Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 170 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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feile 12 DIE NEUE WEL1 Nr. 170 GRABSTEINE f RIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, /. Bei., Seiienttettengaste 2, Telephon Ü-28-U28 XI« Zenttalfrtedhof. neb. d.i. Tor, Telephon U*180 8S KINDERWAGEN vom einfachsten bis zum feinsten Genre erzeugt CNftEI DEDft XXt WALLENSTElNPLATZ 3 LI1UlLDlI\V1 Eingang: Bäuerlegasse 1 llllllllllllll» Filiale» XX, Klotterneuburgcr»trade 91 Dia bestbewährte unschädliche HAARFARBE'/WE S E NA färbt echt, naturgetreu und dauerhaft von blond bis schwarz Ueberau erhältlich S 2.— und S 3.50 W. SEEGEQ, Wien XV, Wurtbachgasse 19 RADIO ' tiiAI'Ä'uui. ■!l!Uu.> $v.iitf 'Aift &%' in eleganter Kofferform für Radio und Schallplatien, spielt überall ohne Antenne, ohne Erde so wie alle modernen Netzempfänger. Radio-Apparate mit Auslandempfang, Radio-Bestandteile. Kredit bis 20 Monate. I0u/0 Anzahlung, l°/0 Kreditspesen pro Monat. Freie Besichtigung von 8 bis 6 Uhr. 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So schloß der glückliche Vater, und es wurde von allen dreien an Ort und Stelle ein Programm für den Abend gemacht: Zuerst ins. NickekTheater, dann in Scholems Restaurant. Dort kocht man rumänischspaprizier« ten Fisch und trinkt einen bessarabischen Pomjak dazu. Scholem ist berühmt. Sein „picture" ist in allen jüdischen Blättern. Ihr öffnet ein Zeitungsblatt und es springt euch Scholem mit seinem Restaurant entgegen. „Also, zuerst ins Nickel=Theater, dann zu Scholem ins Restaurant. Was sagt ihr dazu, Rangen?" „Was sollen wir Rangen dazu sagen! Versteht sich, daß wir mit allem einverstanden sind." Die Rangen waren noch nie so aufgeräumt gewesen wie an jenem Früh« morgen und haben den Vater noch nie so aufgelegt und so lebhaft, so zärtlich und so glücklich gesehen. Jetzt blieb nur noch eines: eine Loge fürs jüdische Theater bekommen, eine Loge für sie drei. „Pfui 1' Kein Geschäft mit diesem Kaftan", bemerkte Stellmach Vater. „Alles ja, nur das nicht, das geht nicht. Warum? So. Eine Loge werd ich für euch nehmen, die beste Loge, aber für euch zuzweit. Ihr werdet euch beide gesund in der Loge sitzen. Und ich — im Parkett. Warum? Ein einfacher Sinn. Ich, versteht ihr mich, bin in einem jüdischen Theater nicht mit euch verschwägert. Ich bin für euch null. Mich kann jemand erkennen, euch — ntm. Ein Geschwür sol jemand wissen, wer in der Loge sitzt. Das Leben ist dan nicht sicher. Du, Grischa, verstehst du mich, wirst deinen großen weichen Schlapphut über die Stirn ziehen und du, Rosa, wirst so gut und fromm sein und wirst den größten Hut, den dur nur hast, aufsetzten, daß man sich tüchtig bücken muß, und erst dann eine Feige sehen kann und keine Augen. Einem Juden gegen* über, versteht ihr mich, muß man vorsichtig sein, chacha! Ein Jude ist kein Spaß. Soll nur ein Jude z. B. heraus* riechen, wer in der Loge war, so sind alle jüdischen Blätter voll solcher großen Köpfe. „Die größten Stars der Welt, Grischa Stellmach und Rosalie Spiwak, im jüdischen Theater', chacha. Wer nicht weiß, wird wirklich glauben,. Grischa Stellmach und Rosa Spiwak spielen bereits im jüdischen Theater. Noch das fehlt mir, chacha." Solcherart