Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 120 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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? Seife Ä Copyright 192S by „Die Neue Weif, Wien. DIE NEUE WELT_____ Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schalom Mechern. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. .Sprechen tut er still, kaum daß man ihn hört, mit leisen Seufzern und mit Lächeln, indem er sich zart über die Hände fährt oder dich beim Knopf packt, damit du nicht weggehen kannst — und es gießt sich, gießt sich nur so glatt wie Ocl aus einem Faß. Und es verknotet und verkettet sich bei ihm eins zum andern, daß es einfach ein Wunder und Zauber ist, Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Ich weiß nicht, ob es gut herauskommen wird, aber ich will probieren, dir seine Biographie in seiner eigenen Rede* weise wiederzugeben. Gewesen war er, nicht' heute sei's gedacht, nicht euch sei's gedacht und keinem Menschen sei's gedacht, so beginnt er seine Biographie zu erzählen mit einem Seufzer und mit einem Lachen, während das' Gesicht leuchtet, gewesen war er also, nicht heute sei's gedacht, nicht euch sei's gedacht und keinem Menschen sei's gc» dacht, ein Mensch, ein bedürftiger, ein Bettclsack, ein Schnorrer, ein armer Teufel, und obendrein ein Schock Kinder, fast wirklich ^ein Stückchen Brot gewesen. Ge* wohnt irgend , weiß ich wo, in einem kleinen Städtchen, eine Wüste, ein Nest, nicht weit von Berditschew, mit dem Namen Machnewke oder Jachnewke (ich hab' den Namen schon vergessen) und, von dem gelebt, daß er Pelzkappen genäht hat für die Bauern, dreimal zu Fuß mit der Ware auf die Jahrmärkte gegangen, vielleicht, daß man etwas verdient. Die Stiefel, nicht heute sei's ge* dacht, nicht euch sei's gedacht und keinem Menschen sei's gedacht, mit Spagat zugebunden, daß die Sohlen bewahre nicht herunterfallen und einen Pelz hat er ge* tragen wie ein Sieb, nichts als Löcher. Der Frost beißt, der Schnee knirscht, der Wind: schlägt ins Gesicht und das Herz wird starr. Und zuhause, nicht heute sei's ge* dacht, nicht euch sei's gedacht und keinem Menschen sei's gedacht, liegt ein kfänkes Weib mit kleinen Kindern. Das ältere war damals noch nicht sechs Jahre alt, Herscheie hat es damals geheißen. War von klein auf ein geratenes Kind, ein Gold. Tag und Tag pflegte der Bub mit zwei Stäbchen herumzugehen und spielen und spielen und spielen. Herscheie Was tust du da? Ich spiel, sagt er, auf der Fiedel. Geht der Vater einmal hin und bringt ihm zum Spaß eine einfache Bauernfiedel mit, die den Wert von drei Gulden hat. Als das Kind die Fiedel erblickte, weinte es fast. Wo hat das Kind eine Fiedel gesehen? Wer hat ihm gezeigt, wie man zu spielen hat? So soll er von einer bösen Bescherung mit euch zusammen wissen. Das Kind hat, sagte «r, aus sich' selbst zu kratzen bc« gönnen und so lange gekratzt,. bis es Melodien heraus* gebracht hat. Muß es Gott so wollen, daß in jenem Stadt« chen der Gutsherr wohnt, ein Graf oder ein Fürst, ich erinnere mich nicht akkurat. Das Städtchen ist auch sein Städtehen. Erfährt da der Gutsherr, daß bei ihm im Städtchen und just bei einem armen Jüdel, einem Kürschner, sich