Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 90 (7.6.1929)
- Date
- 1929-06-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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f Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 90 Gespräche mit Politikern. Aus meinem (rftnssylvaolschen Tagebuche von Otto Abeles. S a t m a r, im Mai. Merkwürdig, wie sich Gespräche, die man vor längerer Zeit führte, „abhlagcm", wie 'lebendig sie werden, wie die Zwischenzeit alles Unwesentliche wegmassierte und nur bestehen ließ, was in jener Unterredung bemerkenswert war; wie in der Erinnerung an diese Aussprachen mit Männern des öffentlichen Lebens Erkenntnisse, die man längst für abgeschlossen hielt, in größere Klarheit gerückt werden. Eine Arbeitspause fördert das Nachgenießen von Begegnungen, die ich vor einiger Zeit in Städten Transsylvaniens hatte. Ich notiere hier, was mir wesentlich erscheint. Der rumänische Innenminister über Assiniilationspolitik. So schwer auch die gegenwärtige Regierung Rumäniens um ihren Bestand zu kämpfen hat: der Wechsel des politischen Kurses in Rumänien im Oktober 1928 war keine von den üblichen übler. Portefeuille-Schiebereien und Mandatsjagden, wie sie immer und überall die Begleiterscheinung des Parlamentarismus sind. In zwölfter Stunde, knapp vor dem drohenden Ausbruch einer Revolution, entschied sich die rumänische Regentschaft für Man in und das Programm der Naitionalzaranisten. Ich s&h Bukarest im Fieber, — es ist eine Stadt von orientalischem Temperament —, ich sah in Klausenburg, dem Zentrum der nationalzäranistischen Partei, die Bauern aus der näheren und ferneren Umgebung aufmarschieren und die Ereignisse abwarten. Und dann weilte ich in der Privatwohnung des neuernannten Innenministers Dr. Vaida-Voivod, sprach lange mit ihm über das Programm von Alba Julia; über das Minoritätenrecht und über die Judenfrage. Vaida, ehemals Kurarzt in Karlsbad, in. der alten Monarchie Vorkämpfer der nationalen Autonomie und der Idee einer Donauföderation, billigt die Bestrebungen der jüdischen Renaissancebewegung und des Zionismus. Ich 'kam auf Sinn und Zweck der Assimilationspolitik zu sprechen. „Wozu?", lehnte Vaida ab. Gibt es denn, wenn man von einigen Wunderexemplaren absieht, überhaupt „Assimilanten'' in nennenswerter Zahl, welche die fremde Nation wirklich und voll angenommen haben?" „Nehmen Sie", fuhr er fort* „den Führer der Rumänen israelitischer Konfession, Herrn Dr. Fildermann. Ich führte mit ihm ein politisches Gespräch über die rumänischen Juden Er erklärte mir, kein nationaler Jude zu sein, sondern ein Rumäne —, „aber Sie vertreten doch die Juden im Parlament?'* — „Ja, der Israeliten, als Konfession." — „Nein, Herr Doktor, die Konfession können Sie unmöglich vertreten. loh kenne gläubige Juden aus meinem Dorfe. Sie sind kein konfessioneller Israelit. Was bedeutet diese von Ihnen geführte Gruppe? Wo hört Ihr Judentum auf, wo beginnt Ihr Rumänentum? Sie bringen die Judenheit in eine schiefe Stellung und stellen verworrene, ja verlogene Beziehungen im politischen, sowie kulturellen Leben des Staates 'her! ..." Seit den Tagen Theodor Herzls rufen wir diese Argumente in den Versammlungen, in unseren Druckschriften den Juden in die Ohren. Wir sind Partei, nationale Bewegung, Kämpfer gegen die Andersorientierten. Was wir dreißig Jahre wiederholen mußten, klingt uns schal, wir schämen uns schon dieser Selbstverständlichkeiten. Aber der rumennische Innenminister hat doch andere Sorgen, als die internen Angelegenheiten des Judentums. Er bezog seine Ellkenntnisse nicht aus unseren Versammlungen, gewann sie aus eigener objektiver Beobachtung. Als rumänischer Politiker »hätte er gar nichts dagegen, sich mit jüdischen Assimilanten, die Rumänen geworden sind, an den Beratungs>tisch zu setzen. Mit Zwittern, mit ungläubigen Vorkämpfern der „Konfession", die keine Juden sein wollen, aber noch lange keine Rumänen sind, so sehr sie es beteuern, weiß er nichts anzufangen, lehnt solche Versuche mit untauglichen Mitteln ab und kommt zum Schluß: Mangels nennenswerter, realer Ergebnisse der Assimilation existiert keine jüdische Assimilationspolitik. Juden und Deutsche als Kombattanten. Gespräch mit Kaspar Muth, dem Führer -der Banater Schwaben. In Deutschland Schändungen jüdischer Gräber, in Oesterreich Hakenkreuzdemonstration gegen den Kongreß der „fremden Rasse", die Herrennation zeigt der Minder- : heit die drohende Faust. Hier in Rumänien aber drücken die Deutschen die nämlichen Sorgen wie die Juden. „Wir Banater Schwaben", führte Senator Muth aus, haben die Bedeutung der Minderheitsrechte am eigenen Leibe erfahren. Die Minoritätenfrage ist heute vielleicht noch brennender, als die soziale Frage. Wie seinerzeit das Machtwort der Potentaten: „Ouitis regis illius religio", die furchtbaren Jahrzehnte des Dreißigjährigen Krieges mitverschuldet hat, so ist jetzt die reaktionäre Parole „cuius regio, illius natio" ein Schiachtruf, der den europäischen Krieg in Permanenz erhalten würde. Glauben Sie mir, wir 'haben uns an dem grandiosen Ringen der Juden um Mutterland und Muttersprache aufgerichtet. Die Schwaben hatten ein Mutterland, als sie in diese fruchtbare Ebene einwanderten und sie konnten ihre Muttersprache nicht verleugnen. Aber wir versuchten doch, magyarische Assimilanten zu sein. Als die Landkarte geändert wurde, erkannten wir, in welche Situation die assimilatorischen Politiker das schwäbische Volk des Banates gebracht 'hatten. Wir konnten doch nicht über Nacht Rumänen werden und .es war doch ganz unmöglich, daß wir Schwaben mit unserer alten deutschen Kultur uns der magyarischen Minderheit Rumäniens zuzählten! Wir können nur als deutsche Minorität Patrioten des großnimänischen Staates sein, der mehrere starke Minoritätsvölker umfaßt. Da erlebten wir einen Völkerfrühling, -lernten Chauvinismus und nationale Vergewaltigung verurteilen, bauen an unserer Kitlturautonomie und schämen uns, wenn sich einzelne Gruppen der Deutschen im Reiche und in den österreichischen Bundesländern als Herrenvolk gegenüber den Juden aufspielen." Er kam in unsere Versammlungen, besuchte unsere politischen und kulturellen Vorträge, die in Temesvar angesetzt waren und als ich sein Gast war, leitete er das Gespräch mit der Behauptung ein, die Deutschen, welche außerhalb Deutschlands und Oesterreichs als Minderheiten siedeln, 'hätten das nämliche Schicksal wie die Juden und wenn irgend zwei Völker, so müßten diese beiden einander verstehen und einander lielfcn. . . . Wie bizarr solche Worte klingen, wenn man den deutschen Antisemitismus kennt! Sie beladen uns mit ihren Sünden. Ob er rabbin er Kecskemeti über jüdischen Nationalismus. Der Großwardeiner Oherrabbiuer Kecskemcta war in den Zeiten der. österreichisch-ungarischen Monarchie ein feuriger Magyare und ist sich auch als Staatsbürger Großrumäniens treu geblieben. Er ist ein bedeutender Mann, ein großer Kanzelredner und ein tapferer Streiter für das Ungartum. Als ich mit ihm sprach, erinnerte er mich irgendwie an Dr. Julius. Ofner, den hervorragenden Rechtsfinder, den man das Gewissen des Parlaments nannte, der aber den Bestrebungen des Zionismus und der jüdischen Renaissance verständnislos und militant gegenüberstand. „Ich lasse mir mein deutsches Herz nicht aus dem Leibe reißen", rief der alte Jude Omer, der Advokat der österreichischen Sozialdemokratie und deutscher Burschenschafter in einer Person war, immer wieder mit jugendlichem Feuer aus und verdammte uns. Herr Dr. Kecskemeti läßt sich sein magyarisches Herz nicht aus dem' Leibe reißen und jeder bewußte Jude, Von den 85.000 jüdischen Einwohnern Griechenlands entfallen auf Saloniki, das größte jüdische Gemeinwesen, 60.000, während', der