fröhlich, begann für unseren glücklichen Stellmäch dieser glückliche Tag. 51. Kapitel. Eine Gegenvisite. Unser Freund Leser wird sich der Visite der Mme. Tschernjak oder Brejndele Kosak bei Nissl Schwalb er* innern und der Andeutungen, die sie ihm gemacht hatte, daß er, wenn er wolle, seine Schwester soll den Namen Rafalesco tragen, zusehen müsse, daß es möglichst rasch geschehe. Wenn nicht, werde es zu spät sein... Es versteht sich, daß diese Worte unserem Korns binator, wie man sagt, tüchtig in die Nase gestiegen. Nissl Schwalb konte sich mit den Andeutungen selbst nicht be* gnügen. Er wollte ein wenig tiefer und gründlicher wissen, worum es sich hier handelt. Er war nicht faul und bemühte sich eines Frühmorgens zu einer Gegenvisite bei diesem Wesen mit der roten Pelerine und dem Wurmgesicht. Nach» dem unser Schwalb bei der Schwester die Adresse der Mme. Tschernjak und die Zeit, wann man sie zuhause antreffen Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. könne, erfragt hatte, schlug er sich durch Gassen und Gäßchen, kletterte ganz hoch bis zum 12. Stock irgendwo in Brooklyn hinauf und fand kaum das Loch, mußte sich bücken, bevor er hineinkroch...... „Hallo, wohnt hier Mrs. Tschernjak?" Die Mrs. Tschernjak war mit einer Matinee bekleidet, einer Art Morgenkleid, mit weiten Aermeln und stark ausgeschnittenem Hals. Das Haar noch ungekämmt und das Zimmer noch nicht ganz aufgeräumt. Das Bett war noch nicht gemacht, das Häufchen Mist lag noch an der Tür und auf dem Tisch waren noch die Reste der gestrigen supper. Als sie einen so unerwarteten Gast erblickte (man muß bemerken, daß, seitdem Brejndele Kosak in Amerika, Nissl Schwalb die erste Mannsperson ist, die ihre Schwelle übertreten hat), erschrak sie anfangs, wußte nicht, was zuerst tun, ob sich in .ein anderes .Kleid werfen oder das Bett zudecken oder das Häufchen Mist hinaustragen oder die Reste des gestrigen supper entfernen. In großer Eile vergaß sie, den Gast zum Sitzen einzuladen, und blieb selbst auch stehen, die Hände heruntergelassen und wartend, was er sagen werde. Nissl'Schwalb sah, daß sie verwirrt sei, setzte sich unaufgefordert und schob der Mme. Tschernjak einen Stuhl hin und begann, ihr mit Gesprächen über entfernte Dinge und mit freundlichen Worten hin* wegzuhelfen. Er sagte ihr aufrichtig, daß er schon seit langem sich mit ihr ein wenig näher bekannt machen wollte, und überhaupt, nach ihrer Visite, fühlte er sich zu einer Gegenvisite verpflichtet. Und nebenbei habe er mit ihr ein bißchen über heimische Dinge, Familienangelegen* heiten, reden wollen ... Er fühle, daß er mit ihr über solche Dinge sprechen dürfe, über die er mit einem andern nie sprechen würde. Alles frank und frei heraussagen, denn er sei ein Gentleman und ein aufrichtiger Mensch. (Hier knöpfte sich Schwalb, auf, schob den. runden Bauch heraus, der mit einer weißen Weste und grober, dicker, goldener oder vergoldeter Kette bedeckt war.) „Sie können sicher sein, daß alles, was wir hier sprechen, da bleiben wird. Hier zwischen diesen vier Wänden." Nissl Schwalb zeigte mit beiden Händen auf die vier Wände von Mme. Tschernjaks Zimmer und machte ihr gleichzeitig ein Kompliment: Wie schön, wie rein, wie sauber es da sei, er habe schon lange ein solche Reinlich* keit