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Die neue Welt · 1929-09-27 · Heft 106 (27.9.1929) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 106 (27.9.1929)
Date
1929-09-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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rsiifets die mm WELt _£ofcyrigW 1928 by „Die Neue Weit«, Wien ee Nr. 106 Nachdruck verboten. Roman von Schalom Mechern. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen halt (41. Fortsetzung) Die Mme. Tschernjak, die arrtie, fühlte, daß ihre sieben fetten Jahre zuende waTen, daß man ihr bald die Schlüssel wegnehmen und wahrscheinlich dieser alten Hexe geben werde, der sie aus vollem Herzen ein rasches Ende und einen leichten Tod wünschte. Die Mme. Tschernjak kennt schon den Geschmack des Zurückgesetztwerdens. Es ist nicht das erstemal, daß man sie wegwirft wie eine Sache* die man nicht mehr braucht, wie ein, altes Kleid, das unmodern geworden ist, odereinfach wie etwas, das man satt hat. .Dieser Wind« beutel Hotzmach'.y dachte sie sich, ,wird gleich so tun, wie wenn er nicht auf der Welt wäre. Er wird alles vergessen, worüber wir einmal gesprochen haben, und wenn ich ihn daran erinnern werde, wirder es für eine halbe Stunde •überhusten.' Arme Brejndele Kosak! Wirklich, so wie. ihr Herz es> ihr gesagt hat. Holzman ist eih 'Mensch, der Zere* monien nicht liebt. Bei ihm geht's eins, zwei, drei. Er hat ihr nicht cmmal ein Wort des Dankes gesagt für ihr bis» heriges" Haushalten, für ihre Besorghisse um seine Ge« sundheit, für nichts ein Wort des Dankes. Und als er frühmorgens bemerkte, daß sie ihm etwas sagen will, griff er sich ans Herz und begann derart zu husten, daß er fast zür Decke sprang. Still, ohne Abschied, übersiedelte die Mme. Tscher« njak gegen Mittag in ein neues Quartier, ohne selbst auch pur eine Träne zu lassen. Die Holzkoffer zusammen« gepackt, faßte sie sich ein Herz, nahm die rote Pelerine und: mit ihren großen Zähnen lächelnd, verließ sie tän* zelnd, wie es ihre Art ist, Holzmans Wohnung für immer. »Vergeltung muß' sie noch an diesem Hotzmach er« leben, es sei denn, daß sie in der Erde liegt und Gras über ■ ihr wächst,4 tröstete sich Brejndele Kosak, als sie neben dem Wagen durch die Straße ging, die röte Pelerine an* getan. . 76. Kapitel. Er lehrt sie Benehmen. Die ersten paar Tage, da Sore Bröche und ihre Tochter Sladke bei Holzman als Gäste galten, ging er ■mit ihnen wie mit Gästen um, gab acht, daß sie essen und trinken und sich wohlfühlen. Nicht eine Minute wich e.r von ihnen, zeigte ihnen alle seine Habseligkeiten, setzte sie jeden Abend ins Theater ganz vorn in die 'erste Reihe. Und- Sladke, versteht sich, war über die Vor* Stellungen im siebenten Himmel; es schwindelte ihr fast der Kopf. Ja selbst die alte Sore Broche, die von Natur aus Theater nicht liebte, wie ein frommer Jude Schweine» fleisch nicht liebt, tat es ihm zuliebe, sah mit einem Aug auf - die Szene, mit dem andern aufs Publikum, lachte mit lauter Stimme, belustigte sich mit dem Ruf „Komödian* ten" durch den ganzen Saal, „Schfemihle zu all den schwarzen Jahren" oder „Mein Wehe auf ihre Köpfe'* oder „Hals, und Nacken soll1 euch brechen, Herr der Welten", so, daß Holzman ihr von der Szene mit Hän» den. und Augen zuwinken und mit „Ss" beruhigen mußte. Kurz, Mutter und. Tochter badeten in Butter und Honig. Dann aber, als die Glut der Gastfreundschaft bei unserem Holzman vorüber war, begann er seine Gäste ein bißchen Benehmen zu lehren: wie sie zu gehen, zu stehen, im .Theater zu sitzen, sich als „Menschen zu halten" haben. Seiner Schwester Sladke zog er Handschuhe an, damit man ihre roten Hände nicht sehe, kaufte ihr einen Hut mit einer großen Feder, fast wie der der Primadonna, und kleidete sie überhaupt wie eine „Prinzessin". Man kann nicht behaupten, daß diese „Prinzeß» .kleider" .unserer Sladke .sehr angenehm, waren.;Im Gegen* teil, sie fühlte sich sehr beengt, gedrückt und gefesselt. Es schmerzte sie der Kopf, es Schwindelte ihr vor den Augen und es schien'ihr, daß die Nase nicht-an der .gichtigen,Stelle,sitze: und '}efa-$a$-;bemtke\i'•:..iV.