Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 83 (19.4.1929)
- Date
- 1929-04-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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a Sefte 6 DIE NEUE WELT Nr. 83 Sie fühlen sich wie zu Hause gg^gjF^ im bestrenommierten -nsq ttjnsflfcf Restaurant u. Hotel A. BARSCHAK, WIEN II., Große Schillgasse 3, Telephon R-40-1-39 Erstes Haus für: PalSstlnaw Ine, Karmel, Muskat, Malaga, Sherry, unfl&rliohe Wime Math und la Sllbowltt Lieferungen von 5 Flaschen aufwärts ins Haus zugestellt Sederanmeldungen werden schriftlich und telepiionistii entgegengenommen mei9ter Jakob Zalewski hetzte die christliche Bevölkerung gegen die Juden auf und behauptete, die Juden hätten die Vermißte getötet, um ihr Blut für die Pessachkost zu verwenden. Eine aufgeregte christliche Menge versammelte sich in den Straßen und nahm eine drohende Haltung gegen die jüdische Bevölkerung ein. Die Polizei untersuchte den Fall und fand schließlich die Vermißte frisch und munter im Hause des Hetzers. Der Staatsanwalt erhob gegen Zalewski Klage wegen Unruhestiftung. . Wie sehr die Ritualmordpropaganda die Köpfe einfacher Leute verwirrt, beweist der folgende Fall: Bei dem Bialystoker jüdischen Bürger Baruch Gefnerowicz war ein christliches Mädchen, Janina Jakuszek, als Dienstmädchen beschäftigt. Eines Tages verschwand sie. Nach einigen Tagen kam sie in Begleitung eines Polizisten in das Haus ihrer Dienstherrschaft zurück. Der Polizist forderte das Ehepaar Gcfnerowicz auf, auf das Dienstmädchen besonders acht zu geben und, wenn sie auch nur eine halbe Stunde vom Hause wegbleiben sollte, ihren Abgang der Polizei sofort zu meiden. Schließlich erfuhren die Dienstgeber der Jakus2ek, '* daß diese von einer früheren christlichen Dienstherrschaft vor den Juden gewarnt worden sei, daß die Jakuszek daraufhin zur Polizei ging und diese ersuchte, über sie zu wachen, da sie fürchte, die Juden würden sie aus Anlaß des Pessachfestes Schächten. Das Mädchen wurde daraufhin entlassen. Die Judenschaft des Städtchens Pelatin lebt seit einigen Tagen in schwerer Panik. Vor einigen Tagen haben unbekannte Personen mitten auf einem Platz, der ganz von Häusern von Juden umgeben ist, Kreuze aufgestellt. Der Vorsitzende der Gemeinde ließ die Kreuze wegnehmen; Antisemitische Agitatoren hetzen die christliche Bevölkerung von Stadt und Umgebung gegen die jüdischen: Einwohner auf. Die Christen hielten mehrere Kundgebungen unter freiem Himmel ab. Nach diesen Kundgebungen wurden jedesmal jüdische Einwohner, die sich auf die Straße wagten, schwer mißhandelt. Der Kreischef, der von den Juden gebeten wurde, die Ordnung herzustellen,, erklärte, er könne nur dann für die Ruhe garantieren, wenn die Kreuze wieder auf dem Platz aufgestellt werden. Unter Protest der jüdischen Gemeinde wurden die Kreuze vor den Häusern der Juden wieder aufgestellt. Cafetier i Jakob Goldfliefj Wien, Ii., Pratersirafte Nr. 34 anschließend die Jüdischen Künatlerspiele"" / Vorzügliche Getränke und kalte Speisen zu billigen Preisen / Rummy- Spieltische Treffpunkt der jüdischen Gesellschaft •lii'-'lltiriiiiM-airir iliiWiVBMiaa-iilMriiVi'If'-|iliYiliiWrMittijMira«*«1itiBVniiiVYrVITiiilll|-' Das Beste vom Guten sind die in Geschmack und Qualität unübertroffenen, erstklassig-altrenommierten ,,A|L zzoin welche unter streng orthodoxer Aufsicht des Rabbinates