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Die neue Welt · 1930-05-16 · Heft 139 (16.5.1930) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 139 (16.5.1930)
Date
1930-05-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 DIE NEUE WELT Nr. 139 GRABSTEINE FRIEDLÄNDER <ft DEUTSCH Wien, I. Bes., Seitensiettengnäte 1, Telepk*n U-28-1*28 ^Änjjg^ Kinderwagen vomeinfa«ltiten blt »m feinsten fiinn trt«ti$tlUibw*rtntnifuttfto M. ENOSLBERQ, XX., WaUanttalnptatz S (Eingang Bäuerlegasse 1) Filiale« XX., KlosterneuburgerstraSe 91 Telephon A-4L406 und A-47-^97 Katalog« gratis ailllllllllltllllllllllllllllllllllllllllllllllllltflllllllllllllllllllllltt | Gegründet 1882 | I Lebensuerslcherunss- DUhlllY' I i Gesellschaft .rnUmA i | Zentradirektion: WIEN I., Riemorgatse Nr. 2 | | »KtidWfiajJitttiBi 2H8irujUtt8g § fiMImmMtis Utiuufttti s Prfaienand Ztonttauhmn' in Jnri UM 5 OBriBltoflhl Entfi 1928 s AiraUnan n ii fmW»rt«n Ii Ittn 1921 \,mmmm 81 Wtm SdÜai - 242 Wtötm Saflttng 28$— — " * niiiiiiJiMJiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiü Kofferapparate im mit u. ohne Trichter, Schall« die neuesten Schlager in größter n Sie für S 830 Wochenraten, sowie Mandolinen,Gitarren, Harmonikas, Lauten, Violinen, Zithern, Blasinstrumente. 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Er erinnert sich nur, daß Sladke neben ihn auftauchte — an» scheinend hatte er sie selber herbeigerufen -— und neben ihm saß und ihm die Stirn streichelte, so wie man ihn jetzt streichelt, in diesem Augenblick .ihm die zerzausten Haare hinaufschob, so wie man sie jetzt hinaufschiebt, in diesem Augenblick. Und eine sonderbare Wärme er* goß sich damals über alle seine Glieder. Er fühlte, -so erinnert er sich, die warme Hand, einer getreuen, Schwester und er war ihr dankbar ohne Ende und ohne. Maß. Er umarmte sie, erinnert, er .sich, mit der Hand, zog sie zu sich hin, grub seinen Kopf in ihren Schoß, weinte, weinte lange,, weinte vor ihr sein bitteres Herz 'aus, führte sie zu sich hinein ins.AHerheiligste, ihr. sejrj, heiliges, heiliges Geheimnis offenbarend. Er erzählte ihr, daß es eine auf der Welt gibt, die er mit seinem ganzen Sein liebe, für die er bereit sei,, ins. Feuer und ins Waaser zu gehen, die er nicht im Traum, nicht im Wachen vergessen kann... „Wie heißt sie und wo ist sie?" So fragte ihn damals Sladke leise und die. Stimme, erinnert er sich, zitterte ihr und sie selbst hat auch dabei gezittert. Wie sie heißt — das wollte er ihr nicht sagen. Und wo sie ist — ehehel Wenn er wüßte, wo sie ist. Wüßte er das, wäre er schon längst nicht mehr hier bei der Wandertruppe. Er wäre vielleicht schon längst nicht mehr unstet wie er ist, wäre schon längst dorthin geflogen zu ihr,' hätte alles weg* geworfen und wäre zu ihr gefahren, denn sie haben.sich das Wort gegeben, schon lange, als Kinder;',',w o i m rh e r sie sich bef inden und was auch immer mit ihnen geschehen/möge, immer zusammen« zusein, immer und ewig..." Nein, er.-weiß nicht, wo sie ist. Er weiß nur, daß sie berühmt ist, daß sie groß ist,'daß sie reich ist, daß ihr '.Singen emenr IStenjen'in der \Vcjt Hat' v';7' So, erinnert er sich, lobte er; damals Resl vor Sladke, ■ lobte sie in 'den' Tag : hinein,- sparte nicht mit. hellen< Farben, eine Art Engel,: Engel, Gottes! . . . Und es war ihm so wohl, erinnert er sich, jemanden.gefunden, zu haben, vor dem er seine Liebe loben, sich ihrer rühmen konnte. Denn wer sonst würde ihn so anhören wollen wie diese Sladke da? Sieht er doch, daß-jedes seiner Worte ihr heilig ist, Lehre Moses, fühlt er.Moch, wie ihr kleines Herz klopft. Fühlt er ■idoph, wie sie in seinen Händen wie ein Vögeichen flattert...; •Was die arme Sladke dabei durchlebte, weiß Rafalesco nicht. Was schert ihn das? Wenn er nur sein Herz bei ihr ausgeschüttet, ihr nur sein Geheimnis ge» offenbart hat, leichter um .die Seele geworden! Ate er damals Sladke sein; heiliges Geheimnis auf« deckte, vertraute er ihr aueli