Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 123 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12 DIE NEUE WELT Nr. 125 Copyright 1928 b? „Die Neue Welt". Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schafom Mechern. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhai 1. Von meinen Leuten darf niemand: etwas erfahren, verstehen Sic! Ich verstehe, Liebling, was denn, ich werd nicht verstehen? Aber, sagt er, wie kommt die Katz übers Wasser? und er denkt eine Weile nach und schlägt sich an die S.tirn. Halt, er hat-s heraus. Morgen, mit Gottes Hilfe, früh gegen elf soll ich ins Hotel kom* men, wird's sagte er, in Ordnung sein, kein Vogel wird's wissen. Bei Stellmach im Hotel zu sein, ohne daß es mein' Direktor erfahre, das ist eine ein bißchen schwierige Sache. Läßt denn Schtschuppak ein Auge von mir? Und seine rechte Hand, der Heisere — wacht der doch über mich wie ein getreuer Hund .'.. . Da verfiel ich auf einen Gedanken: braucht man den Dieb, nimmt man ihn vom Galgen. Er selbst, Scholem Meir Murawtschik, hat mich •Mnmal gebeten, ich soll mich, wenn ich'einmal was immer brauche, an ihn wenden und nur an ihn, er werde mir beistehen in allen meinen Sorgen . . . Ging ich also hin und vertraute mich ihm an, sagte, ich wolle nur eines: hören, was die berühmte Sängerin von meiner Stimme sagen werde. Und es gelang mir. Kätzchen, sagte er mir in seiner Sprache, gibt es denn, sagt er, irgend eine Sache auf der Welt, die mir zu schwer wäre für dich? Ins Feuer und ins Wasser, Gott soll ihm, sagt er, so Glück und gute Verrichtung geben. Ein seltsamer Mensch, dieser Heisere. Dem Herrn ist er treu wie ein getreuer Hund. Er-wird sich für ihn die Finger abhacken lassen, und meinetwegen, seh ich, ist er bereit, ihn zu kaufen und zu verkaufen dreimal täglich, Ein seltsamer Mensch. Am nächsten Tag nach dem Konzert in der früh gegen elf Uhr, wie wir es mit dem Liebhaber des jüdU sehen Theaters verabredet hatten, sagt mein Beschützer Murawtschik zum Direktor Schtschuppak, er müsse, mit mir Kleinigkeiten einkaufen gehen. Was für Kleinigkeiten mitten drin?, fragt Schtschuppak und sieht mich mit seinen kleinen roten brauenlosen Augen,,an. Weiß ich was, antwortet ihm der. Heisere, .Kinkerlitzchen, Dummheiten, gestrige Tage. Da ist Sehtschuppak, nicht faul und fragt noch einmal/ was für Kinkerlitzchen,, Dummheiten,,gestrige Tage: mitten drin. Dickschädel,' sagt ihm Murawtschik schon etwas lauter, wenn man dir sagt,- man muß, wsls gehts dich an? J,:; ,y; ■ ■. ■ - Eine^'seltsame Sache un*diqSe -Zweii ■•. Eigentlich schilt ihn der Direktor und treibt ihn an und-schickt ihn herum, wie einen Laufburschen. Wenn aber der Heisere seine Stimme ein wenig hebt, so , verschnürt er die dum« men Lippen und hält den. Mund. Denn täte er hiebt so, würde ihm dieser Murawtschik einen Frühmorgen auf» geigen, ihn anschreien I«di«ot, daß die Fenster klirren. Kurz, wir haben uns aufgemacht, ich und der Heisere, auf den Weg zu unserem Liebhaber des jüdischen Theaters. Ein Willkommen hat uns der liebe Stellmach be* reitet, ein sehr breites. Er hat gebieten Platz zu nehmen und zu erzählen begonnen, natürlich zuallererst von seinem Grischa und dann von sich selbst,. seine ganze Biographie wieder einmal von vprn, eine Geschichte aus Tau-endundeinernacht und wieder drei geschlagene Stunden lang. Hier kam mir schon der Heisere zuhilfe, unterbrach ihn mitten drin, sagte, daß wir sehr wenig Zeit hätten. Wir wollen die Embrich sehen... Das riß Stellmach auf, er , drehte sich komisch auf seinem Platz und stammelte über die Zunge. Wie macht man das, jetzt sitzt dort gerade bei ihr der Deutsch' und sein Grischa ist auch dabei, er kann jetzt nicht hineingehen ... er will, aber kann nicht. Dabei gab sich der Liebhaber des jüdischen Theaters. so gering, daß der Heisere sich nicht zurückhalten konnte, ihm zu,sagen: „Ihr wüßt nicht, was man tut?" „Na bitte, was tut man?" „Man krepiert hier am Platz" . . . Diese Worte nahm Stellmach anscheinend für einen Witz. Denn er hielt sich an den Seiten und lachte und lacht noch jetzt. De ließ ihn aber mein Beschützer nicht lange