Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 143 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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INeiLUIIO, XX., Wallensteinplats 3 (Eingang Bluerlegasse 1) Filiale: XX., Klosterneuburgerstraße 91 Telephon A-4t-406 und A-47-4-97 Kataloge gratis iiiiiiiiiiiftiiititiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitimiiiiiiiiiiiiiiiiiig § Begründet 1882 § 1 Lebens versiciterttnss- DIJ fl MIY < I I Seilschaft l ffnüRIA | | Zentradirektion: WIEN I,, Riemergasse Nr. 2 3 2 Milliarden Sdrillißu s VtlleiggenÜltis Ikiisnkapital 4.0QO.O09— SdriMing s s Prämien- und ZinsuieinnitiDisa in Jüte 1921 . 91 Millionen taQling s 2 GaranHenfttet Ende 192S ' - 2*2 mm JAöling 5 s AiizalilBnp an die ftnidnilM im Jatwe 1528 26S Billionen Shilling g 2 Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, £ 2 Belgien, Holland, Italien, Spanten, rteheehoslowakteobe a Republik, Polen, Ungern, Juaoilawlon, Bulgarien, Briechens 3 fand, Türkei, Aegypten und Palästina. nilllUIUIIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIHIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIli RADIO in eleganter KoHertorm für Radio una Schallplatten, spielt überall ohne An* teitne, ohne Erde, sowie alle modernen Netzempfängei, R«diO*Apparats mit Auslandsempfang. 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Jene Dame war ihr reizend erschienen, als sie kurzsichtig durch das Lorgnette blickte, die Augen halb geschlossen und die Brauen ganz hinaufgezogen. Henrietta übernahm diese Pose sofort, sie stellte sich vor den Spiegel; die Augen halb geschlossen und die Brauen ganz hinäufgc* zogen — und so nahm sie es mit auf den Weg. „Jcntl, was ist mit dir?" packte sie einmal der Brtider Isaak unter vier Augen an. „Was denn, Itzig?" '.' , „Was blinbtangelst du da etwas plötzlich mit den Äugen, wenn du schaust?" ' Henrietta wurde :rot, fluchte ihn in die Erde hinein, konnte aber sch,on nicht mehr, anders blicken, sondern nur wie jene kurzsichtige Dame mit dem Lorgnette. Es gab eine Zeit und das ist nicht lange vorher ges Wesen, daß Rafalesco noch nicht der ihre war, noch lange nicht der ihre. Sladkc stand' ihr iin Weg, dieses Mädel mit dem — kau's und spuck's aus — spitzen Naschen. : Henrietta selbst bemerkte nichts," aber der Bruder Isaak und der Bruder Nissl öffneten/,ihr die Augen... Zu sehrentzündeten sich ihre Augeaij^wenn sie; ihn erblickte. Zu rot wurden ihr die Warigcn^V^eiin Rafalesco sie ansah, und zu häufig blieben sie, Sladfce, und Rafalesco» allein... Dar? auf machte ihr Bruder Isaaksie aufmerksam. Einmal sagte er ihr: „Komm, K;|rbsstute, ich Werd' dir was zeigen" ... Und er /iahm Hejföielta'.bei der Hand und führte sie zur Tür und ließ sie dutclis'Schlüsselloch hineinsehen. Aber das, was Henrietta erblickte, war genau das Gegen» teil davon, was ihr Bruder angenommen hatte. Sie erblickte Rafalesco gesenkten .Köpf^rinifci großen ^Schritten; durch das Zimmer auf und ab gejen^dte Hände in* den. Taschen und das Mädel mit dem -^vkau's und spuck's aus spitzen Naschen saß in cin«m/ Stuhl und weinte... „Ihr Bruder — sagte er späUc ".zu,.Jhnen.ist, sehr schwer" krank; Der Doktor sagt," flaß^es;um Holznmn gefährlich steht','... „Eine Ausrede g-U't 'für Sabbathkerzcn", folgerte Isaak Schwalb, der. ihnen nachsah Wie ein richtiger Spion. , „Weil es um den Bruder gefährlich steht, darum muß die Schwester einem fremden 'jungen Mann auf dem Schoß sitzen und Tränen weinen?