Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 138 (9.5.1930)
- Date
- 1930-05-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite Vi DIE NEUE WELT Nf. 138 GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, I. Benn SeHen$teUenga*$e 2, Utephon U-28-U28 XIH Zeniralftiedhof, neb, d. 1. Tor, Tetephon Kinderwagen vomelnfaohsten bis zumfelnttM Oenm erieu§t Kotbwartnlndushle M. ENGELBERQ, XX., Wallentteinplats 3 (Einffanir Bäuerlejrasse 1) Filiales XX., Klosterneuburgerstrafie 91 Telephon A-41-4Q6 und A-47-4-97 Kataloge gratis SliiiiiiiiifiiiiiifiiifiiifiiiiiiitiiiiiiiiiiiitiiititiiiiiHiimiiiiiiitts § Gegründet 1882 | 1 Lßbßnswraiclieriinjspuni||Yf 1 I Gesellschaft ,rnUlilÄ § | Zentradirektion: WIEN I., RiemergatM Nr. 2 | s Vtriiitoni|tbtstan< 2 Hin »Illing § fontinotzaliHts IkfiinbpSil 4.0010N.-Sddfflni s s Priniuand SntmbniUHi in Jttn 1S2I ilWOnmmin s GarnTthtnmel Mi 1928 2*2 mm SAöBng s luahhipn in dit VtnMiritB in Jakra 1929 265 ■Ü i• __ti._.LUi fl«al*MaUk DaiiI (and, Türkei, Aegypten und Palästina. 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Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. Das oben erwähnte Paar Mr. Klamcr und Nissl Schwalb saß wie die Täubchen zu zweit an einem Tisch* chen, trank Bier, rauchte Zigarren und redete und redete und redete. Der Mund machte sich ihnen nicht zu. Wo* von sprach man da? Von nichts. Es scheint, daß beide darauf aus waren zu erfahren, wer wen überreden und w*r wen im Bluff übertreffen würde. Mr.0 Klamer erzählte alte Geschichten von seinem Cafe National, von den russischen Schnorrern und von den Londoner Charites, deren Ehrenmitglied er, Klamer, seit jeher und ewig ist, und überhaupt Geschichtchen von der Welt, Anekdoten, gepfeffert mit einer Sentenz und einem \Vitz, „wie sagt der Englishman", . Für Nissl Schwalb aber sind alle Geschichten und Anekdoten keine Neuigkeit. Im Gegenteil. Von jeder Anekdote, die Mr. Klamer ihm erzählt, sagt Schwalb, daß er sie schon seit langem kenne. Und nicht nur daß er sie kennt, er war auch selbst dabei. Zum Beweis — da*" mals kam es fast zu einem Skandal. Da werdet ihr hören oi ' Und Nissl Schwalb erzählt, welcher Skandal, wie immer mit Hitze, mit Feuer, und schließt mit einem Schwur, wie ihr ihn da schwimmen seht und er soll so aller Menschen Gutes haben « « . Und die Wellen des Meeres, die wie wilde Tiere zu beiden Seiten des Schiffes jagen, schlagen im Takt, reißen sich immer höher und höher nach oben, wollen über das Deck steigen, das Schiff überschwemmen, umwerfen, verschlingen und alles, was darauf ist. Aber unser Paar macht sich nichts daraus. Es tut das Ihre. Es trinkt Bier, raucht Zigarren und redet, redet, redet ohne Unterlaß. Glückliche ,Schiffspassagiere! 18. Kapitel. Zwischen Himmel und Wasser. Nur ein Mensch blieb auf dem Oberdeck des Schiffs „Atlantic" sitzen. Er. trank aber kein Bier, rauchte keine Zigarren, sondern saß nur so, oder besser gesagt, er lag abgesondert, ganz allein auf einer chair, gehüllt in einen warmen plaid und mit einer b..... «Decke zuge* deckt. Das war ein noch ganz junger Passagier mit sehr sympathischem, etwas bleichem Gesicht Die fürchter* liehen Wellen, die wie gereizte wilde Tiere zu beiden Seiten des Schiffes jagten, wurden immer wilder, böser, wütender. Es schien immer wieder, daß wenn nicht diese Welle, so die nächste, die man schon von fern daher« kommen sieht, bestimmt das Schiff. überwinden, weg* schleudern, überschwemmen, umwerfen, verschlingen würde mit allem, was sich auf dem Schiff befindet. Dem bleichen Gesicht nach war zu erkennen, daß der junge Passagier schon seit langem Schwindel erfaßt hat. Mit halboffenen Augen liegt er hingestreckt, den