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Die neue Welt · 1929-06-21 · Heft 92 (21.6.1929) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 92 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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\f Seife K DIE NEUEWECT Nr. 92 ein Scheck auf sage und schreibe MnfKundert Dollar und eine kurze Mitteilung des Sekretariates des Philanthropen, die besagte, das Geld werde ihm zur Durchführung seiner Reisevorbereitungen übermittelt. Das Schreiben schloß mit der Bitte, das Büro zu verständigen, ,\vie er die Geldsendungen wünsche, viertel- oder halbjährlich. Als Buchholz den Brief mit dem Scheck bekam, war Dwojre nicht mehr zu Hause, da sie bereits zur Arbeit gegangen war. Im ersten Augenblick war er so überrascht, daß er den Mantel umwarf, um Dwojre im Shop aufzusuchen. Als er auf die Straße kam, wehte ihm der frische Frühlingswind entgegen. Er lief wie ein Sturmwind durch die Straße und in der Tasche hielt er krampfhaft die Hand mit dem Brief und dem Scheck. . Tief in seinem Innern erwachte ein Verlangen. Einen Augenblick lang kam es ihm vor, daß er nicht zu Dwojre lief, sondern zu Miß Forster; sie werde er . mitnehmen, sie werde an seiner. Seite durch die Straßen, durch die Fünfte Avenue spazieren und sie; beide würden die Einkäufe in den Geschäften besorgen, die Einkäufe für ihre gemeinsame Reise nach Europa; er werde ihren Atem fühlen und vielleicht gar sie bei der Hand halten, ihre Hand drücken . ... Buchholz blieb stehen, schüttelte seine Phantasien von sich ab und machte sich selbst Vorwürfe. Mit einem Satz war er im Shop oben und ließ Dwojre herausrufen: „Du mußt, sofort mit mirweggehen, zieh' •dich an und komm'!" „Was ist geschehen?" — fragt Dwoire erschrocken. „Das da" — Buchholz zeigt ihr den Brief mit dem Scheck. Dwojre sah nicht ein, warum sie ihre Arbeit unterbrechen sollte. „Ich will nicht, daß du arbeitest! Du brauchst nicht mehr zu arbeiten! Mir paßt es nicht, daß du noch arbeitest." Dwojre tat es leid, daß sie ihm seine Freude ^zerstört hatte und sie lächelte ihn an, um ihn zu versöhnen. Sie ging in die Werkstätte, kündigte für den Rest des Tages, kleidete sich an und ging mit ihm. „Also, was werden wir, zunächst tun? Womit sollen wir anfangen?" — sagte sie, sich an ihn schmiegend wie in,den guten; alten Zeiten.' „Zunächst gehen wir .durch die Straßen und sehen uns die Schaufenster an, als hätten wir keinen Pfennig Geld, so wie wir es früher einmal getan haben. Doch wenn uns etwas sehr, sehr gefällt, dann kaufen wir es." „Nein/ Chaskel,' zu allererst kaufen wir ein großes Bukett Blumen und bringen ,es Miß Forster" — sagte Dwojre — „sie hat doch all das gemacht." „Ja, Dwojre, ja" — rief Buchholz begeistert Und druckte gerührt Dwojre mitten auf der Straße an sich — „wir werden sie bitten, mit uns mitzugehen und werden alle drei durch die Straßen bummeln, was?" Dwojre wurde es traurig zumute, — wie es ihr schien, ohne rechte Ursache, und sie senkte den Kopf. Doch Btichholz bemerkte nichts. Der Gedanke, Miß Forster mitzunehmen, den ihm Dwojre eingegeben hatte, begeisterte ihn so, daß er nicht merkte, wie Dwojre plötzlich traurig zumute wurde. „Komm', Dwojre, rasch, wir müssen noch den Scheck einlösen, wir haben doch kein Geld." Dankbar umarmte er Dwojre. „Ich habe dich lieb! Ich habe dich so lieb" — mitten auf der Straße streichelte er ihr Haar. (Fortsetzung folgt.) Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von SchaJom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. (32 Fortsetzung) 5 5. Kapitel. Wer da fährt und wer da geht zu Fuß. Das erste Gastspiel ging im Lemberger Jüdischen Theater mit demselben Erfolg wie! überall zu ende. Wie oft man auch den Vorhang hinunterläßt und aufzieht und wieder hinunterläßt, die Rufe des Publikums hören noch immer nicht auf „Ra-fa-les»-co, Ra>fa-les-co". Die Schauspieler haben bereits die angeklebten Flachsbärte abgelegt, ziehen sich schon um, suchen der eine seinen Kragen, der andere seine Gamaschen und singen dazwischen oder werfen einander scharfe Worte zu. Und dort im Saal hört man immer noch „Ra-fa-les-co, Ra-fa-les-co". I „Auf—die—Zahn—weh sollt ihr schreien", dehnt ein Schauspieler mit verzerrtem Gesicht die Worte, strengt sich vergeblich an, den Rock, den er mit Flüchen bedeckt, anzuziehen, das zerrissene Futter des Aermels läßt es nicht zu. „Soll ich?" wendet sich der Regisseur mit rotem verschwitztem Gesicht an Hofzman und hält mit beiden Händen die Rolle des Vorhangs. „Genug ihnen für ihre ehrlichen Heller zu Kränk'," sagt Holzman, der kein Freund von Zeremonien ist. Es helfen aber keine Redensarten. Der Gast aus Bukarest muß sich wenigstens einmal noch dem Publikum zeigen. Und der Vorhang geht zum letztenmal auf und Rafalesco zeigt sich und verneigt sich. Nichtsdestoweniger macht man wieder mit „Ra-fa-les-co, Ra-fa-les-co" Lärm. „Schluß, ich geh nicht mehr hinaus," sagt Rafalesco wie ein Kind mit Kapricen, wirft die Perücke ab, löst den Schnurrbart und fettet das Gesicht ein, das junge, schöne, glatte, frische, weiße Gesicht, an dessen Stirn und marmorweißem Nacken schönes blondes Haar sich lockt. Die Schauspieler betrachten ihn von der Nähe mit neugierigen, forschenden Augen und beneiden ihn um alles: um seinen .außerordentlichen Erfolg, um seine ruhige Haltung und um den rauschenden Applaus des Publikums, das einfach verrückt geworden ist. Und um sein junges; schönes frisches glattes Gesicht, um sein schönes blondes Lockenhaar,' um seinen marmorweißen Nacken. Sie beneiden ihn und verstehen es. doch nicht, wodurch sich dieser junge Schauspieler auszeichnet. Warum das Lärmgeschrei „Rafalesco, Rafalesco''?.,Früher, bevor noch der Gast aus Bukarest aufgetreten war, erwarteten sie von ihm — sie wfissen selbst , nicht was. Sie glaubten, sie würden gottweißwas für eine Löwenstimme hören. Sie glaubten, ein Spiel aufgewartet zu bekommen, daß die Wände zittern. Und eine Sprache und Worte — keine gewöhnlichen Worte von ihm zu hören. Und zum Schluß — wer? was? wen? Keine Spur, von all dem. Er tritt au5 wie jedermann, sitzt und geht. und gibt sich auf der> Bühne ruhig, gelassen, einfach, einfach wie ein einfacher gewöhnlicher Mensch. Chacha> das soll gespielt heißen? Er spricht ja nicht einmal wie. ein Schauspieler, nur wie ein einfacher gewöhnlicher Mensch. Woran unterhalten sich die Leute, zu all den schwarzen Jahren? Was machen sie' die Welt rebellisch, die Tröpfe, Schafe, Viecher^ Esel? Alles auf der Welt muß ein Ende haben. Selbst das Herausrufen eines Schauspielers zur Rampe des jüdischen Theaters hat eine Grenze. Da die Leute sahen, daß der Vorhang nicht mehr aufgeht, begannen sie endlich und schließlich das Haus zu. räumen. Die Lampen verlöschten eine nach der andern, einige Minuten noch und das Theater ist wüstenleer. Nur eine Person blieb, um auf die Schauspieler zu warten, der Dr. Lewius oder, wie die Schauspieler ihn nennen, „Dr. Lewiathan". Er hatte beide Truppen eingeladen, in ein Kaffeehaus, damit man auf seine Rechnung ein bißchen „lebe". Die Lemberger Schauspieler kennen aber diesen Mazenaten. Sie wissen, daß der „Dr. Lewiathan" keine gär offene Hand hat, für jüdische Schauspieler viel springen! zu lassen. Der Dr. Lewlius ist gern freigebig bis zu (guten