• -Mit Vergnügen würde sie wieder das Zwirnkleidchen mit der grünen Bluse anlegen, die alten zertretenen Schuhe. Sie wünschte sich den Segen,* um wie viel wohl sie sich »n alten Sachen fühlte als in den neuen engen spitzen Schuhen mit den.;höhen Absätzen, auf denen es sich wie aüf : Stelzen geht. jfcb.e£ was soll sie tu«, wenn es der Bru* der so will? ÜndHolzinän^Btrailiti^ seine Schwester in der neuen Kleidung, vergleicht sie mit der Primadonna Schwalb und findet, daß sie durchaus kein unschönes Mädel sei, nur ein bißchen wild, schamhaft und zu schweigsam. Man muß sie ein bißchen zuschleifen, ver* menschlichen, ausbilden heißt das, gesprächiger, lebhafter, kurz zu einer „zivilisierten Mamselle" machen. Unter* dessen wirft Holzman einen Blick auf den „Burschen", der i it Sladke spricht, die die Äugen senkt und rot wird wie ein Krebs, und er winkt ihr mit den Bräuen zu, sie solle heruntertun und die Äugen aufheben, was Sladke noch röter macht und Holzman furchtbar erregt. Ist Holz* mah allein mit ihr, versetzt er es ihr wie einem Hund: ,Wäs fürchtest du dich, direkten die Pupillen zu schauen? Hast was gestohlen?' oder;Sieh nur ein " Paar Pratzen!' Auch an, die alte Mutter machte er sich, sie Be« nehmen lehren, wollte sie ein bißchen heraüsstaffieren, daß sie „wie ein Mensch" aussieht. Es paßt sich nicht, gab er ihr logisch zu verstehen; daß des Direktors Mütter wie eine „Geflügelhähdlerin" angezogen geht. Mehr brauchte man nicht. Sore .Broche ist eine einfache Frau, aber eine aufrichtige: was auf der Lunge, das auf der Zunge. Sie hört ihn an; und antwortet ihm mit ihrer männlichen Stimme, vsie werde,* wenn;/sie ihm im Schleier nicht gefalle und nicht1.: passe,.als arme Mutter, ihm den Gefallen tun, die Deichsel "umdrehen und Jioch heute mit der Töchter nach Hause: faforqnv ■•• *-r Und wie gesagt/nimmt die Alte ganz ernstlich ihre Bündel, ihre Flaumsäcke,, die. Kissen* und-, die Decken und sagt zu Sladke:; „Komm,><Tochter,, was werden wir Ge* flügelhändlerinnen da herumdrehn unter solchen Herren und Damen, wir können: ihnen, noch bewahre ihre herr* schäftlichen Kleider beschmutzen. Versteht sich, daß Holzman sofort einlenkte, der Mutter bei allen Sehwüren der Welt schwur und vor ihr seine Knie auf dem Boden wetzte,, bis er es' der Mutter beibrachte, daß das, was er gesprochen, nur „Gebell" war. Nicht wenig auszustehen aber hatte unser Holz* man erst dann, als er damit hervortrat,'aus der Schwester eine Schauspielerin zu machen. Wie ein wildgewordenes Pferd pflanzte sich Sore Broche hin: Nein und nein. Eher ein schmählicher Tod, als zulasen, daß die Tochter mit allen Komödianten auf einem 'Seil tanze. Höchstens dann, wenn man ihr Scherben <auf die Augen' gelegt hat. Kürz,, weder im Guten hoch im Bösen gings.- Holzman befiel kalter Schweiß, er begann schön >Blut zu husten. Als die Alte Blut sah, erschrak sie. Weh ist ihr, schweres Leid, ein Donner hat sie erschlagen." Und sie gab ihre Einwilligung, aber mit der Bedingung, daß ihr der Sohn -schwöre und vor zwei Zeugen gelobe, zuerst die'Schwester zu verheiraten. Er nahm es auf sich, ihr; nicht ••Später als in einem halben Jahr einen Bräutigam zu bringen und eine Trauung zu stellen, wie Gott es ge* booten - hat . 