nicht gesehen, er soll so aller Menschen Gutes haben. Wohne sie hier etwa ganz allein? „Eine allein. Elend wie ein Stein", antwortete ihm Mme. Tschernjak gereimt und mit tiefem Seufzer und wurde rot wie ein Krebs, begann fast zu schwitzen. „Wir sind hier alle elend. Ich bin auch ein Mensch allein, elend wie ein Stein", verfiel Schwalb in ihren Ton, nicht andres im Sinn, als ihre Worte zu wiederholen. Aber die Mme. Tschernjak verstand das anders. Sie setzte sich ihrem lieben Gast, vis*ä*vis, machte sich das Haar mit beiden Händen zurecht, setzte ihrem runden Mond* gesteht mit den japanischen Aeuglein das schönste kokett» naivste Lächeln auf, das sie. besaß, und fragte absichtsvoll so nebenhin: „Sind Sie denn ein single«man?" Ihr englisches Wort „single*man" beantwortete Nissl Schwalb ebenfalls mit einem englischen Wort: „Sure", das „gewiß" ■ bedeuten soll, und fügte in Jiddisch hinzu: „Und was für ein single*manl Unter single»mens ein single*man." Auf diese Weise von ihrem Gast erfahrend, daß er noch nicht verheiratet sei, wurde Mme. Tschernjak noch freundlicher und freimütiger und beide Aermel der Matinee verschoben sich bis über die Ellenbogen hinauf und Schweißtropfen traten an der Oberlippe hervor, die ein wenig mit schwarzen Harren , bewachsen ist. „Woher kommt das?" fragte sie mit sehr Hebens» würdiger Miene, einem Gemisch von Neugierde und Mitleid. „Na so, wenn man immer busy ist, Tag und Nacht iiifiifttfiiiiffiiiiiiitiwfiiiHiiiimiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiitiifiiiiiinifiitiiiifiittHitnimimwiifitniiifiimitiifiifiHtiiminffP ^HIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIllillliiiiiiiiiiHiiiiuit- .PHÖNIX i I 5 Gegründet 1882 f Lcbensuerslcherun$s- I Gesellschaft | Zentradirektlon: WIEN I., Riemergasse Nr. 2 s s Yersidiernngsliestano per Milte 1930 2450 Millionen Sdiillino 'S s tolleingezahltes Aktienkapital 4,000.000.- Schilling s s Prämien- und Zinseneinnahmen im Jahre 1929 125 Millionen Sdiillino S 5 Garantiemittei per Ende 1929 300 Millionen Sdiillino s Auszahlungen an Versicherte im Jahre 1929 30'5 Millionen Schilling s E Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, FranV reich, S Belgien. Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s s Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen» S s fand, Türkei, Aegypten und Palastina. niiiiillltliililliiliiiiilfilliiilllliiliiiiiiiiiifiiiitiHiiiiiiiuiifiitr nur Huhal Kommt der Morgen, lauft man dahin und dort» hin. Man hat nicht einmal Zeit, eine Rasur zu nehmen, einen Schluck zu tun und Sandwichs dazu zu beißen. Schon gar nicht zu reden von Schlafen. Nicht einmal passiert es, daß man im Gehen ein Schläfchen tut, wie ihr mich da schwimmen seht. Werden Sie mir glauben oder nicht — es vergehen Wochen, Monate, daß man nicht ißt, nicht trinkt, nicht schläft. Ich soll so aller Menschen Gutes haben." Die Mme. Tschernjak, die dem Gast mit der größt ten Aufmerksamkeit zuhörte, nickte mit dem Kopf, fückte näher zu ihm hin, legte beide halbnackten Hände über ihre hohe, breite, üppige Brust, die aussah, wenn nicht wie die zwei Gazellen der Sulamith im Lied der Lieder, so be* stimmt wie zwei eingestopfte Kisten. „Nicht gut so", hielt sie ihm vor wie eine treue Mutter. „Nicht gut. Ein Mensch darf sich nicht geh'n