gleichzeitig an, was er künf» tighin zu tun gedenke. Er gab ihr alle seine verborgenen Pläne kund, daß er seiner Berühmtheit einmal begegnen und^ schließlich sich mit ihr zusammentun werde, um nie wieder voneinander zu gehen. Nie, nienials. Und dabei, erinnert er sich, umfaßte er Sladke mit beiden Händen, drückte sie fest, fest ans Herz und 'gab ihr das Wort, er werde, wenn er. sich mit Resl zusammentut (der Name ist ihm auch schon also entschlüpft — verfallen), auch sie zu sich nehmen, Sladke heißt das, denn er fühlte, daß Sladke ihm treu und ergeben ist wie eine Schwester, «ine leibliche Schwester. . „Nicht wahr, bist -mir treu wie eine Schwester?" sagte er zu ihr und umfaßte sie warm, viel wärmer als ein Bruder seine Schwester umfaßt... Aber Sladke schwieg. Rafalesco verstand nicht, warum Sladke schwieg. Da umfaßte er sie noch stärker und fragte sie, warum sie ihm nicht antworte. Irrte er sich etwa? Hatte sie ihn etwa nicht lieb? Nicht lieb?!;... Und Sladke warf sich auf ihn, umannte ihn und küßte ihn und halste ihn. Und Tränen rannen, rannen aus,'ihren Augen. „Was weinst du also,, N^rrchen? Was weinst du dann? Was weinst du dann?, ... . — —- _«--— — . Seit damals, -erinnert, sich Rafalesco, pflegte er oft mit Sladke allein sein zu wollen, um ein wenig mit ihr über Resl zu sprechen. Undndas war nicht so schwer. Denn Holzman, so schien es. ihm, wendete alle .Mittel auf, daß er öfter zu, zweit mit Sladke bleibe. So kam. es ihm vor. Und vielleicht war er im Irrtum. Nein, er/irrte sich nicht; Weshalb denn sonst pflegte Holzman plötzlich wegzugehen, ihn allein mit der Schwester zurückzulassen, wieder zurückzukommen, einen Blick zu tun, ob sie zu« sammensitzen und gleich wieder wegzugehen?. , Ach Holzman, Holzman! Wie schwer ist ihm der Abschied mit Holzman gefallen, wie schwer! „Zeit äufzustehn, Teurer! Man sieht schön Land. Wir sind schon bald in Amerika, Teurer, Schöner, Teurer." Eine bekannte' Stimme, eine Frauenstimme. Wer spricht da zu ihm? Wer nennt ihn Schöner, Teurer? Er fürchtet aber immer noch, sich aufzusetzen, auf daß er nicht-zurücksinke. Er hat immer noch Angst, die Augen zu öffnen, daß ihm nicht wieder der Kopf schwindle vor dem' Meer-mit dem Himmel, mit der ganzen Welt wie bis jetzt. Und er versinkt in seine bleischweren Ge» danken. Er durchlebt wieder einmal die schweren Minuten des Abschieds von Hokraan. Und er schlägt sich vor. Reue an die Brust. . «v . ■ ' ■ :: 20.jfcapitcl. ■ Bleib gesund, Bernhard! Es war an einem Fruhmorgen, an einem kalten, be« wölkten Frühmorgen in Regen und Kälte und Rauchnebel, wie "sich Frühmorgen häufig im kalten, verrauchten, ver« tränten London geben. : : " :'/ '[ ^y't'Die'.S/achen Rafalesco waren bereits.J gepackt und er selbst war auch schon reisefertig, ganz und; gar gerüstet: nach dem Frühstück, im Reiseanzug, mit einer Havanna* Zigarre im Mund, das Gab war bestellt, und war nur für eine Welle hineingelaufen — sich von-Holzman zu ver« abschieden. „Bleib gesund, Bernhard!" „Fahr gesund", antwortete ihm Holzman mit den - Augen, denn das Reden war ihm verböten, streng ver» boten. Ach! Würde Holzman sprechen dürfen, ihm etwas sagen dürfen, so etwas Scharfes — wüten, tüchtig schimpfen.wie.es,ihm gebührt, fluchen wie er es kann «*« wäre es Rafalesco zweifellos viel! leichter ums Hetz, Nein, Holzman richtete nur seine scharfen spitzen Augen auf ihn und ach, wieviel Trauer, wieviel unendliche Trauer lag' in diesem Blick. Holzman streckte ihm nur eine .dürre spitze Hand entgegen, eine, wie es Rafalesco schien, zu w>rrne Hand. .. ... Noch niemals hatte Rafalesco so sehr das Bedürf« nia, von Holzman wegzugehen wie in diesem Augenblick. Und er hatte ja die Möglichkeit wegzugeben, sich ins Cab BEI BESTELLUNGEN BITTE SICH AUF ,DIE NEUE WELT' ZU BERUFEN I einlöfung »ort ©OlÖf Silber, Platin bei 0. % m% 9Bt«n, 1. tfronj 3oicf;äat 49, Zentrale: VI., ©umbenfcorfcvftrnfte 85 mm iia ■ J38 MMASCHINEN S20. FAHRRÄDER 1930 monatlich ohne