Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 155 (5.9.1930)
- Date
- 1930-09-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sitte W_______ _ Jüdisches Kultarleben in Bulgarien« Der Niedergang der einst größten und blühendsten Judengemeinde des nahen Orients, Konstantinopels, das einst den spanischen Juden als Zufluchtsstätte vor der In» quisition diente, steht im Gegensatz zum gesunden Juden« tum jh Bulgarien. Unter vier Millionen Bulgaren leben rund 50.000 Juden, davon 05 Prozent Sephardim. Nur in Sofia gibt es neben 20.000 sephardischen Juden ungefähr 600 Askenasim, die zumeist aus dem slawischen Osten stammen und deren Bedeutung überaus gering ist. Was zunächst die wirtschaftliche Lage der Juden anlangt, kann sie nicht als günstig bezeichnet werden, da ja Bulgarien zu den besiegten Ländern zählt. Imme/hin aber ist sie, verglichen mit der Situation der Juden; Polens und Rumäniens, zufriedenstellend. Die Juden Bulgariens haben im Handel und in der Industrie festen'Fuß gefaßt, nehmen als Großkauf leute, Importeure, ßrfceujger angesehene Positionen ein und sind auch in den akademischen Berufen stark vertreten. Wenn auch in ein* zelnen Schichten Not und Armut Jierrschen, gibt es unter ihnen .doch kein sogenannter „Luftproletariat", wie dies z. B. in Polen der Fall ist. Das Verhältnis zur bulgarischen B e< v pike r u n g kann als zufriedenstellend bezeichnet werd$i. Das arbeitsame, nüchterne, bedürfnislose, derno» (kritisch gesinnte Bauernvölk kennt keinen Antisemitismus. Auch die Behörden und die Intelligenz des Landes waren bis zum Weltkrieg frei von. judenfeindlichen Tendenzen. Mit dem Anschluß an die Zentralmächte im Jahre 1915 entwickelte sich ein regerer Kontakt zwischen Bulgarien und- Deutschland. Bulgarische Studenten besuchten in größerer Zahl deutsche Hochschulen und. deutsche Offi« ziere kamen als Instruktoren nach Bulgarien. Aber neben deutscher Kultur kam ins Land auch das antisemitische Giftj das Bulgarien bis dahin nicht kannte. Besonders das Offizierskorps hat sich von diesem Gift infizieren lassen. In beiden Balkankriegen und im Weitkrieg gab es viele jüdische Offiziere, sogar drei jüdische Regirnentskomman» danten-. Nach Beendigung des Krieges wurde der Anti* senjiii.smus in der Armee so stark, daß-die 'meisten jüdi* scbenrOffiziere, darunter auch Colonel 'Tagger, der gegenwärtige Präsident des jüdischen Konsistoriums, den Dienst., quittierten. Nach dem Bombenattentat in der Kathedrale Sv. Nedelja im April 1925 wuchs die antisemi» tische Tendenz im Offizierskorps derart, daß eine Gruppe bulgarischer Offiziere sich nur von einigen besonnenen Elementen davon abhalten ließ, Pogrome zu inszenieren und eine Katastrophe herbeizuführen. •. \Das geistige Leben der bulgarischen Juden zeigt Frische und Regsamkeit. Jüdisches Leben pulsiert: ein -großartiges jüdisches Schulwerk wird unterhalten, drei "- Gymnasien mit hebräischer Unterrichtssprache (Sofia,; Plovdiv, Rustschuk), mehrere Volksschulen mit hebräischer und spaniolischer Unterrichtssprache sind in Funktion und fast in jeder der zwanzig Gemeinden gibt es-veirien hebräischen Kindergarten. Der Initiator und Regulator des jüdischen Kultur* lebens.ist der Zionismus. Von ihm gehen alle wert* vollen Impulse aus. 80 Prozent der Juden Bulgariens sind Zionismen. Die Assimilanten — den sephardischen Assi» milan|en kan,n man nicht in eine Linie mit dem, deutschen oder ungarischen stellen, denn selbst er spricht Hebräisch — sind einflußlos und haben sich übrigens erst kürzlich eine Empfindliche Niederlage geholt. Bekanntlich erheben die jüdischen Genieinden Bul» gariens den Keren*HajessodsBeitrag von ihren M^tglifedern als Steuer , mit dem Recht der Eintreibung bei Nichtzahlung wie jede andere Steuer. Jahrelang wurde di.e&errUsus widerspruchslos geübt, Vor etwa zwei Jahren holte/n' die bulgarischen Assimilanten