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Die neue Welt · 1930-12-26 · Heft 171 (26.12.1930) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 171 (26.12.1930)
Date
1930-12-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- 5 r land, Türkei, Aegypten und Palästina. niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiinir? Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. Angelangt, trafen sie die Lomscher solovej ohne Kappe und ohne Kaftan und deswegen guckten die Schau* fäden des Leibtalles hervor. Um ihn herum stand die Bande, seine eigene Kapelle. Er studierte mit ihnen ein neues Konzert ein. Als die Bande die Eingetretenen erblickte, warf sie sich Nissl Schwalb entgegen. Die Aelteren schleppten ihn an der Hand und die Kleineren krochen ihm auf die Schultern und sahen aus Wie Ameisen auf einem Maulwurf. Anfangs ertrug dies dieser OgsKönig von Basan ganz gleich» mütig und lächelte dazu. Dann schüttelte er die kleinen Kerle von sich ab und schrie die ganze Bande an: „Shut up, hinaus, Bengel, alle hinaus draußen! Keine Spur daß von euch zurückbleibt. Rasch, wir haben hier wichtige business... He, Chasen, wo ist eure misses? Ruft sie nur herejn, wir müssen hier Konferenz halten.' Malt euch, wenn sich das ein Anderer erlaubte, hätte er von dem Lomscher solovej wegen eines solchen Benehmens nichts zu lachen. Was ist das für eine Sprache: he,-Chasen? Und noch schlimmer würde es dem bei des Chasen Springern ergehen. Die würden ihm ein „shut up" zeigen. Aber der Onkel Nissl (so heißt bei ihnen Nissl Schwalb) darf. Den Onkel Nissl lieben alle, klein und groß deshalb, weil der Onkel Nissl ein good boy ist. Der Onkel Nissl hat auch für jeden einzelnen ind zu jeder Zeit ein gutes Wort. Dem versetzt er einen Schlag in die Schulter, dem einen Kneifer in die Wange, .lern einen Hieb in die Seite. Wenn ihr wollt, legr er den Rock ab und stellt sich hin, mit euch zu fiten, mit euch einen Boxkampf zu machen. Der Onkel Nissl wird euch niemals mit leeren Händen daherkommen. Immer muß er etwas zum Kauen mitbringen. Auch jetzt hat er candis mitgebracht, das, was des Chasen Bande gar nicht'ungern siehf. Im Augenblick war der candis vergriffen und die Stube geleert. Und der Chasen schlüpfte in den Käftan, tat einen Sprung zur Nachbarin, holte von dort die Chasenfrau und hinter ge* schlossenen Türen wurde Konferenz gehalten... Am selben .Tag, am Abend wurden viele Gäste zum Lomscher Chasen zu einer tea*party geladen, bei uns nennt man das „auf ein Gläschen Tee". Und was ein Gläschen Tee bedeutet, das kann man sich ersparen euch zu erzählen. Jeder weiß, daß das Gläschen Tee nicht nur ein Gläschen Tee ist, sondern auch ein Nachtmahl, und daß nicht das Gläs eben Tee und nicht das Nachtmahl die Hauptsache ist. Die Hauptsache ist eigentlich das, was zwischen Tee und Nachtmahl geschieht. Nebenpsalm heißt es bei uns und man meint natürlich ein Kärtchen. Viele Menschen glauben, daß, wenn es zum Beispiel diese Gattung, die man Karten nennt, nicht gäbe oder wenn man die Karten, bewahre, plötzlich in der Welt aus* rottete, keine Gesellschaft von Menschen existieren konnte.' Was würde man zwischen Tee und Nachtmahl tun? Wirt und Wirtin würden gähnen, die Gäste würden einschlafen, Menschen würden aufhören, einander zu besuchen, Bekannt« schaft zu schließen,'Gesellschaften,zu bilden und langsam würde die Welt untergehen. Mögen die Moralprediger sagen, was sie wollen: Karten, sind keine wichtige Sache. Was die Karte betrifft, ist die ganze Welt, kann man »agen, eine Stadt. Ueberajl in der ganzen Welt, selbst.in den ent* legensten Gegenden, wo sich nur zwei Menschen befinden, wird Karten gespielt. Nur daß jeder Kreis sein Spiel hat und jedes Spiel seinen Namen. Z. B. bei uns in der Alten Welt verfährt man so — man spielt nicht mehr Karten. Schluß. Zuende mit der Mode des Kartenspiels. Was Jenn tut man, wenn man sich zu eiruem Gläschen Tee versajn« melt? Man „macht ein preferancel", man „fängt ein Oketl", man „richtet ein Bankerl her", oder man „macht sich