ein Junge, eine Rarität, befindet — spielt der auf der Fiedel, daß die Welt vergeht. Bis der Guts« herr selbstverständlich befiehlt, man soll ihm das. Jüdel mit dem Jungen mit der Fiedel bringen. Und wenn der Gutsherr befiehlt, kann man kein Schwein sein, und man muß geihen. Also mit dem Jungen und mit der Fiedel zum Gutsherrn gekommen. Den Jungen hat man auf den Tisch, gestellt und er hat gegeben ein . Spiel eins und zwei und drei — der Gutsherr ist•' bald krepiert davon. Und die. Gutsgräfin hat das Kind umarmt und geküßt und gehalst. Und auf den Tisch wurde Tee und Kaffee und Zubeiß getragen: Semmeln, Eier, Eingemachts — al'ea; was ein Jude essen darf. Sitz, macht zu ihm der Gutsherr, sitz, warum stehst du? Weißt du denn, sagt er, was du besitzt? Du besitzt, sagt er, einen Edelstein, du bist, sagt er, ein Millionär. Aber was doch, sagt er, du bist etn einfältiger Mensch, ein Blinder. Du wirst, sagte er, das Schlimmste vom Schlimmen sein, wenn du das Kind so aufwachsen läßt, es nicht in die Stadt gibst, daß es lerne, Musik studieren. Da sagt zu ihm der Vater: Hoher Herr, Fürst, dir ist es anscheinend leicht zu sagen Musik studieren, ich bin, nicht hier gedacht, keinem Menschen gedacht, ein armer Teufel, ein Schnorrer, ein Bettelsack und ein Schock Kinder obendrein. Macht zu ihm der Gutsherr: Bekümmer dich nicht. Gib ihn nur in meine Hände, ich mach schon einen Menschen aus ihm. So sagt zu ihm der Gutsherr und die Gutsgräfin nickt zu ihm mit dem Kopf. Ist aber dieser Stellmach auch nicht einer von jenen, die zehn auf einen Groschen gehen, und denkt sich da: vorläufig bis was geschieht, bis der Guts» herr aus dem Kind einen Menschen gemacht hat, kann es ihm, dem Vater passieren, daß er ein Kind weniger und dem Volk Israel, daß es einen Juden weniger hat. Nein, Gutsherrleben, das ist kein Plan. Du laß' mir lieber ein Paar Pferde einspannen und borg mir einige Rubel auf Reisespesen, so werd' ich mit dem Kind einen $prung nach Berditschew machen. Eine große Stadt. Nicht zu versündigen viele Juden. Reiche Leute. Kurz und gut, glücklich mit dem Kind in Berdi* tschew angekommen. Er dreht sich mit dem Kind in der Stadt. Ein Riesenplatz. Siedet wie ein Kessel. Juden laufen herum, der daher, der dorthin, zerstreut, hastig im Trubel. Keiner sieht sich um. Das Kind, das arme, will essen. Wie zum Trotz Sommerzeit, Aepfel und Birnen und Pflaumen spottbillig. Das Kind vergeht nach Pflaumen — und ihr sollt sagen, kein Pfifferling bei der Seele. Da beginnt er einen anzuhalten, einen andern, Rat erbitten, nichts sonst wie Rat. „Was tut man, jüdische Kinder? So und so: ich besitze einen Edelstein seht ihr, eine Million." Sehen die ihn an wie einen Verrückten. Ein Mensch, abgerissen, zerschlissen, schleppt sich herum mit einem Jungen, nackt und barfuß, und sagt, daß er eine Million, besitzt. Beginnt er ihnen zu verstehen zu geben, ihnen zu erzählen, was der Gutsherr gesagt hat, und will ihnen zeigen, was der Knabe kann. Da lacht man auf und wünscht ihm alle bösen Träume. Verdrießt ihn das natür« lieh und er geht zur Jugend, zum einen, zum andern, erzählt ihnen, was der Gutsherr gesagt hat und bittet, man soll den Knaben lassen ein Spiel tun, damit er