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Die neue Welt · 1929-04-24 · Heft 84-85 (24.4.1929) · page 16

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 84-85 (24.4.1929)
Date
1929-04-24
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 DIE NEUE WELT Nr. 84/85 Ich bin berauscht von'einer großen, großen Idee" ~- in großen Sätzen lief BuchhoFz die Treppe hinunter. Sein Kopf, sein Herz, seine Sinne waren von zwei-'Gefühlen beherrscht: das erste war das Gefühl des „Eigenen", hervorgerufen durch das, was er gesehen hatte; das zweite war der Gedanke an sein Werk, das wie durch einen Blitz vom Himmel plötzlich vor ihm stand. Das tiefste Geheimnis des Lebens, .davon die Menschen Selbst vor ihren Nächsten zu sprechen sich schämen, wollte er ausdrücken in einem •Werk: „Die blutende Mutter" ... Dwojre erschrak, als sie sah, daß Buchholz mit einigen Flaschen Milch in den Taschen zurückkehrte. „Wozu hast du so viel Milch gebracht? Wer soll das austrinken?" ammmmmmamt Copyright 192S by „Die Neue Welt", Wien. e „Ich will mich heute mit Milch. betrinken" —» BuchhoJz lacht. „Mit Milch? Warum?" „Verstehst du, sie wird wie ein Kaib sein, ein neugeborene« Kalb, das sich noch kaum auf Füßen halten kann." „Wer?" „Die »Mutter*. Verstellt du?" — er trat.auf sie zu, hob sie auf seine Arme und trug sie sanft zum Bett. Er huschelte seinen großen Kopf in ihren Hals, ihre Brust, ihren Schoß ein und murmelte unverständliche Worte „Was hast du, Chaskel?" — fragte sie erschreckt. ' Buchholz antwortete nicht. (Fortsetzung folgt.) Nachdruck verboten. Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. (26. Fortsetzung) „Was?" . . i „Andere Namen." - „Und wie das?" ' " „Wie das'?'Ich grüble und denke die ganze Nacht' was zum Erspiel sein wird — Wir werden, doch nicht ewig lungern und herumgehen, ohne einen Nadelstich zu tun und vom Vorhandenen zehren. Schließlich und endlich werden wir doch zu etwas kommen, einen „Cheder" .'zusammenstellen, in irgend ein jüdisches Städtchen hineinfähren und Theater spielen. Nun, stell dir vor, was für einen. Namen sollen wir uns geben, auf daß man wie von einem Aussatz wisse, wer wir sind. Na, ich stell raeinen richtigen Namen auf die Tafel hin: Holzman. 'Bernard HoÜzman. Eine Kränk wird wer wissen, wer der Bernard Holzman ist, wenn doch alle bis jetzt nur Hotzmach und Hotzmach wissen." „Sehr recht," gibt Lebl zu. „Holzman ist auch schöner als Hotzmach." „Siehst du, aber was mach ich mit dir,, mein Seelchen? Stell dir vor, wenn wir in die " Welt hinausfahreii und wenn wir in eine solche Stadt kommen, wo man; deinen „Batjko" kennt. Verstehst oder nicht? Was taugt es mir, daß du Rafalowitsch heißt?" „Wie also soll ich heißen?" ' „Wie also sollst du. heißen?! Das ist doch die Sache, die mich nicht schlafen läßt. Eine ganze Nacht lieg ich da und denke und denke. Fällt mir solcher Gedanke ein: Warum sollst du nicht einen rumänischer! Namen tragen mit einem „esco" wie sie alle hier heißen in Rumänien? Beispiel: Margulis — Margulesco, Ghasanowitsch — Casanesco, Rafalowitsch — Raflesco. Verstehst du, Liebling? "Wir kommen in eine Stadt gefahren, laß ich große Plakate drucken: Das e r st e; j üd is ch-r u m än.isc