zu einem Schlag aus,' indem sie die Vorsteher der jüdischen Gemeinden desj Amtsmißbrauchs anklagten. Der Prozeß erregte großes- Aufsehen und man sah der Entscheidung des Ge» rights mit Spannung entgegen. Vor einem halben Jahr endlich traf das Urteil ein, das die Attacke der Assimi* länten mit einem Hieb niederschlug und auch nach der ideellen Seite hin charakteristisch ist. Der Staats* anwalt stellte sich auf den Standpunkt der jüdischen Gemeinden. Er sprach voll Wärme von der erhabenen zionistischen Idee, zollte dem Herois» mus der Chahizim höchste Anerkennung und erklärte schließlich, daß den jüdischen Gemeinden das Recht und die Pflicht zustehe, den Keren Hajessod als Steuer einzugeben. r Mjit Erez Israel ist die bulgarische Judenheit innig;'«verbunden. Sie stellt ein erhebliches Kontingent an Qh&luzim, Die in den Augustunruhen zerstörte Kolonie Artuff ist eine bulgarische Siedlung. Ein großer Teil der bulgarischen Zionisten besitzt Boden in Palästina, alljähr» lieh reisen viele bulgarische Juden dorthin, um die Ver» hältnia^e des Landes kennenzulernen und rn.it ihren Brü* dern in Fühlung zu sein. Man kann behaupten, daß neben Finnland und Südafrika Bulgarien das bestorganisierte zionistische Land ist. Die zionistischen Parteien sind wie anderswo in Revisionisten, Allgemeine Zionisten und Hitachduth gegliedert. Der Misrachi ist unbedeutend. Eine besonders aktive Gruppe stellen die Revisionisten dar, die in allen Ortsgruppen und in allen sozialen Schichten Anhänger haben und wohl nach Riga hier die festeste Hochburg innehaben, DIE NEUE WELT___ .Erwähnenswert ist eine Einführung, die von allen zionistischen Landesverbänden nachgeahmt werden sollte. Alljährlich am Lag b'omer wird der Jörn ha'schekel ge« feiert. Alle Gruppen bis in die Reihen der Nichtzionisten, die Schuljugend, der Sportklub Makkabi, die Vorsteher der jüdischen Gemeinden und des jüdischen Konsisto* riums vereinigen sich zu einem Demonstrationszug durch die Hauptstraßen der Städte. Im Vorjahr marschierte an der Spitze des etwa 10.000 Judeft umfassenden Zuges Oberst Tägger, der Präsident des jüdischen Konsisto* riums. Die Musikkapelle, die dem Zug voranschritt, spielte neben der bulgarischen Nationalhymne die Hatikwa und bewegte sich durch die Hauptstraßen von Sofia zum Beth Ivri, das im ärmeren jüdischen Viertel gelegen ist. Dort wurde von den zionistischen Führern aller Parteirichtungen in bulgarischer, hebräischer und spaniolischer Sprache die Bedeutung des Schekels erläutert. Die Jugend ver* kaufte Schekalim in großen Mengen und sammelte für den Keren Kajemeth. Es war ein wahres Volksfest unter zionistischer Flagge. Jakob Josefsberg. Theater/ Kunst und IHllllllllliliillllllllllllllilii Literatur Ein neues Werk von Bialik. In der letzten Nummer der hebräischen Zeitschrift „Hatkufa" veröffentlichte Ch. N. Bialik eine größere Arbeit unter dem Titel „Agadath Scheloscha Wearba", die eine alte Sage aus der Zeit des Königs Salomo behandelt. In der hebräischen Presse hat das Werk Bialiks starkes Echo gefunden. Besonders gerühmt wird die Sprachgewalt der neuen Arbeit und die eigenartige Formung des Stoffes. Verlag „Bina". Außer dem Verlag „Chewra", der in der Hautpsache sozialwissenschaftliche Werke ediert, ist jüngst in Tel-Awiw ein neuer Verlag „B i n a" gegründet worden, der sich zur Aufgabe macht, Werke aus dem Gebiet der Psychologie herauszugeben. Das erste Buch „Autosuggestion" von S. H. Bruks ist bereits erschienen. „Golem" auf der jüdischen Bühne. Der polnische Zweig der „Wilnaer Truppe" hat kürzlich im Lodzer Stadttheater H. Leiwiks bekannte dramatische Legende „Der Golem" zur Aufführung gebracht. Bekanntlich wurde Leiwiks „Golem" zum ersten Male vom hebräischen Theater „Habima" aufgeführt. Später wurde das Werk auf der polnischen Bühne mit großem Erfolg zur Darstellung gebracht. Neuer Band der „Encyclopacdia