamidrasch spricht, ein junger Mann, der von Hohem philosophiert, von himmlischen Dingen. „Nicht in dem Wahn, das Wahre aufzufinden, das jeder anerkennen müßte, nein, nur meine eigne Torheit hieß mich reden, nur meine eigne Blindheit ließ mich sehn, nur meine eigne Taubheit hören — meinel"... Bei den Worten „meine eigne Blindheit" zeigt er auf die Augen; „meine eigne Taubheit" — zeigt er auf die Ohren.. .■ „Sie stieg vom Himmel nieder, die Erde hat nicht teil an ihrem Stoff — sie ist ein Schatz, vergraben unter euch —" . . . Berührt sie nie mit einer Hand, die eben vielleicht in Haufen schnöden Goldes wühlte! Jochai, zu ihr beten müßt Ihr, nah'n ihr, wie man den Heil'gen näht! . . ." Und dann, wie das jüdische Tribunal erscheint, der Rabbi de Santos mit den Dienern, und Uriel Acostas Buch der Anklage wegen Ketzerei anheimzugeben, wird von Grund auf wieder Acostas Gesicht, Gestalt und Blick anders. Es steht nun ein Märtyrer vor euch, den Fromm» ler, verblendete, weltferne Fanatiker bedrängen und ihn so denken machen, wie sie denken oder sich an ihm bis aufs Blut rächen wollen. Hier hätte man Rafalescos Augen sehen müssen, wie sie spielen, und Rafalescos Gesicht, wie jeder Nerv zuckt, wie es sich von Augenblick zu Augenblick ver» j ändert und die ganze Tragödie seines Lebens wiedergibt, das große Leid seines Herzens, die große Pein . seiner Seele und all das ohne Mätzchen und ohne schmierige Reißerei, ohne sich ans Herz zu greifen, ohne sich das Haar der Perücke zu raufen, ohne die Hände zu ringen, ohne mit breiten Schritten über die Szene zu schreiten, ohne ein schiefes Gesicht zu zeigen. Alle mußten zugeben, daß hier ein geborener Meister stehe, ein großer Künstler, ein Dichter vom Herrn oben, ein Schauspieler von Gottes Gnaden, der nicht spielt, son* dern lebt und schafft und Neues auf die Bühne stellt. Alle mußten zugeben, daß der Acosta, den Rafa* lesco ihnen gab, sein eigener Acosta war, kein aus einem Büchel herausgelesener, sondern ein Typus, den er sich nach langem, mühevollem Studium selbst geschaffen hatte. Am Schluß des 1. Aktes, da Acosta alleinbleibt, war Acosta wieder ein anderer und an Stelle des ver* folgten Märtyrers stand ein Held, der bereit war, zu kämpfen, nicht gegen das Herz, sondern gegen den Ver* stand. „Das war gefehlt! Wer Wahrheit will bekennen, darf ihr die höchste Glorie nicht entziehen , , ." Hier machte Rafalesco eine Handbewegung nach oben und allen schien es, daß ein Gekrönter sichtbar ist, wenn nicht mit goldener Krone, so mit der Krone des Leids und der Pein, und aller Sympathien waren auf seiner Seite und aller Herzen schlugen für ihn. Und man bedauerte, daß der Vorhang so rasch falle. Alle wollten diesen schönen, edlen, lieben Acosta noch einmal und noch einmal' sehen. Alle hörten nicht auf, zu schreien: „Rafalesco, Rafalesco!" Und Rafalesco hörte nicht auf, sich noch einmal und noch einmal dem Publikum zu zeigen. Nein, das New Yorker NickeUTheater hatte schon lange nicht solches Schreien, solchen Lärm und solchen Applaus gehört. Die Mainager des Nickel/Theaters und „die Genossenschaftler der Gesellschaft Klamcr, Schwalb et Comp, waren im siebenten Himmel, und die Feinde, die ^Patrioten" der anderen Theater, die gekommen waren, das greenhorn auszupfeifen, und die Kavaliere von der Kibetzarni»Kritik, die ihre Zähne für den jüdischen „Pössart*Barnay=Irving*Rossi" schärften, bissen sich die Nägel wund. Trotzdem gäben sie ihre Hoffnung noch nicht auf.; Pah! Die Nacht ist noch