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Die neue Welt · 1930-05-23 · Heft 140 (23.5.1930) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 140 (23.5.1930)
Date
1930-05-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Dffi NEUE WELT Nt. 140 GRABSTEINE FRIEDLÄNDER * DEUTSCH Wien, /. Bei,, SeHensieHengtuee i, Telephon V-28-1-28 XI., Zentralfriedhof, neb. d. 7. Tot, Tetephon V-tS-fcSS Kinderwagen vemtlnfMhtte» Ms jrwnfalnibHi«tnr« trzMgtKttbwartnlnihittri« M. ENGILBIRO, XX., Wallanatalnplats 3 (Eingang Bäuerlegasse 1) Filiale: XX., KlosterntuburgerstraBe 91 Telephon A-41-406 und A-47-4-97 Kataloge gratis »iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiifiiiiiiiiiiiiHftiiittiniiifiiiiiiiiiiiiifits I 1 1 Gegründet 1882 i icbensuerslcheninss- 1 Gesellschaft f | ZentradirektJon; WIEM lv Hiemergagte Nr. 2 | | ytrsMenutttettiB« 2 WMn SdBbf | 5 Im^Ajmm , ' MOMtt.- SdHtM 3 Printe*ortZtaMtonminJrtfilKt HMataaStfin E s Ginntiatttfl Eadt 1928 ' 242 Klints SMRu s lisaMwfifi in il« Viniitrtia J«ki 19M 2IS mim Sffiq s 2 Tätigkeitsgebiet: Dttttrrelch, Otittseh«« Reich, Frankrtich, 5 2 Balgten, Holland, Italien, Spanhw, Tschecrrasliwakiseha s Republik, Polen, Ungarn, Jn0OtlawtM. Bulgarien, flrfechen- | land, Tffrkei, Aegypten wri Palistina. s niifiiiiijiiiiiiiiiiiiiikiiiiiiiiiiiiiiiitifliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiig Kofferapparate Ui*ue*Apparatamitu. ohne Trichter, Schallpf attan v. S 2.-, die neuesten Schlager in größte» Auswahl, erhalten Sie für S 2.50 Wochenraten, sowie Mandolinen, Gitarren, Harmonikas, Lauten, Violinen, Zithern, Blasinstrumente. Musikhaus SCHLESINGER J2S8},E,8i Neue Sprachschule vom Wiener Stadtschulrat konzessioniert, für die englische und französische Sprache für weibliche Personen Im ..Dr. Krüger-Heim". Wien. II.. Malzgasse 7, Tel. R-43-5-40 (10 bis 12 Uhr und 3 bis 8 Uhr) Kurse für Anfanger und Vorgeschrittene, an Nachmittagen und Abenden Spezielle Kinderkurse. 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Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schafom Mechern. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. Jetzt erst atmete er ein wenig freier auf, wo er sich bereits an Deck der. „Atlantic" befand und das Schiff von Sputhampton ruhig, stolz, würdevoll, großartig schön ab» fuhr. Auch das Wetter war. hier schön. Keine kalten Wolken und nicht die dichten Nebelschwaden des kalten London. Freundlich blickte die liebe Sonne vom klaren Himmel herunter. Still und glatt wie ein Glasspiegel war das Meer. Und es glitt das Schiff über dem Wasser, kaum daß es. die Wellen berührte, die erst jetzt herauf* kamen, sich neigten und beugten, sich sehen ließen, einen Gruß v.ora großen, breiten Meer brachten, das sich bewegt undr doch nicht, wegbewegt von Ewigkeit zu Ewigkeit Und eine . süße Wärme ergoß sich Rafalescö in alle Glieder. Er fühlte sich frei. Er fährt dorthin, dorthin zu seiner■-} Geliebten, zu seiner e i n zig en; Geliebten*.. Aber plötzlich tauchte neben ihm Henrietta Schwalb, auf, herausgeputzt wie immer und verziert mit allen echten und > falschen Diamanten wie w.immer. Sie reichte ihm die Hand und sie gingen am Deck spazieren. Henrietta hing sichern