Judaica". Von der in Berlin unter der Ghefredaktion von Dr. Jakob K la t z k i n und Prof. Dr. Ismar E\b o gen im Verlag „Eschkol" erscheinenden „Enoyclopaedia Judaica" ist soeben der sechste Band (Drama — Gabinius) erschienen. Gleich den vorigen Bänden enthält auch Band VI eine Reihe von großangelegten Monographien, darunter über „Drama", „Drudewesen", „Ehe", „Emanzipation", „Emigration", „Engel", „Europa", „Finanz-, und Bankwesen", „Frankfurt a. M." «und „Frankreich". Der Band ist reich illustriert und mit zahlreichen Tabellen, darunter farbigen, und Tafeln (Ex libris, Estherrolle u.' a.) sowie, Noten und Landkarten ausgestattet. , Das Augustheft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums wird eröffnetdurch eine Auseinandersetzung des Dozenten Dr. Lewkowitz mit der Lebensanschauung Siegmund Freuds, insbesondere, seine Stellung zur Religion. Mit Klarheit und Schärfe greift Lewkowitz aus Freuds Gedanken das weltanschau* lieh Wesentliche heraus und zeigt, daß ein Naturalis» mus, der nur die lebenserhaltenden und. aggressiven Kräfte im Menschen sieht, dem Gesamtphänomen der Kultur als einer Erhöhung des gesamten Lebensniveaus aus völlig überlegenen Motiven unmöglich gerecht werden kann..Eingehend setzt sich A. Kaminska mit neueren Arbeiten zur Psalmenerklärung auseinander und gibt selbst beachtliche Beiträge zur literarischen Einordnung vieler Psalmen. Andere Beiträge zur Bibelerklärung gibt H. Torczyner. Man abonniert die Monatsschrift, in* dem man Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin wird und den jähr« liehen Mindestbeitrag von M. 10 an diese Gesellschaft (Postscheckkonto Paul Veit Simon, Berlin 7030) oder an einen der Vertrauensmänner sendet, welche in jedem Heft der Monatsschrift aufgezählt sind. Igor Grünberg. Der bekannte Bariton Igor Grün» b e r g, der sich sowohl als Oberkantor im Leopoldstädter Tempel wie auch als Interpret des jüdischen Volksliedes in Wien einen guten Namen gemacht hat, wurde für eine Konzerttournee nach Amerika verpflichtet. Nach Absol* vierung dieser Tournee wird Igor Grünberg seine Stelle als Oberkantor in New York, wohin er bereits abgereist ist, antreten. Dm Grand Thealer in New York wird demolier** Aus New York wird uns geschrieben: Das Grand- Street-Theater auf der Ostseite vpn New York wird nun doch niedergerissen, um einem neuen Wolkenkratzer Platz zu machen. Mit diesem Theatergebäude schwindet ein in der Geschichte des jiddischen Theaters in Amerika bedeutungsvolles Heim jüdischer Bühnenkunst. Vor 29 Jahren hat ein gewisser Harry Fi sc hl •ein seinerzeit bekannter Kunstenthu/siast, in der Grand Street dieses Theater gebaut, um dem berühmten Theaterdirektor Jakob P. Adler ein Kunstheim zu schaffen, in welchem Adler sich künstlerisch ausleben sollte. Eröffnet wurde dieses judische Theater mit Libins „Gebrochene Herzen". Jakob Adler und seine __Nr. 155 Frau iSarah standen damals auf dem Höhepunkt ihrea künstlerischen Schaffens und waren bemüht, das jüdische Theaterpublikum für literarische Stücke bekannter Schriftsteller zu gewinnen. Das Theater ging unter Adlers Direktion in den ersten Jahren sehr gut und bald hatte sich auch unter den jüdischen Schauspielern jene Ambition eingestellt, die notwendig ist, um gerade ein jiddisches Theater auf höherem Niveau zu erhalten. Im Grand-Theater wurden allmählich Gordin, S c h o 1 e m A 1 e j c h e m, Ossip Dymow zur Aufführung gebracht. In diesem Grand Theater hat eine Anzahl später berühmt gewordener Schauspieler ihre Karriere begonnen. Hier ist David Keßler in Gordins „Die wahre Kraft" als Feldscher aufgetreten und hat ungeheure Erfolge gefeiert. Dort begann auch Gustav Schacht, der heute schon seit vielen Jahren zu den beliebten Kräften der englischen Bühne zählt, seinen Aufstieg als Schauspieler. Rumschinski, gegenwärtig einer der erfolgreichsten Komponisten des