Rest- 25 Gemeinden, deren größte 3000 Einwohner ■ zählen, umfaßt. In A11 s r i e c h e n 1 a n d (nach dem Umfang vor den Balkankriiegem) sprechen und lesen die Juden griechisch und sind der hellenischen Kultur assimiliert; bei den Juden N eugrie chenl ands ist die Kenntnis des Griechischen gering; hauptsächlich in Saloniki, wo Französisch und Spaniolisch die Sprachen des täglichen Verkehres sind. Noch vor zwanzig Jahren war Saloniki trotz starker türkischer Bevölkerung eine jüdische Stadt. Handel und Hafengetriebe lagen vollständig in jüdischen Händen; Seeleute und Hafenarbeiter waren ausschließlich Juden, weshalb am Sabbat das Häfenleben ruhte. Selbst türkische Kaufleute waren nicht zu\seihen. Kein Schiff konnte landen. Wenn nicht französisch, waren die Geschälftsschilder spaniolisch in hebräischen Buchstaben. Da Saloniki nach Konstantinopel der wichtigste türkische Handelshafen war und zudem noch in Türkisch-Makedonien ein reiches Hin-teriand besaß, Mühte die jüdische Wirtschaft. Der Niedergang. Heute »zeigt das Salouiker Judentum einen wirtschaftlichen und politischen Abstieg. Saloniki hat aufgehört, ein bedeutender Hafen zu sein: es hat sein Hinterland verloren, das zwischen; Serbien und Bulgarien aufgeteilt wurde, und außerdem die Konkurrenz mit den anderen griechischen Häfen zu bestehen. Ebenso ungünstig wirkt der Umstand, daß die Griechen als Handel&volk den Juden ebenbürtig, in einzelnen Zweigen sogar überlegen sind. Dazu kommen noch die Bemühungen der Regierung, den Griechen jene wirtschaftlichen Positionen zuzuteilen, die bisher von Juden eingenommen wurden, ohne vor diktatorischen Maßnahmen 'zurückzuschrecken. . Die Repatriierung von 1,5 Millionen •kleinasiatischer Griechen hat die'Situation noch verschärft. Ein erheblicher Teil der Auslandsgriechen ließ sich, in Saloniki nieder und erhielt von der Regierung wichtige Berufsizweige am staatlichen Monopohvesen zugewiesen, so daß viele Juden u>m ihre Existenz kamen. Die Einführung der Sonntagsruhe zwang die Juden, entweder ihre Geschäfte am Sabbat offenzuhalten oder sich einer schweren Pension »Hustria' Kinderheim Vöslau (OLGA KADISCH) JägermayerstraBe 15 - Telephon 99 Stelle 8 Für Dauer^ und Erholungsaufenthalt Jeder Unterricht jm Hause, auch Nachhilfe für öffentliche Schulen besuchende Kinder. - Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin Erstklassige Verköstigimg. - Mütterliche Pflege. - Mäßige Prelle der sich zum Zionismus bekennt, ist ihm einer von jenen Barbaren, die diese schmerzhafte Operation an ihm vollziehen wollen. Nun wäre es sinnlos und unaufrichtig, leugnen zu wollen, daß die wachsende zionistische, oder auch nur „propalästinensiche" Bewegung die fremdnationale Be-. tätignng der Juden erschwert. Vor Theodor Herzl, vor der Balfour-Deklaration, vor dem Einsetzen der Chaluzbewegung, der Tarbuth-Bestrcbnngen war es bestimmt leichter, Israelit magyarischer, tschechischer, polnischer, deutscher Nationalität zu sein. Wir verbieten niemand, (und haben weder das Recht noch die Möglichkeit dazu), sich politisch und 'kulturell der fremden Nation einzufügen. Aber unsere Ideologie und die Tatsache „Erez Israel" macht ihm das Leben sauer. Die magyarisch orientierten Juden Großrumäniens hat diese Angst vor dem bewußten Judentum zu dem denkwürdigen Beschluß veranlaßt, in den Sälen ihrer Judengemeinden Vorträge über das neue Palästina zu verbieten. Herr Dr. Kecskemeti, der geistige und politische Führer der Neologen, sagte »mir: „Ich war nicht rfür diesen Beschluß, — „aber ich bin zufrieden, daß er gefaßt wurde. . . ." Wer's nicht aus seinem Munde hörte, bloß hier liest, könnte diese Stellungnahme Kecskemetis perfid nennen. Glaubt mir's ich saß ihm gegenüber — es war bloß ein Stoßseufzer aus beklemmter Brust oder: das Aufatmen nach abgewandter Gefahr. Soweit konnte ich ihm verständnisinnig folgen. Doch als er (ungefähr dieses sagte: „Für den Aufbau Palästinas bin ich, aber die Proklamieriung des Judentums als Nation bekämpfe ich, Nation als Machtbegriff ist unjüdisch" usw.