Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 114 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife ß Copyright 1928 by „Die Neue Welt«, Wien. DIE NEUE WELT Nr. 114 Nachdruck verboten, KOMÖDIANTEN. Roman von Schalom Mechern. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. ZWEITER TEIL. 1. Kapitel. Mister Klamer. r Das Londoner Whiteshapel — das. ist eine Art Berditschew oder Wilna oder Brody oder alle drei zu« sammen und vielleicht gar Jerusalem. Nirgendwo schlägt der jüdische Puls so wie dort. Nirgendwo fühlt sich der Jude so heimisch wie dort. Das Gesicht ist unser Gesicht/ die Sprache ist unsere Sprache. Das Laufen, das Jagen, das Schreien, das Machen mit den Händen — alles wie bei uns. Selbst der Handel, die Geschäfte — dieselben. Das heißt, ich will sagen, daß die Juden dort nichts neues ersonnen haben. Sie leben dort einer vom anderen, reißen einer dem anderen das Geschäft aus der Hand, _ was sag ich, das Geschäft aus der Hand, ja den Bissen vom Mund. Kurz, wenn ihr dahin gekommen seid, so heißt das, ihr seid daheim. Ihr habt keine Sorge um ein jüdisches Nachtlager, um eine jüdische^ Schul, um ein jüdisches Essen. Da wir vom Essen sprechen, will ich euch ein jüdi* sches Restaurant empfehlen, gerade mitten im White« shapel, das Caf6 National heißt. Das ist nicht nur ein jüdisches Restaurant, das ist ein jüdischer Klub. Denn zu jeder Zeit, wann immer ihr hineinkommt, findet ihr ein Gemisch von allerlei Juden, aller Art Typen, was sich euer Herz nur wünschen kann: Börsenmakler, Doktoren der Philosophie, Handlungsreisende, Missionäre, Hausierer, jüdische Theaterleute, Diamantenhändler, Kontoristen, Zeitungsschreiber, Schachspieler, Zionisten, Territoriali« sten, und überhaupt junge Leute, von denen man nicht weiß, wer sie sind, was sie tun, nur daß sie schreien und lärmen, lachen und rauchen und daß der/Klub voll ist von ihnen. Aber mehr als alle raucht und schreit und lärmt der Wirt des Hauses, Mister Klamer, den euch vor» zustellen wir jetzt die Ehre haben. ]iy Mister Klamer ist ein Galizianer Jude, ein wohl gesetzter Mann mit lieblich gefälligem Gesicht, mit einem HerzUBart, um dessentwillen er sich für einen vornehmen Menschen und Zionisten hält. Er selbst, Mister Klamer, ist mehr terfitorialistisch gestimmt, d; h, eigentlich ist er aüch\.kein^Territorialisti, Mister Klamer hält im allge* meinen nichts von Gruppen und Parteien, deswegen, weil er, versteht ihr mich, von Natur' aus ein Skeptiker ist. Er glaubt niemandem außer sich selbst. Aber kommt man zu ihm und sagt ihm schnurgerade in die Augen, daß er genau denselben Bart wie der Dr. Herzl habe bis auf jedes einzelne Haar, ist er schon bei den Zionisten einge* schrieben, allerdings unter der Bedingung, daß ,wenn viel« leicht es passiert und es gelingt, dem Mr. Zangwill zu be» kommen ein passendes Territorium für die Juden', er, •Mister Klamer, dagegen nichts brauche einzuwenden. Dr. Herzl ist gewiß ein großer Mann, ein Gentleman. Mr. Zangwill ist aber auch kein Jüiigel: leben und leben lasseh — das ist Mister Klamers Prinzip. Mister Klamer ist überhaupt ein Mensch von Prinzipien. Er spricht englisch und meint, daß er es wie ein echter Engländer spricht. Und obendrein half er sich für ein Stück Ge» lehrten, für einen Kenner der jüdischen Bücher, es gibt keine Sache auf der Welt, die er nicht kennt. Das Geschäft, das Restaurant heißt das, haßt er wie ein frommer Jude Schweinefleisch haßt, würdigt keinen Winkel seines Ge« . schäftes eines Blickes, kommt, es aber zum Zahlen, tut er einem die Gefälligkeit, nimmt das Geld — Hauptsache, daß man's gibt. Denn, gibt man's ihm nicht, ist nichts zu machen. Er hat ein Prinzip: Juden kommen, essen sich an, trinken sich an, und fahren nach Amerika — geh und such siel Der Fehler ist nur, daß er selbst, Mister Klamer heißt das, die Stelle so kommentiert. Ein bißchen zuviel spricht Mister Klamer über sich, seine Weltkenntnis und seine Gutherzigkeit. Im allgemeinen. spricht Mr. Klamer zuviel Aber warum soll er nicht sprechen, wenn er