Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 134 (11.4.1930)
- Date
- 1930-04-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 1* DIE NEUE WELT Nr. 131 GRABSTEINE FRIEDLÄNDER 4 DEUTSCH Wien, /• Be*„ Setten$tetienga**e 2, Titephon V'28-U28 XI* Zentralfriedhof, neb, d. 1. Tor, Telephon U-18-0-85 mm HDD Sämtlich« nOO!?V SPEZEREIWAREN ORIGINAL PALASTINA-MAZZOTM und WUNE liefert billigst und bestens J. SONNENBLUM, WIEN, XVII., Hauptair. 80 TU. B-40-8-3S jflllllMllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllltllMIIIIIIIIIIIIMIU | Begründet 1882 I Leöensverslcherunssi Gesellschaft .PHÖNIX' nilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllMMILIIIlß Kinderwagen vomaiftfafthstan nl« xumftlnstan Qanre erlangt Koilwaranlndustrla M. INOELBfRQ, XX.. WalUnstcInplats 3 (Eingang Bftuerlegasso 1) Filiale: XX., KlostemeuburgerstraQe 91 Telephon A-41-406 und A-47-4-97 Kataloge gratis RADIO in «t«ejant«rKott«rtorm für Radio und Schallplatten, «pt«H überall ohn« Ant«nn«, ohne Erde, sowie alle modernen Netzempfänger, Radio-Apparat« mit Auslandsempfang. 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Ich muß eben in die ,Kitschen' gehn, zwei tschikens rupfen und ,dinner' aufstellen und er da ,baddert' mich mit dem Jungen." (Notabene, die alte Sore Broche, wie sehr sie auch das wüste finstere London haßte/ hatte doch ein bißchen Englisch genascht.) Holzman tat einen Spei. „Du sprichst auch schon in der Sprache der englischen Königin?" Er ging auf die Schwester zu. „Was ist mit dem Jungen?", richtete er die Frage an sie. Sladke wurde totenblaß, so daß Holzman ob des Schrecks der Schwester, die so bleich geworden, war, an den Jungen vergaß. Er verschloß die Tür, faßte die Schwester an der Hand und blickte ihr tief in die Augen. „Sladke, was ist mit dir?" „Nichts," antwortete die arme Sladke; fiel mit dem Gesicht zum Tisch hin und weinte los wie ein kleines Kind, mit stillen, aber warmen warmen Tränen. 13. Kapitel. Die neue Gesellschaft. Der Chef der Firma Hatchkins, Broth Ltd. London, der auf des Agenten Nissl Schwalb Kombination mit dem jüdischen PavillonsTheater eingegangen war, hielt Wort wie ein echter Engländer. Er schloß das Konto ab, rech* nete aus, wieviel Pfund Sterling er bei diesem .business' draufgezahlt habe, und schenkte dem Agenten ein kaltes und schläfriges „allright". Er beehrte ihn nicht einmal wie sonst mit zwei kalten Fingern, sondern wendete ihm mit .Verlaub das Hinterteil zu, bestieg rasch ein Automobil — und weg war er. Möglich, daß ein andermal Nissl Schwalb vielleicht darüber Aerger empfunden und es sich zu Herzen genommen hätte. Diesmal aber schenkte er diesem Fall nicht einmal eine überflüssige Minute. Er war zu sehr mit seiner neuen Kombination beschäftigt, als daß es ihm nahegegangen wäre, daß ein kalter Eng« länder sich verbissen habe, ein jüdisches Theater mit einigen hundert Pfund Sterling besät und weiter keinen Schritt. Nein, ein Engländer ist eben kein Jude. Wäre ein Jude hineingekrochen, wäre er auch weitergekrochen: wie es auch ausgehen mag, tot oder rotl Wer hat es aus« gesprengt, daß ein Engländer ein Geschäft versteht? Keine Spur von Verstehen l Ihr glaubt etwa, daß Nissl Schwalb ihm das nicht direkt unter die Nase gerieben hat? Gewiß hat er das, wie ihr ihn da schwimmen seht. Mr. Hatchkins, hat er ihm gesagt, wenn es mir beschie« den wäre, so viel zu haben, um