der isr. Kultusgemeinde Wien hergestellt werden Die Mazzoth werden aus dem feinsten ungarischen Mehl erzeugt Seit vielen Jahren genießen die .Schmldl-Mazzoth' das besteRenommee und werden vor allen anderen bevorzugt Zentrale: N. Brodetzkl, ll.Leopoldsg.43 Tel. R-40-1-90 A*4Q*2-G3 FILIALEN: M. Wildmann, I. BäckerstraBe 16 Jakob Weiß, II. Untere Augartensfrafle 25 S. Schneider, II. Mietbachgasse 3 * II. Novaragasse 12 David Raab, II. Schiffamtsgasse 7 tierson Schlesinger, II. MoffandsttaSe 11 Jakob Wasaermawn, XX. WallenstelnstraBe 58 M. Spiegel, III. RadetskystraBe 4 Sabine Binder, IX. Hahngattse 33 Max Silberberg, IX. flotenl&wengasse 8 Leib Mandl, IX. Orttnentorgasse 41 Ignaz Flnkelstein, XX. Klosterneuburgersfr. 9 Bernhard Luwisch, XX. Hannovergaase 19 Ritualmordhetze in Saloniki.! Auch Saloniki war an einem der letzten Tage Schauplatz eines Ritualmordtumults, der gefährliche Dimensionen abzunehmen drohte. Eime christliche Frau, dlie mit ihrem Kin-de In einem jikllsdhen Stadtviertel spazieren ging, bemerkte piötzlicih, daß ihr Kind nicht mehr an ihrer Seite war. Sie begann au schreien, daß die Juden ihr das Kind gestohlen haben, um es zu töten und sein Blut für das komrmenide Pessachfest zm gebrauchen. Bald hartte sich eine tinüberseihbare Menge Christen angesammelt, die süch anschickten, über die jüdiscihen Wohnungen herzu- HBJIT -SAlM'i ____ zxpmm m^PüTHEKEVlES-imMOx^Glo HAI M ALAN fallen. Ein griechischer Soldat versudhte die Menge zu beruhigen, indam er erklärte, -er sedfost halbe, ein herunrirrendes Kind gebunden und .es zum Polizeikommissariat. gebracht. Das K in d. k o n.n;t e >b a I d v on d e r P o Ii z ei der Mu.t t e r wi Cid e r, z«.«.ef Ü4ir t ■.%e r d,e n. Trotzdem .'beruhigte sich, die M.eii'ge liiciht und es mußte Polizei aufgeboten wenden, unn . den1 lärmenden Pöbel zxl zerstreuen, j Musik ist das geeignetste Mittel, um den Anforderungen, die der Kampf um den Lebensunterhalt an die angegriffenen Nerven stellt, zu entsprechen. Ein geeignetes Mittel ist die Anschafung einer Sprech-, maschine, die es mit Hilfe der neuesten elektrisch aufgenommenen Schallplatten ermöglicht, zu Hause jederzeit gesellschaftliche Unterhaltungen zu rinden. Das Musikhaus ,,E x z e I s i o r", Wien, I., Adlergasse 5, Telephon. R-23-4-90, IL, Kleine Piarrgasse 28, Tel. A-41-6-24, und Taborstraße 48, bat in seinen Schaufenstern und im Lokal, I.-, Adlergasse 5, eine für jedermann ohne Kaufzwang frei zugängliche Schaustellung von nur erstklassigen Apparaten (jedes Stück mit dem Kassapreis gezeichnet) arrangiert. Zahlungserleichterungen von 12 bis 18 Monatsraten selbstverständlich. Wir sind fest überzeugt, daß die Freude, die Jeder Familiedurch dieses Wundermenschlicher Erfindung, bereitet werden kann, den geringen Betrag1 voll aufwiegt. ........... . E Aus der Wiener Judengemeinde« Verhängnisvolle Sparerei. — Sozialdemokraten gegeneinander. — Subventknsgelder für Privatzwecke. Montag wurde die Budgetdebatte eröffnet. Der Budgetvoranschlag ist dadurch gekennzeichnet, daß die wichtigsten Posten, wie Jugendfürsorge, allgemeine Fürsorge, Palästinagelder usw., gegen das Vorjahr empfindlich verkleinert erscheinen. Es ist dies die Folge einer Oemeindepolitik, welche für lebendes Judentum wenig übrig hat, dafür um so mehr für leeren Prunk. Die 25 Milliarden, welche man für den Bau einer pompösen Friedhofshalle — sie ähnelt