Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 153 (22.8.1930)
- Date
- 1930-08-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10__ Was ist Ei-Kudidi! Palästinakunde im Lehrbuch* Von Ernst Hoffmann (Wien). Nachstehender Aufsatz lenkt unsere Auf« merksamkeit auf einen Gegenstand, über den zur Tagesordnung überzugehen ein Fehler wäre. Man wird künftighin den Herren Ver* fassern von Schulbüchern auf die Finger sehen und die diesbezügliche Wachsamkeit der kompetenten Behörden fordern müssen. (Anm. d. Red.) In den letzten Jahren beschrankte sich die zionistische Werbetätigkeit auf die Darstel* lung der Arbeitsergebnisse des Zionismus. Um so be« dauerlicher ist es, daß, ganz abgesehen von der Unfrucht« barkeit dieser Methode, auch hierin eine sträfliche Ober* flächtichkeit nur unzulängliche Aufklärungen bieten konnte- Werke, die immerhin benützt werden und denen man von vornherein Glauben zu schenken bereit ist, Schulbücher, Kartenwerke und Lexika, blieben von jedem Versuch einer Einflußnahme von zionistischer Seite verschont. Zu diesen Werken greift man gewöhnlich, wenn ein flüchtiges und lücV'-'haftes Zeitungswissen ergänzt oder einem Zweifel e- ...«igen werden soll. Wenn man nun Lust bek mit, die - Ortschaften des jüdischen Siedlungswerkes auf der Karte zu suchen, so muß man plötzlich stutzig werden. Man wird höchstwahrscheinlich vom jüdischen Palästina nichts finden. Kleine arabische Ortschaften mit 200 bir 300 Einwohnern sind verzeichnet, nirgends Rischon le Zion, nirgends Petach«Tikwah, nirgends Tel* A w i w. Jerusalem wird man finden, dünn gedruckt in Klammern, neben der arabischen Bezeichnung El*Kudsch. Wer's nicht glaubt, schlage nach im Standardwerk der deutschen Erdkunde, in Andrees Allgemeinem Handatlas (Auflage 1924, die letzte in der Wiener Universitätsbibliothek vorhandene), auf Blatt 151. Oder man nehme Knaurs Weltatlas vom Jahre 1929, ein Büchlein, das 7,war wenig bietet, aber billig und daher ziemlich verbreitet ist. Die einzige in Betracht kommende AsierbKarte (Maßstab 1:56,000.000) kann natürlich außer Jerusalem weitere Ortschaften nicht verzeichnen. Dafür ist. im sonst sehr brauchbaren geopolitischen Text auf den Seiten 132 bis 135, die Vorderasien gewidmet sind, das Wort J u d e oder eine Bemerkung über das Mandat nie' t zu finden, m 'der Tabelle der wichtigsten Städte Nablus und Hebron, nicht aber T e 1 « A w i wl 1 Kein Zufall. Es ist sehr lehrreich, auf Seite 71 die Natipnalitätentabelle der Tschechoslowakei (Zählung 1921) zu beachten. Hier werden 76.000 Polen gezählt und 207.000 als „Andere" bezeichnet. Ein recht verschwiegener Deeknatne für die Bekenner der jüdischen Nationalität. Nicht minder lustig präsentiert sich die öster« re-ichische Schu 1 g eogr ap hi c. In der 7. Auflage der.' Oesterreichisqhen Schulgeographie Dr. Franz Hcijderichs auf der .35. Seite des II. Teiles erschaut Dr. Heinrich Güttenberger, der Neubearbeiter dieser A?r-ge, die Zukunft unserer Bestrebungen mit der inneren Gewißheit eines Sehers und verkündet das tratur^ge Ende als einö schon vollzogene Tatsache: „Die, Begründung eines selbständigen Judenstaates ist am Widerstande der arabischen und christlichen Be* völkerung gescheitert." Dieser Prophet sieht also aus der Ferne den frühen Untergang des Judenstaates; eine harmlose Sache, wenn sie nicht in einem Schulbuch stünde, das immerhin Wissen verbreiten soll. Kein Wort über unser Sied» lungswerk, keine Silbe über jüdische Arbeit, die Artgabe der- Verhältniszahl der Juden auf Grund der vor einem Jahrzehnt erfolgten Volkszählung und eine Bemerkung über die. neubegründete Stadt TehAwiwl Wenn man gar die im vergangenen Jahr erschienene, ebenfalls von Dr. Güttenberger bearbeitete 50. Auflage des in den meisten Schulen gebräuchlichen K o z e n n« Atlas, zu Rate zieht, sieht man ganz klar, daß das ganze Palästina*Aufbauwerk ein jüdischer