Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 111 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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I Seite 12 DffiNiBÜEWfitT Nr. Iii Copyright 1928 by, „Die Neue Welt", Wien. e Nachdruck verboten^ Roman von Schalotn Mechern. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen h a 11. (44. Fortsetzung) Eine Hand, ein kleines kindlichweißes, ein wenig zu weißes Händchen hing von der Bettdecke herab. Alles sah ganz gewöhnlich aus, als läge sie in einem'tiefen Schlaf. Still wars. Ein Herz, das so viel geliebt und deswegen so viel gelitten, hatte aufgehört zu leben, zu leiden und zu schlagen. Still wars. Eine furchterregende,, heilige Stilie. Es war die Stille des Todes. Bejlke;gestorben. Bejlke ist gestorben und die alte Großmutter,; Benje Rafalowitschs Mutter, die immer mit dem Kopf Nein*nein wackelt, sie lebt. Sie ist schon altersirr und auf beiden Augen blind, aber sie lebt. Und geht und fragtl ... Alle älteren Kinder, die Söhne und die Töchter, die Schwiegertöchter und die Schwiegersöhne,' sind .weg,, der hier, der dort. Benje konnte niemals mit'den Kindern zusammenhausen, aber seit Bejlke ihm starb, wurde er — Gott soll behüten . « » Aschel hat er verheiratet, wirklich; mit jener aus Beiz, er hat ihm ein Weib gegeben, die Häßlichkeit selbst, aber aus einem schönen Kreis, dem Vater aber darf er nicht unter die Augen kommen, seine Reise nach Bukarest Wird er ihm nie vergessen. Darum auch wohnt Anschel in Beiz. Er hat einen Laden mit Tabak, mit Machorka, und ist, sagt man, so verbauert, daß man ihn nicht mehr erkennt . , . Die eine Tochter, die mittlere, Perl heißt sie, ist von ihrem Mann ge* -schieden und lebt als Geschiedene. Die nächste, Joche* weth, hat dem Vater zum Trotz den Bruder von Jechiel dem Musikanten geheiratet, auch ein Musikant. Und die jüngste, Bäss«Schewe, hätte sich zur Hebamme ausbilden sollen, da hat sie aber Benje Rafalowitsch zum Trotz verheiratet, und just mit ihm selbst, mit Simche dem Kassier heißt das. (Hier senkt Schischen«we«Simche die Augen und beginnt, sich zu verteidigen.) Er muß gestehen, daß er schon seit langem ein Auge auf Bass*Schewa ge* worfen hatte, aber er hatte, niemals gewagt» eine solche Sache auszusprechen, obwohl eigentlich, wenn mans bes denkt . . . Womit hat der Bruder von Jechiel dem Mu* sikanten auf eine schönere Abkunft hinzuweisen, immer* hin ist doch Simche ein Verwandter,-ein entfernter Ver» wandter zwar, aber ein Verwandterl Bass*Schewa selbst war yon der Partie, kann man sagen, nicht sehr erbaut. Im. Gegenteil. Sie hat eine Zeitlang „ausgeschlagen" und die „Mahne geworfen", hat allerlei getan, geweint, gesagt, daß sie sich noch was antun werde. Ihm selbst, Simche heißt das, war das auch nicht sehr angenehm, Bass« Schewa ist ja wirklich brav, man kann:sagen, die beste von allen, aber sich mit Gewalt aufdrangen wollte er auch nicht. Benje Rafalowitsch jedööh wollte es just — ein« für allemal Kurz, sie haben geheiratet und— nichts. Sie .haben schon gottzudankeh zwei Kinder und es kommt bald noch eines dazu . . » Es würde, ihnen, man kann sägen, nicht schlecht gehen, wenn nicht'das neue Unglück, das sie getroffen ... „Was für ein. neues