seinen Arm, guckte ihmin die Äugen und lachte mit ihrem hellen, kotettjen Lachen und zeigte der ganzen Welt ihre schönen Perlenzähne. Und die ganze Welt sah diesem Pärchen nach und wollte herausfinden, wer das sei. Schwester und Bruder? Bräutigam; und Braut? Oder gar Mann und Frau? So war der Abschied unseres Helden von seinem Freund, von seinem nächsten Herzensfreund, von Holz» man* der ihm treu war wie ein Bruder, und von Holz» mans Schwester, die ihm ergeben%*ir -wie' eine- 'Schwester, mehr als eine Schwester.;. „B|eib*gesund, Bernhard" — das war alles, was Raf alesco Bernhard Holzman, seinem Freund, zu sagen hatte. : l; .- 2l. Ka p i t ei, : ' Ein unglückseliger Kuß. m...' Wenn'Rafalescö: sich"'.zu Öo^mans Schwester wie ein Bruder benahm, so wüßte er hingegen nicht, wie sich zur Primadonna; Schwalb , zu; stellen. . Seit jeher tanzte Henrietta um ihn herum, kokettierte, verstand, oft zu schmollen. Bei sich im Herzen selbst wußte sie wohl, daß, er zu ihr kalt wie . Eis sei, aber der Welt gegenüber tat sie so, als wäre er in sie ifber die Ohreh verliebt und daß sie'seine, wenn auch noch nicht offizielle/Verlobte sei. Davon wußten alle. Man sprach? sogar ' vom Scherbenmachen und vom, Trauda^stellen, jAber wie das anstellen? Bei einem Hindernis, das Holzman heißt? Die Brüder Schwalb sahen ein, daß 'Holzman;. solange Ra* fajesco seinem , Freund und; Rafaiesco . najiestehc, den Jungen nicht in die Hände der^chwestcr fällen lassen werde. Sie begannen also nach Mitteln zu suchen, wie man diesen kurzatmigen Schleraihl Hoteman los werde, und Gott half ihnen. Es gelang ihnen ganz und gar, noch weiter als sie es wollten. Nicht pur setzten sie durch, daß Rafalescö mit ihnen ins goldene Land fahre, Rafalescö, als er hörte, daß sie nach Amerika gehen wollen, bot sich' ihnen selbst an mitzufahren. Die Brüder Schwalb waren im Siebenten Himmel. Der Bursche ist anscheinend ehrlich, verschlossen in unsere Kalbkstute" -» dieses Urteil fällten die Brüder. Narren! Sie wußten nicht, wem sie das zu verdanken haben. Sie wußten nicht, daß dieselbe Brejhdele Kosak, die ihre Schwester, die Primadonna, nach New'York rief, auch Rafalescö dorthin zog, damit, daß dort seine Liebe weile, de« Chasen Tochter aus Hoteneschti, Und die Brüder Schwalb faßten den Be» schluß, sofort nach der Ankunft in Amerika die „vier Stangen", aufzurichten —- und fertig ist die Laube! Vor» läufig muß es ein geheimes Geheimnis bleiben, kein Spatz darf davon wissen. Selbstverständlich hatte das Geheimnis nicht für alle zu gehen. Für wen es eben Geheimnis bleiben muß und für wen nicht. So gibt es beispielsweise vor Mr. Klamer;für Nissl Schwalb überhaupt kein Geheimnis. Mr. Klamer war der erste, dem Nissl Schwalb diesen glänzenden Plan anvertraut. Mr. Klamer hörte ihn, wie es seino. Art ist, mit geschlossenen Augen an, mit vier Fingern seinen HerzUBart streichelnd und als jener ge* endet hatte, meinte Mr. Klammer, daß das für ihn über« haupt keine Neuigkeit sei, er wisse es seit langem, und daß er an dieser Partie nichts auszusetzen habe,: unter Beobachtung der Voraussetzung, daß man es nicht auf die lange Bank schiebe, eins zwei drei, wie sagt der Englishman „slow at start fast at end". Man muß zu» sehen, vor allem einmal Scherben zu brechen, und zwar gleich, und sofort darauf ein Traudach zu stellen, dann wird|s allright. Denn die Gesellschaft Bläser (damit meint er die Akteure) sind ein Volk, das fi*fu*fa! Mr. Klamer nahm die vier Finger aus seinem Herzl* Bart heraus und bewegte sie in der Luft dreimal hin und her .