Schwindel ist. Man sieht nichts von TebAwiw, nichts von jüdischen Kolonien. Einige höchst merkwürdige Aufschlüsse liefert uns das Titelbild 'der oben genannten Erdkunde. Als Ausgabe» jähr ist 1930 angegeben, doch war des Buch bereits zu Beginn des Schuljahres 1929/30, also unmittelbar nach den b 1 u U gen Ereignissen in Palästina, im Handel. Wir finden weiters den Vermerk „Mit Erlaß des Bundes» miru^ieriums für Unterricht, ZI, 18.020 vom 16. Juni 1929 (1) zumSUnterrichtsgebrauche an Mittelschulenaller Art . . . allgemein zugelassen." Der, arabisch«christliche Widerstand schert hier vorweggenommen. ■■■■ Es bleibt noch die Frage offen, wie der Unterrichts* minjiter dieses Buch zulassen konnte. Weissagungen politischer Natur sind weder im Lehrplan vorgesehen noch mit dein Lehrziel des erdkundlichen Unterrichts vereinbar. Sicher ist jedenfalls, daß man entweder das jüdische Siedlungswerk oder Sachlichkeit und Unvor* eingepommenheit der deutschen Wissenschaft für ein Märchen halten müßte, wenn man nicht zufällig Freytags Weltatlas oder Meyers Handatlas nachschlüge. Allerdings fehlt sogar im Freytag, der eine besondere Nebenkarte dem jüdischen Bodenbesitz in Palästina widmet, TebAwiw, DIE NEUE WELT Kundgebungen dies Mferadii in Wien« Das Massenmeeting im Hotel Continental. Wien, 20. August. Der religiös*nationalc Flügel der Zionistischen Organisation „M i s r a c h i" hält gegenwärtig in Wien eine Führertagung ab, die diesmal ihre alljährlich- Kon« ferenz zu ersetzen hat. Die Beschlüsse der misrachistischen Führertagung knapp vor der in Berlin zusammentretenden Sitzung der Ä. C.»Mitglieder werden von größter Be« deutung sein. Der Misrachi, der sogenannte rechte Flügel der Organisation, stellt einen der stärksten Machtfaktoren des Wcltzionismus dar und man kann nicht behaupten, daß er — was. für den Zionismus von großer Bedeutung gewesen wäre — auf Zionistenkongressen und in der zionistischen Politik eine einheitliehe, klare, festumrissene Stellung eingenommen hätte. Leider hat er sich als Ganzes, wiewohl einzelne seiner Führer konsequente und unbeugsame politische Zionisten sind, damit begnügt, seine eigenen geschaffenen Positionen in Erez Israel zu verteidigen, vornehmlich in religiös*kurtureUen Dingen, ohne seiner immerhin geäußerten Mißbilligung so mancher politischen Aktionen der Exekutive durch die Tat Aus* druck zu geben. Man erinnere sich an die Situation im Kampf um die Erweiterung der Jewish Agency, wo der Misrachi aus seinem zionistischen Temperament heraus die Befürchtungen, der Opposition teilte, nichts* destoweniger aber yori^Kbngreß zu Kongreß jenen Männern das Absolütorium gewährte, deren Politik die Grundfesten der Zionistischen Organisation zu erschüttern geeignet ist. Die gegenwärtige Tagung, deren Beschlüsse noch nicht vorliegen, Beschlüsse unter dem Eindruck der Augustereignisse, des Shaw«Berichts, der Simpson*Missioii, der Einwanderungssperre, des völligen Versagens der er« weiterten Jewish Agency, der von Grund auf geänderten Stimmung der jüdischen Massen in jenen Ländern, wo der Misrachi Volksbewegung ist, kurzum unter dem Eindruck des unglückseligen letzten Jahres, wird hoffent« lieh auch dem Misrachi den Impuls geben, seine bisherige Haltung einer Neuorientierung zu unterwerfen. Das im Festsaal des Hotels Continental Dienstag, den 19. August abgehaltene Massenmeeting des Misrachi vermittelte das Bild eines entschiedenen Kampf* willens. Es war erfreulich, aus dem Munde von Misrachi« Führern, zum Teil Führern des Jischuv in Erez Israel, zu hören, , daß sie die katastrophale Lage erkennen, aber zäh und energisch die .Aufbauarbeit fortzusetzen gewillt sind.. Aus den temperamentvollen Reden, des misrachiti* sehen' Vizepräsidenten^ des Waad Leümi Rabbi Ostrovsky (Jerusalem) und des amerikanischen Rabbi- Seew Gold, der soeben aus Palästina gekommen ist, tönt das