-'. . „Du lügst wie ein Hund",, schleuderte ihm Henrietta ins Gesicht und Warf Idie Tür mit einem Schlag zu. Unit nichtsdestoweniger, drang » ihr ein Wurm tief ins Herz tÄdL-nagtie-, nagte leise. Und ein Feuer brannte in ihrem JltJKSfiU^brannte lind brannte, es. Gott sei Dank, daß si"e 0rS"ußen ist aus der Hölle. Jetzt ist sie mit ihm allein,, jetzt steht ihr niemand mehr'im Weg, niemand, niemand.!.. f -; N\ Das erste, wohn sieliä'ch' New York gekommen sind, wird sein — so hat es sich *^Ienrietta festgelegt — daß sio sich mit ihm zuzweit in verschiedenen Posen photo« graphiercu. lassen,.wird* Pose Nummer eins: sie sind.beide auf dem Spaziergang begriffen. Fest Arm in Arm. Er — in seinem eleganten grauen' Ueberrock. Sie -r, mit. einer Boa um den Hals, das Hütchen zur Seite ... Pose Numtuer zwei: sie,;, sjtzcn einander gegenüber an einem ovalen Tischchen. Er hält ihr Händchenin seiner*Hand und schaut auf ihr Enface, während sie die Augen haljb'ge* schlössen, die Brauen, ganz empörgezogen hält, genau so wie jene kurzsichtige Dame mit dein Lorgnett. Pose Num« mer drei: vor einem belichteten Fond zwei Köpfchen ■— sein Kopf und ihr Kopf aneinandergeschmiegt. Da müssen , schon ihre Augen ganz und gar offen sein und hinauf» '...... j .■ i ".' ',' \* 111 '' 1111 blicken wie die heilige Madonna... Pose Nummer vier... Nun, erlebt man schon endlich, erlebt man schon endlich, nach Amerika zu kommen! „Noch weit nach Amerika?" Er.hört nichts. Rafalesco hört nicht, was Henriette Schwalb zu ihm spricht, und sie kehrt mit ihren Gedanken zurück zum Photographieren sogleich bei der Ankunft in New York, Zwar, sagt ihr Bruder Nißl, das das erste, das in New York sein wird, das Stellen eines Traudaches ist, würde er sich nicht schämen, sagt er, hätte er noch hier, auf dem Schiff, das Traudach gestellt — „er soll so aller Menschen Gutes haben"... Henrietta aber ist nicht dieser Meinung.. Henrietten möchte zuerst noch eine Braut, ihret* wegen etliche Wochen eine Braut sein. Hat sie denn keine Zeit? Sie hat so lang danach Ausschau gehalten.1 Warum soll sie sich jetzt nicht das. Vergnügen leisten? „Noch weit nach Amerika?" fragt sie ihn noch eins mal. Er aber hört sie nicht. Ist er etwa in einer anderen Welt? Ja, in einer anderen Welt. Und schnell, kaum hat er sich's versehen, ist er dort, wohin er schon so lang strebt, vielleicht sein ganzes Leben lang. Und schnell, kaum hat er sich's versehen, wird er die sehen, welcho er in keiner Minute vergessen hat. Wie wird die erste Be? gegnung sein in diesem Land nach so vielen Jahren? Wird sie ihn erkennen? Er wird sie gewiß erkennen. Er hat ihr Bild, das ihm die Mmc. Tschcrnjak vor nicht langem zu* geschickt hat. Es liegt bei ihm dort in der Brusttaschc... •Und er preßt die Hand auf die Brusttasche, und Henrietta ist überzeugt, daß das ihr gilt. Wem denn, wenn. nicht ihr?... lehnt sich noch;onger an ihn, ganz eng,-und sie blickt ihm fortwährend in die Augen und schmeichelt wie ein Kätzchen, „Gleich werden wie in Amerika sein, wie meinst du?" fragt sie ihn zum drittenmal und fährt ihm mit dem Finger über die Nase und lacht sich voll,, chachacha!" Rafalesco wendet die Augen auf sie. Er weiß nicht, weshalb sielacht. Man hat ihm gerade die besten Ge* danken verscheucht... im Augenblick hat cv schon gar an sie vergessen, die an seine Hand gelehnt dasteht. Si^ hat.'Ilm daran erinnert. Und er betrachtet sie von oben herab und denkt sich dabei: Wozu soll dieser Flirt? .. . Was: irgendwie auf einmal siyh verliebt indiese da?... Ein Mißgeschick los, in das andere hinein!... Und ohne es zu wollen, kommt ihm wieder einmal ,Sladkc in den Sinn mit üirem ewig melancholischen Aus« sehen, mit ihren vom Weinen verschwollenen Augen. Und ohne es zu wollen, erinnert er sich an Holzmans letzte, kaum geröchelte Und erstickte Worte beim Abschied: „Eine Waise... eine arme Waise"... Er möchte yergessen, kann'aber nicht. Wie gerne-würde er es wollen, es'möchten seine''ganze Vergangenheit, die klein wenig Jahre, seitdem er auf der Wanderschaft durch die Welt begriffen .ist, auf jener Seite des Meeres bleiben, in der alten Welt,' so daß er in dieses neue Land als Frischgeborener, als Lauterer, als ' Reiner, unschuldig, wie er es einmal gewesen, einmal in seinen ersten lauteren, reinen Kinderjahren, einziehen könne... Nur daß sich das wie zum Trotz nicht., vergessen läßt, und es kriechen just die ärgsten Gedankpn, just die traurigsten, in seinen Kopf hinein. Und wie um diese Gedanken und Bilder von sich abzuschütteln, blickt er ins Meer hinein.' Schon wieder kann er von ihm die Augen nicht losreißen. Alle Passa» giere sind wieder auf Oberdeck. Wieder spiegeln sie (sich »» - im Meer. Wieder können sie sich an seiner Pracht und au seinem Glanz nicht sattsehen. Kein Maß'da für seine Großartigkeit, wenn es bös wird. Kein Vergleich. da mit seiner Schönheit, wenn es sich beruhigt. Ruhig war das Meer an den Ufern von New York. Nicht still, nur ruhig. 