ver* rückt mit einem TertelsMertcl". Hier in der Neuen Welt das gleiche. Karten werden nicht gespielt. Pfui. Das tun nur garabler, Professionals. Anständige Leute, wenn sie sich zu einer tea*party versammeln, ziehen zwar dieselben Karten wie bei uns hervor, aber man „amüsiert sich bei einem poker". Oder man „spielt in pinocle". Ein bißchen wird das zum Zeitvertreib, ein bißchen auch wegen business gespielt. Jeder setzt sich an den Tisch mit den besten Hofnungen und der sichersten Ueberzeugung, daß er an diesem Abend unbedingt Gewinner sein werde. Und dann — wie das Glück eben fällt. Entweder er spielt Trumpf oder er wird begraben, Es ist Gottes Sache. Jetzt, wir schon wissen, was eine Tea-party heißt, werden wir hingehen schauen, wer die Gesellschaft ist, die sich beim Lomscher Chasen zu einem Gläschen Tee ver* sammelt hat. 5 3. K n p i t e 1. Eine gemischte Gesellschaft Von der Gesellschaft, die sich an jenein Abend bei der Lomscher Solvej zur tea*party versammelt hat, ist schwer zu sagen, welcher Klasse, sie angehört, und deshalb ist sie auch schwer za beschreiben, wie im allgemeinen das amerikanische Publikum in. der großen Weltstadt New York schwer zu beschreiben ist. Es war ein Mischmasch von Typen, meistenteils Landsleute vom Verein „Ansehe Lomsche", ein Haufen Juden von allerlei Sorte und Profession. Auf den ersten Blick sah es zwar aus, als hätte der eine mit dem anderen nichtszu tun; denn was für Ge* vatterschaft hat ein reverend, d. h. Row und Moel, im Hütchen und die Pejes hinters Ohr gesteckt, mit einem fliegenden Hausierer, der schwindsüchtig hustet und einen verkrümmten Rücken hat? )der in welchem Verhältnis steht ein agent (ein Agent) von typewriters (Schreibmaschinen), ein gehauter Bursche mit rinnenden Augen, zu einem hebrew*teacher (jüdischem Lehrer), einem kleinen Kerl mit gestepptem Gesicht? Oder was verbindet einen drogist (Apotheker), einen mit bösen Augen, mit einem gewöhnlichen butcher (Fleisch* hauer) aus der Essex*Street, der nach Ochsenfleisch riecht? Oder einen landlord (Besitzer) eines eigenen Hauses in den Bronx, einen schwarzhaarigen Juden mit einer Kar* toffelnase, der mit grober Stimme und ein bißchen heiser spricht, mit einem uprighter (Schneider) aus der Bovery mit künstlichen Zähnen? Und alle diese erwähnten Personen, was haben sie, ich bitte euch, mit einem Chasen und einer Chasenfrau, mit Schauspieler und Schauspielerinnen, Musikanten und Billetteuren des jüdischen Theaters für eine Verwandt» schaft? Und doch fühlten' sich' alle" heimisch, alle gleich* gestellt, stolz im Bewußtsein, in Amerika zu sein, business zu führen und vorwärtszukommen. Niemand fühlte sich über den anderen erhaben, wie es bei uns der Fall ist, wenn sich Menschen zu einer Gesellschaft zusammentun oder zu einem Fest. Der demokratische Geist4 der amerika* nischen Republik läßt sich in diesem Land auf Schritt und Tritt spüren und unsere Brüder, die tagtäglich aus der ganzen Welt hieherkommen, akklimatisieren sich so leicht, wie die. anderen Völker in diesem .Schmelztiegel und saugen in sich so rasch wie möglich diesen Geist der Gleichheit ein. Alle drei Paraderäume in des Chasen Wohnung, der parlour (Salon), der dinning*room (Speise* zimmer) und die bed*room (Schlafzimmer) war vollge* stopft mit Gästen. Da wurde Tee getrunken, dort geraucht, da Schach und pinocle gespielt, dort zugehört, geplaudert,, gelacht, geratscht. Der eine erzählt von einem genitor (Hausverwalter), der jede Woche neue rulea und regula* tions für seine tenants (Mieter) herausgibt, der andere erzählt eine kurze, ajber schöne Geschichte, wie man ihn von der union suspendieren, ihm, die sack,geben (hinaus* werfen) wollte und er gegen die union einen trial (Pro* zeß) angestrengt habe. , . . Der dritte erzählt von einem fire (Brand), der fast in der factory (Fabrik) ausgebrochen wäre, ein Vierter spricht von real*states, Stocks und lets und anderen business der Wall Street. Und die Gruppe Schauspieler und Schauspielerinnen sprach von ihren