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Die neue Welt · 1930-07-18 · Heft 148 (18.7.1930) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 148 (18.7.1930)
Date
1930-07-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 DIE NEUE WELT beginnt, muß auch ein neuer, eigener Kunstbe« griff, eine eigene Kunstform — insbesondere in der Musik, die dem Juden tief im Blute sitzt — entstehen „Das* wirkliche Musikleben eines Volkes beginnt erst mit dem Moment der Erkenntnis seiner nationalen Kraft, durch welche die Absonderung von dem Typus anderer Völker und ihrer Musik zutage tritt." „Das Ei* wachen des nationalen Bewußtseins in der Kunst eines Volkes vollzieht sich immer parallel mit der Geburt der nationalen Intelligenz." „Die Kulturmusik hat ihre Quelle in der Intelligenz. Jedesmal, wenn der Intellekt eines Volkes eine höhere Stufe erklimmt, verzeichnet die Geschichte eine Epoche des Nationalismus, ein Auf* flammen der nationalmusikalischen Emo« t i o n e n und romantischer Triebe. Die Deut« sehen zum Beispiel erlebten solche nationale Evolutionen in Weber, Schumann oder Schubert, desgleichen die Ungarn (Liszt) — in heueret Zeit Bartok, Kodaly —, die Polen (Chopin) — von den Zeitgenossen Szyma* now.sky —, die Russen (Kulschkisten), die Norweger (Grieg)." Ein Vergleich der Entwicklung heutiger jüdischer Musik mit russischer, tschechischer, norwegischer und der anderer Völker drängt sich von selbst auf. Bei allen diesen Nationen waren und sind gleiche Kräfte, ahn» liehe Symptome psychologischer Struktur wirksam. Das nationale Erwachen eines dieser Völker zeitigt ein ein« gehendes Sammeln und Bearbeiten der Volkslieder und Volkstänze, was die weitere Musikentwicklung vorbereitet und durch Einsetzen eines höheren K u n;S t w i 11 e n s zur großen Kunstform führt. Die Volksmusik; die bestimmenden Einfluß auf die höhere Kuhsteritfaltung jedes Volkes nimmt, ist somit das Vorstadium, der Keim aller großen Musikwerke. „In der Geschichte der nationalen Entwicklung ist die Erkenntnis der eigenen Kraft, in diesem Falle das Er« kennen des nationalen Melos, die erste Etappe. Sie ist Präludium und Verheißung einer späteren Blüte." . Auch das jüdische Volk besaß seit Urzeiten, aus dem ursprünglichen Antrieb des Menschen zum Singen und Tanzen geboren, eine stark ausgeprägte, ihm eigen« tümljehe Musik, die untrennbarer Bestandteildes Gottesdienstes war. Schon zur Zeit der Könige und Propheten fanden die Juden für alle Gemüts* bewegungen in der Musik die ihrem damaligen Bedürfnis entsprechende Gefühlsäußerung. Mit der Zerstörung des Tempels, mit der Zerstreuung der einzelnen Stämme in die verschiedenen Länder drangen auch die jüdi* schen Melodien immer mehr in fremde Kulturen ein und wurden von diesen im Laufe der Zeit durchsetzt und-beeinflußt. Dies gilt namentlich von der Hoch« zeits« und Trauermusik, von den. Volks* und Liebesliedern. Die synagogalen Gesänge haben eine gewisse Eigenart noch am stärksten bewahrt. „Der durch* wegs ,1 leidenschaftliche, emotionelle Ton, die melodische Ornamentik, der paroxystische Gesang; eine spezifische Anspannung des melodischen Profils — dies sind die charakteristischen Merkmale desjüdischen Melos,, sowohl vom'nationalen wie auch vom religiösen Gesichtspunkte betrachtet, gleichviel, ob es im wesentlichsten in voll* Rommener ^Reinheit oder äußerster Durchsetzung durch fremden Einfluß sich präsentiert". * ' Die nächsten "Kapitel sind dem Schaffen der jüdi» sehen Musikergruppe aus Rußland gewidmet, „die'sich als die ersten für das Problem des jüdi* sehen Melos interessierten und die Initiative er* griffen,-, die Ueberreste des Schaffens dieses altertümlichen Volkes zu erforschen". „Das konzentrierte Ansammeln des musikalisch*ethnographischen Materials war die erste Etappe zur Erkenntnis der jüdischen Musik." Engel und eine- Gruppe junger Musiker, die sich ihm bald