wieviel mehr Verstand in meinem linken Stiefel steckt, als bei Ihnen unter dem Hütt Diese Worte, chacha, er soll so aller Menschen Gutes habenl So rühmte sich Nissl Schwalb vor seinen Freunden und begannseine neue Kombination zu entwickeln, die et sich ausgedacht hatte, und laut zu phantasieren, wie •t Mob Amerika kommen werde, mit der besten Kom» panie, die aus was ihr nur wollt besteht: aus den besten Schauspielern (damit meint er Rafalesco) den besten Sängerinnen (damit meint er seine Schwester die Prima« donna), den besten Musikern (damit meint er den Lomscher Chasen mit der Kinderschar). Und wo. bleibt er selbst, Nissl Schwalb? Ihr glaubt vielleicht, daß er gar nichts mit dem jüdischen Theater zu tun hat? Oho, wieviel noch dazu? Es verlautet, daß Nissl Schwalb, nicht heute sei's gedacht, gerade im, Lohdongr Pävillon/Theater ein „usher" war. Und Nissl Schwalb erklärt, was das heißt „usher". . Bei euch nennt man das einen Billeteur, bei uns heißt das ein oscher. Seine Arbeit, versteht ihr mich, ist mehr draußen als drinnen. Man kann/ ohne ihn nicht auskommen. Der Billeteur oder der oscher befindet sich direkt beim Eingang ins Theater, nimmt die Billets ab, weist die Sitzplätze an, gibt acht auf die Ordnung — mit einem Wort, auf dem oscher steht eigentlich das ganze Theater, wie zum Beispiel auf dem policeman ganz London steht. Probiert, nehmt vön London den policc« man weg — habe die Ehre mit der Gala! So sagt Nissl Schwalb selbst, belegt es mit Bei« spielen und haut weiter drauf los. Und ich war, müßt ihr wissen, ein oscher, unter oschers ein oscher. Ein Mensch allein, über das ganze Pavillon/Thcater, wie ihr mich da schwimmen seht. Ohoh, bei mir hat sich mit Pomeranzenschalen aus den Logen nicht beworfen und Säuglinge im., Parterre haben bei mir nicht geweint. Kaum war was los — am Kragen gepackt, eins zwei drei und marsch hinaus. Ein« mal war das so ein Skandal... Und Nissl Schwalb rafft die Aermel hoch und er« zählt mit Hitze, mit Feuer, wie es seine Art ist, was für Skandal ihm da passierte. Die Geschichte wäre eine sehr schöne Geschichte, sie hat nur den Fehler, daß in ihr sehr wenig Wahres steckte. Nissl Schwalb hatte sie sich eben ausgedacht vom Anfang., bis zum Ende, verfaßt heißt das, und darauf geschworen, er soll so aller Men« sehen Gutes haben, wenn nicht, sollt ihr euch mit diesem Tisch da erwürgen. Gleich nach dem „Skandal" geht Nissl Schwalb weiter zu seinen goldenen Plänen im goldenen Land über und malt das Glück in Amerika in den heilsten Farben. Ihr Leben erscheint ihm dort wie, eine Art Paradies. Kleinigkeit, eine Kompanie von was ihr wollt. (Er zählt an den Fingern wieder einmal die ganze Reihe auf.) „Was ist ein Theater wert, sagt doch selbst, das ein eigenes Orchester besitzt, eigene Schauspieler, eigene Musiker, alles alles eigen. Wieviel man verdient, teilt man gleich auf gleich. Das gibt es nicht, dem einen/mehr, dem andern weniger —- eine Art Kommunismus. Was, nicht so?" Da sich dieses Gespräch unten im Keller abspielte, bei der musikalischen Familie, trat als erster der Lomscher Chasen hervor, er sei bereit, diesen Augen« blick, mit beiden Händen, einen Kontrakt zu unterzeich« neu, für wieviel Jahre man will, selbst für ewig. Im Kon« trakt, sagte er, muß ausdrücklich geschrieben stehen, daß seine Kinder verpflichtet sind, zu spielen, wann man will, svo man will, und wieviel man will, und