Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 149 (25.7.1930)
- Date
- 1930-07-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 149 betet hätten, und sie haben nie etwas dafür getan, die Mauer vor Verunreinigung zu bewahren. Die uralten jüdischen Rechte an der Mauer sind nicht auf bestimmte moslemische Herrscher beschränkt, entsprechen vielmehr dem Brauch, der seit Jahrhunderten gilt. Dr. Yellin beschloß" seine Rede mit der folgeoden feierlichen Erklärung: „Wir erklären vor der ganzen zivilisierten und vor der ganzen islamischen Welt, daß wir nicht beabsichtigen, das Gebiet des Haram esh Sherif oder irgend eine seiner Moscheen anzutasten. Und daß wir auch nicht danach streben, den Platz vor der Klagemauer in eine Synagoge umzuwandeln oder gegen die Rechte des Wakf zu verstoßen." Von moslemischer Seite verlas Ahmed Zaki Pascha zunächst eine Erklärung in arabischer Sprache, in der die Kommissionsmitglieder im Namen des „a 1Im ä c h t i g en R e c h t e s" und derer, die dieGerechtigkeit lieben, begrüßt werden und die Hoffnung ausgesprochen wird, daß ihre Entscheidung unparteiisch sein wird und der Stadt Frieden bringen möge, deren Name den Frieden bedeutet. Der Redner, der beansprucht, für Hunderte von Millionen Moslems, vom Pazifischen bis zum Atlantischen Ozean und von Polen bis zum Kap der>guten Hoffnung, zu sprechen, sagte, daß alle Moslems entschlossen seien, ihre Rechte an den moslemischen Heiligtümern zu verteidigen. Er brachte dann folgende, in einer Besprechung der moslemischen Vertreter gebilligten Einspruchserklärung vor: Die überwiegende Mehrheit der palästinensischen Bewohnerschaft erklärt offiziell, daß sie das Mandat unter keinen Umstand e n an e r k e n n t und sich daherauch durch keine gesetzliche Entscheidung gebunden fühlt, die aus dem Mandat abgeleitet wird, noch erkennt sie das Jüdische Nationalheim an. Die palästinensische Nation allein hat das Recht, über die das eigene Land betreffenden Bestimmungen zu entscheiden. Ein Streit um das Eigentumsrecht an gottesdienstlichen Stätten kann nur den kompetenten Stellen zur Entscheidung übergeben werden. Niemand anderer aber ist zur Behandlung solcher Fragen kompetent, als die palästinensische Nation selbst. * Zur Geschichte der Klageinauer. In einem von der Agudah-Zentrale aus Anlaß der Verhandlungen vor der Kommission herausgegebenen Berichte heißt es: Die 1. Mischna des zweiten Abschnittes des Traktats Middot lehrt, daß der Tempelberg von einer 300, Ellen langen und 50 Ellen breiten Mauer umgeben war. Die Westmauer ist der Rest dieser Mauer, nicht der Tempelhalle. Daher darf jeder ohne Rücksicht auf die bei dem Betreten des Tempelberges zu beachtenden Reinheitsvorschriften von Jerusalem aus an die Mauer herantreten. Ein Teil der heute noch bestehenden 46 Meter langen Mauer ist verbaut. Nur 28 Meter liegen frei. In ei^er Höhe von 18 Meter ragt die Mauer über den vor ihr liegenden Platz empor. Ein großer Teil der Mauer ist in der Erde unterhalb der Platzhöhe. Ursprünglich lag zwischen dem Zion und dem Morija ein Tal, das aber längst verschüttet ist, so daß man, von Jerusalem aus kommend, gar nicht das Gefühl hat, daß der Morija ein Berg ist. Nur nach Süden und Osten fällt er in die Täler Refaim und Kidron ab. 24 Steinreihen erheben sich an der Mauer. Die neuen unteren sind gewaltige Quadern von lmal 1.50.Meter. Sie stammen aus alter Zeit, zumindest aus der herödianischen. Die ' nächsten vier Reihen mögen der späteren römischen Zeit angehören, die obersten, verhältnismäßig , niederem, Srteinreihen sind erst« nach der arabischen Eroberung aufgesetzt. Wie hoch die Mauer zur Tempelzeit war, ist im Talmud nicht angegeben. Da aber die Tore 2 0 Ellen h;o.c;h waren, muß die Mauer höher gewesen sein. Nach dem Aristeas-Brief soll die Höhe 70 Ellen betragen haben. , Jahrhunderte