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Die neue Welt · 1930-09-05 · Heft 155 (5.9.1930) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 155 (5.9.1930)
Date
1930-09-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seife 12 DIE NEUE WELT Nr. 155 GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, l Bei« Seitensietiengasse 2, Telephon V-28-U28 XU Zenttalftiedhot, neb. d. 1. Tor, Telephon Ü-18-0 85 Orth. nW3 sowie diverse Käsesorten in feinster Qualität, streng verläßlich, liefert Stauffer & Söhne, Käsefabriken, soprön, Ungarn Vertretung: Ludwig Sc hl sc ha» Wien II, PratersfraBe SO Telephon ft-43-7-27 ^iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiimiitiimmiiniiiiiiiiiiiiiiiiui | Gegründet 1882 ' ■ § I Lebensverslcherunss- PU nMIYi I i Gesellschaft .rnUmA § s Zentradirektion: WIEK I., Rieroergasse Nr. 2 5 2 iffliirtm Saflling 4,001080.-SAÜltoj S Minien- und SnKn<imahnn in Ww 1921 9/ Miiiiom SdilOoi s 5 Garantienittei Ende 192Ü 2*2 KÜliooM SMllsp s Inszahlongen an die Yeniditrtu io Jahn 1928 26S Mm Willing s s Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsch»« Reich, Franvreich, s Belgien, Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s 3 Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- £ s (and. Türkei. 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S6EGE«, W en XV, Wurzbachgasse 19 Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. •a KOMÖDIANTEN Roman von Schal om Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. Nachdruck verboten. Ja, ich darf mich rühmen, daß wirklich nur ich mit meinen einfachen Verstand und mit der Kraft, die, mir Gott ein* gegeben hat, und mit dem Stückchen Glück, das er mir geschenkt hat, es so weit bringen konnte, daß Städte und Länder sich um meinen Sohn raufen: alle in einem Atem Mischa Stellmach und Mischa Stellmach. Wo ist das ge* hört worden, daß man in einer! Woche Einladungen kriege' von acht Städten und von allen vier Enden der Welt; von Paris und von Manchester, von Wien und von Peters* bürg, von Antwerpen und von New York, von Leipzig und von Chicago — man weiß nicht, wem man früher antworten soll, wenn man . sich auch in zehn Stücke zer« reißen könnte. Zum Trotz steh ich noch dazu ein Mensch aHein da. Ich habe meinem Kompagnon, dem früheren Manager, von dem. ich euch, schon, einmal geschrieben habe, gottseidank bereits den. Laufpaß gegeben. Die Jahre sind für ihn abgelaufen. Er hatte zwar gute; Lust, einen Kontrakt auf weitere fünf .Jahre zu schließen, ich aber sagte marsch! .Genug mein Blut, ausgesaugt. Es wird sich ihm, ihr könnt es. euch malen, nicht mehr ein solcher Traum träumen, solang er leben wird, denn es gibt nur einen; Grischa Stellmach auf der Welt.. Jetzt bin ich mein eigener Herr. Meine Hochzeit, meine Musikanten. Was ich tu, ist getan, was ich sage, ist gesagt. So hab ich es eingerichtet, versteht ihr mich, von aller Anfang an, daß ein tVater ein Vater ist und ein Kind ist ein Kind. Denn was ich mich auf meinen Schultern angeschleppt habe und was ich zusammengeschuftet habe, bis Grischa dieser Grischa Stellmach geworden ist, der er heute ist — ich weiß nicht, ob es einen zweiten auf der Welt überhaupt noch gibt. Ein anderer an meiner statt wäre längst schon Gott weiß wo. Ein Knochenhaufen war aus ihm geworden. Gras war über ihm gewachsen. Die Welt glaubt, daß ein solcher Stern wie Grischa Stellmach so leicht aufleuchtet und beneiden tut man mich da nicht wenig. Einfach, man gönnt es mir nicht. Man deutet auf mich mit Fingern; Seht nur, wie der Stellmach Gold mit Schaufeln scharrt. Es gibt solche sogenannte gute Freunde, die mit Rat« Schlägen, mit guten Reden, sich um meinen Sohn Sorgen machen, warum ich ihn nicht studieren lasse und noch solche