betäubten Kopf stützt er in beide Hände und blickt un* ausgesetzt in den tiefen Himmel1, der mit dem Meer gleichsam verschmolzen ist, so daß schwer zu erkennen ist, wo Himmel und wo Wasser. Eigentlich ist der Himmel klar. Eigentlicli leuchtet die Sonne so schön. Keine» Wolken, kein Wind. Warum stürmt also das Meer? Warum ist das Ewige so böse? Was wirft es mit dem Schiff so hin und her, hinauf und hinab? Oder scheint es ihm vielleicht nur so? Warum dann kann er den Kopf nicht heben? Mit keinem Finger rubren? Warum fühlt er sich immer schlimmer und schlimmer zum Ohnmächtigwerden? Zum Ohnmächtig* werden? Nein. Zum Sterben, Sterben, Sterben. Und er strengt seinen betäubten Kopf an, er will sich erinnern, wieviele Tage man hier schon zwischen Himmel und Wasser ist, und er kann nicht. Er kann sich nicht einmal daran erinnern, wohin und woher er fährt. Mehr noch. Er hat sogar daran vergessen, wie man ihn nennt. Daß man ihn Rafalesco nennt, weiß er. Aber seinen wirklichen Namen — auch wenn man ihm den Kopf abschlägt. Oh, der Kopf, der Kopfl „Fühlst dich nicht gut? Vielleicht wirst du dich ein wenig hinlegen in deine Kabine? Komm." So sagt Nissl Schwalb zu ihm und neigt sich über ihn und sieht ihm mit treuer Besorgnis in die Augen. Aber Rafalesco* blickt ihn mit solchen Augen an, als würde er ihn nicht erkennen. Wer spricht da? Wer steht da bei ihm? Er will sich aufsetzen, kann aber nicht. Er strengt mit aller Kraft sein Gedächtnis an. Herr der Welten, was geschieht mit ihm? Wo ist er da, wo, auf der Welt? Warum kann er sich an seinen eigenen Namen nicht erinnern? Bei diesem Namen haben ihn doch ein* mal seine Freunde im Cheder genannt, Brüder und Schwestern zuhause und Vater, Mutter . . . Vater, Mutter! Wo sind sie jetzt? „Ein Gläschen Kognak. Folg mir, nimm auf die Zunge, wird dir leichter werden." Rafalesco ist sich nicht im geringsten klar, wer neben ihm steht, wer ihm in die Augen sieht. Anschei* nend ein Bekannter. Bekannte Augen . . . Wer also ist der Mensch . . . Warum ist ihm der Kopf so schwer? Wer stöhnt so? Es ist das Schiff, das ächzt. Wer pfeift so? Es ist der Wind, der pfeift. Und es jagen die Wel* len eine nach der andern. Da steigen sie häuserhoch, da zerspritzen sie wie Sand. Plötzlich rollt ein Donner nieder und ein Blitz fliegt an seinen Augen vorbei. Träumel Das Donnern ist kein Donner. Das Meer spricht nur so. Das rauschen so die Wellen, die hochgehen und auseinanderfallen. Der Blitz ist kein Blitz. Das ist der Widerschein der Sonne, die mit einem hellen Strahl die rauschenden Wasser des wildgewordenen bösen Meeres bespült hat. „Folg' mir. Schlürf ein Stückchen Zitrone ein, dann wirst du das Herz wieder spüren." Aha, er weiß schon, wer das ist. Ist das Holzman? Bernhard Holzman? Warum hat er dann ein so rotes und fettes und frisches Gesicht? In der einen Hand hält er ein Fläschchen Kognak, in der andern ein Stuckchen Zitrone, und bittet Rafalesco, etwas zu nehmen. „Folg' mir, ein Stückchen Zitrone in den Mund. Oder gib die Hand her, stütz' dich auf mich, werd' ich dich hinunterführen zu dir in die Kabine. Eh, Mister Klaraer! , . ." So ruft Nissl Schwalb aus und dreht den Kopf nach seinem Kompagnon. Wer! Was! Ein gestriger Tag. Mr. Klamer ist be* reits dort bei Nissls Bruder Isaak, bei der Schwester Henrietta und bei dem Lomscher Chasen mit seiner musikalischen Schar. Alle liegen sie, jeder bei sich, auf seinem Bett, und stöhnen und zittern mit ihrer.Seele und sehen den Todesengel vor sich. Und nur er allein, Nissl Schwalb, hält sich auf den Beinen. Nissl Schwalb, ist er der einzige der ganzen Kompagnie, der netten Wander* truppe, die nach Amerika fährt, der einzige lebendige Mensch, der