Echo' des ungebrochenen PalästinäiJüderitüms wider. Nach G o t t e sd i>e n e r (Warschau), der die Ein* Stellung der misrachitischen Arbeiterschaft Hapoel Hamisrachi als Einheitvon Arbeit, Nation, Religion skizzierte, referierte Rabbi J. Bermann (Jerusalem), der Leiter des Misrächi»Schulwerks in Erez Israel, über die imposante misrachlstische Erziehungsarbeit, worauf Lazarus Barth, Führer des deutschen Misrachi, die politische Lage streifte. Auf den Shaw«Bcricht und die Simpson»Mission forderte er eine Antwort im H e rz U sehen Sinn; Rabbi Meir Berlin (Jerusalem), Mitglied der Exekutive der Jewish Agency und Präsident der Misrachi* Weltorganisation, konstatierte, daß die Exekutive sich der schweren politischen Situation bewußt sei und be* kannte sich hiebei zu den Methoden des politischen Zionismus. Am Schlüsse der Kundgebung stimmten die Massen die Tikwah an, ii _ Eine Enquete in einer hebrüisdienVolkssdiule. Die hebräische Volksschule in U z h o r o d (Ungvar) iu Karpathoruflland, über deren vorzügliche Leitung; wiederholt berichtet wurde, bemüht sich immer mehr den Beweis zu erbringen, dali eine hebräische Volksschule nach jeder Richtung modern und dennoch vom jüdischen Geiste erfüllt, volkserhultend und;fvolksstUrkehd.jzei' wj^keoijf vprinag. In dieser. Schule hat vor kurzem eine interessante Enquete stattgefunden. Den Schülern der höheren Klasseu wurde die Frage vorgelegt: „Wus willst du, wenn du erwachsen bist, werden?" Die schriftliche Beantwortung dieser Frage, hatte als Schulaufgabe zu erfolgen. Die Aufsätze wurden nach ihren Ergebnissen wie folgt klassifiziert: Von 35 Schülern können 19 (55%) als Ideal i s te u, 9 Schule- (25%) als Materialisten und die Übrigen als naiv bezeichnet werden. Von den Idealisten wollen vier Arbeiter werdeu, nach Palästiua auszuwandern, um an dem Aufbau des Judeustaates mitzuarbeiten. Vier Schüler wollen sich dem ärztlichen Beruf widmen, um arme Kranke unentgeltlich heilen zu können. Vier Mädchen möchten irgend ein Frauengewerbe erlernen, drei Burscheu zieht es auf die hohe See, sie möchten Matrosen werden, um die ganze Welt bereisen zu köunen. Zwei Mädchen nöchten Schneiderinnen werden, um ihre Eltern unterstützen zu können. Ein Mädchen wartet schon ungeduldig darauf, als Lehrerin kleine Kinder zu erziehen, und ein Junge hat die Ambition, als Schauspieler berühmt zu werden. Die neun materiali- ■ _Nr. 133 s t i s c h qualifizierten Kinder, durchwegs Kinder wohlhabender Eltern, wählten Berufe als Kaufmann, Bankdirektor, Fabrikant, Advokat, weil man nur auf diese Weise „viel Geld verdienen kan n". Zur Klasse der „Naiven" zählt die Schuleitung jene Schüler, die, ohne viel nachzudenken, den Beruf ihres Vaters wählen, während einer ehrlich und geradeaus erklärt, so rasch als möglich Kaufmann werden zu wollen, weil er einfach keine Lust habe, weiter zu lernen. Theater/ Kun§( und llllllllllllllliiiiillllillilliili Literat ii r Jahudo Epstein* Zum 60. Geburtstag des großen Malers. Es ist mehr als ein Vierteljahrhundert, daß mir beim Besuch des Wiener Künstlerhauses Arbeiten eines Malers auffielen, die so ganz anders waren als die süßlich* sentimentalen, bafockeromantischen Ausstellungsstücke der Wiener Schule: farbig kecke, im Strich temperament« volle Kompositionen aus südlichen Ländern, Landschaften nicht als Staffage für Figuren, Bilder von kühner Bc« wegtheit und starker Ausdruckskraft. Ihr Schöpfer >yar der mir damals noch unbekannte Jehudo Epstein, ein Künstler aus dem Osten, und mit einemmal errang sich dieser „Exote" die Aufmerksamkeit der Kunstliebhaber und der Kritik. Seither tauchte Jehudo Epsteins inzwischen reife Künstlerschaft immer wieder auf. Die Wildheit der Farbe legte sich, er wendete sich dem Menschen, dem Porträt zu, die Komposition wurde geschlossener, aber sein Feuergeist, sein Temperament blieb ungebändigt. Das bezeugt neben der Kraft