Sachen. Gute Freunde, oh, wo wart ihr früher, als meine .Sippschaft, nicht heute sei's gedacht,, dreimal im Tag vor Hunger gelb geworden ist und mir selbst das Blut ins Gesicht stieg, daß mein Grischa nicht ein Paar ganze Stiefelchen habe? Warum wart ihr damals nicht um mein Kind besorgt, als .ich hungrig, niedergeschlagen, in der jüdischen Gasse herumlief mit einem Brillanten und geschrien habe: „Ich bin Salomo, Juden, ich besitze eine Million 1" Wer hat mich damals angehört? Oh, ich kenne den Juden. Ich kann mich rühmen, eine Welt be» reist zu haben — es gibt nicht, hört ihr, es gibt nicht ein zweites Volk auf der Welt wie unsere Juden, sie sollen gesund sein! Gott möge mich nicht strafen für die Worte — so viele Reiche bei uns, Schwer Reiche, die das Geld in den Kot werfen, Tausende, Hunderttausende ver» schwenden für, der Teufel weiß was, eine fremde Karre ziehen helfen, den gojim nachtanzen, — und keinen eins zigen gibt es bei uns, der einspringt, wenn ein Talent an ihn rührt. Mag es Mojsche Rabbenu sein, aber wenn mit zerrissenen Stiefeln r— ist er im Elend. Versteht sich, daß heute für uns alle Türen offen sind, ja eine große Ehre für sie und eine Freude, wenn mein Sohn sie mit einem "Blick beehrt. Der größte Magnat würde sich jetzt glücklich schätzen, wenn mein Sohn sagen wollte, daß er seine Tochter nimmt. Vergolden würde man ihn von Kopf, bis Fuß, und auch mir würde man den Hut voll mit Gold anschütten, wenn ich nur einen Wink geben sollte. Gibt es aber einen Gott auf der Welt und ihr werdet was Schönes hören. Ich werd es euch auch erzählen, ein bißchen das Herz vor einem guten Freund ausschütten. Es ist eine ganze Geschichte." Erinnert ihr euch: Ich hab euch einmal von einem Mädel, einer Schönheit, erzählt, Schauspielerin vom jüdi» sehen Theater mit dem Namen Rosa Spiwak. Bei Schtschuppak hab ich sie kennen gelernt. Er hat sich ges rühmt, sie sei seine Nichte aus Warschau. Weiß ich? Sägt er, eine Nichte aus Warschau, soll's sein eine Nichte aus Warschau. Es ist mir gleich. Doch hat mir dieses Mädel vom ersten Augenblick an gefallen. Was soll ich euch sagen? — sehr gefallen. Erstens, wirklich ein schönes Mädel, eine Schönheit, mit leuchtenden Augen. Eine schwarze zwar, schwarz wie eine Zigeunerin, aber voller Reize! Und kein dummes Mädel, man kann sagen, überaus klug, lebhaft , brennende Feuerflamme. Und dann ihre Stimme, ihr Singen! Ihr kennt mich doch, daß ich ein Liebhaber der Gesangskunst bin und des jüdischen Theaters, und seit ich bei diesem Brot bin, hab ich doch sicherlich Sänger und Sängerinnen übergenug gehört. Es kriecht einem schon zum Hals heraus. Aber so singen wie die Rosa Spiwak hab ich noch nicht gehört und werde es nicht hören. Sie singt euch direkt in die Seele hinein. Was soll ich euch sagen, das Mädel hat mich gepackt. Aus ihrem Sprechen ersah .ich-bald,, daß das. keine-gc» borene Schauspielerin ist, keine Nichte von Schtschuppak, sondern von guten Eltern. So war es. Es stellt sich heraus, daß die ganze Geschichte Lüge und Trug ist. Das Mädel ist nicht . Schtschuppaks Nichte, sondern eine ganz Fremde. Und .nicht aus Warschau, sondern von einem ganz kleinen Städtchen irgendwo in Bessarabien, eines Chascn Tochter. Das hab ich erst später erfahren, Als Schtschuppak dort war mit seiner Truppe und sie singen hörte, gefiel ihm' ihre Stimme und' er hat sie von zuhause weggelockt, ihr goldene Berge versprochen, daß er sie werde im Ausland Musik studieren lassen und noch solche Sachen. Zaguterletzt als er mit ihr über der Grenze war, ging er selbst daran, mit ihr Musik zu studieren, sie vor einem Publikum „Chawe", „Schabbes machen", „fratig oif der nacht" und noch solche schöne Liedlein singen zu lehren. Und obendrein noch ein Tänzchen