zeige, was er kann... Zuende gehört, sagen sie zu ihm: „Wehn also so, was wollt ihr also, Reb Jud?" Was soll er wollen? Er will, der Arme, einige Rubel, um wenigstens zurück nachhause fahren zu können. Da sagt einer: „Pßt, wüßt ihr was? Wir werden euch ein 'Konzert machen." Denkt sich der Vater: er soll so von einer bösen Bescherung wissen!. Fragt ihn bei Todesstrafe: was heißt das ein Konzert? Aber wenn die „Konzert" sagen, soll sein ein Konzert... Kurz, er hat ihre Gunst gefunden. Die Jugend mietete einen Saal, man druckte Affichen und man be« gänn herumzulaufen Billetts verkaufen — keiner kauft. Schlecht. Was wird geschehen? Kümmert euch nicht, sagen sie, bis zum Konzert ist's noch weit. Der Abend GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & pbül SCH Wien, l. Bez., Seitenslettengasse 2, Telephon ü-28-1-28 XL, Zentralfriedhot, neb. d. 7. lor, Teleohon V-18Q85 RADIO EINLÖSUNG Gold * Silber * Platin G. A. SCHEID Stadtnlederlaqe: l.i Franz-Josefs-Kai 49 Zentrales VI., Gumpendorf erstr. 88 ■rnrnkfl ^IlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllltltfillllllllllllllllllU | Gegründet 1882 | I Lebensuersicherunss- PLjfllJIY^ 1 | Gesellschaft j nUrilA | | Zentradlrektion; WIEN I., Riemergasse Nr. 2 5 a Vusidwunpstulanil 2 Miiliuden Sdtilliaa 5 s Vellemgizahltos 4.600.000.— SdüIHng s s Primiin- und ZuHneiouoneii m Jahre 1929 9/ Million« SdüDing S s. OvutienHtei Ende 1925 242 Millionen Sdiilllni) s iBUihlangen u die VersidwItD in Jibrt 1926 , 285 Millionen Schilling s 5 Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich. s Belgien. Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s s Republik. Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen* 3 s land. Türkei. Aegypten und Palastina. nilllllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllliMniiiiiiS | För S 2.50 Woctienraten erhalten Sic ttomplettt Radioapparate mii allem Zubehör .m'teinsier Ausführung und alle Radto-Be - tandtafle nur <«n MUSIKHAUS SCHLESINGER, Wien. Vil.,Burgga8oel2M24 ___________N r .!20_ des Konzerts ist gekommen. Schon «cht Uhr. Schon neun. Halbzehn Uhr — keiner da. Erst gegen elf haben sich einige junge Leute versammelt, kaum zum Beten reichend. Möglich, erinnert man sich. Wo ist der Junge? Der Junge schläft. Endlich aufgeweckt, auf einen Sessel gestellt. Der Junge hat sich eingespielt, na, na, das war aber ei« Konzert. Man hat das Kind umringt, gedrückt, geküßt, fast erstickt. Aber was hat man davon, wenn man nicht einmal für den Saal bezahlen kann! Nachhause gekommen, in den '"'asthof heißt das, müde, zerbrochen, hungrig. Fürs Essen, sagt die Wirtin, ist's schon zu spät... Ein Bett zum schlafenlegen — fordert die Wirtin zuerst Geld. Bitter! Breitet man den Pelz auf den Boden aus und die Faust als Kopfkissen. Das Kind schläft eir — Kind bleibt Kind, und er, der Vater heißt das, liegt da und denkt nach, das Hirn zerspringt ihm fast. Wie reißt man sich heraus aus diesem Ort? Er fühlt, das Herz sagt ihm, daß neben ihm auf dem zerrissenen Pelz da sich ein Ver« mögen herumwälzt, eine Million. Aber geh, schrei aus — ich bin Salomo! Mit diesen Gedanken versinkt er in Schlaf, der Vater heißt das, und es träumt ihm ein Traum, ein seltsamer