Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 121 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Soifc t2 DIE NEUE WELT Nr. M Copyright 1928 by „Die N«ie Welt", Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schalem Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhalh Was wird weiter sein? Zeit sich Gedanken zu machen wegen der Existenz. Ewig ein Stiperu dium wird man nicht geben. Schon Zeit, mit dem Verdienen zu beginnen. Man muß mit dem Kind eine Tour hinausmachen in die Welt. Und zwar so rasch als möglich. Solange noch das „Wunderkind" ein Kind, ist das ein Wunder, das alle sehen wollen. Kaum aber wächst, das Kind heraus aus den kurzen Höschen, so wird das Kind aus sein Kind und das Wunder aus sein Wunder. Gott weiß, wozu sich ein Kind noch Auswachsen kann und in wessen Hände es hoch hereinfallen jkann. . darum heißt es zugreifen, beizeiten... So hat der Vater es sich zurecht gelegt und ebenso ist es auch gewesen. Das heißt, es macht sich nicht so jäh wie es sich spricht. Hinausfahren in die Welt — kostet Geld. Und Geld ist keines da. Was tut man also? Muß man irgend einen Hat finden, einen Mithelfer suohen: dein Geld, meine Ware;.. Und Gott hat ihm geholfen, er hat einen Mit» hier gefunden, einen Deutschen mit dem Namen Schulz, der auf sich das Risiko der Spesen nimmt und wieviel -es dann ausmacht — die Hälfte mir, die Hälfte dir. Nur was dann? Eine Kleinigkeit: er will einen Kontrakt auf?ehn: Jahre: Deutsch', bist du verrückt oder von Sinnea? Was für zehnjährige Jahre? Genug ein Jahr, genug zwei Jahre, drei Jahre — dann aus! Kannst ihn zerstückeln, kannst ihn zerbröckeln! Ein hartnäckiger" Deutsch'! 'In* zwischen, die Zeit steht nicht; Verbrauch hat - man. Von daheim schreibt man, man soll Geld schicken. Hin — her,- man hat sich mit dem Deutsch', endlieh ausgeglichen auf fünf Jahre. Sich Verpflichtet; einem; Kontrakt, wie es sich, gehört, und hat sich Meiner'guten Stunde in ■ die Welt hinausbegeben. Man; hat begonnen, Konzerte abzudreschen, eins nach dem aridem, eins nach dem andern und, Gott zu danken, es ist mit glücklichem Erfolg erledigt worden. Wohin mankömmt — furchtbar! Zu hören : Grischa Stellmaeh t-• lauft man wie zu einem ßrarid. Menschen — so wie Samt; »so wie die Sterne am Himiriel. Reiche Leute, Milliardäre, . Christen, fürstliche Persönlichkeiten, so wie Fliegen*- Fliegen rfallem sie, und Gelder- Qe|d -strömte von? allen Sieiten; fßs ist1 nur der Aerger, daß<man.,sich teilen muß > gerade mit dem Dieutsch-l;Wofür kommt ihm soviel Geld? Was hat er eingelegt? Des Vaters Erbschaft? Oder che "große Kunst, die; dazu gehört? Er kennt, gelobt sein Name, schön allein die Bestellung, von Konzerten. Ein teurer Billigkeit! Kommt man zu fahren in eine. Stadt, gibt man zunächst Kund durch alle Zeitungen, bezahlt; man, heißt das, für Annoncen und;sie fangen an zu schlagen und zu trompeten: „Grischa Stellmach kommt zu ^fahren |: Grischa Stellmäch fährt! -Grischa Stellmach ist angekommen!" Mari7 mietet einen Saal oder einv Theater, man klebt Af flehen'an, man druckte Billette — und guten Tag. 's ist nUr r efrie'schmerz» liehe , Sache: der Deutsch'! Eine Sünde" Wri 'Göttl Aber liegt man im Faß, was soll man da tun? ^Verfällen. Ein Stückchen Trost, daß die fünf Jahre bald ablaufen und der Kontrakt ausgeht, wird der Deutsch' zum Teufel — wer wird sich dann mit ihm vergleichen können? „Seine Ware, Ys e i n Geld"..... —? —, ' .'•—.