keine andere Arbeit hat? Im Geschäft arbeiten — das tut sein Weib, die Ms. Klamer, eine beim Herd zermürbte, abge« arbeitete, zerschundene Frau, die nie, außer am Samstag, den verrauchten, vertränten Londoner Himmel zu sehen bekömmt. Ist der Samstag da, legt sie sich den „hat" und eine schöne „dreß" an und wird eine „lady". Dafür aber sieht sie zu, daß ihr Mann* Mr. Klamer, rechtzeitig; sein „breakfast" undsein „dinner" bekomme. Nach dem Essen muß er sich ein bißchen hinlegen, ein Schläfchen tun und nachher könnt ihr ihn schon in seinem Klub .umherspazieren und seinen HerzlsBart streicheln oder bei irgen'dwem an. einem Tischchen. wie ein Gast bei einem Gläschen Bier, eine Zigarre im Mund, sitzen sehen und sich über, sein düsteres Schicksal beklagen: „Ach und weh den Jahren, daß ich, Mister Klamer, Lokschen*) ver« *) Nudelspeise. kaufen muß. Aber was soll man tun, wenn man leben muß. Oder, wie der Engländer sagt, you must work tpr your Iiving" ... Nein. Mr. Klamer haßt das Restaurant, kann es nicht ansehen, dieses Geschäft. Er zieht die Geschäfte der Gemeinschaft vor,» den Londoner WohltatigkeitsV vereinen, sein Augenmerk zu schenken, über die russi» sehen Emigranten seine Meinung zu äußern, die bei ihm nur Kazapen oder Schnorrer heißen. Seiner Ansicht nach wären alle russischen Juden an einem Strick aufzuhängen. Glaubt ihr etwa, daß Mr. Klamer bewahre ein schlechter Mensch ist? Oder meint ihr gar, daß die englischen Juden bei ihm mehr gelten? — Ihr irrt. Mr. Klamer, wenn'a darauf ankommt, kann euch hinter ihrem Rücken*-alle Londoner Reichen, jüdischen Lords beschimpfen, sie zu nichts machen.. Mr. Klamer ist ein . Mensch mit Ambition. Versucht ihr nur, mit ihm anzubandeln, werdet ihr euer Leben lang mit ihm nicht fertig werden. Die ihn kennen, hüten sich. Es kommt vor, daß er sich selbst zwischen die Gäste schiebt, plötzlich hineinspringt, während sie mitten im Gespräch sind, das Wort ergreift: „Juden, laßt mich reden. Ich werd* euch aufrichtig sagen, daß ihr alle nicht wißt, wo Gott wohnt. Reden kostet kein Geld, oder wie sagt der Engländer?: „take is cheep" . . . So läßt sich Mr. Klamer vernehmen und faßt sich am HerzWBart: „Worum eigentlich handelt es sich da bei euch zum Bei« spiel?" ____ Einmal trug sich etwas zu. Zu Mr. Klamer kam eine sonderbare Person herangeschwemmt und ließ bei ihm ein Paket mit Schriften liegen, einen ganzen Schatz. Aber wir geben mit den Worten des Mr. Klamer wieder, was er selbst über diese Person erzählt, .wie er ihr be* gegnet und was für ein Schatz ganz unerwartet in seine Hände gefallen sei. „Dieses Paket da» das ihr seht, ist bei mir als Erb*, schaft nach irgend einem Schnorrer zurückgeblieben, eines Schauspielers von den jüdischen Schauspielern, eines klei* nen, eines heiseren mit Schelmenaugen, ich soll so wissen von ihm wie ich weiß, wer er ist und was er , ist und von wo er ist. Ich hab' ein Prinzip; wenn's. jener nicht sagt, braucht man's nicht — jeder hat sein Bündel oder,; wi,e sagt der Engländer? Kurz, zwei ganze Wochen lang hat er bei mir gefressen und gesoffen, < hat gesägt, daß eine bekannte Schauspielerin habe, die Millionen verdient; Er ist mit ihr, sagt er, ganz nah befreundet', es ist nur schwer, sagt er, bis man zu ihr vorkommt, aber kaurajf sagt er, kommt man zu ihr vor, wird er mit Geld über*, schüttet wie ein Bräutigam mit Gerste. AU rightl Ich hab* ein Prinzip: ein Mensch sagt, kann man's ihm wahr|' scheinlich glauben oder, wie sagt der, Engländer?: „seengi is beliving'4 > ».....■ ■ ■■■ ■ ■.'..■•.-™?x.*4 (Fortsetzung lolgQ " '""^ ....^ GRABSTEINE F R iED LÄNDER & DEüT S CH Wien, Ii Bez., Seitenstcttengasse 2, Telephon U-28~7-28 XL, Zeniralfriedhof, neb. d. i. Tor, Telephon U-18-0-85 1'«^ äiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitt £'•.