Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 117 (13.12.1929)
- Date
- 1929-12-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 diemm mt\ Nr. ur : Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schalom Mechern. Ins Deutsche übertragen von P« Rosen ha II. Unterdessen passiert eine Geschichte. In den Iei>!» ten Tagen vor der Abfahrt aus Holeneschti bekommt nüiu« lieh der Direktor einen Brief von einem Bekannten, daß sein erstes Weib, die Geschiedene,: erfahren hat* wo er ist, und sich zu ihm zu Gast nach Holeneschti bereit* macht. Da wurde es ihm trüb ums Her/, denn sie ma.iht ihm überall sokhe Skandale, daß er vor ihr in die Welt hinein weglaufen muß. Ihn.zog es schoivseit Ungern nach ■ Rumänien,'nach'Bukarest. Aber als er diese frohe Bob schaft empfing, ging er daran, sieh mit der ganzen Bande auf den Weg zu machen. Tu also, du blöder Dummkopf, und fahr davon und hal-ts Maüll Nein. Geht er hin, der Direktor heißt das, und schreibt einen Brief .an., sein; /.weites Weib, die Nichtgeschiedene: „Sollst wissen so und so. Ich bin daran, nach Rumänien zu fahren. Schon Zeit, , daß wir Schluß machen, hin oder her. Willst du bei mir sein, kannst du zu mir direkt nach Bukarest gefahren kommen." Was nun tut sie, die Nichtgeschiedene heißt das? Geht sie hin und schreibt ihm eine Antwort: „So , und so, mein teurer Mann, zuerst mach Schluß mit deU nem ersten Weib. Dann wirst du mit der zweiten redeu." Und zu jener, zu der Geschiedenen, schreibt «•'-, die' \ Nichtgeschiedene, außerdem einen Brief: „Sollst wisssn so und so. Willst du Schluß machen mit Schtschuppak, mußt du zusehen, umso rascher 'nach Bukarest zu korhs men . . ." Geht jene hin, die Geschiedene heißt das, und ' setzt sich direkt auf ach Bukarest. Erfährt das der Dirak« tor von irgend einem Schauspieler, der einen Brief bekom* men hat von einem seiner Bekannten, auch einem Schau* : spiel.er. Wann *.vigt ihm der Schauspieler der Brief? Genau eine halbe Stunde vor der Abfahrt bei Henich dem Weinschenker u Keller. Das ist die ganj.: Geschichte. Und das war das Geheimnis damals .-»amstagnacht draußen und deshalb hat der Heisere den Direktor mit dem Namen Idiot genannt. •Diese Geschichte, die Sie mir erzählt haben, sag ich; zum Heiseren, ist zwar eine "sehr schöne Geschichte, aber kurz. Was wird aber weiter geschehen? Weiter, sagt er, ganz gut: die Weiber werden sich dort in Bukarest mit \ Gottes Hilfe bei den Haaren reißen. Und wir werden hier eia Theater mieten, sagt er, und einen Brief an die; Kompanie schreiben, sie ist, sagt er, in Jassy, qs soll, wer von. ihnen was auf die Reise hat, kommen, wer keinen Faden im Sack hat, soll dort sitzen bleiben, sagt er, oder dort tongehen,-wo der liebe heilige Sabbat hingeht.. Nun, und Hotzmach? sag ich. Macht er zu mir: was gerade Hotzmach? Sehnst dich nach ihm? Nein, sag ich, nur so. Ich hab mich erinnert, sag'ich, wie Hotzmach ein Ghossidel tanzt. Soll er dir tanzen, sagt er, mit dem Todesengel, dieser Hotzmach. Wozu brauchen wir diese " * ■ , Stange mit den langen Beinen! Wir werden, sagt er, überall einen solchen Komiker wie Hotzmach kriegen. Du . verstehst wohl, Teurer, daß mir ob dieser Nach* rieht das Herz erfror... ich hielt mich'aber zurück, soweit wie möglich, machte ein freundliches Gesicht. Das Herz sagte mir, daß ich mit gütlichem Weg besser fahren kann und mit diesem heiseren Kerl Blatt, schlagen muß. Ich be* gann ihn zu bitten und ihm verstehen zu geben, daß, so* lange nicht die ganze andere Kompanie kommt, ich mich nicht beruhigen werde. Und wenn er mir einen Gefallen erweisen will, soll er zusehen, daß alle gefahren kommen, und just diese Stange Hotzmach soll auch kommen. Dann, sage