■- — . —':; — So breitet Stellmach seine Biographie mit glänzendem Gesicht aus, glättet sich das Bäuchjejri und richtet die Frage; an Schtschuppak, was sich' bei ihm hört und was überhaupt beim jüdischen Theater. Denn das jüdische Theater ist bei ihm, sagt er, das einzige Stückchen Ver» gnügen. Des Sohns Konzerte — das ist bei ihm Geschäft. Und will er sich unterhalten, geht .er ins Theater. Ins jüdische Theater. Er hält sich sehr ans jüdische Theater und ist daher mit allen jüdischen Artisten bekannt: Und da her rührt seihe Bekanntschaft mit Schtschuppak. Er. wenn er, sagt er, in .eine Stadt kommt* ist das erste, daß er zunächst einmal fragt; wo man koscher essen kann und ob es da eift jücfisch^i Theater gibt. Jüdischer F'sch und jüdisches Theatet^^ag.ki|nn: es' .besseres' geben? Noch bevq*,: et > sifcll 'lffieri»<J|!aut' "dfev Reise, gemacht hat, hat er schon gehört, sagt er, daß da bei seinem Freund Schtschuppak etwas Rares ist, irgend eine Rosa Spivak, die man sehr lobt..... „Das. dort ist sie", macht Schtschups pak zu ihm und weist auf mich mit seinen roten brauen* losen Augen, und Stellmach reicht mir eine Hand, eine warme weiche Hand wie eiri Kissen, eine haarige mit kurzen groben haarigen Fingern und sein ganzes Gesicht zerschmilzt fast vor Vergnügen. „Wirklich wahr?", sagt er, „wer ist sie und und von woher?" „Sie ist wirklich meine Nichte aus Warschau, ein Waisenkindchen, ohne Vater, ohne Mutter," meißelt ihm Schtschuppak eine runde Lüge aus und schürzt die gefalteten Lippen auf, ohne auch nur im geringsten in Verlegenheit zu geraten. „Armes", sagt Stellmach tmit zärtlichem Lächeln und mit bedauernder Miene,'drückt mir die Hand, verabschiedet sich und verspricht am Abend zu kommen, er Wird kommen, sagt er, ohne''jedeft-iZweifel, mich singen hören. „Mit deinem Liebling?" fragt ihn Scholem Mcir Muraws tschik. „Soll Gott hüteri", > sagt Stellmach, und schnellt empor, als hätte man ihn gebrannt. „Was heißt, mein Grischa wird ins jüd'"-?ri Theater gehn, chachacha! Söll ich mich nur einmal mit ihm unter Juden zeigen, ist aus, verfallen die Kuh mit dem'Strick! Nicht etwa, daß er bei mir bewahre kein Jude' ist,: im Gegenteil, äbet, was doch? Man muß es verstchn. v Es" ist eine zu zarte Angelegenheit (Hier zeigt Stellmach , mit den kurzen dicken Fingern, was für zarte Angelegenheit das ist.) Ihr nehmt es so leicht, sagt er, mit meinem Grischa! Mein Grischa, wenn er fährt, 'hur erste Klasse, dort wo keine Juden fahren. Und wohnen tut er, sagt er, nur im besten und schönsten Hotels Uftd? heißt es ins Konzert, und seien es auch nur drei Schritte, wird nur gefahren. Und das hur in geddekteni Wagen.'Ihn kann man, sagt er, nicht einfach so sehen ohne Geld, chacha! Ihn, will man «hn seh'n, muß man vorher zuirf Deutsch' gehn. Und vor einem Deutsch', sagt er, hat man Respekt, -obwohl eigentlich der Deutsch' — unter uns soll es bleiben—■■ alles in allem auch nur ein Jude ist, obwohl der Schub heißt, aber; er will nicht, sagt er, daß man es wisse.... es paßt nicht;. . Zu mir, sagt er, wenn jemand kommt und will meinen Grischa seh'n, irgend eine Gefälligkeit oder so ihn kennen lernen, schick ich;hn sofort zum Deutsch', chachacha, zum Deutsch'!" . .. . i1^ ,• Das ist der Stellmaeh.i ^rid diesem Menschen hab ich meine ganze Karriere ün'd' vielleicht mein ganzes Leben zu verdanken. Aberr weil der Brief an und für sich ein bißchen zu lang' geraten ist, übers Maß hinaus,, verschieb ich;das Weitere auf ein'nächstes mal. Sei gesund, mem Teurer.. : - 7pVi;;1" ■ ■• '; ,.. 7 v ■ Iwif»'.' „i'iLi'i ( tu> v«' . r ü n f t er Brief. Mein teuerster Freund! Der „Liebhaber des jüdischen Theaters" Meir Stebach ist aus unserem Theater fast nicht herausge* kröchen. Nacht um Nacht hat er sich bei uns weich gesessen, dreimal dasselbe Stück gehört, ohne daß es ihm zuwider geworden wäre. Er saß bei uns immer obenan brejt in der ersten Reihe, wie immer umsonst, da ein „Liebhaber des Theaters" kein Geld zahlt. Dafür aber applaudierte er immer als erster und immer stärker und immer mehr als alle. Er war entzückt fast von jedem Schauspieler. Und wer spricht von mir und von meinen Liedern — ihretwegen gibt er den Hals her, wie Scholem Mcir Murawtschik sagt. Das erstemal ist er wegen meines „fratig oif der nacht" so außer Rand und Band geraten, daß er in die Kulissen hineinfiel und mit tränenden