war die ganze Mauer verschüttet. Erst nach der Eroberung'Jerusalems durch den türkischen Sultan Selim (1517) wurde der heute sichtbare Teil freigelegt. Nach einer Legende hat der Sultan beobachtet,, wie eine alte Frau aus einem Nachbardorfe Abfälle auf eine Stelle am Rande des ehemaligen Tempelplatzes warf, Auf seine Frage nach der Bedeutung ihres Tuns hätte die Frau geantwortet, es sei eine Ueberlieferung, daß hier die Stelle des Tempels sei. Weil die Römer die Grundmauern nicht vernichten konnten, sei es eine Vorschrift, daß die Bewohner der umliegenden Dörfer hier Ab/alle hinwerfen sollten, damit die Stelle nicht mehr zu erkennen sei. Daraufhin habe Selim befohlen, den Schutt wegzuräumen. Um zur Arbeit anzufeuern, habe er Münzen in die Erde graben lassen. Wer sie fand, durfte sie behalten. In kurzer Zeit sei die Mauer in ihrer heutigen Höhe freigelegt worden. Seit der Zerstörung des Tempels war die Westmauer die heiligste Gebetstätte Israels. Tausende und Abertausende frommer Juden aus allen Ländern haben hier in heißem Gebet ihr Herz ausgeschüttet... AUS PALÄSTINA. Der Palästina-Bericht der Mandatskommission wird erst nach; der Septembersession des Völkerbund»' rates veröffentlicht werden. London, 18. Juli. (J. T. A.) Im Unterhaus fragte der frühere Staatssekretär für die Kolonien, Amery, den Ministerpräsidenten, ob der Palästina.Bericht der Perma* nenten Mandatskommission in Form eines Weißbuches der englischen Regierung zugänglich gemacht werden könnte. Der Ministerpräsident verneinte die Frage. Es handle sich um ein vertrauliches Dokument, das dem Völkerbund von der Permanenten Mandatskommission, die rein beratende Funktionen hat, unterbreitet worden ist. Er sei dahin unterrichtet worden, daß eine Veröffentlichung des Berichtes unangemessen wäre, solange der Bericht vom Völkerbundsrat nicht veröffentlicht worden ist. Seinen Informationen nach wird dies nicht vor Ab» schluß der Septembersession des Volker* bundsrates geschehen. Sir John Hope Simpson wird seinen Bericht in Griechenland beenden. Wie verlautet, verläflt Sir John Ende Juli Palästina. Er wird seinen Bericht in Griechenland ausarbeiten, wo er seine Arbeit im Zusammenhang mit der Ansiedlung der griechischen Flüchtlinge aus der Türkei zu beenden hat. Sir John wird bei der Ausarbeitung des Berichtes von Herrn Bennett, Beamter des Regierungsdepartements für Landwirtschaft, unterstützt werden. Herr Bennett fungierte während der Anwesenheit Sir Johns in Palästina als dessen Sekretär. Berater der Regierung für arabische Kooperations- Angelegenheiten. Jerusalem, 15. Juli. (Ziko.) Herr Strick land, ein Sachverständiger für Kooperationsfragen in Indien, der seitens der palästinensischen Regierung als Berater für die Einführung von Kooperativen unter der arabischen Bevölkerung eingeladen wurde, ist im Lande eingetroffen. Er begleitet Sir John Hope Simpson bei seinen Besuchen in den arabischen Dörfern. Der Shaw-Beridlt im Hebräischen und Arabischen. Der Bericht der Shaw-Kommission ist jetzt durch die Palästina-Regierung in hebräischer und arabischer Uebersetzung herausgegeben worden. Max Pallenberg und sein Judentum* Anläßlich seines jüngsten Gastspieles in Budapest hatte der Berichterstatter des Blattes „E g y e n 1 ö s e g" Paul Berend mit dem berühmten Schauspieler Max Palenberg eine Unterredung über die Ahnen des Künstlers und sein Verhältnis zum Judentum. Nach dem Bericht Berends äußerte sich Pallenberg auf die verschiedenen Fragen zusammenfassend, wie folgt: „Im allgemeinen haben nur wenige Kenntnis davon, daß ich Jude bin, obgleich ich nichts dazu tue, meine Zugehörigkeit zum Judentum zu verheimlichen. Im Gegenteil, ich fühle mich als überzeugter guter Jude. Ich glaube, daß mein Judentum auch nicht von meinem Gesicht abzulesen ist. Mein Vater war ein armer r u s s i