der Verdienst, wieviel eben da ist, soll geteilt werden Teil um Teil. Hier legte aber Isaak Schwalb Protest ein. Er meinte, und das rote Gesicht schwitzte dabei sehr, daß der Plan nicht ganz in Ordnung sei. Wie kann man zum Beispiel Rafalesco oder die Schwester, die Primadonna, zu irgendwem vergleichen? Für alles muß ein Maß und Grenze da sein... Worauf der Bruder Nissl auftrat und dem Bruder Isaak; die richtige Portion zuteilte. „Du bist ein unglücklicher Sklave, ein Knecht bist du. Du bist, wie ich sehe, ganz versklavt von den schönen Entrepreneuren. Du bist gewöhnt worden, verstehst du mich, an Exploiteure wie Getzl ben Getzl, Bernhard Holzman ünd ähnliche. Ich bin aber nicht Getzl ben Getzl oder Bernhard Holzman, daß ich auf den Schultern des andern reite, ich habe in mir vor allem Gerechtigkeit, Gerechtigkeitssinn und Menschlichkeit. Mir ist'recht; wie ihr mich da schwimmen seht, in Amerika ein Jalir und zwei Jahre und drei und vier und fünf und sechs ganz für den andern zu arbeiten, ich soll so aller Mens sehen Gutes haben/' Es ist selbstverständlich, daß Nissl Schwalb siegte. Die Idee der Kommune wurde mit großer Mehrheit an« genommen und so kam die neue Gesellschaft für Kun3t, Musik und Theater zustande. M. Kapitel. Der Kapitalist. Jetzt blieb nur noch eines: wo Geld hernehmen, um die neue Kompanie nach Amerika hinüberbagagieren» Diese Frage wurde aber viel leichter und rascher gelöst, als man es sich vorstellen mag. Der Leser, der mit unserem genialen Kombinator Nissl Schwalb schon ein wenig bekannt ist, weiß, daß Geld bei ihm keine Angelegenheit ist. Hauptsache: eine ordentliche Kombination. Geld, sagt er, ist die letzte Sorge Er ist niemals, sagt er, Geld suchen gegangen. Geld, sagt, er, sucht ihn selbst auf. Auch diesmal ist ihm Geld auf ganz wunderbare Weise entgegengekommen. Es war im Cafe National, bei unserem guten Be* kannten Mr. Klamer. Mr. Klamer ist, wie bekannt, jedem gut Freund und überhaupt ein Menschenfreund, wie er selbst von sich sagt. Aber , mit Nissl Schwalb verbindet ihn seiti'langher gute Freundschaft, man kann sagen, eine alte Liebe.; ßei Nissl Schwalb gibt es für Mr. Klamer kein Geheimnis. Alle seine Kombinationen vertraut Nissl Schwalb zunächst und vor allem seinem Freund Mr. Klamer an und nachher erst der ganzen Welt. Bei einem Glas Bier gab Nissl Schwalb seinen glän* zenden Plan wieder von der neuen Kompanie mit allem was ihr wollt, die bereit ist, meinetwegen schon am morgigen Tag nach Amerika abzureisen, eine Kleinigkeit nur, die ihn zurückhält, es hat nicht auf die Schiffskarten, auf Reisekosten und auf andere Spesen. Eine Kleinigkeit, kein bös* Auge, eine recht große Bande. Die ganze Zeit über, da Schwalb sprach, saß Mr. Klamer mit geschlos« senen Augen und streichelte seinen Bart, der ihn Dok* tor Theodor Herzl so ähnlich machte. Dann, als jener geendet hatte, machte Mr. Klamer ganz gelassen die Bemerkung: „Albright. Sagt mir also, Mr. Schwalb, habt ihr noeH was zu sagen oder ist das alles? Wenn das alles ist, will ich nur eine Frage stellen. Wenn ich euch zum Beispiel einen Kapitalisten bringe, werdet ihr darauf eingehen.! jeden Verdienst mit ihm auf die Hälfte zu teilen?" (Fortsetzung folgt,) _.; Eigentümer, Verleger. Herausgeber and verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. VertagtWG. igaat Steitunauu, beide Wien. IX. Uaiwsltatsftraffo 6-a, Druckerei- und