h e The ater von B ern ar d.Ho 1 znitan ün d d er erste jüdisch-rumänische Schauspieler Rafa- Je.sco aus Bukarest. Wie gefällt dir, mein teurer Spfelvogel, ein solcher Einfall? Nicht wahr, Hotzmach! hat in sich feine Gedanken. Was?" ^Versteht sich, daß Lebl dieser Einfall sehr gefiel, wie alles, was Hotzmach einfällt. Und Hotzmach selbst ist so eingenommen von seiner Idee, daß er seinen jungen Freund zur Hand nimmt und mit ihm ein Tänzchen macht und dazu die Melodie aus „Koldunje" zu den Versen „Hotzmach ist ein Blinder" singt: 4 „Hotzmach is a blinder! Wos is for a Wihder? Sogt-sche mit mir, Kinder: Hotzmach is a blinder!..." Seitdem Lebl Hotzmach kennt; kennt er ihn als ■"eine lebhafte Seele, die. .niemals traurig ist. Immer; •froh, hei, - wiesich's lebt, selbst in den, schlimmsten, schwersten, bitteren Zelten'seines Lebens. Aber so aufgeräumt wie jetzt hat er ihn noch nie gesehen. Es schäumt geradezu aus ihm das Leben. Er hat fast zu' husten und zu schmipfen aufgehört. Nur selten, selten, daß sein Mund einen Fluch ausstößt. Es sei denn, daß er den Namen Schtschuppak erwähne oder Scholem Meir Murawtschik. Da muß er schon entweder „Die Cholera" oder „Ein Jammergras soll dich —" 'oder ein. einfaches „Eine Kränk" hinzufügen. „Merk dir also, mein teurer Spie.lvogel, ich heiße nicht mehr Hotzmach. Ich heiße von nun ab' Holzman. Und wie lautet dein Name?"... 1 „Rafalesco," sagt Lebl. „So hab ich dich lieb, mein einziger süßer Junge." 47. Kapitel. Wechsel des Orts Wechsel des Glücks. Am selben Tag abends gingen unsere Helden Hotzmach und Lebl Rafalowitsch öder,' wie sie sich jetzt nennen, Holzman und Rafalesco, in Bukarest nicht uml „Kunst, Theater und Mus"ik" : zu studieren, sondern nur so ein bißchen spazieren.: Sie hatten diese Stadt schon', genug studiert. Sie waren, wde^'es ihnen schien, schön überall an allen Orten, wo , „uKnst, : Theater und, Musik" blüht. So spazierend, verirrten sie sich in die schöne) Gasse Strada Poremogasoi und erblickten eine riesig große Laterne mit mächtigen Buchstaben: „Paradiso." Paradiso? Das ist wohl, dünkt mir, die Uebersetzung von Paradies,! . . „Vielleicht könnten wir;uns, Liebling, für eine Minute in dieses, Paradies hineinbegeben> ha? So warf Holzman . seinem jungen Freund hin und hatte gar nicht im Sinn, auf eine Antwort zu warten!,, denn bei ihm ging immer alles -..glatt von statten. Für Lebl Rafalesco ist Hotzmach, richtig Holzman, ein Gott und Holzmans Wort göttliche Lehre.. Und beide dringen ins Paradies hinab. ^Wir sagen „dringen hin^h", denn es ist nicht leicht, das Paradies zu betreten. Bevor man ins Paradies ge- . langt, hat man die sieben Stufen der Hölle zu passiere«.* Vorerst mußte man sich mit Eintrittskarten' ausstatten« so ist es Brauch in allen Paradiesen, die es auf diese»! Welt gibt. Dann mußten sie sich links halten» ein paar : Treppen aufwärts, wo man dem Pförtner Mantel und Stock abzugeben hat, wofür er Bezahlung nimmt. Dann erst stiegen sie wieder einige Treppen abwärts und hin« . ein in einen breiten, gut beleuchteten Korridor, und hier, mit dem Vorzeigen der Eintrittskarten, öffneten sich-erst die Tore des wirklichen Paradieses ihnen. Beim Eintritt schlug ihnen höllisches Licht aus vielen elektrischen buntfarbigen Flammen entgegen und sie sahen vor sich ein hochelegantes Publikum, Herren und Damen, die um weiße Marmortischchen herumsaßen,; aßen, tranken, lachten und sich ergötzten, wie es sich für ein Paradies gehört. An diese fröhliche Cafe-Chantant-Atmosphäre waren unsere Helden eigentlich schon ein bißchen gewöhnt, doch nicht so sehr, um sogleich an ein Tischchen herangehen, einen Platz einnehmen, klingeln und gedehnt .