ich, werde ich mich fühlen, als war ich zühaus m Holeneschti. Sieht er mich an und lacht und sagt zu mir: Gut. Sic werden sofort einen Brief schreiben, daß alle ge* fahren kommen und daß diese Stange der Hotzmach auch kommen soll, hol ihn der Teufel! So sagt zu mir dieser Heisere, Murawtschik heißt das, und bittet mich, mich an ihn zu wenden, wenn ich etwas brauche und was ich brauche, nur an ihn — er wird mir beistehen in allen meinen Sorgen . . ..Und er lauft weg in die Läden Und bringt mir dahergetragen neue Kleider einen Pack, daß ich mir auswähle, was ich will und was mir paßt. Und Schuhzeug brachte er mir dreimal daher, bis ich ein Paar 3chüh nach meinem Maße gefunden hatte. Und ich wusch mich und zog mich von Kopf bis Fuß an, und als ich einen Blick warf in den Spiegel, erkannte ich mich selbst nicht. Wo sind die Tränen hingeraten? Es begann mir Hunger zu kommen. Und nicht nur essen wollt ich, nach Singen gelüstete est mir und ich legte ein Singen los wie eine Nachtigall, als war mir so wohl wie der lieben Welt. Dritter Brief. Nach alldem, was ich dir in meinen ersten Briefen geschrieben habe, wirst du gewiß glauben, daß meine großen Leiden nun zu Ende waren. Nein, Teurer, da bc« ginnt erst für mich eine Reihe neuer Tränen, Sehnsucht, Schande, Verdruß, Herzweh pfundschwer. Ein Jahr hat dreihundertsechzig Tage. Ein Tag hat vierundzwanzig Stünden, Eine Stunde hat sechzig Minuten. Und jede Minute; bringt neue Leiden und neue Schmerzen und neue Beschwerden . . . Hab ich doch alles in allem in einem Irrtum gelebt.. Ich glaubte, eine Schauspielerin zu werden ist ein Kinderspiel. Man zieht sich um und; geht hinauf auf die Bühne und fertig. Zuguterletzt stellt sich heraus, daß es hoch weit ist bis zum Lachen. Man muß vorher eine ganze " schwere Schule durchmachen, alle Höllenstufen passieren. Schauspieler, sägen sie, werden nicht geboren; Patti,1 die berühmte Pa^ti, sagen sie, ist als Mädchen mit eiriehi Zither herumgegangen und hat in den Höfen gesungen . . . So klärte mich, der Direktor Schtschuppak und mein Beschützer' Murawtschik auf. Und damit ich mich an die Bühne gewöhne, gab man mir zuerst Couplets zu singen und Liedchen und lehrte mich tanzen. Meinen ersten, Auftritt auf der Bühne werd ich nicht vergessen, solang ich lebe. Und aufgetreten bin ich im ganzen mit einem Liedchen. Der . Direktor Schtschup« pak rühmt sich, daß es sein Liedchen sei. Er selbst, sagt er, hat es verfaßt.- Der Heisere sagt, spuck ihm ins Ge* sieht . . . wer es-verfaßt hat, weiß ich nicht. Aber b6« ginnen tut es mit diesen Worten: „fratig oif der nacht '—- '• - is ajeder jid a mejlach ... in jedn winkele lacht, oifn harzn is lebendig — frejlacih ..." Die Hauptsache aber ist nicht das Liedchen, sorw dem das Singen. Und nicht so sehr das Singen wie die Maske, das Kostüm. Man zog mich als Jungenmann, als jungen Chossid an, man klebte mir Stirnlöckchcn. an, steckte mich in ein paar männliche Atlashosen, einen seidenen Kaftan und ein Hütchen auf dem Kopf. Die Musik spielte und ich sang das „fratig öif der nacht" herunter und tanzte dazu ein „frcjlächs" — da wurde., was soll ich dir sagen, eine Begeisterung, ein Brav«.;» klatschen, daß Gott behüte. Ich glaubte, bald, bald fällt auf mich die Decke herunter. Bis zum Himmel drang da«? Geschrei: Spivak, Rosa Spivak ~ so hieß ich damals bereits auf den Affichen. Unter mir spaltete sich die Erde. Es wieg* ten sich die Wände und die Lampen. Ich wußte nicht, was ich tun soll. Da begann mich der Direktor von der einen Seite und der Heisere von der anderen hinter den Kulissen zu stoßen, ich müsse noch einmal vor das Publi' kum treten. Trat ich noch einmal auf, worauf der Lärm noch größer wurde, da mußte ich noch einmal und noch einmal auftreten, aufs Neue den „fratig oif der Nackt" singen und wieder das „frcjlächs" heruntertanzen. Ich tanzte und alles tanzte mit mir mit: die Decke, die Wände, die Lampen, das Publikum. Und als ich zu Ende war, fiel ich bei mir hinter den Kulissen wie ein Holzklotz hin und weinte los. „Kätzchen, du weinst? Freuen solltest du dich. Weißt du denn, Vögelchen, was für ein Erfolg, was für ein Fiiror, was für ein Triumph?