im Innern dem Kassenschalter einer Schwindelbank oder eines Kinos — verwendet hat, fehlen an allen Ecken und Enden. Die Armen, Kranken und die Jugend büßen dafür. An der Debatte beteiligten sich als Redner der Zionisten Dr. D. Friedmami und Dr. J. Ehrlich, welche das zionistische Gemeindeprogramm entwickelten. Die „Union" hüllte sich in Schweigen. Ein merkwürdiges Schauspiel bot die sozialdemokratische Qruppe der „Werktätigen". Die Poalezionisten Dr. Olanz und Singer setzten sich für die Förderung des Palästinaaufbaues ein, während ihr Klubobmann Moritz und ihr Klubgenosse Hirschfeld unter Ausschrotung des „Wiener Elends" gegen die Subventionierung des* Palästinawerkes Stimmung machten, ganz im Sinne der „Union". Dr. Glanz und Moritz warfen sich schließlich Disziplinlosigkeit vor. Einer sprach dem anderen das Recht ab, im Namen des Klubs zu, sprechen. Im Verlaufe der Debatte erhob auch der Poalezionist M. Singer gegen die trennungsorthodoxe Agudah den Vorwurf, daß sie Subventionen für Privatzwecke verwendet hat. Der. Vertreter der Agudah, Pappenheim, entgegnete erregt. Es wurde die Einsetzung einer Untersuchungskommissionl beschlossen. Die Debatte wird fortgesetzt. Pesssch-Sensation erhalten SIq Ihren Hut gebügelt Gratis und geputzt beim Einkauf tlnea " neu^n Hutes — Im altbekannten Huthaus SOBEL, II., Glockengasse 10 Billige Preise! B lllge Preise, tmtafmmtmmsmmimmamam»mtmtmaajummmoamamma^^ muß nun dienen. Sie weint des Nachts, daß ihr die Tränen über die Backen laufen: es ist niemand unter allen ihren Freunden, der sie tröste; alle ihre Nächsten verachten sie und sind ihre Feinde geworden. Juda ist gefangen im Elend und schweren Dienst, sie wohnt unter den Heiden und findet keine Ruhe; alle ihre Verfolger halten sie übel. Wie hat der Herr die Tochter Zion mit seinem Zorn überschüttet!" Doch es ist nicht der Zweck dieser Blätter, Ghettomysterien des Elends auszumalen; findet man doch in allen großen Städten der Erde und unter den zivilisiertesten Nationen Europas ein gleiches, wenn nicht ein größeres Jammerleben. Auch soll man nicht, glauben, daß das Ghetto Roms, was Straßen und Wohnungen betrifft, an sich elender sei als ähnliche Viertel der Armut in Paris, London und Berlin. Ich sage lieber, daß die Juden Roms reich sind an Menschlichkeit unter sich, daß der wohlhabende dem elenden gerne hilft, daß sich die aufopfernde.Familienliebe, das dauernde Erbe Israels, nirgends so mächtig zeigt als hier, und daß diese nüchternen und fleißigen Menschen selten um Verbrechen willen gestraft werden. Nur die Enge und der Schmutz dieser Gassen mit ihren hohen und schmalen Häusern ist abschreckend. Die Judenfamilien sitzen darin wie in einem Kolumbarium übereinander geschichtet. Gerade in Rom ist eine'solche Beengung menschlicher Wohnungen auffallend, wo es so ungeheure Räume, so viel große Paläste und Klöster gibt, £fie zum Teil Öde stehen. Glücklicher sind diejenigen Juden, welche den oberen Teil des Ghetto bewahrten, zumal die Via Rua. Diese breitere Straße mit wohnlicheren Gebäuden ist gleichsam der Korso des Judenviertels, denn auch bei gleichem Lose vor dem öffentlichen Gesetz und selbst in der Sklaverei macht der Mensch das Recht der Ungleichheit geltend. In der Via Rua wohnen die Hebräer, welche das beste Dokument Gazzaga in . der Tasche haben, selbst Häuser besitzen und vermögend sind. Hier findet man