an« schlössen, haben die alte Volksmusikdokumente einer schöpferischen Ursprühglichkeit — wieder lebendig ge* macht und dieses Volksgut für alle Zukunft erhalten. Im folgenden übt, der Verfasser mit vollem Recht scharfe Kritik an der Art, in welcher die Volks* melpdien, in Verkennung von Wesen und Gliederung des judischen Melos, ursprünglich harmonisiert und bear* bejtet wurden. „Natürlich fielen die Bearbeitungen der ersten Zeit der Einflußsphäre des Europäertums zum Opfer. Die homophone Natur des jüdischen Ge* Sanges und das organische Fehlen von Elementen po* tentjeller Vielstimmigkeit erwiesen sich als große Hindern hisse für Harmonisierung und kultivierte polyphone Voll* endüng." Aber dieser Kampf um die Struktur des jüdischen MelQS zeitigte bald ein weiteres, erfreuliches Ergebnis. Erfüllt von der Kraft jüdischer Volksmusik, entstehen die. ersten selbständigen, schöpferischen Versuche, in denen : ein neuer Geist, ein neues Fprmbedürfnis Gestalt wird. Diese jungen Komponisten geben der Musikäußerung des jüdischen Volkes neue, wesentliche Impulse. Sie offenbaren eine unbewußte Gemein« samkeit, die Unbedingtheit eines inneren Verwandt» seins. Die damals noch wankende Einstellung zur jüdi* sehen Volkspoesie, zur jüdischen Ghettomusik, bekam eine neue Wendung. Die Werke der folgenden Periode zeigen bereit» eine eigene, ausgeprägte Form,, ihre eigene Physiognomie« Was viele Jahrhunderte unter einer dicken Kruste verborgen war, wird wieder lebendig. „Dler Strom der nationalen Musik wird sich erweitern, wenn das Volk sich selbst ge« funrfen hat.41 «Das Judentum überragt die anderen Nationen an ra u sik alisch erBegabung. Die Anzahl jüdischer Nr. 148 ■•■ Wiener Kinderheim in Grado. In Grado, dem Eldorado für Kinder, wurde unter der administrativen Leitung der Frau Berta Taubes, Wien, ein erstklassiges Kinderheim in herrlichster Lage eröffnet. Bei müßigen Preisen werden beste Verköstig ung und individuelle Pflege geboten. Gemeinsame Hin- und Rückreise unter Aufsicht bewährter Pflegerinnen. Aerztliche Leitung: Dr. Erna Spitzer. Nächster Turnus 4. August. Auskünfte und Prospekte: Wien, VI., Webgasse 25, Tel. B-29-705 von 10 bis 12 und 2 bis 5 Uhr. E Musiker ist verhältnismäßig groß, ihre Eignung für muSi* kaiische Tätigkeit, das lebhafte Interesse an' der natio* nalen Kunst, endlich das Vorbild genialer Musiker« erscheinungen der Vergangenheit und der Gegenwart (Rubiristein, Halevy, Meyerbeer, Mendelssohn, Mahler, Schönberg etc.), alle diese Momente berechtigen zu Zu« kunftshoffnungen, von denen schon jetzt ein Teil erfüllt ist: daß nämlich das jüdische Volk die musikalische Welt durch einen Strom frischer und origineller Werke be* reichern wird. Mit voller'Berechtigung' kön« nen wir annehmen, daß sich eine Blütezeit einer musikalischen Kultur des Juden« tu ms ankündigt." Ssabanejews Schrift wird dazu beitragen, die ver* breitete Auffassung von der schöpferischen Begabung der Juden gründlich zu revidieren. Es gelingt ihm in aus* gezeichneter Weise, sowohl vom Standpunkte der allge* meinen Musikkultur, als auch vom Standpunkte der jüdi* sehen Musik, alle wechselseitigen Beziehungen der ersten Etappe einer werdenden jüdischen Kunstmusik auf« zuzeigen und zu (begründen. Dieses Büchlein verdient einen weiten Leserkreis. Wir haben Jahrhunderte der Gefangenschaft in Ghettomauern hinter uns, stehen mitten im Werden einer neuen Generation, einer neuen schöpferischen Epoche. Die Durchgestaltung des eigenen Wesens zu einem echten jüdischen Empfinden* jüdischem Geist naheliegen* dem Ausdruck und diesem entsprechender Form ist keine Episode mehr. Es reift eine Zeit, in' welcher die dem Judentum innewohnenden Kräfte eine neue Form, ihren eigenen Stil finden werden. (Diese Zeit wird durch ihre \v*erk\e die jüdische Seele erweitern, bereichern und neu befruchtend die Einheit des Menschejimit Gott und der Welt schaffen. T