-Patti ist ein Hund dagegen, so soll mir Gott Glück geben und gute Verrichtung." So tröstete mich mein Beschützer, der Heisere. Und der Direktor stand von ferne, (ihn hab ich niemals näher an - mich herangelassen als einen halben Klafter weit) er stand und quellte, wurde breiter als länger. Das konnte man .aus seinen feuchten Aeüglein ersehen und aus seinem, Gelächterchen,, das mehr geweint als gelacht aussieht. „O, Kupierten, hört also, zuckersüß, soll mein Name nicht heißen Albrstt", blökte er mic seiner Zunge und funkelte mit seinen Brillanten. Und von da an gings seinen Gang, „Rosa SpivaSc''. Nacht um Nacht, nach dem Stück, mußte man als eirre Art Dessert dem Publikum Rosa Spivaks „fratig elf der nacht" auftragen um' mit einem Tänzchen beenden. <Es scheint, daß das Dessert dem jüdischen Publikum besser mundete als . Speisen und 2.aspeise des ganzen Theaters. Ich habe selbst mit meinen Ohren gehört, wie zwei jüdische Bürger im Theater laut durch den ganzen Saal miteinander Zwiesprache hielten: „Wann nimmts ein Ende mit dem Purimspiel und wann wird man uns schon ein' bißchen Rosa Spivak auftragen?" Iii der ersten Zeit glaubte ich in den Erdbode*, zu vcr..' ' on ob' solcher Komplimente. Nein, das muß man verstehen, das muß man fühlen. Das Hineingucken der Männer zu mir unter das Gilet, das mich Betrachten von allen S' 'ten in den Männerhosen, ihre Äugen währenddem und die Worte, die sie einander zuwarfen . . . Dann erst die bösen Blicke der Weiber, Herr der Welten . . .! Wo es nur irgend eine Krankheit auf der Welt gibt, hab ich sie ihnen g^ wünscht. Wo es nur irgend einen Fluch gibt, hab ich sie damit beworfen. Ich verwünschte die Männer, und die Weiber und das jüdische Theater und mich selbst und den Tag, an dem ich geboren würde auf der Welt. Ich hab aber alles, wie du siehst, überstanden und Gott sei es. gedankt, daß ich es dir jetzt in Freuden erzählen kann. (Fortsetzung folgt.) RABSTEI [FRIEDLÄNDER & DEUTS CH\ \Wien, 1. Bes., Seitenstettengasse 2, Telephon U-28-1-28\ [XI., Zentralfriedhof, neb. d. 7. Tor, Telephon U-18-0-85\ ie mit u. ohne Trichter, . te. die neuesten Schlager in ' tjrösstei. Auswähl erhalten. 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Die Aktien der Boden-Credit-Anstalt samt Dividendeucoupons 1929 ff. und Talons sind in AVien in der Zeit vom 9. Dezember 1929 bis 9. Juni 1930 bei der Oesterreichischen Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe, Wien, I., Am Hof 6, während der üblichen Geschäftsstunden einzureichen. Für die neuen Aktien der Credit-Anstalt werden vor- erst Interimsscheine ausgefolgt. . . "AV i.on. <npr6. Dezember 1929.;! Oesterreichische Credit.Anstalt für Handel und Gewerbe. Staatlich geprüfte Lehrerin {Russin) erteilt Klavierstunden für Anfragen erbeten an: Graubart, I., Petersplafz 4 - Tei. U-21-VI? Für S 1.50 pro Stunde wird Unterricht in Hebräisch, (Franxösiach, englisch und Gymnasialnachhitfe erteilt. Auch Uebersetzungen werden angenommen Zu sprechen Donnerstag und Sonntag von 2 bis 4 Uhr, 18., Miesbachgasse 12/4. Uhrmacher Lehrling aus gutem jiid. Hause, mit guter Nachfrage wird aufgenommen Samstag und jüdische Feiertage frei, bei S. 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