- \ finnrllnrlnt 1R89 Gegründet 1882 I Lebensverslcherunss- | Gesellschaft j | Zentradirektloii: WIEN I., Riemergaase Nr. 2 2 HhliardH SdilUing <I h RADIO Für S 2.30 Wochenrafcn erhalten Sie komplette Radioapparate mit allem Zubehör in feinster Ausführung und alle RadlO'Bestandtolle nur im MUSIKHAUS SCHLESINGER, Wien, VII., Burgfla88e122-124 Praktikant für Großhandlungshaus der Zugehörbranche in Wien gesucht Angebote unter „Aus gutem Hause? an die Admin. d. Bl. MtiDBizikttu IktiHkapiM Prlmhm- und Ziasuehaubnen im Jahn 1928 Girmtiwittti Emle 1928 lunhioniHi an die finldwtin in Jinre 1928 9/Millionen SdulUns 242 Hillionen Schilling 265 MHÜontn Schilling 5 Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, 5 Belgien, Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische es Republik, Polen, Ungern, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- 5 Ej (and. Türkei. Aegypten und Palästina. a ^iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiin lanpparate iVv,;^;- KoifGranparatB, Stöallpl die neuesten Schlager in . grösstei Auswahl erhalten Sie lüi S7 M U/nrhonntfln?owle Maridolinen, Gitarren, Harmonikas, £JU WülllKUIdlrJU, Lauten Violinen Zithern Blasinstrumente Husikiiaus Schlesinger ä ubtä Leset und abonnieret „DIE NEUE WELT" KUNDMACHUNO In der heute abgehaltenen Generalversammlung der Aktionare der gefertigten Anstalt wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Die Fusion mit der Allgemeinen österreichischen Boden-Credit-Anstalt derart durchzuführen, daß gegen je 4 Aktien dieser Anstalt mit laufenden Kupons eine Aktie der Oesterreichischen Credit-Änstalt für Handel und Gewerbe mit Dividendenberechtigung ab 1. Jänner 19b0 gewährt wird und zu diesem Behufe das Grundkapital der letzteren von Nominale S 85,00O;00Q.-~ auf Nominale S 96,000.000.— durch Ausgabe von 275.000 Aktien zum Nennwerte von je S40.-r mit Dividendenberechtigung ab1. Jänner 1930.zu erhöhen; 2. Das Grundkapital weiters von Nominale S 96,000.000.- auf Nominale S 125,0°0.00l\- durch Ausgabe von 725.000 voll und bar einzuzahlenden Aktien zum Nennwerte von je S40.— mit Dividendenberechtigung ab 1. Jänner 1930 unter Ausschluß des Bezugsrechtes der bisherigen Aktionäre zu erhöhen; 3. Die vorgeschlagenen Statutenänderungen zu genehmigen; 4. Die Fusion mit der Bankanstalt der Ersten österreichischen Spar-Casse durchzuführen; 5. Die Zuwahl der Herren Dr. Paul Hammerschlag, Eugen Kublnzky, Dr. Otto Petsqhek und Josef Vinzl in den Verwaltungsrat zu bestätigen. Wien, am 14, November 1929. Oesterrelchleche Credlt-Anstalt für Heuidol und Gewerbe) Nachdruck wird nicht honoriert/ CHALUZ Elektromonteur, der zur. Heilung einer be» , den *'Unruhen in¬ Palästina erlittenen Verletzung vorübergehend' in -Wien weilt» möchte seine theoretischen Kenntnisse im Radipfacb ergänzen. Er bittet einen zionistischen; Ingenieur, ihm unentgeltlich 1 bis 2 Stunden wöchentlich Unterricht zu erteilen. Der..Ch.aluz spricht Hebräisch und Deutsch. Antwort an die Administration dieses Blattes unter „Erez-Radip" erbeten._ :- - '■ . . ■■■■■•■■■■■■lt»tTfTfT""""T""""*"""a"'"""*****' Pension .Austria4 Kinderheim (OLGA KAOI8CH) jfigermayerstraBo 1B - Telephon 99 Stella 8 Für Dauer' und Erholungsaufenthalt Jeder Unterricht Im Hause, auch Nachhilfe , für öffentliche Schulen besuchende Kinder. - Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin. - Erstklassige Verköstigung. - Mütterliche Pflege. - Mäßige» Preise eMtMMMMMIMIMM>MMM»M»»»M«»«"«"MM«"«a««« ijlllllllllllllllllllllllllllSlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllUIlS I Derjenige Lehrer f 5 der meinen Kindern gleichzeitig, in'Jüdisch 5 s (Hebräisch) Unterricht und Nacrihilte, in . § S Mlttelschnlfächern, erteilen will, möge seine 5 5 Adresse an die Expedition unter'„Nähe des 5 5 Deutschen Volkstheaters" bekanntgeben 5 ■ I II 11 lllllllllllllllllll III III |I M11 II Iii III II I II 11 II 111 II HM M MfMli^ NÄHMASCHINEN FAHRRÄDER 1930 S20.— monatlich ohne Angab«! dl /■ ig IX. ueditensteiqstrdBeHr. ZJ »■«**4 und A1S.S-SS ^PflSSS IV. Wiedner HouptstroBe ilr.8 Tel. A 30.O-36 SPORT- UND TOURISTENARTIKtL Eigentümer. Verleger. Heraasseber and verantwortlicher Redakteur Oberbaaret Robert Stricker. » Druckerei--uiMl y.eriftgs-A.-G,' Igaes SteinmanB. belle Wies, IX, UttivenlMUniraSe i