Unglück?", fragte erschreckt Rafalesco. Und Schischen»we?Simche be« mühte sich, ihn zu beruhigen. „Nichts, nichts, man spricht nur so; ein Unglück. In Wirklichkeit ist das gar kein solches Unglück. Der Herr, mein' ich der Schwiegervater, soll leben, das heißt dein Vater, ist im Alter wahrscheinlich wegen der Leiden, du hörst oder nicht, fromm, geworden, und wie fromm, glaubst du? Furchtbar. Er hat-sich, du hörst oder nicht, ins Jüdische hineingetan. Tag und Nacht wird nur ge* betet und nur'Psalmen gesagt.-Na', das Beten und das Psalmensagen wäre auch noch nicht ein solches Unglück, wenn es nicht noch schlimmer war. Wass heißt noch schlimmer? Der Rebbel . * » Der Herr, mein' ich der Schwiegervater,, soll leben, ist doch einmal ein Anhänger vom Rebben geworden, ein heißer, feuriger Chossid, und hat begonnen, du hörst oder nicht, zum Rebben zu fahren und nicht nur fahren, sondern zu sitzen, zu liegen und nicht herauszutreten aus des Rebben Hof. Früher war es der Stefaneschtier Rebbe, Reb Matisjahu. Jetzt ist's der Bojahcr. Schon mehr als ein halbes Jahr, daß er sich hin« gesetzt hat beim Rebben in Bojan und nicht nachhause* fahren will. Gekommen ist er nach Bojan zu den Feier* tagen und seit damals'ists — leb wohl mit dem Kaftan. Da ich sah, daß es eine Geschichte ohne Ende ist, schreib ich zu ihm, zum Schwiegervater heißt das, Brief um Brief: Gewalt, Schwiegervaterleben, was wird das Ende werdenl Auch das übrige bißchen Hab und Gut wird zugrunde« gehen. Antwortet jemand? Er weiß nur eines, man soll " ihm, du hörst oder nicht, ich soll ihm Geld von zuhause schicken. Was hab ich,' einen Brunnen, eine Quelle? Ein Brunnen schöpft sich auch aus. Schlecht, was tut man? Da hab ich mirs überlegt, du hörst oder nicht, und bin hingefahren zum Schwiegervater nach Bojan, um mit ihm darüber zu sprechen. Man kann ihn doch nicht aufgeben. Aber geh und sprich zur Wandl Wenn sich der, wie soll man sagen, in solche Sachen hineingelassen hat, der Rebbe, der Rebbe und der Rebbel Vom Haus, von Hole* neschti mit ihm sprechen kann man nicht. Er will's nicht anhören. An die Kinder erinnern darf man ihn nicht. Und wer spricht denn noch den Namen Lebl oder An« schel? — Nicht gedacht und nicht genannt 1 Anschel heißt bei ihm der Todesbote. Dieser Todesbote, sagt er, hat die Mutter geschachtet. Wenn nicht Anschel und seine schöne Reise nach Bukarest, wäre der Schwiegervater kein Witwer geworden. Das ist sicher wie der Tag. Hör' also weiter. Da bin ich nach Bojan zum Rebben gekommen, zum Schwiegervater heißt' das, und hab ihn angetroffen, du hörst oder nicht, allen Feinden, gesagt. Ich kann es gar nicht mehr fassen. Das Herz tut weh. Solltest ihn sehn — nicht die Hälfte von ihm geblieben. Der Bauch hängt herunter. Die Backen eingefallen, Alt und grau. Ich hab fast geweint. Und er — er, wenn er wenigstens die Frage getan hätte: was machen die, Kinder?, — gar« nichts, absolut garnichts. Ich soll, Idu hörst oder nicht, mit ihm zum Rebben gehn, und zwar gleich. Anders will er nicht. Ich sag' dir — stärker als Eisen. Ein schönes Beispiel, dieser Mensch. Ich will mit ihm etwas zu reden beginnen, zu plaudern von daheim, wie das Ganze denn ausgehen soll1, er aber läßt es njeht zu. Morgen, sagt