machen auch... Gott weiß, was aus ihr geworden wäre, wenn ich nicht mit ihr in ein Gespräch geraten wäre und sie nicht be* kannt gemacht hätte mit der berühmten Sängerin Marcclla Embrich, die Konzerte gab und das mit meinem Grischa zusammen. Einem Mädel Glück beschert, muß sie mit mir in ein Gespräch kommen und mich bitten, sie mit der Embrich bekannt zu machen. Und die Embrich, kaum hatte sie dieses Mädel singen gehört, als sie sich schon mit ihm verbunden fühlte und es gar nicht loslassen wollte. Zunächst riß die Embrich sie aus den Händen des Schtschuppak und nahm sie zu sich, gab sie in das Wiener Konservatorium studieren, hielt ihr die besten Professoren und machte aus ihr eine , der ersten Sängerinnen der Welt. Man meint, daß sie heute die Embrich und noch drei Embrichs hinter den Gürtel stecken kann. Was brauch ich euch viele Geschichten erzählen — ihr könnt es verstehen, wenn sie doch schon mit meinem Grischa in Konzerten auftritt und fast schon so viel bekommt wie mein Grischa. Und man rauft sich schon um sie, wie man sich um meinen Grischa rauft — und das alles hat sie mir zu verdanken. Und glaubt ihr etwa, daß sie mir nicht den Dank dafür gibt? Noch was für Dank! Da werdet ihr hören. Es ist eine Geschichte mit einer Cjubow. Eine schöne Geschichte. Aber bevor ich euch die Geschichte von der Cjubow erzähle, muß ica euch zunächst ein paar Worte über meinen Sohn sagen. Ich habe von meinem Grischa glaub ich noch , nicht geschrieben, was für Vögel das ist. Aber, schon gar ein Vogel. Wie groß er ist, so klein und bescheiden ist. er bei sich. Klein und bescheiden und still. Er kennt nur Geige und Konzert. Konzert und Geige. Sonst schert er sich um kein Ding. Fragt ihn auf den Tod, wieviel se:n Konzert eingetragen habe, wie hoch die Spesen, wieviel Profit zurückgeblieben — es ist nicht , seine. Sache. Er kennt nur Geige undsonst nichts. Glaubt ihr etwa be* wahre, ein oberflächliches Kind? Soll ich so ein Jahr haben, wie klug er ist. Aber nichts. Um diese ' Dinge •kümmert er sich nicht. Und überhaupt hat er mit der Welt, wie sagt der Ljtwak, wenig Verwandtschaft.' Wozu braucht er's? Für die Geschäfte oder für die busyness, wie man .es hier nennt, gibt es wen, der dafür sorgt. Dazu gibt es einen Väter. Und für die andern Dinge gibt es eine Mutter zur Seite und die Hauptsache ist doch nur die Geige. Wozu dann also? Und nun geh J hin und sei ein Prophet, daß-sich da vom Chasen ein Mädel einmen» gen werde, eine Rosa Spiwak. Ein Exemplar, eine Ijubowl Ich, als ich von der Geschichte erfuhr, — und er« fahren hab ichs gerade aus einem Brief lein, das durch ein Wunder mir in die Hände fiel, das heißt, ich hab es vom Briefträger übernommen-— war verbrannt. und geröstet vor Zorn über, sie, fast hell lodernd, was heißt das? Ich führ dich zur Embrich und hau dir, wie sagt man, eine Tür ein zur großen Welt und durch mein Verdienst wirst du so erhöht und gekrönt, und du gehst hin und spielst mir einen solchen Streich, beginnst mit meinem Sohn Geschäfte, gestrige Tage, ljubow?... Und ich war nicht faul und setzte mich hin und schrieb ihr einen Brief und einfach auf Jargon, so und so und nicht anders. Und was heißt das und wieder einmal was heißt das und zehnmal was heißt das und wo ist Gerechtigkeit und wo ist Gottt — So, gut, gut, heruntergehaut, was auf dem Herzen war, ich bin kein Schreiber, aber ein Vater, wenn ihm wehtut, können achtzehn Schreiber vor ihm krepieren. Ratet also, was sie mir geantwortet hat, ein solches Frauenzimmer? (Fortsetzung folgt.) Eigentümer, Verleger. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker, «-*. Druckerei« und Veriags»A.*& Ignas Sieiumann beide Wiea IX« UaiversitgtsstraOe 6—8, .1

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