heater, Kunst und llliliniltlillllilllilllllinilii h «fc e a 4t Rudolf Sdnldkraut ge§torben* Aus 'koli'ywö6äs\Jfebnm^';'';d,ie■ Meldung»"daß dort Rudolf S.childkr aut mitten im Schaffen 'einer Herzschwäche erlegen ist. Damit ist das Wirken eines großen Juden und großen Künstlers abgeschlossen. Rudolf Schildkraut, einer ostjüdischen Konstantinopler Familie entstammend, kommt als absolvierter Gymnasiast, von unbezähmbarer Lust zum Theater getrieben, nach Oesterreich, wo er 18 Jahre lang, zuerst in der Provinz, dann in Wien, als Schauspieler, und zwar als Spieler humoristischer Chargen, tätig ist. Unter Leitung von Alfred Berger in Prag und Max Reinhardt in Berlin entwickelt er sich zum großen Charakterdarsteller, der in Shakespeares „Shylock" und „König Lear" unvergessene Figuren sdiafft. Ein Stück moderner deutscher Theaterkunst ist mit seinem Namen verknüpft. Aber seine große Liebe gehört der jüdischen Dichter¬ und Gestaltenwelt. Ihm ist es besdiieden gewesen, die Tragik des jüdischen Vaterherzens in allen seinen Schattierungen von sprühendster Wahrheit zu verkörpern. Sein Leiser in Tschirikows „Juden" und «ein Jankel Schapsdiewitsch in Asdis „Gott der Rache" bilden einzigartige Höhepunkte dramatischer Sdiauspielkun-st. Nidit minder bedeutend sind seine Leistungen im Film, dessen mimische Grenzen er durdi eine Reihe eindrucksvoller Gestaltungen bereichert hat. Uuvergeßlidi bleibt Rudolf Sdiildkraut audi als Interpret jüngerer und älterer jiddisdaer Literatur, für die er sich mit der ganzen Leidenschaft seines jüdischen Herzens und Temperaments eingesetzt hat. In der letzten Zeit wirkte Rudolf Schildkraut (neben dem Film) hauptsächlich als Schauspieler auf der jüdischen Bühne, der er in Amerika die wertvollstein Impulse gab. Er war der Stolz der jüdischen Schauspieler, die iri ihm den vornehmsten Repräsentanten ihrer Kunst sahen. Eine ganze Generation jüdischer Schauspieler hat ihn als Meister anerkannt. Seine Hilfsbereitschaft, sein edles Menschentum war die harmonische Ergänzung seiner Künstlersdiaft. Nun hat ihn im 68. Lebensjahr der Tod ereilt. Sein Sohn Josef winkt als Regisseur und Filmschauspieler in Amerika, Habima und Granowsky* Die Habima, die seit einigen Monaten nach Ab* solvierung ihrer reichsdeutschen und polnischen Tournee ihr neues Repertoire in Berlin vorbereitet, ist mit der Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt" unter der Regie von M, Tschechow \(Uebersetzung von Dr. Saul Tschernichowsky, Musik von Ernst T o c h, Bühnenausstattung von M a s j u t i n) fertig g*« worden. Zunächst findet eine Generalprobe vor geladenen Freunden der Habima äm 15. Juli im Berliner Theater statt. Als nächste Premiere soll Gutzkows „Uriel Acosta" in einer neuen Bearbeitung unter der Regie Alcxej Gras nowskys herauskommen. Nach Wachtangow, Dicky und Tschechow wurde wieder ein in der russischen Theater* kunst bedeutender Regisseur gewonnen. Der Name Alexej Granowsky bedeutete bisher das Programm der extrem« sten konstruktivistischen Richtung im Gewände des jiddU schesten Sowjetkornmuhismus. Es muß sonderbar an* muten, daß gerade dieser Regisseur, in dem man sich den Antipoden jeder Renaissance der hebräischen Kunst vor« stellen mußte, nunmehr künstlerisch dort zu wirken gewillt ist, wo" der Pol der stärksten Gegenströmungen zu seinen früheren politischen und künstlerischen Tendenzen ruht. Nach jüngsten Meldungen beabsichtigt die Habima, das Äebcllendrama „Kette n" des in New York lebenden Autors des „Golem", H. L e i w i k, aufzuführen. Wellloumee der „Wilnaer''« Nach Absolvierung des Wiener Gastspiels hat sich die „Wilnaer Truppe" unter Führung von Alex Stein in'die Tschechoslowakei begeben. Die ersten Abende fanden in Brünn, Mäh r.