er, morgen, heute muß er. du hörst oder, nicht, beim Rebben sein. Und so gehts Tag um Tag. Derweil, wie ich so im Wirtshaus sitze, hör ich irgendwie junge Leute von Czer* nowitz reden . . . vom jüdischen Theater ... von einem Benefice, das gespielt wird von einem berühmten und noch dazu ganz jungen Schauspieler aus Bukarest, noch Milch und Blut, mit dem Namen Rafalesco . . . Der Name „Rafalesco", die Stadt „Bukarest", und die Worte „Schau« Spieler", „ein ganz junger", „Milch und Blut", sind mir, du hörst oder nicht, in die Nase gestiegen: ist das nicht etwa unser Lebl? — geht es mir durch den Sinn. Da schließt sich mir irgendwie eins zum andern: Bukarest... Rafalesco .'• . . jüdisches Theater . Und ich hab mirs so zurechtgelegt: Da es ohnedies schon eine Menge Geld kostet, wird es eben noch ein paar Heller kosten •— ich muß, du hörst oder nicht, einen Blick werfen auf diesen ganz, jungen Schauspieler aus Bukarest. Nur" gilt es noch, ein Wort darüber mit dem Herrn, mein ich, mit' dem Schwiegervater wechseln, hören, was er dazu sagen wird. Womit leitet man das Gespräch ein? Mit dem Theater. Mit; dem jüdischen Theater in Czernowitz. Hören das Wort „jüdisches Theater" —• ist er geworden, was soll ich dir sagen? Man hat schon Frischere in die Erd ge« legt, er hat begonnen sich zu schütteln, den Stock ge« packt, du hörst oder nicht, und gesagt, er wird mir den Kopf spalten, wenn ich noch ein Wort rede! . . . Schlecht, was tut man? Bin hinausgelaufen auf die Gasse, eine Fuhr gedungen- bis nach Czernowitz und bezahlt , y^e ein Brodyer Kaufmann. Wozu sollen wir uns denn täuschen. Zum Beispiel, wüßt ich, daß es weißgott wieviel'kostet ünd sogar zu Fuß gehn müßte, weißgott wieweit, .was isifc schon dabei? Wieviel ist allein das mir wert, daß ieh dich gottseidank noch am Leben seh, und erst die Ehre, die du im Theater gehabt hast, du wirst mir. glajl* b'ön oder nicht?. Es ist ausgebrochen ein /Geschrei und ein Geklatsch „Rafalesco!" * Und wie diejungen Leute dich auf den Händen getragen haben, da sind' riiir Tränen in die Augen gekommen, so wahr ich ein Jude vor dir steh! Ich hab' mich erinnert, du hörst oder -nicht, . web mir, oh ja, das ist unser Lebl/derselbe, der niit mir ge# schlafen hat in einem Zimmer, Bett gegen-Bett!" Da wischte sich Schischen*we«Simche eine Träne .aus dem Aug' und plötzlich änderten-sich Stimme, Miöne, Tonfall und er wendete sich an Rafalesco mit süß« einschmeichelnden Worten: , „Erinnerst du dich,, mein Seelchen, wie, wir zu 'schlafen pflegten zusammen, in einem Zimmer,'Bett gegen Bett? . . Meine Hosen mit den Schlüsseln hielt Vieh immer bei mir am Kopfende . . . Glaubst du, . daß ich nicht gehört hab', wie jemand bei meinem-Bett, steht, die Hosen abtastet und sich bei der Schublade zu schaf« fen macht? . . . Gehört hab' ichs, soll ich nur lauter Gutes zu hören bekommen. Nur konnte ich nicht, du hörst oder nicht, die Augen aufmachen . . . Wo ist;das Geld hin, das . . . damals ... aus der Schublade? « . .. Ich mein, bei wem ist es geblieben? Etwa bei jenem da, bei dem mit dem gefalteten zerknitterten Gesicht? Oder bei dem kleinen tänzelnden Schauspieler mit den yer> schmitzten Augen? Oder vielleicht gar bei dieser b latter« narbigen Cholera, die