Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1931-01-09 · Heft 173 (9.1.1931) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 173 (9.1.1931)
Date
1931-01-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2711613-2711790-2711792--2278-2715558
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seife'13 Die Nttä mvi Nr. m GRA B ST EIN E FRIEDLÄNDER <ft DEUTSCH Wien, l. Bei., Seitenetettenga*** 2, Telephon U-28-1-28 XIH Zentralfriedhof, neb. d. 7. Tor, Telephon ü-18-0-85 .PHÖNIX' aillllllllllllllllllNIIIIIIIIIIIHIIIIlllHIIIIIIIIIIIIIIIININIIIIIIIIU | UsgrUndet 1882 1 Lebcnsvcrslcherunssi €ßsel!scliDft s Zentradirektion: WIEN I., Riemergassa Nr. 2 5 § Vusidicriinasbsstand 1930 2450 Millionen Ml'm | volliingnalttes Iklieiikapitai . 4.000.000.— Sdiilting s s PrSmimoni Zhsmtinnihmtn in Jibrc 1929,. 125 Millionen Solling E 5 Garanfffimittal p«r 1929 300 Million«« ftftilfing 5 s losnblongiii an VtniAirt. in Jahr« 1929 30*5 Millionts Shilling s s Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, OeutschM Reich, Frankreich, -g Belgien, Holland,. Italien, Spanien, Tschechoslowakische s s Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Pulgarten, Griechen- 3 s land, Türkei, Aegypten und Palastina. s iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiil RADIO in eleganter Kofferform für Radio und Schallplatten, spielt überall ohne Antenne, ohne Erde so wie alle modernen Netzempfänger. Radio-Apparate mit Auslandempfang, Radio-Bestandteile. Kredit bis 20 Monate. 10°/o Anzahlung, 1% Kredttspesen pro Monat. Freie Besichtigung von 8 bis 6 Uhr. Kein Kaufzwang Kofferapparate LmuK-Appinle, Sfflillplattn im S 2- Die neuesten Schlager in größter Auswahl sowie Mandolinen, Gitarren, Harmonikas, Lauten. Violinen, Zithern, Blasinstrumente, erhalten Sie für S 2"50 Wochenraten Radlo-HuslKhous Schlesinger Wljtn, 7. Bei., Burgcjatse 122-124 Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von SchaJorn Alechem. Ins Deutsche übertragen von PI R o s e n h a 11. Ladies and gentlemenl Es macht mir Ehre und Ver» gnügen, euch mitzuteilen, daß. außerdem, was die Helden von diesem Roman beide allright sind, d, h. jung und schön und frisch, sind sie noch, beide gleich berühmt und bekannt in der ganzen Welt von einem Ende zum andern, auf dem Gebiet der Kunst im jüdischen Theater: er mit seinem Spielen, sie mit ihrem Singen. Ladies and gentlemnl Soll, ich sie euch beim Na* men nennen? Ech glaube, es ist überflüssig, denn Sie kennen sie. Hier sitzen sie Arm. bei Arm vpr euch wie die Täubchen. Sie habt ihr schon gewiß singen gehört, alle habt ihr sie bewundert und alle habt, ihranerkannt den Stern aus Buenos Aires. Und er, ihr Auserwählter, das ist der junge, aber überall schon berühmte Star aus Bukarest, den wir das Vergnügen haben werden zu hören und zu bewundern nicht später als morgen um diese Zeit bei seinem erstmaligen Auftreten im berühmten Nickel* Theater; Wenn Sie sich Tiketts besorgt haben, sind Sie allright. Und wenn Ihr noch keine Tiketts habt, mußt ihr sie euch morgen ganz früh .besorgen, Ech kann, euch nicht versichern, daß ihr sie kriegen werdet, es sei denn bei speculators. Ladies and gentleinen! Ech blicke auf dieses Paar und ech sehe, ihre Gesichter haben sich angezündet in einem höllischen Feuer und ech. verstehe. ihre Gefühle in dem Moment, wenn unser aller- Augen. auf dieses, glück* liehe vorbestimmte Paar gerichtet sind. Laßt uns ihnen wünschen nicht , weniger in ihrer. Lebenskarriere allright zu sein, wie sie allright sind auf der Bühne, Es lebe die jüdische Kunst! Es leben ihre Priester! Es leben unsere stars, es leben die lieblichen und anmutigen — das Liebes« paar! Ech hebe auf meinen Toast und schließe mit den Worten von Saiomo dem König: Kol chosen kol kallo! — hurra für Mister Rafalesco! hurra für Miss Henriette Schwalb!! hurra!!!" „Hurra", donnerten alle Gaste,^erhoben die Pokale und grüßten das glückliche Paar Heririetta Schwalb und Leo Rafalesco. "5 6. K a p i t e 1. ' " Der zerbrochene .Teller. jL>as „Hurra"*Schreien, das Anstoßen der l?oka}e nach dem glänzenden speech des Mr. Klamer — das war nichts anderes als offiziell, wie es der Brauch fordert, die Etikette und die Mode. . Die richtige Feier begann erst dann, als die Lomscher Chasenfrau, zufrieden und glück* lieh darüber, daß das freudige Geschehnis sich in ihrem Haus abspiele, in so brennenden Eifer und in solche Ekstase geriet, daß sie mit beiden Händen einen Teller ergriff, ihn hoch über den Kopf hob und zum Boden herünterschleüderte, ihn in Stücke zerbrach und wie eine richtige Brautmutter, die ihr Jüngstes ausgeheiratet hat, ausrief: „Maseltow!" „Maseltow! Maseltow!" fiel die ganze GeselUciinit ein und die Nächsten, die Familie heißt das, stürzten sich auf das Brautpaar, uirg sich mit ihm abzuküssen. Allen andern voran natürlich der Hauptbeteiligte Nissl Schwalb. Dann der Bruder Isaak, Mr. Klamer, Mr. Nickel, der Cbasen, die Chasenfrau. Brejndele Kosak! Undda die Küsserei nicht ordnungsgemäß vpr sich ging, sondern durcheinander eins über dem andern, wie es bei solchen Freudenfesten gewöhnlich geschieht, legte sich's der aus* rasierte gentleman mit der spitzen Nase und dem roten Gesicht zurecht und befaßte sich in starkem Drange ebenfalls mit dem Abküssen des Brautpaares, d. h. — eigentlich nicht so sehr des Bräutigams wie der Braut. Die Freude nach dem Tellerbrechen war beim Lomscher Chasen im Haus so groß, daß es schon fast zu einem Tänzchen kam. * „UqVs, der Teufel", rief Nissl Schwalb aus, ent* korkte noch einige Flaschen Wein, goß allen die Gläser voll und vergaß auch nicht an sich. „Hol's der Teufell Ich hab an'diesem Abend, ihr sollt sagen, noch keinen Tropfen gekostet, ,wie .ihr mich da schwimmen seht. Mister Klamer und Mister Nickel, trinken wir zum Wohl auf Columbus, der ein so ausgezeichnetes Reich erfunden hat, ein süßes Reich', .ein goldenes^mir ein solches Jahr. He, Chaseri.was -sitzt ihr nah?'da wie ein. Lomscher Stadt* bürger bei der Beschneidüngsfeier? Wo sind sie, eure Musikmacher, vertilgt ihr Name und ihr Gedächtnis? Warum wird nicht ein frejlichs gesungen? Bruder Isaak, nimm nur rasch die Misses1'Tschernjak vom Tisch und mach mit ihr ein Tänzchen, zeig, was du kannst! Ladies arid gentlemen! Mein' Bruder tanzt wie eine Ballerine, obwohl er einen schweren Xr'fct hat. 'cn S°N so a^er Menschen Gutes haben." Bei diesen Worten zündete sich's bei Madame Tschernjak (Brejndele Kosak) an und brannte wie Feuer. Und der Bruder Isaak, deri'sclion ein bißchen voll war, stand auf und war berit, zu »zeigen, was er kann. Mit " einem Wort, beim' Chasen im Haus herrschte eitel Freude, ein ' seltenes,'' fröhliches* Fe^tniaW; Und das glückliche Paar? Das glückliche Paar saß obenan, Hand in Hand, mit hellen und leuchtenden' Gesichtern wie richtige j^raut» , leute! '<•■; ■;•' Nissl Schwalb durfte fröhlich sein. Von allen K.oni* binationeii, die