iang, trösteten sie sich, und die Tragödie von Carl Gutzkow hat fünf Akte. 5 9. Kapitel. In der Pause. Nach dem 1, Akt, in der Zwischenpause, herrschte im Nickel*Theater wie in allen anderen Theatern bei einem Benefice, Lärm, Gepolter, Geschrei. Jeder wollte gern dem andern wiedergeben, was für Eindruck der neue Star auf ihn gemacht habe: Der Name Rafalesco schwirrte überall in der Luft: unten im Parkett und in den Logeh wie oben auf den Galerien. Jeder erzählte die Biographie dieses jungen Schauspielers, wie er sie aus einem paper herausgelesen hat. Das ist ein Beweis, wie eng Theater, und Preß in New York miteinander verknüpft sind. Ver* steht sich, daß nicht überall in allen papers die Biogra* .phie dieselbe war, und auch nicht alle Meinungen über den Schauspieler waren gleich. Man muß noch hinzufügen, daß nicht alle wußten, wer UrielsAcosta ist und wer der Verfasser der Tragödie: Lateiner, Cordin, Libin oder Pro* fessor Jacobi. Es gab auch solche, die sich von den späteren Akten eine Art „Mojsche" oder ein ähnliches Liedel erhofften. Das bewies, wie weit das große Publi* kum in Sachen des Kunstgeschmacks entwickelt ist . . . Dennoch müssen wir sagen, daß fast alle sich unter dem Eindruck einer neuen Kraft befanden, einer Kraft, die vielleicht nicht jeder mit dem Verstand begriff, aber mit dem Herzen, und mit einem inneren Instinkt fühlte. Und deshalb beeilte sich jeder, dem anderen so weit als mög* lieh wiederzugeben, was*er fühlte und,was er von diesem neuen Stern Rafalesco empfangen habe. Nur einen gab es im Theater, einen armen Bemitleidenswerten, der, niemand hatte, mit dem er seine Freude, und das wirkliche Ver* gnügent das er an diesem Abend hatte, hätte teilen können. Das war unser Gubitel des jüdischen Theaters Meir Stellmach. Meir Stellmach heimste nicht allein Freude ein, genoß nicht allein mit vollem Munde Vergnügen, — er zerschmolz einfach, zerging wie Wachs und konnte leider mit niemandem ein Wort sprechen. Da entschloß er sich, leise in die Loge Nr. 3vzu schleichen, erstens um zu sehen, was die Kinder tun, zweitens um zu hören, was sie über die Rarität, über diesen Rafalesco, sagen. Kaum hatte er drei Schritte gemacht, als er mitten auf dem Weg stehen blieb: ihm gegenüber wuchs derselbe Riesenkerl empor, der ihm vorher im Korridor begegnet war. Irgendwie ein sehr bekanntes Gesicht, der Kerl. Mit BEI BESTELLUNGEN BITTE SICH AUF ,DIE NEUE WELT1 ZU BERUFEN I llllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll EINLÖSUNG _ VON GOLD SILBER PLATIN O.A. SCHEID WIEN VI, Gumpendorlerstr. 85 Wien I, Franz-Josefs-Kai 49 Wien VII, Kaiserstraße 87/69 Rainer Wien VI, Dürergasse 4 KINDERWAGEN aufwärts direkt beim irseuger ---XX, WALIENSTEINPLATZ 3 III, BARICHQ.4 (Ecke Haopfsfraße 108) XX, Klosterneuburgerttr. 91 Die beilbewlhrte unschädlich« llliiiliiiiüii NÜSS ' HAARFARBE. >f WESENA färbt echt, naturgetreu und dauerhaft von blond bis schwarz Ueberau erhältlich s 2.*- und S 3.50 W. SEEGER, Wien XV, Wurzbachgasse 19 fröhlichlachendem Gesicht stand der vor Stellmach und blickte ihm gradeaus in die Augen. Das war Nissl Schwalb. „Scholem Alechem euch, Litumlei! Sie haben mich nicht erkannt? Woher kommt das? In London waren wir doch Zwillingsbrüder. Ich war sogar bei Ihnen zu Gast, erinnern Sie sich? Das heißt, ich stand draußen bei der Tür und Sie ließen mir sagen, daß Sie nicht zu Hause sind! Ich hab Sie an der Stimme erkannt. Ich wollt Ihnen zwar sofort einen Skandal machen, wie Sie mich da schwimmen sehn. Aber