einmal Hotzmach geheißen hat und heute nennt man ihn schon Holzman?, , . y 83. Kapitel. Der Handel um Rafalowitschs Wohnung. . Es begann schon zu tagen. Der Czernowitzer Markt, der sich jeden Frühmorgen gegenüber dem „Schwarzen Hahn" abspielt, kam schön auf die Beine und gab bereits Zeichen von Leben, indes unsere beiden alten Bekannten, Rafalesco und Schischen«we«Simche, immer .noch! redeten. Das heißt, reden tat nur Schischen*we*Simche und Rafa* lesco lauschte ihm mit gespanntester Aufmerksamkeit, ihn nur selten unterbrecherjid, indem er entweder 'sith erhob oder die Worte „Wirklich wahr?" oder „Was . redst du?" oder „Es kann nicht sein!" ausrief. ^Schischenswe? Simche versicherte ihm, daß alles, was er ihm erzähle, heilige Wahrheit sei, und schwur es bei. seiner jüdischen Seele, so solle er erleben nach Hause zu kommen äu seinem Weib und zu seinen Kindern, und noch ähinjiche Schwüre, als würde ihm Rafalesco ohne . Schwur- 'nicht geglaubt haben. Das war so komisch, (daß, Holzman, der irnmer noch hinter der Tür' im [ Nachbarzimmer-.;siafß;. .und durch das Schlüsselloch zu Rafalesco ins Zimmer' hinein» sah und die ganze Erzählung genau verfolgte, sichnjfcht vom Lachen zurückhalten konnte und am Niederhaiten fast erstickte. Als er zum Augenblick kam, da Schischen« we*Simche plötzlich die Frage an Rafalesco nach, dem Geld tat, das damals aus der Schublade in HQleneschti verschwand, legte unser Holzman sein Ohr fest an die Tür an, begierig zu erfahren, was ihm der Junge darauf erwidern werde. Da gab aber Holzmans. Sessel just einen knacks von sich, derart, daß alle drei erschraken:;Rafa* lesco und' Schischen*we«Simche erschraken lediglich ob des Knackses, der in der Stille der Nacht sich, stärker ausnahm; als er in Wirklichkeit war; und Holzman war darüber erschrocken, ob man nicht etwa daraufkäme, daß er die ganze Zeit daneben gesessen und eine nicht für ihn bestimmte Unterhaltung belauscht habe. Der Schreck aber verrann nach ein paar Minuten Stillschweigen :in Nichts und Holzman konnte ungestört seinen Platz bei« behalten wie bisher. Leider aber hatte er gerade das Interessanteste nicht gehört. Nicht etwa deshalb, weil er schlecht gehört hatte, im Gegenteil, er hörte durch die Tür jedes Wörtchen, aber es hatte einen andern'-Gruridi (Fortsetzung (folgt.); GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, /. Bet„ Seitenstettengasse 2, Telephon ü-28-1'28 XI, Zentralfriedhof, neb. d. 1, Tor, Telephon V'18-0'85 §iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiintiiiiii|iiililiiiiiiiiiiiiiiiii!ä .PHÖNIX' | Begründet 1882 I Lebensversicherung i Gesellschaft | Zentradirektlon: WIEN I., Riemargasse Nr. 2 | | fasitheriDMbMtwi 2 MüJiarden Sdülling VoUeiugeÄi AtöeDkipilil : 4,00000.-Sdülling a PriigitD-und QmtoeiooiliilN In Jibie 1928 9? MUIIoneo Sdülling s Guutientttel Ende 1925 242 Mllllonca Sdülling 3 AuuhlaitgfQ an die VerslditrteQ la Jahre 1928 265 Million?!! Willing s Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, DeuUchwReich, Frankreich, s BolüTen, Holland. Itillwi, 8panIon, TachQcrtoslowakische s s Republik, Pojw, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechens s Und, TUrM. 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