sein genialer Kopf irgendwann ausgedacht hatte, war diese Kombination vom Gläschen Tee beim Lomscher Chasen und vom speech des Mr. Klamer viel» leicht die beste und gelungenste. Man muß hinzufügen, daß ihm das Glück auch ein wenig mithalf. Es traf sich gerade in einer solchen Zeit, da unser junger Held, wie wir oben gesehen haben, sehr deprimiert war, in New York umherjrrte wie in einer Welt des Durcheinander. -.Auf der einen Seite der Lärm der Neuen Welt, die neuen Menschen, die neue Lebensart, auf der andern Seite das Trommeln der Zeitungen, das Blasen und Pfeifen und Trompeten und die Erzählungen von seiner Gtäte, Wunder über Wunder, das Ausdenken von Dingen über ihn, die nicht gebogen, nicht geflogen sind, und vor allem die Agenten, die ihn umschwirren, das Glück zu Füßen legen, goldene Berge versprechen, natürlich ins* geheim: wenn er nur die jüdische Bühne., verlasse, sagen sie, und zu den Andern übergehe, werde sich ihm eine neue Welt auf tun . . % Dabei zählte man ihm Fälle von berühmten Stars der größten englischen dramatischen Theater und Opern auf, die im Vergleich zu^ ihm vordem wehiger als nichts w,a.ren. Man kann sagen, Fliegen neben einem Elefanten. Und ■, heute muß mau auserwählt sein, sie sehen zu können. „Eigene. Häuser, eigene Villen, eigene Automobile und diö schönsten Weiber, chacha, und das plötzlich, geschwind, denn es ist nicht Europa, es ist Amerika, das Ldnd des hurry»up!" Versteht sich, daß alle diese Geschichten, t-in» flüsterungen und Redreien unserem jungen Helden den Kopf verdrehten und ihm Courage machten, und .daß. er Lust bekam, so rasch wie möglich aufzutreten, um zeigen zu können, wer er ist, was in ihm steckt und was er zu geben imstande ist. Viel wirkte hier auch mit, daß auf seinen offen* herzigen Brief keine Antwort kam, auf seinen ersten großen Brief in seinem Leben, den er an die schrieb, dje ihm teurer war als alles auf der Welt, die er wie ein Heiligtum so lange in seinem Herzen trug. Sah er in den New Yorker Zeitungen nach, be* gegnete er immer wieder dem Namen Rosa Spiwak zu* BEI BESTELLUNGEN BITTE SICH AUF ,DIE NEUE WELT'| ZU BERUFEN l EINLÖSUNG VON _ G O L D SILBER P LATI N G, A. SCHEID WIEN VI, tiumpendotiarstr. 85 Wien I, Franz-Josefs-Kai 49 Wien VII, Kaiserstraße 67/69 Rainer. Wien VI, Dürergasse 4 »KINDERWAGEN vom einfachsten bis zum feinsten Genre erzeugt BNJSBIDBD/3 xx, wauensteinplatz 3 EllUELDEllM Eingang: Bäuerlegasse t HIIIIIHIIIIH Filiale; XX, KlosterneuburgarstraPe 91 Die bestbewährte unschädlich« NUSS .1 HAARFARBE" WESENA tärbt echt, naturgetreu und dauerhaft von blond bis schwarz Ueberau erhältlich 5 2.— und S iJ50 W. SEEGER, Wien XV, Wurzbachgasse 19 sammen mit dem Namen Grischa Stellmach, der sich immer nachschleppte wie eine Klette, die ihm in die Augen stach und in, das Herz schnitt. Mag sie glücklich sein,, dachte er sich, mit ihrem Grischa Stellmach; mag sie mit ihm alt werden, reich und geehrt; auf meinen Brief hätte sie allerdings antworten können. Ist sie so groß gewordea und in ihrer Größe so fern, daß sie an die einstige Heimat schon ganz vergessen hat? Oder will sie an ihn nicht denken, ihn ganz vergessen, vergessen wie an einen bösen Traum? Wenn dem so ist, was will er dann von ihr? Ist es nicht richtiger, sie ebenso su vergessen, vergessen wie einen bösen Traum? Rafalesco war schließlich so weit, vergessen zu wollen, wem zulieb er eigentlich hierhergekommen war und wer ihn