Augen meinen Direktor Schtschuppak umarmte und sich mit ihm zerküßte. Mein Direktor ließ sich einigemate leise vernehmen, daß er nicht ungern seinen Grischa spielen hören würde, worauf der sich nicht wissend machte und neben den Zähnen sprach. Schtschuppaks Andeutungen wurden aber so deutlich, daß er nicht mehr auskonnte und einmal an einem Sonntag drei Billetts herbrachte, für den Direktor, für den Heisern und mich, zu einer Matinee, einem Früh* morgenkonzert. Nebenbei begann er auszumalen, was für ein großartiges Konzert das sein werde. Das wird aber, sagt er, ein Konzert werden, sein Grischa wird spielen, der Deutsch* *-:-i akkompagnieren und Marcelk Embiiirh wird singen. Wollt ihr vielleicht wissen, sagt er, wer diese Marcella Embrich ist? Das ist, sagt er, die zweite* Patii* Was Patti, zehnmal, hundertmal, tausendmal größer als Patti. Das erstemal, sagt er, als die Patti sie singen hörte, fiel sie ihr um den Hals und sagte ihr die Worte: Wir sind zwei Sterne — ich bin der Stern, der untergeht, du bist der Stern, der aufgeht — und hat zu weinen begon« nen... Versteht sich, daß mit einem andern diese Embrich um keinen Preis in einem Konzert auftreten würde, aber mit seinem Grischa — das ist was anderes: i. Und es ging wieder einmal seinen Gang, Grischa ■«* Grischa, Grischa-^ Grischa! Ich möchte schon gern er* leben, diesen Grischa zu sehen, zu sehen urid zü hören, was das für eine Art Grischa auf dieser Welt ist. Gott half, ich erlebte es, ihn zu sehen und zu hören. Ünd ich muß dir sagen, mein teurer Freund, daß ich zwei Grischas gesehen habe. Das heißt, ich will sagen, daß ich einen Grischa gesehen und einen andern gehört habe. Der Grischa, den ich im ersten Augenblick die EstraHe betreten sah, war ein Knabe, schon fast ein Jüngling, wenn auch ih kurzen Hosen, ein Pausback mit flaumigen Wangen, mit sommersprossigem Gesicht und Äugen — nur Anzeichen von Äugen. Kurz, ein ganz gewöhnliches Bürschlein, das man, begegnet man ihm auf der Gasse, vorübergehen läßt wie tausend andere. Das einzige; das in die Augen sprang. Lackschuhe mit großen Bändern, d:- ein wenig zu groß für ihn aussahen ein zu großer Fuß für ein „Wunderkind"— und der bre,ite weiße runde Kragen mit einer zu großen untergebundenen. Masche, die in zwei Spitzen herabhing Sonst war nichts an ihm zu bemerken. Dafür aber, als er die Geige unters-; Kirip nahm, mit dem Bogen über die Saiten aüfv und nieder» strich, war sofort der frühere Jüngling mit den Flaum? backen und dem Sommersprossengericht verschwunden. Und an seiner Stelle war ein neuer Mensch empor» gewachsen. Ein ganz anderes Aussehen. Ejne andere Ge» stalt. Andere Augen — große blaue Himmelsaugcri. Seit* same Sache! — wo waren sie früher, diese Augen?.... Vielleicht kam es mir nur so vor. Denn als er zu spielen aufhörte und das Publikum verrückt zu toben begann, stand vor meinen Augen wieder derselbe JPausback mit dem breiten Kragen und den langen Spitzen der-Masche. Ruhig stand er vor dem Publikum, das die Welt zer« stampfte, ruhig und kalt wie Eis. Kaum, kaum, daß er sich verneigte. An die zehnmal vielleicht rief man ihn hervor und jedesmal, da er hinausging, ging er fest, kräftig auf dem Böden, aber kalt und; ruhig wie ein Mensch, der gewiß ist, daß ihm das gebührt. Bald nachdem, er gespielt hatte, trat die berühmte Sängerin Marcella E*nbr!-h auf. Ihr Singen zu beschreiben, versag ich mir. Wenn Marcella Embrich einen1 Ton setzt, ergießt er sich direkt ins Herz wie Oel und zerfließt in jedem Nerv. , - (Fortsetzung folgt.) . GRABSTEINE F RIEDL Ä N DER <& DE VI SCH Wttn, /. Bei., SeitensMtengaa$e£t, Tt^phon 0-28>t-28 JU„ Ztnttalfiiedhot, nt». A »f. Tor, fehohon ü-l*0 85 t i rar 8 2.S0 W«chenraUn eihaUep Sit Komplette'Radioapparate mli allen Zubehör In leinster Ausführung «n* all« Rartl«-B««1«na)t«ll« nur Im MU8IKHAUS SCHLESINGER. Wien. 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