—- zu zeigen, was die Gesellschaft Bläser ist. Derselben Meinung vom Aufstellen des Traudaches war auch' ihr dritter Kompagnon, der Lomscher Chasen, mit dem Nissl Schwalb sich unten im Keller ganz allein eingeschlossen hatte, wo er ihm in aller Heimlichkeit den goldenen Plan eröffnete. Und da dieses Zimmer die „Kitchen" war, wo die Lomscher Chasenfrau. gerade ,,dinner" :kochte, so war es auch für die Chasenfrau kein Geheimnis mehr. Und des Chasen Kinder, die ganze musikalische Schar, alle erwarteten gespannt das Scherbenbrechen und das Aufstellen des Traudaches. Nur ein Mensch wußte von all dem nichts. Das war Leo Rafalescö, dem kam es nicht einmal in, den Sinn, worum es sich da handle. Sein Kopf und sein Herz waren dort bei des Chasen Tochter, der jetzt berühmten Rosa oder Rosalie Spiwak,, zu der er mit allen Kräften hin* strebt, die er nachts im Traum und bei Tag im Wachen sieht, derentwegen er sich entschlossen hat, auf dem Totenbett seinen alten guten Freund Holzman zurückzu» lassen, der sich ' für ihn geopfert hat, und dessen Schwester, die wie eine Kerze , niederbrannte, sich von ihm nicht einmal verabschieden konnte...' Ach, was für häßliche Dinge er in der letzten Zeit getan bat — er kann es sich gar nicht verzeihen. . Und jetzt, hier allein in seinem Wiegebett, in der Schiffskabine liegend, wo er allmählich zu sich zu kom* ,men beginnt, denkt er: wie hat er so tief sinken können? So häßlich gegen die besten Freunde handeln können, gegen einfache unschuldige Menschen?... Wie ein trauriges. Kaleidoskop, wie ein Panorama vonallerlei Bilder, eines düsterer als' das andere,1 zieht an ihm sein ganzes bisheriges Leben vorüber und er sieht fast keinen einzigen hellen Punkt vor sich, keinen ein* zigen Lichtstrahl, alles finster, alles niederträchtig, alle» Verbrechen, Verbrechen: den Vater bestohlen, vom Haus davongelaufen, die Mutter zu Tode gefällt, Holzman biplogen, Sladke betrogen, häßlich betrogen, sich ihr als Bruder gegeben, Liebe versprochen, ein junges, unschuldig ges Herz zerbrochen. ~ Und jetzt fährt er in ,ein;unbe* «kahntes "Land, für immer, für ewigl Nein, eri ist der Niedrigste von allen. Er verdient es, daß man ihn hasse, und er haßt sich in diesem Augenblick und er schlägt sich reuig an die Brust und er ist sich selbst zuwider, sich selbst widerlich, oh der Kopf, der Kopfl „Immer noch der Kopf?" So fragt eine bekannte Stimme, die Stimme einer Frau, die an seinem Bett sitzt, die Hand auf seiner Stirn hält, ihn streichelt und die zerrauften Haare hinaufschiebt und ihm in die Augen blickt, so warm, so lieb, so freundlich. Wer mag das sein? Er spürt den Duft von Poudre und Parfüm, bekanntes Parfüm. Er könnte schwören, daß es Henriette Schwalb ist. Er öffnet ein Auge, dann das andere Auge, und sieht nahe bei sich ein bekanntes, weißgepudertes Gesjcht mit roten, gefärbten Lippen. Ja. Das ist Henriette Schwalb. Daß weiße, gepuderte, Duft ausströmende Gesicht ist nahe, ganz nahe an dem seinen. Ihre Augen blicken tief in seine Augen. Und die roten, starkgefärbten Lippen* lispeln, nah zu ihm: „Teurer^ Schöner, Teurer!"