Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 165 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 12 DIE NEUE WELT Nr. i« GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, t. Bes., Seiten$ieHenga$te 2, Telephon V-28-1-28 XL, Zentralfriedhof, neb. d. 7. Tor, Telephon V'18-0 85 KINDERWAGEN vom einfachsten bis zum feinsten Genre erzeugt ENISBIDEDA XX, WALLINSTEINPE.ATZ 3 LIIUlLOlRU Eingang: Bäuerlegasse 1 lllllllllllllll Filiale; XX, KlostarneuburgerstraBe 91 älllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHIMIlllllllllllllllllllltS üegründet 1882 | iLebensuersicherunss-punuiyi I iGesellschaft frnUIIIA f Zentradirektion: WIEN I., Riemergasse Nr. 2 | § Versidierangsbestana per Milte 1930 2450 Millionen Schilling | «ollelngezabftes Aktienkapital 4.000.000.- Schilling PrSmten- und Zinseneinnahmen im Jabre 1929 125 Millionen Schilling 5 Garantiemiffei per Ende 1929 300 Millionen Schilling Auszahlungen an Versicherte in Jahre 1929 30*5 Millionen Schilling s Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich. Balgten. Hotland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s Republik. 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Wien Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. e Aber schon gar nicht gefällt ihm der „Junge" (wie ihn Holzman zu nennen pflegte). Seitdem man in New York ist, ist er irgendwie so*so. Er geht ihm da herum wie ein Gestriger und fragt zehnmal im Tag nach Briefen. Von wem erwartet er das so Briefe und was für Geschäfte hat er mit dieser komischen Figur in der roten Pellerine (Brejndele Kosak), die daher* geflogen-kommt, immer nur „für eine Weile" und bei ihm oder bei seiner Schwester drei geschlagene Stunden sitzen bleibt. Henrietta fragen ist genau so wie die Türklinke fragen. Was sie schon versteht, die dumme Gans da! Dazu noch hat dieses New York durch ihren Erfolg noch auf der Bühne, durch den Premierenbluff, daß sie in Paris den Schönheitspreis bekommen habe, ihr so den Kopf verdreht, daß man schon bald mit ihr kein Wort wird reden können. Sofort schlägt sie aus. Der Bruder Isaak sagt zu ihm: „Fang dir nichts an, Nissl, mit diesem Kalb, sie ist schon bald eine Kuh, sie wird dich auf die Hörner nehmen." Der Bruder Isaak hat recht: wirklich eine Kuh. Denn hätte sie die Schraube fest im Kopf, dann hätte sie nicht solche Dummheiten im Sinne, wie sich mit Rafalesco in achzehnerlei Posen zu photographieren. Sia würde eher zuschauen, daß es eins — zwei —■ drei vor sich gehe und ein Traudach. . . . Wie lange kann es noch so gehen? Mr. Klamer meint auch dasselbe: „Beugel backen solang der Ofen heiß ist ..oder, wie sagt der englishman, „if you wont to do a think". Aber wer-hat Schuld daran, daß ihr Idioten seid?"' So sagt Mr. Klamer. Alle mengen sich ein in diese Heiratsgeschichte. Wer nur Gott im Herzen hat, steckt seine Nase hinein. Nehmt z. B. die Lomscher Chasenfrau! Die kommt immer daher in ihrem neuen Overcoat, den der Mann ihr in New York gekauft hat, um nachzufragen: wann wird schon der Messias geboren werden? Was meint sie damit, die Heufresserin mit der roten Perücke? , .., Und was trocknet sie sich das Hirn aus wegen der Schwester, mehr als alle? Was diese Chasenfrau die Nase hochträgt, seitdem ihr Mann, der Lomscher Solovej, zu Federn gekommen ist! Und der Chasen 'selbst ist auch nicht mehr der von einst. Einmal, als er noch der Lom» scher Chasen hieß, im Londoner* Whiteshapel saß und sich nach1 Weißbrot sehnte, ist er den andern unter die Nägel gekrochen,'hat sich kleiner als der 'kleinste ge* geben, jetzt, da er in Amerika ist, der „Lomscher Solovej" heißt, ist er nicht mehr zu. erkennen. Nie hat er Zeit. Steht mit der „Jarmulke" auf dem Kopf, mit dem Stäb* chen in der Hand, und macht Repetitionen, kommandiert die Bande, si, b*moll, fa*minor, es«dur, ein [ ganz . großer Orchesterleiter.,. 