lachen. „Pahje Stellmach",.. macht et zu ihm, „hört, was ich euch sagen .werde. Diese faulen Künste '.aßt beiseite. Sagt uns lieber 3a" öder nein. Wegen eures Grischa habt keine Angst. Wir worden ihm gottbewahre kein Stück abbeißen. Und euer abgegebener Deutsch/ sus Berditschew so'i zur Hölle gehn. Wir haben ihnen in der Erd'. Wollt ihr mit ns hineingehen, Ist gut. Wehn nicht, gehn Wir selbst hinein zu dieser Schönen, und zwar sofort, Gott soll mir Glück geben Und Gute Verrichtung" . . t So klare Worte hörend, änderte unser Liebhaber des jüdischen Theafers serne Haltung. Die Lippen trocki neten ihm fast ein, er setzte sich, stand auf, knöpfte sich zu, wollte lächeln, es ging1 aber nicht, und wir gingen alle Drei in den schön möblierten Salon, in dem viele weiche Divane standen. Dort bat unser Stellmach uns Platz zu nehmen und ging selbst auf den Zehenspitzen zur Tür des nächsten Zimmers, legte zuerst ein Ohr an und klopfte nachher mit. den kurzen dicken Fingern an. „Ich bin's, ich, Stellmach ..."--— — — j.----- Hier reißtes wieder inmitten ab und mit dem nicht beendeten Brief hat es bei dem Paket Schriften seih Ende, die in die Hände; des Mr. Klamer in London gefallen sind, und so wissen wir auch nicht, wie die berühmte Sängerin Marcella Embrich unsere Heldin aufgenommen hat. Wir wissen überhaupt sehr wenigdarüber, was mit ihr während der g&nzön * Zeit, geschah. Dem Namen Rosa Spivak begegnen wir erst später im großen lärmenden London, auf allen Gassen gedruckt, mit großen Lettern auf ungeheuerlich großen Äffichen, zusammen *•'* dem Namen Grischa Stellmach. Es war das im höchstgelegenen Viertel Londons, den man Westend nennt. Im untersten Teil der Stadt, auf der Eostend, im Whireshäpel dort flatterten zur gleichen Zeit ungeheuerlich große Plakate, mit-fürchter» lieh großen Lettern bekanntgebend, „Im jüdischen Bayil» lontheater werden zum erstenmal, in London die einge« ladenen großen Gäste des Kontinents auftreten — der b<js rühmte Leo Rafalesco aus .Bukarest und die beliebte Primadonna Henrietta 3chwalb. aus Buenos Aires"; Das war, kann man ,sagen, das erstemal, daß urisere unsteten. Wanderer, des Reichen Junge und des Chäsen Mädel, beide in einher Stadt-.aufeinanderstießen. Das erste« mal, seit sie ihre Geburtsstadt' Holeneschti verlassen j haben und herumziehen wie die irrenden Sterne durch die große Welt und Golustheater spielen. I i . 3. Kapitel. Nicht in guter Stunde. , Nicht in guter Stünde ist unsere Wandertruppe „Holzman, Schwalb et Comp." in London eingefahren. Der Direktor dieses Theaters, Bernhard Holzman, führte sieji," als wäre er in irgend" eine finstere Grube 'gefallen oefer in einen siedenden Kesselj aus dem man nicht leicht herauskriechen kann. Alles erschien ihm dunkel, wüst; und fips^er. Alles erschien ihm wild, ungeheuerlich, i Die Men« sehen und ihre Sprache ka..:en ihm wie verrückt vor. Der Lärm, der Wirbel und das Huha betäubten ihm de,n Kopf und erfüllten ihn mit Abscheu gegen diese geräuschvolle Stadt mit dem trüben, vertränten Himmel und gegen das ganze englische Land, das ihm, man kann sagen; vom ersten Augenblick zuwider wurde, da er seinen Fuß auf die englische Erde setzte tois zum Moment, da er den lieblichen Geruch des schmutzigen -Whiteshapcl in. die Nase bekam. ' , - l Als sie mitten am Tage in London einfuhren, trafen sie eine furchtbare Finsternis an — wie in Aegypten. Fast mit der Hand war die Düsternis zu greifen. Diese Stadt, nicht nur daß sie von Gott ver« wünscht ist, der ihr die Sonne genommen hat, wurde noch seinerseits von Holzman verwünscht. Sic möge im Wasser versinken. Er wünschte ihr, wie einst Heinrich Heine, „das Meer möge sie vcrschlin» gen und wieder ausspeien", und legte noch als Draufgaoe zu, sie möge zu einer Salzsäule werden wie einst Lots Weib. Nein. Unser Holzman fühlte sich in London gar nicht wohl. Viel schlimmer als einst, nicht heute sei's ge; dacht, in Holeneschti. Nicht umsonst war er so zerstreut und schlecht aufgelegt, als er noch mit der Kompagnie die Vorbereitungen in Czcrnowitz traf, hieherzureisen. Schon die erste Begegnung war nichts wert. Der Truppe