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Die neue Welt · 1929-04-05 · Heft 81 (5.4.1929) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 81 (5.4.1929)
Date
1929-04-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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r Seife« DIE NEUE WELT Nr. 81 Nacht! Ist das ihre Sorge? Sollen sie nur trinken zu gesund! S' ist ja nicht für ihr Oeld. Sie ist mit einer andern Sache beschäftigt: Sie zerbricht sich den Kopf über den Fellmantel und den Schal — wozu denn der Schiemil bei ihr plötzlich im Sommer einen Winterschal und einen warmen Pelzmantel und dazu noch einen Weibermantel gekauft, hat. Noch schöner! Hätte er wenigstens den Schal und den Mantel zu den übrigen Sachen für den Weg dazugepackt, hätte sie annehmen können, daß er — weiß der Teufel — jemanden ein Andenken mitbringen will aus Holeneschti. Wenn dem so ist, tut es ihr schon leid, daß sie es so billig hergegeben hat, ein Geschwür soll ihn fressen. Was stellt sich aber zuletzt heraus? Er nimmt Schal und Mantel und sagt zu ihr: „Laßt das bei euch zuhäus an der Wand hängen bis zur letzten Minute." Hört ihr Worte? Erst, weiß ich wann, so um Mitternacht kommt et dahergegangen der Schiemil, nimmt den Schal mit dem Mantel und macht sich auf den Weg. Fragt sie ihn „Wohin denn??', sagt er: „Ist das Eurer Großmutter Kopfzerbrechen?" Sagt sie ,/Mit dem .Kopf in der Erd" und will sich schlafen legen, kann aber nicht. Wie kann sie sich schlafen legen; wenn die Gesellen bei allen Teufeln dort irgendwo bei Hcnich im Keller sind .und zum: Verabschieden noch hieherkommen müssen? Gäste bei mir gewesen, solange da gewohnt» wie reist man da ab ohne ein Lebewohl! Und wirklich, es war schon weit, weit nach Mitternacht, sie wirft einen Blick — aha! — ejn Wagen, ein anderer, ein dritter. Wer ist? Sie sind's ja, die Kerle, die ganze Kompanie» man fährt also — seid gesund! Fahrt gesund! Sie schaut hin nach dem dritten Wagen ganz hinten zu Schimeh Dovid dem Fuhrmann. Drin, obenan, sitzt ihr Anführer' ihr Direktor, und hart bei ihm irgend ein Frauensbild, in ihren alten Katzenfellmantel und Winterschal gehüllt. Ein Gesicht sieht man nicht, aber . Augen, bekannte Augen, Herr der Welten, wer mag das sein? All die Komödiantenfrauen kennt sie und ihre Gesichter, Mißgeburten, pfui» eine häßlicher wie die andere. Und die scheint schön zu sein, dasheißt, Gesicht sieht man keins, aberAugem schwarze Zigeuneraugen, bekannte, bekannte Augen, wer mag das sein? Hätten die Kerle nur für eine Minute halt gemacht, würde sie* schon herausgehabt haben, wer das ist. Es dauerte aber nicht einmal eine Sekunde. Schon waren sie angefahren,; schon sagten sie ihr Lebwohl und sdhon waren sie auch nicht mehr da. Eine ganze Nacht hatte sie sich von einen Seite auf die andere gewälzt, hatte nicht schlafen können. Gewalt! Gewalt! Wer war das Mädel mit den Zigeuneraugen? Erst früh am Morgen, als sie von der Geschichte hörte, davon, was in der Stadt vorgeht, griff sie sich an den Kopf und rief ihre beiden Schwestern.: ,Gebt mir Stroh zu fressen und heißt mich Kalb." Kurz, Himmel und Erde haben sichs anscheinend geschworen, daß keine verborgene Sache bestehe und die Wahrheit wie Oel auf die Wasserfläche komme. Gott soll ihr Glück geben wae1 sie es vorher gewußt hat, daß es so geschehen wird. Denn warum ist das nicht mit. ihren Schwestern geschehen? Haben denn ihre. Schwestern nicht gepflegt ins Theater zu gehen jeden Abend? Warum haben ihre Schwestern denn keine Aeuglein geworfen auf die Sp.ielvogel wie der Chasenfrau ihr Töchterchen?.., „Halts Maul* du gemeine Person!" ließ sich plötzlich ein grelles Schreien hören und wie ein gereiztes wildes Tier ging die Chasenfrau auf Neche die Wirtin los. Die arme Mutter war bereit, die Frau ihrer letzten Worte wegen umzubringen... Ein Gjück, daß man rechtzeitig die beiden Frauen auseinanderriß, sonst wäre ein häßliches Unglück geschehen; 42. Kapitel. Auf nach den Geflüchteten! Durch alle Zeugen und durch die Ausforschung