4 , er wird schon bald kein Wort mehr mit Nissl Schwalb reden wollen — chacha, er soll so aller Menschen Gutes haben. Mit solchen traurigen Gedanken verbrachte unser genialer Kombinator die erste Zeit in New York und zer* warf sich immer wieder 'mit dem Bruder und ' mit der Schwester und mit den Kompagnons. Aber all das hatte wie immer nichts mit unserem jungen Helden zu tun. Rafalesco trug sich wie überall auch in dem unendlich großen New York mit seinen Gedanken und Träumen herum, spazierte wie in einem dichten Wald und wandelte in einer Welt des Wirrwarrs. Was kümmert ihn die Kom* panie mit ihren Rechnungen, mit ihrem Geriß und Ge* raufe, Gezänke, ihrem Hadern und Streiten? Was küm* mert ihn sein erstes Debüt auf amerikanischem Boden, das bestimmt ohne jeden-Zweifel'mit demselben Triumph vor sich gehen wird Wie immer und überall? Vor wem muß er glänzen, da doch am--'Debütabend nicht jene sein wird, die er ersehnt und so sehr erwartet hat? Und daß jene nicht kommen wird, d/äs ,weiß er bestimmt; ver» lorene Sache. Von allen seinen goldenen Träumen ist bis jetzt nicht ein einziger in' Efcfüllüng gegangen. Alle seine Hoffnungen auf Amerika sMnd zu Wasser geworden. Mme. Tschernjak hat ihm tiützlos den Kopf eingenom* men. Es hat sich gezeigt, däßf'der Mme. Tschernjak, seit* dem Rosa Spiwak in AmeriKä ist, nicht einmal ihr Ge* sieht zu sehen beschie'deri wä'r. Es ist wahr, Mme. Tscher* njak motivierte das damit, daß schuld daran nur ihr neuer shop habe, den sie im lärmigen New York aus* übe. Könnte sie, sägt sie, 'sich nur für einen Tag oder Nacht freimachen für Rosa ^piyrak, wäre alles allright. Aber in der nächsten Woche; sagt sie, hat sie einen Aus* gangstag, da wird sie einen Sprung tun nach Uptown und es wird, sagt sie, wirklich allright werden. So kommt sie immer wieder mit einer neuen Lüge, vertröstet ihn von einem Tag auf den andern, verspricht ihm, morgen einen Platz in der Oper zu beschaffen, wo Rosa Spiwak singt, oder für das Konzert, wo Rösa Spiwak zusammen mit dem berühmten Grischa Stellmach auf* tritt —r aber keine Spur Von alldem. Kein Platz zu be* kommen um kein Geld, und wollte er auch eine Million Dollar hergeben. Er hat die Mme. Tschernjak so satt, daß er ihr Gesicht nicht mehr sehen kann. Da macht er sich selbst auf den Weg nach Üptown/einen Platz'in . jener hall zu kaufen, -wo Rosa singt. Es stellt sich heraus, daß sie noch gestern in New York war, heute nicht mehr. Sie ist weg* gefahren, auf Gastrollen in die country. Wann sie zu* rückkommt, weiß man nicht. . „Bist ein Fetzen' gewesen und wirst es bleiben," sagt Rafalesco sich selber und frißt' sich lebendig auf. Die Kompanie umringt ihn, häm* mert ihm den Kopf voll wegen seines ersten Auftretens, Zeitungsrepörter' stellen .siph i^m-vor, wollen Interviews, Agenten umschmeicheln ihn und machen ihm glänzende Propositionen. Und da kommt , noch Henrietta hinzu und redet ihm den Kopf voll von'!*Toiletten und pictures. Er weiß nicht, wo er sich befindet, Er geht umher in der Welt des Wirrwarrs.?■ ' - 4 6. Kapitel. -' K./.''; ■ - Mephistofeles im Frauenrock. " i» .• , , ■ „Wisse, Resl, daß,ich, j^jebi, Benje Rafalowitschs~ Sohn aus Holeneschti — erinnerst du dich noch an ihn — in New York Dowtown bin,), ein Schauspieler des jüdi* sehen Nickel*Theaters, und niein Name lautet heute;' Rafalesco.'' . Das hätte eigentlich der Inhalt des Briefes sein sollen, den unser junger Held, an Miß Rosalie Spiwak ^u schicken sich zurechtgelegt hatte. Was hat ,er ihr noch zuschreiben? $? [iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiimiiiiiiiiiiiiiiniiiiiii BEI BESTELLUNGEN BITTE SICH AUF .DIENEUE WELT' ZU BERUFEN 1 lllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllll EINLOSUNG sota SILBIR P L A T I N O.A. SCHEID WIEN VI. Oumpendortersfr. SS Wien , Frat.z-Joaets-tval 49 Wien VII, Kaiserstraße 67/69 Rainer Wien Vi, Dflrergasse 4 +NEU ERÖFFNET! ■ I SpezialhausfürGummistrümpfeu.Bandagen EHMfl FORMOSA™ I, SingeratraBe 3 Telephon R-29-4-33 Kostenlose fachmännische Beratung in allen Fragen der Fußpllege und ' tief ' Provinsveraand I dergleichen Billigste Preiset NÄHMASCHINEN S20. PICK 1931 monatlich ohne Angabe! IX. Llecntenstßinstraßß Mr. 27 Tel. A 16-5-64 und A 16-5-65 Iü. Wiedner Hauptstraße Hr.8 fei. A 30-0-36 SPORT- UND TOURISTEN ARTIKEL "..... ■ ........"