--Da gings mir wider die Natur. Nation als Machtbegriff, als Werkzeug zur Beherrschung oder gar Unterdrückung anderer Nationen ist uns verhaßt und tatr sächlich wesensfremd. Nun haben gerade die ungarischnationalen Juden dieser argen entarteten, unjüdischen Form des Nationalismus gehuldigt. Nun haben gerade sie die magyarische Hegemonie im alten Transleithanien chauvinistisch gefordert, nur hatte gerade die Partei des Herrn Dr. Kecskemeti — weil sie sich als vollwertiges Magyarentum deklarieren wollte und des Guten zu viel tat, oft weit mehr noch als die einsichtigen Magyaren — an der natio-. nalen Zurücksetzung oder gar Vergewaltigung oder gar Entnationalisierung der Minderheiten leider erklecklichen Anteil. Sie beladen uns mit ihren Sünden. wirtschaftlichen Schädigung auszusetzen. Die hohje Besteuerung nichtgrieehischer Texte auf geschäftiche« > Urkunden usw. traf am empfindlichstem den jüdischen Kaufimanm, so daß 'heute keine einzige spanioläsch-hebräi&che Aufschrift in Saloniki zu sehen ist. Den ökonomischen Niedergang der jüdischen Bevölkerung Salonikis beschleunigte der katastrophale Brand vom Jahre 1917, der hauptsächlich die jüdischen Viertel schädigte. Im Zusammenhang mit all den angeführten Faktoren setzte eine umfangreiche Abwanderung aus Saloniki ein. Die Juden emigrierten hauptsächlich nach Italien (Mailand), Frankreich (Paris) und Südamerika (Rio und Buenos Aires), und zwar die fähigsten und tüchtigsten, worunter das geistigie Niveau des jüdischen Saloniki leiden mußte und einem Pessimismus Platz machte. Nichtsdestoweniger findet sich hier ein guttfumdiertes jüdisches Bürgertum, das ein großes modernes Krankenhaus und eine Anzahl von Elementarschulen erhält. Das nationale Bewußtsein. Die Juden Salomiikiis nehmen keine bedeutende Steilluug im öffentlichen Leben des Landes ein. Sie sind weder Staatsbeamte noch akademische Professoren. Auch an jüdischen Aerateu und Advokaten mangelt es hi/er. An der Salon iker Universität studieren im ganzen — drei Juden! Die Söhne der jüdischen Mittelklasse ergreifen den Kaufmannsberuf. Damit im Zusammenhang steht der Mangel an intellektuellen Kräften, wenn auch die jüdische Jugend Anschluß an die europäische, hauptsächlich französische Kultur gefunden hat. Im vielen Dingen gleichen die griechischen Juden ihren. bulgarischen Brüdern. Wenn auch ihr religiöses Gefühl nicht sehr ausgebildet ist, zeigen sie doch ein starkes uationaljüdisches Bewußtsein, das sie dem Zionismus verdanken. Deshalb ist auch die Basis für eine gute moderne Organisation gegeben. Zahlreiche Klubs und Vereiiniguttigen machen ein reges politisches und geseilschaftlichies jüdisches Leben möglich. Zionismus und Kommunismus. Die Zionistisch e O rea nu'sati oa Salonikis umfaßt ungefähr 1600 Mitglieder, davon 1300 aigemelne Zionisten, 200 Misrachis-ten und 100 Revisinoisten. Die «zwei letzten Grnpipen haben einen gemeinsamen Führer. Trotz der großen Zahl der jüdischem Arbeiter Salonikis gibt es weder eine Poale Zion noch irgend eine andere jüdischniatianale Arbeiterpartei. Hingegen findet sich in der jüdischen Mittelklasse kein organisierter Antizioniismus, wenn auch jüngst schwache Tendenzen dieser Richtung im Erscheinung getreten sind. Den europäischem sozialen Brestrebungen fremd, kannte Griechenland bisher keine sozialistische Partei schaffen. Dagegen machen sich kommunistische Strömungen geltend, und bei den vorletzten Wahlen wurden von den jüdischen Bewohnern Salonikis «wei jüdische Komm um dsten gewählt. Die Folge davon war, daß die griwM'Sch'e Re>gterun,g z-usarrnwe-n mit einzelnen großen Saloniki, das jüdische Zentrum Griechenlands. Wirtschaftlicher und politischer Abstieg.