24. Kapitel. Der Lomscher Chasen im trouble. » Wie man weiß, ist der Eintritt ins Paradies gar nicht so einfach: man muß zuerst geläutert werden, alle Stufen der Hölle durchmessen. ,.v- Wie, es sei wohl unterschieden, dort oben im himm» lisehen Paradies, auf jener Welt, so auch hier im jrdi* sehen Paradies, das Amerika heißt. Nicht für jeden sind die Tore offen und nicht alle kommen auf dieselbe Weise hinein. Die um das Geheimnis wissen — und nur sehr wenigen ist es unbekannt —, wenden beizeiten alle Mittel an, noch bevor sie aus der Heimat herausfahren, treffen Vorkehrungen und rüsten sich aus mit allem, was nötig ist. Und doch klopft ihnen das Herz und wie viele Meilen schon vor New York! Und es schüttelt sie vor Hitze und vor Kälte. Und es klappern ihnen die Zähne. Und man ahnet wie im Fieber und man reckt sich und man richtet sich her und man beguckt, einer den andern und man bittet Gott, man möge nicht straucheln und keinen trouble haben beim Verhör, man möge eilig und geschwind geläutert werden und alle Stuferi der Hölle, der „TränensJnsel", durchmessen und in Frieden durch die Tore des Paradieses eingehen, das heißt, ins goldene Land. Unsere Wanderschauspicler der heimatlosen Truppe „Klamcr, Schwalb et Comp." bewitzelten die ganze Zere* monic. Eine teure Billigkeit^ das Amerika das! Sie würden auch, sagen sie, dreimal hinein und hinaus und wieder einmal hinein können. Narren, sagen sie, haben Schwierig« keiten erdacht. Gar keine Schwierigkeit. Wenn man nur gesund und jung und Irisch und fröhlich ist und ange* zogen geht wie ein Mensch und ein paar Taler zeigen und die Namen von ein paar Bekannten anführen kann — Straßendreck das Ganze. ' - Was schert zum Beispiel Amerika einen solchen gentleman wie Mr. Klamcr, der einen so. eleganten smoking trägt und dem EnglischV^Muttersprache ist?, Oder ein solcher Kerl wie Nißl Schwalb, was hat der zu fürchten? Oder Isaak Schwalb, allen Emigranten gesagt! Vom Schauspielerpaar RafalescosHenrietta gar nicht zu reden. Solch jungen, schönen, elegant' gekreideten Pers sonen stehen doch alle Türen nnd Tore'offen. Nur der Lomscher Chasen, mit seiner musikalischen Kinderschar! Was doch, für Unannehmlichkeiten einem Menschen beschieden sind! Das heißt, es wäre auch hier glatt abgelaufen. Sie sind gottzudanken alle gesund und stark an allen Gliedern und haben gottseigelobt einen Appetit zum Essen — hätten sie nur immer soviel, wie1 sie ossen können -—, da sollte aber dem Chasen ein Un» glück passieren. Und er selbst trägt,schulden'dem Un»; glück- Er hätte früher Ayis,sen...müssen, daß, er bei einer solch großen Zahl) von Kindern — kein böses Auge —, wie er sie hat, mit der »Kompanie beizeiten hätte verab» reden müssen, daß sie ihn mit; ein paar Talern ausrüste, damit er vorzuzeigen habe, wenn man ihn vielleicht fragt. Er verantwortete sich dahin, daß er es nicht gewußt habe. Er meinte, saj^t er, daß Amerika Amerika, ist. Zu« guterletzt habe sich herausgestellt, Gott soll ihn nicht be» strafen für die Worte,' schlimmer als Lomsohe. Wieviel arme Leute zum Beispiel kommen nach Lomsche? — Daß sie dort jemand fragen würde, ob sie Geld haben oder kein Geld haben? Eine schöne Sache! (Fortsetzung folgt.) ElgeiniQtheri V^rJeger.^Hejajisseher und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker, ' ' ' Verlags-A,-G Ignag Steiwnano, beide Wien. IX, Universitätsstraße 6—8. Druckerei- und — .,^M^^m"»