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Die neue Welt · 1929-04-12 · Heft 82 (12.4.1929) · page 14

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 82 (12.4.1929)
Date
1929-04-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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:r Seite U DIE NEUE WELT Nf. 82 präsentierte ihnen eine solche Rechnung, daß der Kassier Schtschcn-wc-Simche fast einen Hirnschlag bekam. Ansehet aber beruhigte ihn wieder einmal. „Dummkopf von einem Trottel", sagte er ihm, „wer wird heute von Oeld sprechen. Hier geht es nicht um Geld, hier geht es um eine Seele. Wenn es uns nur gelänge, den zu finden, den wir suchen." Und sie gingen an die Arbeit mit gutein' Appetit. Sie mieteten eine Equipage für die Stunde, fuhren durch alle Gassen, durch alle Parks, Museen, Galerien, Theater, Zirkusse, Cafes, Chantants, Varietes und Cabarets. Anschel ging davon aus, daß Artisten sich nur in solchen Lokalen befinden können. „Cafe Chantant und Theater sind wie Bruder und Schwester". Anschel war zwar nicht alt, jedoch erfahren und Schischen-we-Simche konnte sich nicht genug darüber wundern, daß sein junger Prinzipal — man soll's nicht verschreien — alles wisse, „wie ein Alter" mnd daß er überall, wohin sie nur kommen, zuhause ist, wie bei sich in Holeneschtü Von all den Stätten zog unser Anschel das Cafe-Chantant;Paradiso vor. Er sagte zum Kassier: „Ich will nicht Anschel heißen, wenn wir sie nicht hier packen. Setzen wir uns nur dorthin, in den Winkel an jenes Tischchen. Dort ist es ausgezeichnet. Von dort aus kann man alles s ehen." Anschel hatte recht: Von dort aus konnte man alles sehen: die Musik und die Szene, und die „Bacchantinnen^, die alle in gleicher Fasson angezogen sind: kurze rote Kleidchen unten mit goldenen Fransen verbrämt, hohe •schwarze Stiefeletten bis hinauf geschnürt, kleine rote Hütchen mit Goldbesatz, aller zur Seite gebogen. Anschel ließ Speisen und Getränke servieren, beide führten sich sie zu Gemüte. Wohlbehagen im Herzen. Festtäglich. •Lichtig. Aufgeräumt. Menschen auf und ab. Alles in Glanz. Alles belustigt sich. Und' Gesang verbreitet sich über den ganzen Saal und ergießt sich in alle Gliedeiy Süßer Gesang aus vielen, vielen Frauenkehlen. Es ist nicht leicht zu erkennen, daß hier keine Menschen Gesang imachen, daß da nur Harfen spielen, daß die süßen Töne nicht aus lebendigen Kehlen kommen, sondern aus Messingsaiten, aus Holzinstrumenten, Harfen. Anschel betrachtete diese Instrumente, die singenden Harfen, und hat Vergnügen an den Bacchantinnen, die ihre Instrumente bearbeiten, mit den dünnen Fingerchen an den Messingsaiten greifen, mit den Köpfchen pendeln und mit den Aeuglein. schmeicheln. Wem schmeicheln sie? Ihm gar, Anschel beißt das. „Sieh nur hin, wie sie lächeln, sieh nur, sieh," sagt Anschel zum Kassier und zupft ihn am Aermel. * Dem Kassier kriecht das aber nicht in den KopS hinein, kaum daß es ihm auf seinem Platz duldet. Er würde jetzt lieber ein Bett haben und der bohrt ihm ins Ohr mit Bacchantinnen. Aber da zeigt sich auf der Szene die berühmte Marinesco-Milanesco in Brillanten getaucht,'' lund beginnt zu singen: „Ja chodschu vam raskazat, raskazat" und das Publikum im Saal hilft mit „Kak my s tnim paschli guljat, paschli guljat" und im Saal wird es lichtiger und das Publikum aufgeräumter. Ein Genießen! Ein-Paradies! '■* 4 4. Kapitel. Sie sind schon auf der Fährte. r : So arbeitete das Expeditionscbrps an seiner Aufjgiabe treu Nacht für Nacht, bis etwas passierte. Das war an einem schönen. Abend im Cafe Chantant Paradiso. Unsere zwei Reisenden Anschel Rafalowitsch und Schischen-we-Simche der Kassier saßen an ihrem Tischchen, tranken iDulschatz — Wasser mit Eingemachtem ■— und lauschten