Traum: inmitten der Stadt ein Baum mit Pflaumen. Ganz oben, auf dem Baumwipfel, steht sein Sohn und schüttelt, schüttelt den Baum, und vom Baum direkt zu ihm, zum Vater, fallen, fallen'. . nicht etwa Pflaumen, sondern — Millionen! Eine Million nach der andern. Eine Million nach der andern. Er, der Vater heißt das, bückt sich hinab zur Erde, guckt sich um nach allen Seiten, hebt auf die Millionen und stopft sie in die Taschen hinein. Der Sohn fragt ihn von oben: „Vater, noch?" „Noch, noch!" antwortet ihm der Vater und wird gar nicht müde vom Aufklauben der Millionen. Plötz* lieh vernimmt er vom weiten einen Tumult, ein Gepolter. „Schon genug geschüttelt!" sagt er zum Sohn und wie er erwacht — bemerkt er, daß er mit seinem Kind auf dem Boden liegt, den Pelz unter dem Kopf. Die Stube ist voll mit Menschen. Der Gastwirt ist bleich wie die Wand. Die Wirtin ringt die Hände und weint: „Ihre Perlen! Ihre Perlen!"... Er steht auf vom Boden, will zur Tür gehen, da sagt man ihm: „Entschuldigt, Reb Jud, wir wollen euch vorher durchsuchen"... „Was heißt — ihr werdet mich durchsuchen?" „Wir wollen euch ausziehen, sagen sie, nackt, euch und euer Kind, und durchsuchen, ob sich nicht, sagen sie, vielleicht irrtümlicherweise zu euch bei Nacht die Perlen der Wirtin verkrochen haben!" (Es scheint, daß da etliche Blätter fehlen, zümal aus der weiteren Geschichte zu ersehen ist, daß Stellmach mit seinem Wunderkind bereits in Petersburg ist, und das Kind nicht mehr Herscheie heißt, sondern Grischa, und er gar schon ein Stipendium bekommt.) Nach Petersburg gekommen — es kocht die Stadt, Von einem zum andern. Von einem zum andern. Da ein Stückchen Essen, da ein Mittagmahl,,dort ein Nachtmahl. Und das Kind — auf den Händen trägt man es herunt Umundüm, wö nur irgend ein Ball, ein Konzert, ein Abend — hört man immer „Grischa Stellmach" uira „Grischa Stellmaeh." Studenten, Professoren, Christ?rl, Damen — alle in einem Chor: „Grischa Stellmaeh!" Es kocht 1 Es siedet! Von Geld spricht man nicht. Denn, da Stipendium, ist es doch eine ganz andere Sache. Eigentlich ist's ja wahr, zum Stipendium ist er blutigschwer gelangt, und mit Schande und mit Herumlaufen von einem zu andern. Kaum, mit schwerer Mühe es erreicht und dies durch einen Christen, einen Bösewicht, einen Judenfresser — viel zu erzählen. Und so geht ein Jahr nach dem andern um. Das Ivind wird groß und der Namen noch größer. Für ihn, Gott zu danken, kein Lehrer mehr da. Schluß. Ausgegangen die Professoren in Petersburg. Et* hat sie allesamt überholt. (Fortsetzung folgt.) wmattiimäissism Hausverwaltungen baufachmännische Beaufsichtigung, kaufm, Verwaltg, Mietsvorschnß, Vertretung in Steuer-, M E. A - und üerichtssachen, Hypothekenbeschaffung. merc. s. Nebenzahl, Berlin Auguststraße 91 LMiüniiniaaeaimifitT----------- t^^apMjmsaai^^m^momwm mit u. ohm Trichter Pension ,Austria' Kinderheim Vttsiau «OLtiA KADISCH) JftgermayaratreBa 18 - Telephon 99 Stelle 8 Für Dauer- und Erholungsaufenthalt Jedei Unterricht im Hause, auch Nachhilfe tui öffentliche Schulen besuchende Kinder. Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lenrerin ■ Erstklassige Verköstigung. 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