jiddischen Theaters, hat gleichfalls dem Grand-Theater und dem Ehepaar Adler den so sohönen Verlauf seiner ispäteren Karriere zu danken. Ludwig Satz, heute einer der anerkanntesten und beliebtesten jiddisohen Schauspieler, ist bald nach seiner Ankunft an Amerika im Grand Theater zum erstenmal aufgetreten und es war vornehmlich Jakob P. Adler, der in ihm das schauspielerische Talent entdeckte und ihm gerne jede Möglichkeit bot, sein Können zu entwickeln. Es gibt überhaupt kaum einen bedeutenderen jiddischen Schauspieler in Amerika, dessen Karriere nicht im Grand Theater ihren Anfang genommen hätte. Auch die „Wilnaer Truppe" hat, als sie vor mehreren Jahren das erstemal nach Amerika kam, im Grand Theater ihre großen Erfolge gefeiert. Das Grand Theater diente auch für jeden prominenten Gast aus Europa als Vortragssaal, wenn er zu den Juden der Ostseite sprechen wollte. Der Empfangsabend für S c h o 1 e m Alejchem nach seiner Ankunft in Amerika und sein erstes öffentliches Auftreten spielten sich unter dem großen Jubel des überfüllten Saales im Grand Theater ab. Interessant ist, daß auch der berühmte russische Dichter Maxim Gorki in das jiddische Grand Theater Zuflucht nahm, als er aus einem Hotel ausgewiesen wurde, weil er dort mit seiner ihm nicht gesetzlich angetrauten Lebensgefährtin abgestiegen war. Hier im Grand Theater hielt Maxim Gorki eine seiner flammendsten Reden gegen die amerikanische Heuchelei, und wieder waren es zu tiberwiegendem Teile Juden, die ihm lauschten und zujubelten. In den letzten Janren hat das Grand-Theater seine Bedeutung verloren, das kitschige Vaudeville hat von ihm Besitz ergriffen. Nun wird dieses historische Theatergebäude ganz verschwinden. Judifdie Sport» und illiilllllllli Tu r nb ewegung Ein Sieg der Hakoah* .....Qegen.Weiße Elf 2:1 (0:1). Obwohl die Hakoah noch weit von guter Form ent,* fernt ist, konnte sie vergangenen Samstag in der Meister* schaft, die Weiße Elf 2:1 besiegen. Vollkommen spielte nur Mausner. Die anderen Stürmer hatten viel Schuß» pech und nicht die richtige Ambition, zu kämpfen. Die Deckung war mäßig, dagegen die beiden Verteidiger ein unüberwindbares Hindernis. Oppenheim bekam viel Arbeit und entledigte sich seiner Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit. . . .; " Hakoah ist gleich vom Anfang an überlegen, doch vergeben Mausner und Donnenfeld zahlreiche Chancen. Ueberraschenderweise gelingt es den Weißen Elf, durch* Weinheimer die Führung zu erringen. Nach der Pause ist Hakoah wieder in Front und M a u s n e r gleicht in der 12. Minute aus. Die Gegner sind zeitweise ganz eingeschnürt, nach vielen Fehlschüssen ge« lingt es S t r o ß nach einem Corner Fischers mit Kopfstoß den Siegestreffer zu erzielen. Hakoah stellte folgende Mannschaft: Oppenheim; Scheuer, Feldmaim; Amster, Stroß, Platschek; Ehrlich, Donnenfeld, Hieß, Mausner, Fischer. Kommenden Sonntag wird mit dem Spiel gegen Do n a u der neurenovierte Sportplatz der Krieauer eröffnet. Hakoah wird sicherlich alles daransetzen, um einen eindrucksvollen Sieg zu feiern. Sensationelle Erfolge der Hakoah-Leidifothlefen« Die HakoaheLeichtathleten, die während dieses Jahres bereits zahlreiche bemerkenswerte Siege errungen haben, bewiesen vorige Woche, daß sie in der Wiener Leichtathletik an erster Stelle marschieren. Sie nahmen an dem W. A. F.'Meeting teil, bei dem die besten Österreichs sehen, ungarischen, tschechischen und japanischen Athleten starteten. Unter Leuten von Weltklasse haben es die BlauAVeißen verstanden, mehrere Konkurrenzen erfolgreich zu beenden. Der Hakoah gelang es auch, den wertvollen GudenussPreis an sich zu bringen. Am Samstag siegte Hakoah in der Schwedenstaffel in der Be« setzung, Klein, König, Metzel,, Deutscher in der Zeit von 2:02.8 vor Moravska Slavia (Brünn) und W. A. F. I. Israelovitsch blieb im Jünglingslaufen über 60 Meter Sieger«