„Kellner" rufen zu können, wie es ein wirklicher Gentle- 'man, ein ständiger Besucher solcher Lokale macht. Weder die neuen Kleider noch diev gewechselten Namen waren imstande, in ihnen die Provinzler auszutreiben. Das kleine Städtel lag ihnen auf dem Gesicht noch ganz ordentlich geschrieben und es ließ sich bei ihnen in jedem ihrer Schritte vernehmen. Da . dem. nun so, ist es kein Wunder, daß sie eine Weile an der Schwelle des Paradieses stehen blieben, nicht hin nicht her wußten, die hellbeleuchteten Wände betrachteten, die schön gemalte Decke, die mit rotem Samt überzogenen Logen, die weißen Marmortischchen und schließlich das fröhliche, lebhafte, überelegante Publikum. .! „Der Teufel in den Geldsack hinein," bemerkte Holzman zu seinem jungen Freund und zeigte schon Lust, an ein Tischchen heranzutreten und einen PPatz zu besetzen, als ihn plötzlich sein Freund bei der Hand faßte und vor Schreck mit Mühe hervorbrachte; „Hier sind sie." •'; „Wer?" „Mein Bruder Anschel und unser —". „Aber geh, Knir—" / .. Holzman wollte anscheinend „Knirps" sagen, wie es seine Art ist, aber als er seine A'ugen dorthin richtete, wohin ihn sein junger Freund hieß, erblickte er a.n. einem Tischchen, worauf alle guten Dinge serviert waren, zwei Gesellen, die . wir kennen. Es war .gerade in: jenem interessanten Augenblicke, da Anschel, von; Holzman . erkannt, die berühmte Sängerin Marinesco-Milanescp so brüderlich umarmte. Und noch einen sah Holzman dort sitzen, einen Jüngling, mit dicken Lippen, der sich; die Seite hielt und vor Gelächter wälzte. ', , Rasch, noch rascher als man es sich vorstellen, kann, machten unsere Helden , kehrt. Eine Minute, zwei oder drei ungefähr, konnten sie kein einziges Wort hervor.bringeh. Sie waren fast um ihre Sprache'.gekommen'. Die ganze Energie war ihnen in die Beine gefahren "Und trug sie dahin wie auf Gurtimirädern. Erst dort, "wo'sie sich mit der Menge auf der Straße mischten und sähen, daß sie bereits außerhalb jeder Gefahr waren,'hat Hölz*- man des langen und: breiten, zu sprechen begonnen, wie es seine Art ist. ' /"' „Dein Brüderchen ist anscheinend ein feiner Kunde. Es kann ganz gut ein Teufel in deines altern Bruders Vater hinein ... Und' wer ist jener Jungemann niit den dicken Lippen?" ■'; - „Hast ihn nicht erkannt?" sagte Lebl Rafalesco, während . seine Zähne noch klapperten. „Das. ist doch unser Kassier * Schischeh-we-Simche." ' , ,; '„ Hier griff Holzman instinktiv nach seiher Brusttasche und begann erst recht Fäuste zu mächen.. . . \ (Fortsetzung folgt.) i - GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, I. Bes., Seitenstettengosse 2, Telephon U-28-1-28 XI, Zentral}riedhof, neb. d.i. 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