Worten, zu Komplimenten, zu allem, aber bis zur, Tasche, bis zur Geldbörse — nicht. Hier keinen SchritU weiter. Aber wenn der Dr. Lewius im allgemeinen mit guten Worten freigebig war, so überschüttete er tinsem jungen Helden mit Komplimenten von oben bis herunter* Dr. Lewius lief nach jedem Akt zu Rafalesco in diei Garderobe hinein wie ein echter Mäzen. Er rieb sich die Hände, geriet in Schweiß, zeigte alle seine Zähne, die bei ihm sonderbar schief übereinandergewachsen sind, und dankte dem jungen Gastroilisten und seinem Impresario Holzman fast mit Tränen in den Augen. Nach dem dritten Akt stürzte sich unser Mäzenat in solch eine Begeisterung! hinein, daß er den jungen Schauspieler umarmte und abküßte. Dann rief er Direktor Holzman beiseite und sprach mit ihm in temperamentvoller Begeisterung, fortwährend die Hand aufs Herz legend, als wollte er bedeuten, „auf meine Verantwortung". Unter dem Eindruck, daß der „Deutsch" für den Jungen den Hals hergibt, erwog sich Holzman den Wunsch, dieser k. k. „Deutsch" möchte doch wenigstens ein Präsent darbringen ... einige tausend Kronen hervorziehen oder psst... zu Holzman als Kompagnon beitreten, zusammen ein Theater mieten, aber was ein Theater heißt, mit einer Primadonna und mit allen siebzehn Sachen oder sagen, ,da hast, Holzman, dir hat Gott einen Schatz gegeben, Rafalesco, mir hat Gott Geld gegeben, machen wir Kompagnie'! Warum nicht? Möglich bei einem Doktor, einem Mäzenat, einem Liebhaber de& jüdischen Theaters, der vielleicht über eine halbe Million verfügt?! Anders stand es um Rafalesco. Der rauschende Applaus' des Publikums und die Komplimente des Dr. Lewius hatten unseren jungen Helden nicht derart den Kopf verdreht, daß er auch nur für eine Mjinute an Brejndele Kosak vergessen hätte, die einzige hier, die ihm einen Gruß von des Chasen Tochter, von Resl, bringen könnte. Resl, Resl! Wo immer er ist, was immer er tut, — vor seinen Augen steht Resl. Und heute deutlicher als sonst. Und er fühlt, wie das Hlerz ihm klopft, noch! bevor er von ihr etwas hört. Er schaut sich um und sucht die ein bißchen Kleine, e£n bilßchen Dicke, die mart Brejndele Kosak ruft. Hier ist sie unter den allen. Sieht ihn sonderbar an und durchbohrt ihn mit den Augen, alsl wüßte sie etwas. Sonderbar geht sie gekleidet. Eine rote Pelerine, eine rote und weite. Und sie selbst sieht etwas sonderbar aus*, so als würde isie jeden Augenblick zu kreiseln beginnen; die Gestalt wie ein kleines Faß, Füjße ein bißchen rund, ein Mßchen dick, ein bißchen kurz, Hände — Patschhändchen. Augen nicht groß, japanisch, aber mit dichten Brauen und ein Gesicht justament weiß und rund wie ein Teller, wie ein Mond. (Fortsetzung folgt.) BSTEINE \F RIEDLÄNDER & DEUTSCH \Wien, 1. Bes., Seitenstettengasse 2, Telephon V-28-1-28 \XI., Zentralfriedhof, neb. d. 7. Tor, Telephon U-18-0-83 I RADIO 1B "iMc KolferapparatE, S[ die neuesten Schlager in grösster Auswahl erhalten Sie für S7 tli Hfnrhnnntnn sowie Mandolinen, Gitarren, Harmonikas, 1.311 WDlDBDialBD, Lauten, Violinen, Zithern, Blasinstrumente MusiKhuus Schlesinger g» %jgS ailllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllg | Gegründet 1882! Lcbensuerslcherunss- | Gesellschaft | Zentraldirektion: WIEN I., Riemergasse Nr. 2 | 1 Milliarde 600 Millionen Sdüllüig | 4,000.000.- Mitling Prämien- und Zinseneinnabmen Im Jahre 1927 71 Millionen Wifling S 2 Garantier« EDde 1927 192 Million«! Sdüog | s Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, s 5 Belgien, Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- land, Türkei, Aegypten und Palastina. 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