seines malerischen Wesens die Vehemenz seines kritischen Erkennens, das den Zeit« erscheinungen in Kunst und Kunstbetrachtung gilt. Was auch an Modischem, an Echtem und an Bluff sein Zeit« alter gestreift haben mag, er, Jehudo Epstein, ging seinen Weg weiter. Seine künstlerische Empfindung führte ihn. Auf der Höhe seiner Schaffenskraft, seiner kritischen Erkenntnis, seines Lebensweges, ihn rück« schauend, zeichnete er diesen, in dem Buch „Mein Weg von Ost nach West" auf, auch hier ein ganzer Mann, ein echter Beschauer, ein großer — Schriftsteller. Der Sechzigjährige überblickt fast ein halbes Jahrhundert menschlichen und künstlerischen Geschehens. Sein Bh'ck bleibt ungetrübt, seine Hand kraftvoll wie nur je, sein Gewissen ohne Kompromiß. Der Jude aus dem Osten, ein jüdischer Künstler in jeder seiner Aeußerungen. o. r. Ein Buch Leon Kellners. Von dem kürzlich ver« storbenen Prof. Leon Kellner, dessen Name mit der zionistischen Geschichte eng verknüpft ist, erschienen kürzlich Geschichten und Skizzen aus der Lehrerzeit, be« titelt ,M eine Schule r" im Verlag Paul Z s o 1 n a y, Wien. Sie strahlen den Zauber einer gütigen, liebcn's« würdigen Persönlichkeit aus und bezeugen das, was Richard Beer «Hof mann im Geleitwort sägt, de« „Lehrer von Geburt". Mit leichter Hand, aber mit zart« lichem Herzen sind die Erinnerungen an die Lehrerzeit gezeichnet und vertiefen das Profil des Bildes, das wir von diesem ausgezeichneten, vornehmen Menschen hatten. „Das jüdische Volk iu seiner Anekdote". Unter die- Titel erscheint demnächst im Verlag für Kulturpolitik (Berlin) ein Werk aus der Feder des bekannten Schriftstellers und Gelehrten Chajim Bloch. Das Werk enthält nebst einer grundlegenden Einführung eine Sammlung jüdischer Anekdoten aus einigen Jahrhunderten und wendet sich schon durch seinen Inhalt gegen die als Witze ausgegebenen Zoten der Mauschel- Literatur. Fritz Kortner im Tonfilm. Das Schwedenkino hat seine Saison mit einem Tonfilm begonnen, der seijon durch sein Sujet beachtenswert ist. Es handelt sich hm das von Paul Lindau in seinem Roman ..Der An. dere" behandelte Phänomen des Doppelbewußtseins. Im Mittelpunkt der Handlung steht als Staatsanwalt Hallers der große jüdische Schauspieler Fritz K o r tn e r, dem hier eine überaus schwierige , komplizierte, psychologisch fesselnde Rolle zugeteilt ist. Der Tonfilm ,Der Andere" seihst ist wegen seiner mimischen und akustischen Feinheit sehenswert. Preyius im Tonfilm. Montag, den 22. August, wird im „Apollo" ein {sensationeller Tonfilm zu sehen sein, und zwar „Dreyfus, sein Fall und sein Aufstieg". Wie aus dem uns vorliegenden Manuskript ersichtlich ist, werden die Hauptrollen von den großen Schauepieiern Fritz Kortner (Dreyfus) und Albert Bassermann verkörpert. Besonders dramatisch sind die Szenen der Degradierung und der Rehabilitierung des unglücklichen Majors gestaltet, so daß mit einem interessanten Tonfilmwerk gerechnet werden kann. „Hokuspokus'' — im Apollo-Kino. Im „Apollo", dem größten und beliebtesten Wiener Tonkino, läuft jetzt mit sensationellem Erfolg einer der besten deutschen Sp.re.chfilme, „Hokuspokus mit Willy Fritsch und Lilian Warvey in den Hauptrollen. Neben diesen Lieblingen des Publikums bieten u. a. Oskar Homolka als Gericntsvorsitzender und Gustav Gründgens als Erster Staatsanwalt ausgezeichnete Leistungen. Dieses wirklich grandiose Filmwerk, ein Erzeugnis der Erich-Pomwier-rrodukton der „Ufa", reiht sich würdig den Ufa-Erfolgfilmen „Liebeswalzer" und „Der blaue Engel" an und wird täglich vor aus verkauftem Haus gespielt, Das großartige Apollo-Riesenjazz-Orchester mit seinen Sängern, der Orgelvortrag auf der berühmten Christie-Orgel, die tönende Wochenschau, ein geistrejehlustiger Tierfilm „Menschen sehen Dich an" und der Clou des Ganzen, der Tonfilm „Hokuspokus" halten das Publikum zwei volle Stunden lang in ihrem Sann,