-O s fr a u und Prag statt, wobei Anskis „Ta-g und Nacht", Osip Dymows „Sänger seiner Trauer" und Schalom Alejchems .iSchwer zu sein ein Jüd" zur Aufführung gelangten. In Prag gab es auch eine Aufführung von Frantisek Langers „Peripherie". Der Wert dieser Gastspielabende bestand hauptsächlidi darin, daß dem jüdischen und nicht jüdischen Publikum die dramatisdic Literatur des Ostens in einem bisher unbekannten Stil vorgeführt und damit deklariert wurde, daß es neben den herumreisenden Schmierentruppen ein echtes, modernes jüdisches Theater gibt. Dies wurde auch von der ernsten Kritik anerkannt, besonders in Prag, das zum erstenmal Gelegenheit hatte, die vielgerühmten „Wilnaer" in ihren charakteristischen Stücken zu sehen. Was die Presse anlangt, konnte sie mit Genugtuung konstatieren, daß die Wilnaer Truppe mit Alex Stein als Leiter, Schauspieler und Regisseur ein Instrument darstellt, das fähig ist, allen modernen Theaterproblemen geredit zu werden. Der Erfolg, zu dem Dr. Oskar Rosen feld als literarischer Leiter durch seine vor deu Aufführungen gesprochenen Conferenzes nicht wenig beitrug, war überall ein durchschlagender. Man feierte die „Wilnaer" als Exponent des neuen jüdischen Kunstwillens. ■ Zurzeit wirkt ■ die Wilnaer * Truppe; in Karpathorußland, um im Herbst nach Wien zurückzukehren und u. ä. „Sabbataj Zwi"'von Sc.h a*rbfni Asch, „Der Golem" von H. Leiwik und „Di pusste Krejtschme" von Perec Hirschbein vorzubereiten. Ein Kunstmuseum in Tel-Awiw. In T e 1 « A w i w wurde ein zeitweiliges Komitee zur Errichtung eines Kunstmuseums organisiert. Das Museum soll als Er zieh ungs haus .für junge Künstler und für die Volksjügend| dienen! undwert* volle Erzeugnisse ' alter "und neuer' 'Kunst sammeln. ' Das Museum wird sich in einem besonderen Gebäude be* <• . > ■' . finden, das für diesen Zweck durch Herrn Diz'engoff zum Andenken an seine verstorbene Frau ge* schenkt wurde.. t Dem zeitweiligen ^Komitee gehört u. a. auch Chaim Nachman B i a 1 i k an. Ferner haben der Bildhauer N. Aronson aus Paris und M. Levin aus Antwerpen versprochen,' dem Museum' zwei wichtige Kollektionen von Skulpturen und Bfldern berühmter Künstler zu übergeben. Neues Jüdisches Theater (Praterstraße 60). Ein interessantes Gastspiel findet zurzeit im Neuen Jüdischen Theater statt. Das bekannte amerikanische Künstlerpaar Ruth Renee und Boris Tomaszefski bringen in urwüchsiger Kraft neuere jüdische Einakter und Szenen mit reichen Liedereinlagen, während den literarischkabarettistischen Teil der vorzügliche Conferencier Willy Godik und Ola Lilith bestreiten. Vor. der Abreise nadi Amerika, wohin seitens Tomaszefskis die in Wien bekannten Schauspieler Emil Fried es und Berta Rosenberg engagiert wurden, finden.noch vier Vorstellungen der ausgezeichneten Gäste, und zwar von Freitag, den 18., bis Montag, den 21. Juli, 9 Uhr abends, statt. Zur Aufführung gelangen die Komödien „Ein Gruß von .Daheim" und „Chaj, gelebt". Oskar Fischeis 60. Geburtstag; Der bekannte Kunst* historiker Oskar Fische 1, außerordentlicher Professor. an der Universität Berlin, wurde am 10. Juli 60 Jahre alt. Der Jubilar ist ein Raffael*Forscher vonWelt* ruf, er edierte die Handzeichnungen des Meisters und schrieb auch eine Monograhie über Tizian. Er ver* öffentlichte auch zahlreiche Schriften zur Ko s t ü m* künde und Theatergeschichte und gab auch der modernen Bühne wertvolle Anregung. Altbebräische Ausstellung. Im Universitär College wurde am 10. Juni eine Ausstellung 4er'*ojQ Sir Flin* ders Petrie und seinen Mitarbeitern «Ml* ijlEen letzten Grabungen in Beth Pelet (Palästina) zutage' geförderten Gegenstände eröffnet. Anlaß zu dieser Ausstellung, gab das 50jährige Jubiläum der archäologischen Arbeit' Sir Flinders Petrie's in Aegypten und Pa 1 ästina, die überwiegend um Fragen der biblfsclin, GeschiQty^kpn* zentriert war. Besonders bekannt wurd^Mwjne J^^jlckung von Inschriften auf der Halbinsel S1 itkfe dj^p Schrift und Sprache von manchen Forschern als Alffh gor ä i s c h yr

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