s c h e r J u d e, aber sowohl seine wie auch die Familie meiner Mutter lebten seit Jahrhunderten in Rußland, und wie das mit der in einer mächtigen Umgebung lebenden Volksminderheit der Fall zu sein pflegt, haben ihr Aeußeres und ihre körperliche Gestaltung allmählich die Charakterzüge des russischen Volkstypus angenommen. Das ist auch der Grund, daß in meinem Aeußeren und Körperbau nordische russische Züge vorhanden sind. Aber nur in meinem Aeußeren, denn meine ganze Erziehung und mein Charakter als Schauspieler weisen auf Wien hin. Mein Vater, der arme Kaufmann aus Odessa, war, der Jahrhunderte währenden Not und Bedrückung seiner Familie überdrüssig, schließlich nach Wien gewandert. Ich wurde bereits in Oesterreich geboren. Mein Vater bewahrte auch hier die jüdischen Familientraditionen und ließ mir eine sehr gute jüdische Erziehung zuteil werden. Ich lese auch heute noch flott Hebräisch, verstehe auch den größten Teil der hebräischen Texte und ich glaube, es würde mich nicht viel Mühe kosten, meine Kenntnisse in Bibel und Talmud aus meiner Jugend aufzufrischen. Ich bin auch heute auf jede Art bemüht, die lebendige Verbindung mit dem Judentum aufrechtzuerhalten, ich kenne die Arbeiten der jüdischen Schriftsteller, verfolge die verschiedenen Bewegungen im Judentum jind bin bestrebt, unsere Institutionen zu unterstützen. Eine alte Sehnsucht ging mir in Erfüllung, als ich im vorigen Jahr mit meiner Frau, Fritzi Massary, die gleichfalls dem Judentum angehört, die Reise ins Heilige. Land 'unternehmen konnte. Hier sah ich endlich mit eigenen Augen die biblischen Erinnerungsstätten, durfte ich den geheiligten Boden meiner Vorfahren betreten und unmittelbar empfinden, daß das Judentum jünger und tatkräftiger ist denn je. Die herrlichsten Erinnerungen und mächtigsten Erlebnisse meines ganzen Lebens sind mit dieser meiner Palästinareise verbunden, mit den Naturschönheiten des Heiligen Landes und nicht zuletzt mit dem wundervollen Spiel des jüdischen Schauspielerensembles „H a b imah". Mit Politik befasse ich mich als Künstler grundsätzlich nicht. Auf Ihre Frage, worin ich die Erklärung der Tatsache erblicke,- daß so viele Juden, Männer und Frauen, im Theaterleben der ganzen Welt als Künstler, Regisseure, Theaterdirektoren, Dramenschriftsteller führende Rollen innehaben, kann ich nur antworten, daß dies wahrscheinlich in dem tiefen Gefühlsleben des Judentums begründet ist. Heute ist die Lage so, daß eine Theaterkultur hoher Stufe ohne jüdische Direktiven und aktive Teilnahme kaum mehr denkbar ist. In Amerika , T stehen David Belasco, Morris Gest an der Spitze der künstlerischen und literarischen Theater. In Berlin Max Reinhardt, Eugen Robert, Barnowsky und viele andere. Und wir alle wissen, wie viele wertvolle Menschen das Judentum dem Wiener und Budapestev Theater gegeben hat und gibt. Unter den Schauspielern in Berlin gehören die Bergner, Kortncr, Ernst Deutsch, Gisela Werbezirk und mehrere andere dem Judentum an. Ludwig Fulda und noch einige spielen als Dramendichter eine führende Rolle, nicht zu sprechen von ihrem großen Franz Molnar, der, seitdem er in Berlin lebt, von der deutschen Presse und öffentlichen Meinung als einer der ersten „deutschen" Dramendichter angesprochen wird. Diese objektive Einstellung verpflichtet mich zu der Feststellung, daß auch die Nichtjuden ganz hervorragende hochwertige Menschen und Künstler dem Theater geliefert haben und noch liefern und daß ich damit, daß ich die Rolle des Judentums hervorhob, nicht seine ausschließliche Eignung konstatieren wollte, sondern bloß, daß uns trotz unserer geringen Zahl durch die Tiefe unserer Gefühle, unserer Freude, unserer Tränen und unserer Erlebnisse auf dem speziellen Gebiet des Theaters wie überhaupt im geistigen Leben die führende Stelle zugewiesen wurde. heater, Kun§t