frisch und munter ist? Und es brummt das Meer und es rauschen seine Wellen und eine Bora mit Regen und mit Schnee ist im Anzug. Und der Wind bläst ins Gesicht und treibt die zurückgebliebenen Passagiere von Deck außer den Stuarts und den Matrosen, die schon an solche Dinge gewöhnt sind und außer dem Kapitän, der eine Pfeife in den Mund gesteckt hat und mit trockenem Lächeln auf das böse Meer blickt wie einen übermütigen Rangen. Und das weiße riesige Wesen, das man Schiff nennt und mit dem Namen „Atlantic" ruft, wälzt sich mit sonderbarer Zähigkeit immer weiter und weiter in die tiefe und breite und hohe Unendlichkeit hinein, die aus Himmel und Wasser, Wasser und Himmel besteht — ohne Anfang und ohne Ende. 19. Kapitel. Eine Frauenhand. Als er ein wenig aus seiner Dumpfheit zu erwachen und der Druck allmählich aus dem Kopf zu weichen be* gann, fühlte er mehr als er sah, daß er sich entkleidet auf einem schmalen Bett befinde, bei sich in der Schiffs* kabine, und irgendjemandes Hand fühlte er auf seiner Stirn, eine edle, warme Frauenhand. Nur wessen Hand das war, wer die Frau war — das wußte er nicht. Daß er sich auf dem Wasser befinde — das spürte er nach dem scharfen Geruch des bösen Meeres und nach dem Rauschen der Wellen, die, wie wilde Tiere im Schein der Sonne spielend, immer noch tobten, das Schiff häuserhoch schleuderten, an Rafalescos Guckfenster pochten, auf daß er aufstehe, auf Deck gehe, Gottes Wunder schaue.' Genug schon, genug schon gelegen, so schienen die Wellen des Meeres zu ihm zu sprechen, und er riß den Rest übriggebliebener Gedächtniskraft zusam* men, das ganze bißchen Denkenkönnen zusammen und er dachte: Wie ist er hierhergekommen? Ganz kurz vor* her doch war er auf Deck, saß so bequem im chair, be* wunderte die göttliche Natur, wärmte sich an der zart« lieh tuenden Sonne, die sich widerspiegelte im Schoß der spielenden, zu beiden Seiten des Schiffes jagenden Wel* len, und blickte in die tiefe breite hohe Unendlichkeit hinein, die aus Himmel und Wasser besteht, aus Wasser und Himmel — ohne Anfang und ohne Ende . . . Und wieder will er sich aufsetzen, fürchtet aber wieder zurück« zusinken, die Augen ganz auf zutun, hat er Angst, damit ihm nicht wieder der Kopf schwihd'le vor dem Schiff mit dem Meer, mit dem Himmel, mit der ganzen Welt wie bisher. Und er stößt einen tiefen Seufzer, hervor, Oh, der Kopf, der Kopfl m „Immer noch, der Kopf?" hört er: die Stimme einer Frau. Eine bekannte Stimme, aber er weiß nicht, wem sie gehört. Und er fühlt auf sich eine Hand, eine edle warme Frauenhand streichelt ihm die; Stirnj schiebt die zerzausten Haare hinauf, wer mag das sein? Und er erinnert sich, daß er vor einer Zeit, er weiß nicht mehr wann, , genau so wie jetzt, eine Frauenhand gefühlt habe, die ihm genau so die Stirn gestreichelt und die Haare hinaufgeschoben hat. , Holzmans Schwesterchen war's damals. Sladke.si Das geschah, einmal am frühen Abend, r; Rafalesco lag bei sich im Zimmer auf einem Canape und träumte im Wachen seine süßen, goldenen Träume. Jene süßen, goldenen Träume, in denen es bei ihm immer um des Chasen Tochter geht, um Resl. Niemand war damals im Zimmer, erinnert er sich', nur er und Sladke. Es war ihm nie so bitter ums Herz wie an jenem frühen Abend. Eine seltsame Sehnsucht, erinnert er sich, stahl sich ihm damals in die Seele und drückte ihn und würgte und zerrte an ihm wie mit Zangen. Es war ihm zum Weinen. (Fortsetzung folgt) Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker« «■* Druckerei- und __________.____. . Yeriag8*A1-& jgnaz Steiumasn, beide Wieo, IX* Univeraltätsatraßo fi**-&....... ......... vm*f >■ ■1 -'^titffffiil^*'^!^-""1»—f—-mf' ■ %iyrnifrj#