Kaufläden mit Tuchwaren von dem gröbsten Zeug bis zu den kostbarsten Stoffen. Es gibt au:hwohlhabende Juden; werden sie reich, so ziehen sie, wie man mir sagt.ei gern nach Toscana. Es ist auffallend, daß echt jüdische Namen nirgends auf den Häusern zu lesen sind. Die Juden Roms nennen sich meist nach italienischen Städten, wie Asdrubale Volterra, Samuele Fiano, Pontecorvo, Gonzaga. Auch ihre Sprache ist römisch; niemals hörte ich Juden unter sich hebräisch reden. Ihre Tracht unterscheidet sich nicht von der des römischen Volkes, und selbst an ihrem Fest bemerkte ich kein orientalfscbes Kostüm. Ein Fest im Ghetto ist fast eine Ironie, wenn man an die Geschichte und Lage der Judengemeinde denkt; ein solches Schauspiel dürfte aber gerade in Rom lockend sein, wo ein Fest auf das andere folgt. Wenn die Plätze und Straßen Roms in Blumen und Teppichen, oder im Glanz der Lichter strahlen und von Karossen und Fußgängern wimmeln, dann sitzt dunkel und festlos Israel in seinem Ghetto und näht im Schweiße seines Angesichtes an den Lumpen, die vor seiner Tür liegen. Nun aber kommen auch seine Feste. Der arme Hausierer legt seinen Plunder beiseite, zieht sein bestes Kleid an und erhebt seine gebeugte Gestalt. Und gerade hier, so glaube ich, ist die tiefste Poesie des Festes und sein höchster Sinn zu finden, weil der festliche Mensch aus den Sklavenbanden der Alltagsarbeit und seinem Elend sich erheben und in einen idealen Menschen sich verwandeln soll, der nicht mehr seiner engen Kammer und seinem Naluungsgeschäft, sondern dem Universum angehört. Dies seltsame Volk kommt dann festlich zusammen, und wo sie nur sitzen mögen, in welchem fernen und feindlichen Winkel der Erde es sei, betrachten sie sich als das alte Volk Israel, als die Kinder Abrahams und die Blüte der Menschheit, welche Gottes eigene Hand mitten in die Welt gepflanzt hat. Ich wohnte dem Passahfest der Juden bei. Zufällig kam ich zu der Kunde vom Tage seiner Feier, weil ich: . im Ghetto vor jeder Tür blankgescheuerte Kessel und an jedem Brunnen die Gefäße reinigen sah. Man sagte mir, es geschehe um des Osterfestes willen, das in einigen Tagen gefeiert werden solle. ' Nach den großen kirchlichen Feierlichkeiten der Kar- und Osterwoche in Sankt Peter und in der Sixtinischen Kapelle, welche die höchsten. Produktionen des christlichen Kultus sind, ist es sehr anziehend, in jenem dunkeln Ghettowinkel einer Osterzeremonie beizuwohnen und in der Synagoge die uralten, kaum veränderten Grundlagen für jene'n katholischen Kultus Roms aufzufinden. Je prachtvoller der Baum sich entfaltet hat, desto tiefer begräbt sich seine Wurzel in Nacht. Die römische Synagoge vereinigt fünf Schulen In: einem Hause, die Scuola del Tempio, Catalana, Castigliana, Siciliana und Scuola nuova. Der Ghetto zerfällt demnach in fünf Sprengel, von denen jeder eine besondere Art darstellt, je nach der vorherrschenden Nationalität der Juden Roms, deren Väter entweder seit altersher römisch-jüdisch gewesen, oder von Spanien und Sizilien herübergekommen sind. Man sagt mir, daß der Sprengel del Tempio vor allen anderen Hebräern von. den Juden vqr Titus abstamme. Jede Synagoge hat ihre Schule, in welcher die Kinder notdürftig lesen, schreiben und rechnen lernen, Wissenschaften aber nicht gelehrt werden, und eine jede ihr Allerheiligstes, worin der Pentateuch aufbewahrt wird. (Fortsetzung folgt.)