der Musik, Anschel war besonders aufgeregt und festlich gestimmt. Und Schischen-we- Simche war, im Gegenteil, wie immer voller Sorge. Es ging, ihm nahe ans Herz das Geld, das für nichts und wieder nichts ausgegeben wurde, er' wußte nicht wozu, er wußte nicht wofür. „Man sitzt in Bukarest und sucht den gestrigen Tag und Rubel fliegen wie Mist, weh, weh, was wird daraus werden?" Schischen-we-Simche ist, wie wir schon wissen, seinem Schischcn-we-Simchc-Namen zu Trotz ein melancholisches Wesen und alles sieht er finster, traurig und in schwarze Schleier gehüllt. Und hier „trampelt die Musik, den Leuten gefällt es, ein Herttmtummeln wie im Bad, man frißt, man sauft, man läßt Rubel springen, Geld wie Fetzen, was fehlt ihnen denn? Vielleicht Kopfschmerzen?" Mit solchen melancholischen Gedanken sitzt unser melancholischer Kassier und wirft unterdessen einen verschlafenen Blick auf die Szene, wo sich zuerst die Bacchantinnen zeigen und andere Arten von Geschöpfen, allerlei Weiber, solche, die sonderbar angezogen sind und solche, die nur. halb und solche, die „fast gar nicht angezogen" sind. Und zum Schluß, wie eine Art Dessert zum Beispiel, erscheint die berühmte Marinesco-Milanesco. Sie funkelt mit ihren Augen und mit ihren Brillanten und singt „Ja chodschu vam raskazat, raskazat". Im Saal wirds lebendiger und Anschel stimmt ein „Kak my s nim paschli guljat, paschli guljat". Da blickt sie von der Szene herab auf Anschel und winkt ihm zu. Anschel wird voller Freude und winkt zurück. Kaum hat sie ihre Nummer zuendegebracht, geht sie an dem Tischchen der Beiden vorüber, Anschel erhebt sich. Da tritt sie näher, er macht ihr Platz zwischen sich und dem Kassier — das erstemal so nahe —. Das Knistern ihrer seidenen Kleider läßt sich hören, dazu scharfer Geruch scharfen Parfüms, das sogar bis zu Schischen-we-Simches ewig verlegter Nase dringt, Und da sie, die Nase, an solche Gerüche nicht gewöhnt ist, kann sie sich nicht zurückhalten zu niesen. Da sagt Anschel: „Wachsen sollst du!" Schischen-we-Simche weiß nicht wohin mit seiner Nase, die plötzlich mitten im Besten drauflosniest. „Domnulu," wirft unterdessen Marinesco-Milanesco ein und versetzt Anschel mit dem Fächer eins über die Hand und läßt alle Brillanten funkeln. „So ein formosa domnulu wie du trinkt Dulschatz?" In unserer Sprache wird das wohl „ein so schöner junger Mann wie du trinkt süßes Wasser" heißen. Fragt es sich: Wie häSt man einer solchen Lockung stand? Wie soll Anschels Herz nicht vergehen wie Schnee t'orso'ch einem Komplimen'! Uiid Anschel ru't den K llner herbei und sieht Marinesco-Mi'änesco an, wie um zu sagen: was ist dein Wunsch,' schone Prinzessin? Die schöne Prinzessin, wünscht Champagner., Anschel läßt Champagner bringen und sieht sie an, wie um zu sagen: was willst du noch, schöne Prinzessin?1 Die schöne Prinzessin wünscht gebratenen Fasan als Zubeiß. 'Anschel läßt Fasan bringen und sieht ihr in die Augen..' Was noch wünscht sie? Sie wünscht Likör und den 'läßt sie schon selber bringen, den Likör, vom besten, 'Charmeuse oder Pcpermint. Anschel wiederholt, was sie bestellt hat, Chartreuse und Pepermint... Ananas schafft sie sich an, und da der Kellner sagt, es. seien keine mehr da, regt sich. Anscher auf. Was ist das für Ausrede: „Keine mehr da?" Bestellt. man Ananas, müssen Ananas da sein, a la draco. Da zupft ihn Schischen-we-Simche am Aermel und sieht ihn mit flehenden Augen an: „Gewalt, das wird ein ganzes Vermögen kosten." Anschel lacht auf. „Dummkopf, siehst du die Brillanten, die sie trägt? Weißt du, welchen Wert die Brillanten . haben?" Nein, Schischen-we-Simche- "weiß nicht, was. für Wert die Brillanten haben. Er weiß aber etwas anderes. Er weiß, daß es in ihrer Kassa; tagt, und als er es