... In diesem Augenblick ist alles vergessen. Vergessen, daß er sich soeben reUig an die Brust geschlagen hat; vergessen selbst, wohin und um wessentwillen er fährt und wo er sich befindet und wer er ist, und er" überläßt sich der streichelnden Hand und den Augen, die auf-ihn blicken, und die Lippen, die zu ihm flüstern „Schöner, Teurer". Ein Augenblick noch, und er umfaßt sie mit seinen Armen. Ein Augenblick noch und ihre röten Lippen neigen sich tief zu ihm und fließen mit seinen Lippen zusammen und — und vergehen in einem langen, langen Kuß. . ..... Es ist zu befürchten, daß dieser Kuß für unseren Helden nicht gut ausgehen wird. Das ist, wenn nicht ein vorbereiteter, so doch immerhin; ein Kuß vor Zeugen, gewesen, denn wozu sind da drei Personen ' zur Tür herausgewachsen: Nissl Schwalb, Mr. Klamer und der Lomscher Chasen?... 22. Kapitel. f Amerika! Amerika! Von allen Passagieren, die am heutigen Tag' in New York mit dem Schiff „Atlantic" ankamen, drängte sich niemand so früh zum Ausgang durch, niemand ärgerte sich so, niemand war so nervösiaufgeregt; so un« glücklich*verrückt wie unsere Brüder vom Stamm Israels. Und das ist ganz einfach zu verstehen: gehört doch der größte1 Teil der jüdischen Passagiere zu der Sorte* die man „Emigranten" nennt. Sind1 es/ doch ^Meris'chen.^die nach Amerika kommen, da eine heue HeimätJ zu; finden für jene alte Heimat, die sie so jämmerlich' behandelt und so erbärmlich hinausgeworfen hat... Und sie: blic&en .hinaus .auf däsfLand wie ' auf den Messias. Und sie drängen sich wie die Schafe.' Das "Herz klopft Der Puls schlägt hundertzwanzig. „Herr der Welten, lieber Göttt Was erwartet sie, in diesem gebenedeiten Land???'\.> ' - ' ' Selten, selten, daß < wer in New York nicht einen Söhn oder eine Tochter hat, einen Mann .oder-eine Frau, einen Verwandten oder einen Befreier, einen Freund, einen Bekannten, der auf ihn ani Ufer wartet und[ bereit ist,Nihn vom Schiff zu ^übernehmen", um, die Pein: zu lindern;: die man aüif der r ersten' Stätion/'auszüstehen hat*-welche-man mit dem schönen Namen bezeichnet: „TränenJnsel." Für jüdische Emigranten ist' das eine „ Art,. l^ter Leidensstätte,' letzter Erlösungsqual,! * ein Stück; Vp'rhöüe, wo sündige Menschen ihre Seelen läutern müssen, um dann ins Paradies einziehen zu dürfen. Binst hieß diese VorhöUe „Ca8tle*Garden", heute heißt sie„pilisJland'V Dei^ Name ward ein anderer, aber Kummer und Leiden, die Seufzer und die Tränen, die Schmach und das beleidigte Blut sind gleich geblieben und werden wahrscheinlich "in des Aller* höchsten Bestimmung dieselben bleiben/solange Menschen über Menschen herrschen werden, solange Menschen von Zeit zu Zeit Ueberre8te;des Tierischen bezeugen werden.,» (Fortsetzung folgt.) i Eteejitumer, Verleger» Herausieber und verantwortlicher Redah^ur Oberbaurat.RobertdStHeker, VerlagsVA,.G. Iguai SteftmatuV beide Wien, IX«, üfllversltätsstraöo 6-a. Druckerei- und *

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