Angabe! IX. Uechtenstelnsfroße Nr. 27 Tal. A 16-5-64 und A 16*3-65 10. Wfedner Hauptstraße tlr.8 ___Tel. A 30*0-36 iPORT UND TOURISTEN ARTIKEL zu setzen — und bleib gesund... Aber statt die Richtung zur Tür zu nehmen, setzte er sich schon nach der Vers abschiedung wieder auf einen Stuhl am Bett, wo Holz* man mit der altehrwürdigen Tendewerende zugedeckt lag und fieberte, und ein scharfer Geruch von Arzneien ließ sich spüren, ein Geruch von Heilmitteln, von Apotheke und , von Verwesung. Seitdem Rafalesco Holzman kennt, hatte er ihn noch nie in so schlechtem Zustand gefunden wie diesmal Der Tod lag ihm auf den Lippen, schimmerte aus den erloschenen Augen, lag über den spitzen, abgestorbenen Öhren und schwebte über dem ganzen Zimmer. In diesem Augenblick stellte sich Rafalesco vor, wie sein Freund Holzman auf dem Boden mit den Füßen zur Tür liegen Würde, ganz bedeckt von der Tendewerende. Das tote Gesicht wird man nicht sehen. Nur die spitzen Füße werden herausstecken. Und eine Kerze wird zu Häupten brennen. Und zu beiden Seiten auf dem Boden werden neben ihm die Mutter Sore Broche und die Schwester Sladke sitzen, ihn beweinen, die Hände ringen und ein langes Stück Melodie wie Klageweiber herunterleiern: „Herzsohn! Teurer Bruder, getreuer! Zu wem läßt du uns zurück? ... : Er kennt sie, diese traurige Melodie, aus Holenes.chti. Lea, die Chasenfrau, beweinte einmal ihre alte Mutter, die mit. einigen, siebzig Jahren gestorben war. Und es schien, ihm, daß er hier den Tod spüre. Es roch nach Heilmitteln, Apotheke und Verwesung. Und er wollte so gern in diesem Äugenblick weglaufen, laufen in die Welt hinein. Aber anstatt zu laufen, blieb er sitzen, neigte sich zu Holzman herab und sprach zu ihm so warm, so freund« lieh und tröstete ihn und versprach ihm, ihm sofort nach Ankunft in Amerika einen Brief zu schreiben, jeden Tag werde er ihm einen Brief schreiben. Sobald er, Holzman, nur vom Bett aufstehen würde, und aufstehen werde er doch sehr bald, möge er mit Mutter und Schwester das Schiff besteigen und schnurstracks zu ihm fahren, schnür« stracks zu ihm... Rafalesco blickte hinab auf seine Stiefelspitzen. Er fühlte, daß ihm; das .Gesicht brenne, denn er sagt eine Lüge,;:eine;grqße^L^g^HoI^m.an';. wird, nicht mehr; gesund werden. Holzman wird nicht mehr nach Amerika fahren. Und könnte er selbst gesund werden und fahren, würde ihn die neue Kompagnie ohnedies nicht nehmen, nicht ^lhn);vn|^t^rSpine;:''S.chwe8ter. Es ist alles Lüge, Lüge und Täuschung.' Aber da Rafalesco zu lügen, begonnen hatte, log er weiter, in, einem Atem. Gewiß, sagte er, wäre es besser, wenn die, Schwester sogleich mit der ganzen Korn« pagnie mitf.Mhr'te; . Karin sie das aber tun? Den Bruder allein, in London zurücklassen? Hier faßte ihn Holzman bei der, Hand und seine spitzen Äugen brannten auf und vom Herzen röchelte es: „Eine Waise... eine arme Waise..." Mehr konnte , Holz« man nicht herausbringen. Er erstickte in Tränen. „Bleib. gesund, Bernhard", sagte ihm Rafalesco noch einmal, zum letztenma, ', und war froh, jenseits der Tür zu: sein und .nicht *mehr den scharfen Geruch von Heil* initteln, Apotheke und Verwesung zu spüren... Er sah sich um und dankte Gott, daß er in diesem Augenblick weder Sladke noch der alten Mutter begegnet war. Wo sind sie? Soll er auf sie warten? Nein. Er wird lieber ab* fahren. Er möchte laufen, springen, aber er hielt sich zu« rück, machte langsame Schritte, bestieg langsam das hohe Cab, das ihn aufnahm und rasch zur Bahn brachte. Dort traf er die ganze Kompagnie: die beiden Brüder Schwalb mit der Schwester, der Primadonna, und den Lomscher Chasen mit der musikalischen Kinderschar. „Warum so spät? Wir können noch das Kind ver* passen"«.', (Fortsetzung folgt.) ElfiemflraK, Verleger, Heraiugeborand verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. * VwUgi-A..G. Igots Steftmgan, beide Wien, IX« UoiverfltätMtraßo 6-8. Druckerei- und

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