entgegengefahren waren Schwalbs Bruder und noch irgend ein Geselle, den Nissl Schwalb den Gästen vorstellte, Mr. Hatchkins nannte und ihnen auf Jüdisch sagte, daß das ein Christ sei. Und obwohl Christ, ist er doch Besitzer und Manager des großen Londoner jüdt« sehe Pavillontheaters. Dieser Besitzer und Theatermanager erschien Holzman eher als ein Mensch, der Pomeranzen und Gefrorenes in den Pausen verkaufen sollte, ein un* geschlachter Kerl, dachte sich Holzmann, mit ausrasier* tem Nacken und abgeschabtem gegerbtem Gesicht. Angezogen war er, dieser Manager, in ein seltsames Röckchen mit betonter Taille, nicht für sein Maß genäht, mit karrierten, unten aufgeschlagenen Hosen, oben breit, unten schmal, auf glänzend geputzten Schuhen mit hohen Absätzen. Vom roten schmalen Hals steckte ihm ein scharfer Adamsapfel heraus, den weder der großartige Schlips noch die Brillantnadel gutmachen konnte. Ate man ihn den angekommenen Gästen vorstellte, streckte dieser Mr. Hatchkins zwei Finger hin, zeigte drei goldene Zähne und warf schläfrig nicht mehr als das Wort „allright" hin. Dann kehrte er den Gästen — mit Vergeben — jenen Teil zu, der seit jeher nach hinten gehört, winkte mit einem Finger nach jemand und — zum großen Erstaunen unserer ganzen Truppe kam ein Auto hoheitsvoll ange* fahren.. Der Geselle, der sich Manager nennt und Mr. Hatchkins heißt, sprang ins Automobil und verschwand im dichten, grauen, schweren Londoner Nebel. Ganz anders sah der Bruder von Holzmans Korn« pagnon aus, Nissl Schwalb. Er gab sich viel wärmer als der verschwundene Chef Mr. Hatchkins. Er sah schon aus wie ein Repräsentant des großstädtischen Lebens, dem nicht nur das Londoner Theater, sondern ganz London mitsamt der Umgebung gehört. Breit und dick wie ein Faß, ist er doppelt so hoch wie sein Bruder. Rasiert, immer eine Zigarre zwischen den Zähnen, mit ,einem kleinen, zur Seite geschobenen Hütchen, zufrieden mit sich, mit euch und mit der ganzen Welt, kommandierte er laut lachend die Gaste, als wären sie zu ihm gekommen und nicht fürs Theater. v Zunächst umarmte und küßte er jeden einzelnen, ließ keinen aus, als wäre er mit ihnen bekannt und bs» freundet wer weiß wie lange. Dann nahm er — Vergebung — mit den eigenen Pratzen die Pakete aus dem Waggon, mietet selbst eine Carage und begann die Gäste zu dirigieren: „Du, Isaak, setz dich mit Rafalesco dorthin obenan.; Henriette stopf in die Mitte. So. Und ich mit deinem Kompagnon werden uns hineinhauen vis*a*vis." Wärenddessen legte er auf Holzmans dürren spitzen Rücken eine dicke runde gepolsterte Hand. Unser Direktor Holzman warf ein Auge auf seines Kompagnons Bruder, das andere auf seines Kompagnons -Bruders Hand. :,Eine Pratze das, könnte'ihm ganz gut gelähmt werden •am heutigen Donnerstag vor Abend. Was ist er mir da für ein Kommandeur? Den heißt er sich setzen da her, den dort hin, und Henriette in die Mitte stopfen! Und wo bleib ich? . . . Ich werde meinem Kompagnon sagen, daß ich solche Sachen nicht liebe . . . Man muß ihm, d\& sem Maulwurf, von vornherein, noch bevor er zu was kommt, die Flügel stützend er soll Respekt wissen . . . einem Schwein muß man gleich über die Schnauze gehn.* .*< (Fortsetzung'folgt.) GRABSTEINE f RIE DL A NDER & DEUTSCH Wien, i. Bet„ Seitenstettengtute 2, Telephon U-28*1*28 XI., Zenttalftiedhot, neb. d.i.Tor, Teleohon V-18 0 8S Zentradirektion: WIEN -I., Riemergaiae Nr. 2 tfffßteiHtltttui lWu4nlämi ViflttytuIHn Itttikipittl MMN.- ttü* Priait* od ümtiifiaiiiu ia Abt UM 5/ Mtai Saun» GKiDitilt*! EU» U2J <-Mi mtm Maitis liraUui« ti V» ftniatiln la Min «M 2S5 mm sSÜi Tätigkeitsgebiet: Otiterrtieti, Qtuüehw Rajen,F«n>reich, B»lflT*n. Holland. Hilten, Spanten, Ttfhaclwilowakijche Republik. Polau, Unoirn, Jugoslawien, Bulgarien, 8rtechanland. Türkei. Aegypten und Palästina. ifiiiiiiiiiiiiiiiijiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuitiiiiiiiiiiMiiiiti^ RADIO FOr S 2,50 Wocheitrattm erhallen^ Sit <. Komplett« Radlpapptrate mit allem ZuhrtiQr In leinst« AuiKthrutig und all« RVdio«B»«t«ntftefU *«r ( iUSIKHAUS SCHLESINGER, Wien. 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