■<> 11 1 '■' * "' * So hatte es Rafalesco auch beschlossen und sich ans Schreiben gemacht. Und er weiß selbst nicht, wie er auf einmal zu dem Stoff gekommen sei. Das war vielleicht der erste ernste Brief in seinem Leben. Eine ganze Welt von Gedanken öffnete sich ihm, es strömte wie aus einer Quelle. Seine ganze Lebensgeschichte breitete er vor ihr aus, von damals, als sie sich^ trennten, in jener zauber* haften Nacht, der Nacht des Brandes auf Gottsgass in Holeneschti, bis auf den heutigen Tag. Alles schrieb er . ihr, alles was er durchlebt und erlitten hatte auf seiner Schauspielerlauf bahn, alle seine Träume und Hoffnungen, Gedanken und Gefühle, Freuden und Leiden. Nein, das war kein Liebesbrief. Das Wort Liebe entschlüpfte auch nicht ein einzigesmal seiner Feder. Zu banal, zu alltäglich hätte das. \yort Liebe ausgesehen. Zu heilig waren die Fäden, die seinen Namen mit dem ihrigen verknüpften, ihrer. beiden Vergangenheit mit dem Heute. Und wenn doch warme Worte flössen, so waren sie verhüllt, verkleidet, verdeckt. Als er auf jene bestirnte Sommernacht in Hole* ncschti zu sprechen kam, da es vom Himmel Sterne regnete, bat er sie sich zu erinnern, . was sie damals wegen der fallenden Sterne gesagt habe, und sich zu erinnern, was er. ihr geantwortet habe: Sterne fallen nicht, Sterne irren umher . . . und sich gleichzeitig auch zu erinnern, was dann geschehen sei,: sich zu erinnern, wie sie einst zu einer Zigeunerin gegangen war — irgendwö. in einem kleinen Städtchen in Galizien oder in def Bukö* wina — sie möge ihr wahrsagen, Karten aufschlagen. Was habe ihr damals die Zigeunerin gewahrsagt? Ob die Zi* geunerin ihr denn nicht von irrenden Sternen erzählt habe, die einander zustreben und nicht zusammenkommen können? ... Unausgesprochen lag das in Rafalescos Brief, cinge* hüllt in Allegorien und Andeutungen, und viele Ge* dankenpunkte gab es in diesem Brief, Punkte, Punkte, ohne Zahl Punkte. Am Schluß des . Briefes bat er sie, sich nicht darüber zu wundern, daß er zu ihr mittels eines Briefes spreche und nicht persönlich gekommen sei. Er habe dies aus zwei Gründen getan: erstens habe er gehört, daß man nicht ohneweiters bei ihr vorgelassen werde; man müsse sich vorher bei irgend <?inenvMr. Bohrmahn melden und ihm sagen, ^wer man sei und-wegen welcher business (das. .Wort;„business" faßte, ex Uv .Gänsefüßchen, unter* strich es dreimal und versah es noch , dazu .mit einem hohen Rufzeichen) man komme. Und zweitens deutete er zart-und. mit 'vielen Punkten an,; daß er fürchte, jemandem -von ,;,jenen Leuten*' zu begegnen, die, sie umgeben und ■mit ihr zusammen auf der Bühne mit so viel Erfolg auf* treten. '..;"., ' '-! ' i '■ i r; Jiier gebrauchte unser junger Diplomat absichtlich das. Wort.:„Leute" hr'der' Mehrzahl, obwohl .das"kleinste Kind in 'New* York "weiß, daß mit Miss Rosalie " Spiwak nur einer, Grischa Stellmach, auftrete. Ach, Grischa Stellmach! Dieser Name schwirrte unserem jungen Helden schon seit langem vor Augen und ließ ihn,, den Armen, nicht schlafen. Wer ist er, was ist er,-.wie'* sieht-er.; a,us?r. Wi^sehr; es'"ihn auch, zu Resl 5zög, er würde dennoch zuerst diesen Grischa »Stellmach ■ sehen . wollen, wenigstens von. fern, wissen) Awis'^für ein Gesicht er habe.' Sooft': er djeaen Namen hörte, gab es ihmv einen Stich ins Herz wie mit'einer Nadel. Und über* dieshatte ihm noch die Mme. Tschernjak im Vorüber« gehen einen Floh ins Ohr gesetzt, sier wisse genau, daß dieser Grischa Stellmach und Rpsa, Spiwak ein Brautpaar sind -und5heute — morgen heiraten werd.en, •' •; ..'_(Fortsetzung fq|gt) _ Eigentümer, Verleger. Herausgeber uad verantwortlIcber!< Reiakteiir Oberbaurat Rofcert Stricker. VerU«s-A.-G. Ignaz Steftmanu, belle Wieap IX« UnlversitätistriQ« 6-^8. Druckerei- und