ich hab mir's überlegt: Nevermindl Mag er in andere Hände geraten. Ich war bei Ihnen, wenn Sie sich erinnern, nicht meinet s agen, sondern wegen eines andern. Wegen des Lomscher Chasen und seiner Sipp* schaft, erinnern Sie sich noch der Bande? Wenn Sie sie jetzt sähen, hehehe, sie brauchen jetzt nichts mehr von euch, sie sind allright Und Sie, was machen Sie, p*nc Zwergerl? Sie haben mir so in Ihren Bart gepfiffö^ d*i5, wäre nicht Ihr Grischa mit der Spiwak bei uns in der Loge Nr. 3, würde ich Sie im Leben nient bemerken, ich soll so aller Menschen Gutes haben. Wenn Meir Stellmach an Ort und Stelle keinen Schlaganfall bekam, ist das ein Wunder vom Himmel. Erstens die Begegnung mit dieser Person und seine Straf* predigt anhören — das allein war schon genug, daß die Muttermilch gerinne. Und wenn man noch dazu solche Worte über seinen Grischa und die Spiwak hört .—r woher weiß er, wer in der Loge Nr. 3 ist? Wann hat er Zeit ge* habt, das zu erfahren? Und überhaupt abgesehen von allem, was hat er für Gevatterschaft mit diesem Nudel« treter? Es mag wirklich ins Meer fallen, was Stellmach ihm wünschte. Aber eines hat mit dem andern nichts zu tun. Ein Mensch kommt her, sagt, daß er ein Bekannter ist, man kann nicht so grob sein und ihm ins Gesicht spucken. Hin — her, vorläufig hatte Meir Stellmach einen gestörten Abend. Er konnte zu den Kindern nicht mehr in die Loge gehen und mußte es auf den Schluß des 2. Aktes ver* schieben, bei dem er wie auf Nadeln saß. Wäre Meir Stell* mach sofort nach dem 1. Akt bei den Kindern in der Loge gewesen, wäre wahrscheinlich nicht das eingetreten, was wir bald im 60. Kapitel schildern werden. Und es wäre vielleicht alles ganz anders ausgefallen. 60. Kapitel. Was ist in der Loge Nr. 3 geschehen? In der Loge Nr. 3 ist eigentlich nichts geschehen. Dort saß, wie wir wissen, das berühmte Paar Grischa Stellmach und Rosa Spiwak, hörte den ganzen ersten Akt bis zuende an, ließ kein Auge vom Ehrengast Leo Rafalesco, der ihnen beiden nicht weniger gefiel, wenn nicht noch mehr, als dem übrigen Publikum. des Nickel* Theaters. Es war für sie beide eine angenehme Ueber* raschung, einen wirklich so talentierten Schauspieler zu hören, einen echten aufgehenden Stern auf der jüdischen Bühne zu sehen. Besonders angenehm war es für Rosa. Für sie war sie doch einst selbst Beziehungen zum jüdischen Theater. *. Sie hatte schon lange keinen so uneingeschränkten geisti* gen Genuß wie an jenem Abend und sie war dem Vater Stellmach wirklich dankbar für die Idee, ins jüdische Theater zu gehen. . . Je weiter um so größer war ihr Staunen. Sie traute fast ihren Augen nicht. Sie hätte es nie erwartet, daß das jüdische Theater, wie sie es in Erinnerung hatte, in so kurzer Zeit eine so hohe Stufe wirklicher Kunst erreichen werde. Sie hatte niemals geglaubt, daß aus den jüdischen; Schauspielerin, so weit sie zurückdenken konnte, eine so kolossale Figur, solch ein schauspielerischer Riese empor« wachsen würde wie dieser Gastrolleur Rafalesco. Mit größtem Interesse und der höchsten Spannung beobachtete es, man kann sagen, ein; Stück Sieg, ein Triumph. Hatte sie jeden Schritt, jede Bewegung dieses großen Sohau* Spielers, der sich mit ausgeprägter Natürlichkeit in das ferne alte Amsterdam und dessen ferne alte Sphäre ver« setzte. (Fortsetzung folgt.) Eigentümer, Verleger. Herausgeber aud verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. Druckerei- und VerUss-A.-G Ignaz Steiumana beide Wien. IX. Uaiversitätsstraße 6—8.