7 7. Kapitel. TartelsMartel. Czernowitz — die Hauptstadt der Bukowina. Direkt mitten am Markt, die Fenster zu den Geschäftsläden hinaus, steht stolz und in Respekt vor sich selber ein großes Hotel mit dem Namen „Zum schwarzen Hahn" undwartet auf Gäste! Gott möge ihm helfen. Vom ^Wandertheater Holzman, Schwalb und Comp, wird der „Schwarze Hahn" nicht fett werden. Die ganze Truppe besetzt alles in allem gegen drei bis vier Zimmer und essen tut sie in einer jüdischen Garküche und das auch nicht alle, denn nicht jeder Schauspieler hat, womit zu zahlen; Ueberhaüpt am Monatsende, da die „unreinen Tage" kommen, lebt man davon, daß man Rollen studiert, Proben macht und Tartel*Martel spielt. Das ist eine Art Kartenspiel, das in sich alle Vorzüge birgt: man muß seinen Kopf dazu nicht anstrengen, man braucht keine bestimmte Anzahl von Menschen zum Spiel und man kann spielen wie man will, selbst. stehenden Fußes. . Des* wegen sind auch von diesem Spiel Schauspieler, Musi* kanten,. WanderkMnstler und. überhaupt Menschen, ein* genommen, die keine Zeit haben und rasch, auf einer Zehe, ein Spielchen tun wollen. Im Zimmer, wo die Tartel*Martel*SpieIer sitzen, t*t's so rauchig, daß man kaum sieht, wer sich darin be« befindet, obwohl es Tag ist und die Sonne scheint. Ganz oben am Tisch, über einem großen Teller, sitzt der Bank« halter. Diesmal hält die Bank Holzmans Kompagnon, Isaak Schwalb, der abrasierte Geselle mit dem fürchter* lieh roten Gesicht, das aussieht, als hätte man ihm die Haut abgezogen. Dazu ist er noch sehr aufgeregt und sehr stark erhitzt, er legt die Karten aus, Gattung nach Gattung und wird verschlungen „wie Korach". Fast jede Karte schlägt ihn „wie^eine Bestie" und außerdem,, daß er jedem besonders zweifach und dreifach und vierfach und neunfach auszahlen muß, beschimpft man ihn noch, wie viel in ihn hineingeht. Von alen Seiten streckt man ihm die Hände entgegen und Schimpfworte und Flüche sausen, über seinen Kopf. „Schwälblein, mir zwei Kronen, zwei Geschwüre dir ins rote Gefrieß hinein.", „Da her, Schwälblein, vierfaches auf den Pick*Ober." „Schwalb,-dich, werd ich heute nackt ausziehen, wie du auf die Welt gekommen bist." „Den Tod bekommst du von mir, Schwälblein, den Tod." ... „Aha, Bengel, geschlagen, heraus mit den Paril" vUnd. je mehr man Schwalb beschimpft, um so mehr gerät/er in Hitze und je mehr er in Hitze gerät, desto mehr verspielt und flammt und brennt er wie ein Strohdach. „Die Cholera! Hör auf, gib die Bank weiter, siehst doch, du Trottel, daß dir die Karte nicht fällt." So rät ihm Holzman als Kompagnon, als guter Freund, wird aber von ihm unschön abgefertigt. „Scher dich, du zahnloser Hund, du alter Hagestolz, wer fragt dich um Rat?" Und der Bankhalter Isaak Schwalb brennt und mischt die Karten und blickt mit roten entzündeten Augen in den Teller, und wie er sieht, daß es in der Kassa „tagt", immer schütterer und dünner wird/bemüht er sich mit tiefem Seufzer zur Brusttasche. Mit zitternden Fingern zieht er von dort einen dicken, fetten Geld* behälter hervor und die Leute Werden noch lebhafter. (Fortsetzung folgt.) GRABSTEINE FRIED LÄNDER & DEUTSCH Wien, l. Bes., Se(ten$tettenge*se 2, Telephon ü-28-1-28 XL, Zentralfriedhof, neb, d. I. Tor, Telephon V'18>0 85 m flll l%IAror S Woch«nrat«n llliLIIIJ erhalten Sit komplette Radioapparat« ■ "Jar m ^Bf mh allem ZpbeWr In feinster Ausführung und alle Radlo«Be«taRdtella nur Im MUSIKHAUS SCHLESINGER, Wien, VII;, BirflQ»S86l22*124 £l||lll|IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIlll|l|llllllllllllllllflti § 8egrQndet 1882 | I LeDensverslcherunss- I Gesellschaft * | Zentraldirektion: WIEN I., RiunfrgwM Nr, 2 i 1 VaiiAtruHMlM VoUtingeuiltt! Prlmitom Ztowoeipilara in Jtbn 1928 Garjntiemmii Ende Auuhlonin u db fwktaii» in Jakie 19*8 l hWia Sälltim] s 9/MilliOBO 242 n8i(B« mm #5 NDliMM m\f4- Tätigkeitsgebiet: Oeaterrelch, Oeutachai flalch, Frankreich, =; a Belgien. Holland, Italien, Spanien, Twhechoalowaklacha s 3 Republik. Polen, Ungarn, Jugoslawien, Sulovlen, Griechen, s g * land. Türkei. Aegypten und Palästina. yjiiiiiiiuiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimr? Hebräische Hebräische Kinderspiele werden eröffnet. 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