heute morgen Anschel gesagt hat, da hat Anschel ihn angeschrien: „Dummkopf, warum rührst du dich dann nicht? Schreib nachhaus, daß man braucht und man wird schicken." Schischen-we-Simche ist ein Mensch, der schreibt, wenn man ihn schreiben heißt. „Was also soll ich schreiben," fragt er Anschel. „Schreib, daß wir schon auf einer Fährte sind. Schwer arbeiten, alles tun, keine einzige Nacht schlafen, überall hinfahren und suchen, und gute Menschen helfen uns, aber es kostet Geld, Masse Geld. Denn niemand will's umsonst machen. Daher soll mau Geld herschicken und um Golteswillen rasch. Und seid gesund und Iaßi grüßen und so weiter.,." Als der Brief abgeschickt war,. fühlte Ansehet sich noch wohlcr als früher. Eine. Last war ihm von den Schultern gefallen und der melancholische Kassier — hingegen — wurde noch melancholischer. Weh, weh, was wird das Ende sein!... Und Anschel läßt unterdessen weiter Wein bringen, füllt alle drei Gläser, trinkt Marinesco-Milanesco zu und gibt acht, daß auch der Kassier auf ihr Wohl trinke. „Es ist nicht schön, daß man da sitze wie, ein Golem aus Lehm." Anschel tut alles, um den Kassier seine. Gedanken zu vertreiben, so weit und so breit, bis der melancholische Kassier immerhin ein wenig lebhafter wird. Je weiter es geht, desto glänzender wird seine Stirn. Die dicke bew'achsene Lippe hebt sich und es zeigt sich auf ihr so etwas wie ein Lächeln. Die verschlafenen Augen werden klebrig und er schmatzt. Das ist ein Zeichen, daß er schon sehr aufgeräumt ist. Man kann sagen, daß es das erstemal ist, da Schischen-we-Simche seinem Schischen-we-Simche-Namen Ehre ntacht. Ueber beide, über Amschel Und den Kassier, ist auf einmal Freude, Wohlbehagen, Lustigkeit gekommen.. Es ist ihnen beiden wohl geworden, basta. Ob des großen Wohlbehagens kam es gar bis zur Umarmung, indem Anschel Marinesco-Milanesco wie eine eigene Schwester umarmte und Schischen-we-Simche es zu überwälti* gender Freude brachte. Dieser hielt das geleerte Glas in der Hand und wälzte siclvnach allen Seiten, er1 stickte fast vor Lachen und plötzlich hörte er zu lachen auf. Die verschlafenen Augen wurden, plötzlich wach, wurden von der Tür gefesselt, starr, während er selbst^ das Glas in der Hand, ebenso starr blieb. Was ist die Mär? Er hat in dieser Sekunde von ebendort zwei Personen hereinkommen sehen. Eine größere .und eine kleinere. Es hat ihm geschienen, daß die Hereingekommenen auf ihn und Anschel geblickt haben und wieder zur Tür zurückgegangen sind. Aber bis Schischen-we-Simche seinen Kopf zu Anschel gewendet und herausgeschrien hat „er ist hier wie ich ein Jude bin", war von den zwei Personen keine Spur mehr... Vergeblich machte sich Schischen-we-Simche ans Hinauslaufen, wie ein Verrückter. Vergeblich schwur er mit allen Schwüren, er möge es erleben, alle jene, die. ihm lieb, zu sehen und alles Gute zu erleben, wie er selbst mit seinen eigenen Augen ihren Lebl eben jetzt da beider Tür gesehen hat. Anschel glaubte ihm nicht. Anschel wandte ein, ein Traum habe ihm geträumt, schuld daran sei der Wein, der Champagner chachacha! 45. Kapitel. Die Vögel werfen ihr Gefieder ab« Nein. Schischen-we-Simche hat sich nicht geirrt. Die zwei Personen, die ins Cafe Chantant Paradiso hineingekommen sind und wieder kehrt gemacht haben, waren wirklich jene, die aufzuspüren das Expeditionscorps ausgeschickt worden war. Es war der entlaufene Lebl Rafalowitsch und unser alter guter Bekannter Hotzmach, die wir beide so nennen wollen, solange, bis sie sich ihre Namen ändern werden. (Fortsetzung folgt.) " l oriö bw sämtliche nee w SPEZEREIWAREli ORIGINAL PALÄSTINA-WEINE liefert billigst und bestens \ J. SONNENBLUM, WIEN, : XVII., Hauptstr. 86 Tel. 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