Angelegenheiten, Rollen, stars, pieces, union, vollen Häusern, benefices. Und sie sprachen aller durcheinander in ihrer Art und alle gaben sich hier frei, heimisch und lebhaft im höchsten Grade. Und da der Lärm und das Geschrei so ungeheuer groß war, der Rauch so dick wie in einer Schenke und heiß wie in einem Schwitzbad, war es fast unmöglich, jeden einzelnen zu bemerken, wer er sei und was für Gesicht er habe. Von unseren bekannten Personen außer dem Chasen und der Chasenfrau mit deren Bande waren zu sehen: Mr. Klamer in seinem feiertäglichen Smoking, den Herz!» Bart in zwei Teilen gekämmt, er saß chair an chair mit seinem neuen Partner Mr. Nikel, der diesmal seinen gol* denen watch and chain (Uhr und Kette) auf sich hatte;— das Geschenk des „President of the United States öf America". Beide sprachen englisch, ließen stolz Größe spielen und erzählten auf Ehrenwort wunderliche Dinge, von denen ein Unbeteiligter sich die Tausender hätte wünschen dürfen, wieviel bluff dort fiel. Es waren auch Isaak Schwalb und Brejndele Kosak da. Die beiden standen bei einem Tisch und sahen zu, wie Karten gespielt wird. Unter den Spielern und Spielerinnen befand sich auch die Primadonna Henrietta Schwalb, in alle ihre Brillanten getaucht. Sie sprühte, sprach und'er* eiferte sich mehr als alle. Es fiel ihr das Blatt. Neben ihr lag ein Haufen Geld. Alle ladies beneideten sie undalle Männer winkten einander zu, bewarfen sich mit Worten auf Rechnung der Primadonna und benahmen sich zu ihr ganz frei, so frei, daß einer, ein gentleman, ein Rasierter mit rotem Gesicht, spitzer Nase und mit einem Diamant* ring am Finger, der ihr vis*ä*viel saß, ihr unter dem Tisch einigemal kräftig auf den Fuß trat, obwohl dieser gentle» man, wir wissen es positiv, verheiratet ist. - Zur Seite, in einem rocking=chair (Liegestuhl), saß Leo Rafalesco, rauchte und schaukelte sich. Ihn umgab eine ganze Gesellschaft von Schauspielern mit ausrasierten Gesichtern, und erzählte Theateranekdoten, eine um die andere. Und sie donnerten alle ein solches Gelächter her*: vor, daß die Wände bebten." Mehr als alle zeichnete sich ein Komiker aus, eine verschippte Kränk mit so beweg* lichem Gesicht und so lachenden Augen, daß man schon1 lacht, bevor er zu erzählen beginnt. Und er selbst lachte, auch, lachte so kräftig, daß er sich mit beiden Händen an den Seiten hielt und fast in drei Stücke zerbrach. ■ „Ladies and gentlemenl" ruft in seiner süßen Stimme der Lomscher. Chasen, der, in,der kurzen Zeit sich so aus* gegrünt hat, daß. er. sqhon rrjehr als halbenglisch spricht. „Ladies and gentlernenj Zum, Tisch, please (bitte), schon fertig das supper." Die Leute ließen sich nicht lange bitten. Die nichts taten, waren bereit, sofort ihre Plätze am Tisch einzu* nehmen, und die sich beim pinocle amüsierten, zählten das Bargeld in der Kasse, nahmen die Einsätze zurück und gaben mit erregten Gesichtern Rapport, wieviel der ge* wonnen und.wieviel jener verloren habe. 5 4. Kapitel. Nissl. Schwalb — Tqas{meister. Es zeigte sich, daß verloren alle haben und das Ganze gewonnen nur unsere Primadonna allein, Henriette Schwalb. Es ging ihr an diesem Abend $Ues glatt durch. Sie war so vertieft in das Zählen des Geldes und ihr Ge* sieht flammte derart, daß sie nichts um sich herum sah,, nur Dollar, Ddllär und Dollar. Der Bruder Isaak undBrejn*, dele Kosak, die die ganze Zeit über bei ihr herumstanden und mit gierigen Augen zusahen, wie sie das Geld ins Ridi* cüle stopfte, fragten, was sie mit dem Gelde zu tun ge* denke? Ob sie sich eine motor*car anschaffen wolle oder: diamantsi oder ein kleines Haus auf der fifth avenue?Hen* rietta aber beantwortete ihre Witzeleien nicht. Sie hörte nicht einmal, was man zu ihr sprach. Sie ließ auch die platten Komplimente unbemerkt. Sie spiele nicht schlechter Karten, als sie im Theater singe. Fortsetzung folgt. . Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker;*» Druckerei* und VerUcs-A.-G. igoaz Stetemaiiu, beide Wien. IX« Uolversltätestraßo 6—&

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