eigentlich in dieses Land hergezogen hatte. Er wollte sich einreden, daß er seinetwegen hierher* gekommen sei, seiner eigenen Karriere wegen. Und wie einst in.; besseren Tagen ging unser junger Träumer in einer Welt von Traum und Phantasie umher. Er zauberte sich vor, sein erstes Auftreten in Amerika sei so glänzend abgelaufen,- daß er zu keiner . zweiten Vorstellung mehr kam: man habe ihn geschnappt, oder, wie man das dort nennt, gekidnapt, d. h. — von der jüdischen Bühne weg« genommen, für ihn bezahlt, wieviel man verlangt habe, und er sei nun auf der englischen Bühne zusammen mit den größten New Yorker Stars und der Name Rafalesco klinge in ganz Amerika und schlage bis zu ihr, zur be» rühmten Spiwak, die so hochmütig ist. Öh! Dann wird er mit ihr abrechnen, wird er zeigen, wer mehr sei. Er wird ihr schon alles, was er auf dem Herzen hat, bei* bringen, er wird ihr die ganze reine Wahrheit sagen, daß sie eigentlich seiner nicht wert sei, daß die langen schlaf* losen Nächte an sie verschwendet gewesen seien; er sei trunken gewesen und jetzt sei er klar; er sei dumm ge* wesen und sei jetzt vernünftig geworden; er sei krank gewesen und sei jetzt geheilt, ganz geheilt. . Mit solchen Gedanken trank der. Bräutigam wie alle ein Glas nach dem andern, lachte und freute sich wie alle an seinem Festtag, begriff nicht recht, was an diesem Abend vorging, schätzte-nicht richtig die Bedeutung des zerbrochenen Tellers ein. 57. Kapitel. \ Im NickelsTheater. Am nächsten Morgen . erwachte unser Held mit selten heftigen Kopfschmerzen. Er hatte noch nicht Zeit gehabt, sich von der Betäubung zu erholen, sich umzu* sehen, wo er nach dem gestrigen Abend in.der Welt stecke, als man ihn schon einfing und ins NickeLTheater zur Probe führte. Dort, sagte man ihm, werden ein paar Stars von anderen jüdischen Theatern, die ihn sehen wollen, anwesend sein und auch ein paar Rezensenten englischer Zeitungen. Seit Rafalesco Schauspieler ist, wollte er mit seinem Spiel noch nie so gefallen wie jetzt bei seinem ersten Auftreten in-der Stadt New York. N.och nie brannte er so nach Erfolg, nach Auszeichnung und Ruhm wie an diesem ersteh Abend, da er sich dem großen Publikum des vollgestopften Nickel*Theaters zeigen sollte. Niemals noch klopfte ihm das Herz so sehr und, niemals fühlte er sich so sehr Schüler, der zur Prüfung geht und sich vor* genommen hat, unter allen Umständen das Examen glänzend, mit dem größten Erfolg zu bestehen. Was Wunder, daß er alle anderen Interessen au diesem Tag beiseite schob! Was Wunder, daß alle anderen Interessen den Platz nur dem einen Interesse räumten, den New Yorker Juden zu gefallen, das Publikum auf sicher zu nehmen. An jenem Abend erwachte in ihm der Schauspieler, der echte Schauspieler, das ganze Feuer, das ganze Fieber eines Schauspielers, das die Augen brennen und das Blut sieden macht, und Kraft gibt. Großes zu schaffen, Wunder zu zeigen. ' ' * Wenn man lebt, erlebt man. Der Tag des großen Examens war der für den neuen „jüdischen Stern aus Bukarest", den die Presse so hoch gehoben, in eine Reihe mit den größten Größen, wie z. B. Sonnenthal, Schild« kraut, Irving, Possart, Rossi u. a., gestellt blatte. (Fortsetzung folgt.) EisemOmer, Verleger» Herausgeber verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker, ** Druckerei. uu4 VtvUgfeA.«a I«aM Steivmaan, bald» Wien, IX. Univoreitätwtraßo 6—8. - -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.