und iillillllllliillllllllllllllliliil Literatur Shakespeare bei „Habima". (Von unserem Berliner Korrespondenten.) Das jüdische Berlin hatte am 15. Juli einen großen Festabend. Viele Wochen intensivster Arbeit der Habima sollten nun die Früchte zeigen. Habima, das hebräische Theater aus Moskau, dessen europäische und amerikanische Tourneen auf die moderne Theaterkunst' im allgemeinen und auf die Betrachtungsweise der dem europäischen Kulturkreis unbekannten hebräischen Kunst umstiirzlerisch gewirkt haben, ist im Begriff, einen ganz neuen Weg einzuschlagen. Den ersten Schritt auf diesem Wege tat sie mit der Aufführung von Shakespeares Komödie „Was ihr wollt" in der Bearbeitung des hebräischen Dichter Saul Tschernichowsky und in der Regie des bekannten russischen Schauspielers Tschechow, der seit Jahren ein Hauptdarsteller an den Reinhardt-Bühnen ist und nun an der hebräischen Bühne wirkt. Vor geladenen Gästen, Freunden der Habima und hervorragenden Persönlichkeiten des jüdischen und nichtjüdischen Berlin, zu denen u. a. der hebräische Dichter Saul Tschernichowsky und der berühmte RabindranathTagore gehörten, ging die Generalprobe von „Was ihr wollt" in Szene. Wirkung und Stimmung waren ausgezeichnet. Allenthalben staunte man über die gelungene Einfühlung in die Shakespearesche Welt seitens jener Künstler, die bisher in der Welt des Chassidismus, des mittelalterlichen Ghettos, der prähistorischen Legende, der antiken jüdischen Historie und des grotesken russisch-jüdischen Kleinstädtchens zu sehen waren. Shakespeare fand durch die Habimaner eine neuartige Interpretation. Die Anmut und Grazie des Stückes wurde durch die brillante Musik des Wiener Komponisten Ernst Toch verstärkt. Bemerkenswert waren die Einleitungsworte des Regisseurs Tschechow, der die Intentionen der Habima in bezug auf die Komödie Shakespeares darlegte, und die Schlußrede des bekannten jüdischen Schriftstellers Sammy Gronemann,' der herzliche Worte an Rabindranath Tagore richtete. Publikum und Presse sehen, d.en für den Herbst geplanten Neuaufführungen der Habima mit gespanntestem Interesse entgegen. _ „Jüdische Stunde" in New York. — Wo bleibt die Ravag? Eine der größten Radiogesellschaften New Yorks hat eine „Jüdische Stunde" eingeführt und für deren Leitung den berühmten jüdischen Komponisten Josef Achron gewonnen. In dieser „Stunde" wird alles, was eine Beziehung zum Judentum hat, ige* sendet. Im Zusammenhang mit dieser Einrichtung steht die intensive Pflege der modernen jüdischen Musik. Bisher wurden Werke von Achron, Gnessin, Krein, Milner, We* prik, Saminsky und Stutschewsky aufgeführt. Einen großen . Teil des Programms bilden Uebertragungen aus der Syn* agoge, Predigten, Vorträge über Literatur und Musik./— In Wien hat sich die „Ravag" bisher nicht ent* schließen können, ihren tausenden jüdischen Hörern auch nur ein einziges jüdisches Programm zu bieten. Leopold Auer, der berühmte Musikpädagoge, ist im Alter von 85 Jahren in Dresden gestorben. Als Absolvent des Wiener Konservatoriums begab er sich in die Schule Josef Joachims, worauf er selbständig als Konzertmeister und Violinprofessor in Düsseldorf, Hamburg und Peters* bürg wirkte. Längere Zeit war er auch in New York tätig. Seine Autorität als Musikpädagoge war unbestritten. Zu seinem Schülerkreise gehörten die jüdischen Meistergeiger Mischa Elmann, Bronislav Hubermann, Jascha Hei* f e z u. a. Leopold Auer ist der letzte der klassischen Vir* tuosenausbildner nach Sefzik und Leschetjzky, Eine jüdische Monographie. Im Pariser Kunstverlag „Triuangle", dessen Hauptaufgabe in der Herausgabe jüdischer Kenstiermonographien liegt, ist soeben eine Schrift über Nathan Alt mann erschienen. Die Schrift enthält zehn Reproduktionen und zwei Aufsätze über den Künstler aus der Feder von Waldemar George und II ja Ehrenburg. /••