lassen. Man muß auch an sich denken . . ." „Wie kann man an sich denken, wenn man einen solchen Binkel auf den Schultern hat. Ich meine da meine Schwester, die Primadonna. Ihr Vorzug ist, daß sie schön ist. Und ihr Fehler, daß sie schon zu schön ist. Was zu, ist zuviel. Gott soll mir helfen, daß meine Schwester heiratet und mein Bruder Isaak einen ordentlichen Job kriegt, dann würde ich vielleicht auch an mich denken. Schon Zeit, obwohl ich noch bin , . . Wieviel glauben Sie Jahre zähl' ich mein Eigen? Nun, raten Siel..." Was ist da das Wunder, daß Mme. Tschernjak nach solchen Gesprächen ganz weich wurde und ihr verhärtetes Herz wie Butter zerging? Ach, was für ein Mann das ist! Was für ein gentleman! Ein wirklicher gentleman. Na geh und schätz einen Menschen nach seinem wirklichen Alis* sehen ein! Sie würde ihr ganzes Leben lang nicht gedäöfit haben, daß dieser hohe starke gentleman eine so zärtliche Seele besitzt. Und sein Gesichtl Und die Sprachel Und das Lächeln? Und das Benehmen! Viele, viele Mannsbilder den Nagel von seinem kleinen Finger nicht wertl . . .'; Brejndele Kosak hatte sich schon seit langem nicht so wohl und leicht gefühlt wie jetzt bei diesem Gast. Sit erinnerte sich nicht, jemals so offen gesprochen zu haben wie sie mit diesem gentleman gesprochen hat. Sie enthüllte ihm, kann man sagen, ihr ganzes Herz. Es gab kein Ding, das sie ihm vorenthalten hätte. Nein. Nissl Schwalb bereute es nicht, daß er sich zu diesem Wesen mit dem Wurmgesicht bemüht habe. Diese Gegenvisite hatte ihm die Augen geöffnet. Es wurden ihm viele Dinge klar: der stille Rafalesco und sein stiller Roman, sein verwirrtes Umhergehen und die Geschichte von des Chasen Mädel, das heute in der Theaterwelt eine so große Rolle spielt — alles lag klar vor ihm ausgebreitet wie auf einem Teller. Auf dem Heimweg von seiner Gegenvisite, eine lustige Melodie pfeifend, arbeitete sein kombinierender Kopf an einer Kombination, einer genialen Kombination. 52. Kapitel Beim Lomscher Chasen auf ein Gläschen Tee. Nissl Schwalb ging nicht nachhause. Zunächst vor« irrte er sich zu seinem Kompagnon und Ratgeber, zu Mr. Klamer, und machte sich mit ihm zusammen zum Lomscher Chasen auf, wegen sehr, sehr wichtiger business, wegen einer nagelneuen Kombination. Was für business? Was für Kombination? Das konnte Mr. Klamer aus ihm auf keine Weise heraus» bekommen. Weder auf gütlichem, noch auf strengem Wege. Nissl Schwalb bat ihn nur um eine Sache, um Geduld, und schleppte ihn fast mit Gewalt zum Lomscher solovej, hörte den ganzen Weg nicht auf, mit den Händen zu sprechen, zu trommeln und zu trompeten, wie es seine Art ist. Als man schon nahe, fast schon beim Haus war, wo der Chasen wohnte, stellte sich Mr. Klamer auf, er wolle nicht weiter gehen. Bei ihm ist ein Prinzip: er haßt einen blinden Ethrog oder wie der englishman sagt: I do not by a pip in a poke, Aber sprich englisch, sprich englisch, sprich tatarisch — Nissl Schwalb packte ihn mit seiner „alle Frevler be< drohenden" Hand und sagte' ihm in herbem Toni „Well, ihr werdet bei mir schon gehenl" (Fortsetzung folgt.) Eigentümer. Verleger. Heraussehe; und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. — Druckerei* und verlags»A.«G. ignaz Steiurnaoa beide Wien. IX. Universitätsstraße 6—8.