konnte nur eine Sache festgestellt und protokollarisch vermerkt werden, daß „der Sohn des Benje Rafalowitsch Leb, 14 Jahre alt, und die Tochter des Chasen, Resl Spiwak, 15 Jahre alt, von Samstag Nacht auf Sonntag mit einer Gesellschaft jüdischer Schauspieler zur Grenze gegen Rumänien geflüchtet seien und daß der obengenannte Sohn des Benje Rafalowitsch Leb bei seinem obengenannten Vater Benje Rafalowitsch aus der Kassa eine Summe von soviel und soviel entwendet habe..." Gesetzt so, muß man ihnen bei warmem Eisen nachlaufen, nachjagen, vielleicht daß man sie noch erwischt, Und es blieb dabei, daß man ihnen Leute nachschicke und das sehr rasch — und man tat auch so. Diese Expedition bestand. aus z^vei Personen. Die •eine wjar Rafalowitschs Schischen-we-Simche und die andere ein Rafaiowitsch-Sohn Ansehet. Anschei nst ein exquisiter junger Mann, an Jahren zweiundzwansig, ein gutgepolsterter, ein weißer, ein zarter, mit weichselroten Lippen, mit ' einem schönen rund gestutzten Bärtchen und mit schwarzem glänzendem gekräuseltem Haar. V Man kann nicht sagen, 4aß Ansehet einen gar schlechten Kopf hat, aber er wollte nicht lernen, auch wenn man ihn zerhacken sollte. . .. 4^;; ' „Ivan, was wird" aifü ' dir.werden", hat sich der Vater mit dem Sohn ausgesprochen, ein Schinder, ein, Bärentreiber, sollst wenigstens nach Vater-Mutter Kaddischsagen können. Na lös, fähr nur nach,* nä, paschol ,jisgadl we-jiskaddesch...*)' ... . Da kann sich, die kleine Bejlke nicht mehr zurück" halten und muß sich einmengen: „Verrückt meine Feincle, was für. Kaddisch mitten drin? Wir leben noch scheints." „Närrin, die du bist," antwortet ihr Benje. „Du sollst dann erst sterben, bis der dumme Tölpel erlernen wird Kaddischsagen." Das, was daraus folgt, war, daß Benje ihn aus dem Cheder nahm. „Lernen willst du nicht, Kaddischsagen kannst du nicht, dann kann wenigstens Schweinefüttern .. ." Das hieß, daß er aus ihm einen Wirtschaftsmann machen will. Und AnscheL schickte sich gut zu einem Wirtschaftsmann an. Konnte gut reitkutschieren, erlernte Walachisch sprechen wie ein wirklicher Moldawer, ward Fachmann auf Mais und errechnete blitzschnell mit dem Augenmaß an jedem Bäum, wieviel der an Schnitt-und. wieviel an Brennholz abgibt. Mit einem, Wort, Anschel zeigte alle Begabung zu einem gediegenen wirtschaftlichen Kaufmann. ' v . »" ... . :i" Erst vor kurzem ^at vfe'enje jhm eine Frau aus*- gesucht, ihm Heiratsgut zugesagt und eifje Braut gegeben, eine etwas mangelhafte, keine schöne, wirklich keine schöne, aber von hoher Familie aus Beiz. Dem Ansehet, als Bräutigam, wie er die Braut erblickte, wurde löcherig im Herzen. ^Aber es dem Vater sagen, hatte er Angst. Benje wollte über .alle Maßen in dieses vornehme Haus hinein, und wenn Benje etwas will, wer wird ihm Nein sagen? Mit gebrochenem Gemüt( kam Anschel aus Beiz. Er beruhigte sich aber rasch, suchte Trost zuhause, bei der' Amme, einem gesunden und schönen Exemplar... Es ist .währ, die Amme wehrte kräftig ab, schwur, ihm in der ganzen Stadt den größten Skandal zu machen, aber was geht den Sohn des Reichen die Stadt an, dazu noch *) Anfangsworte des Gebets für die verstorbenen allernächsten Angehörigen. einen jungen Mann wie Anschel, der in der ganzen Stadt kein Mädchen kennt, von dem er nicht ein paar Ohrfeigen abgekriegt hat. Wüßte Benje davon, würde Ansehet nicht zu lachen haben, doch wer wird ihm derlei Dinge erzählen gehen? Entsteht irgend ein Skandal, erstickt er /ihn, daß er nicht bis zum Vater reiche. Nur einen Menschen gibt es bei den Rafalowitschs im Hause, der um jeden Schlag, um jeden Fall weiß üfttf schweigt, den Schmerz in sich trägt. Das ist die Mutter: die Arme, die kleine* die stille, die schwache Bejlke. Die kleine Bejlke trägt auf ihren schwachen Schultern das ganze Leid dieses Hauses. Anschels wegen brennt ihr Gesicht vor Scham. Sie, möchte sich in die Erde verkriechen. Aber was tunl So bittet sie Gott für ihr Kind, Gott möge ihm , die rechte Frau schicken, daß er sie eheliche Denn schon mit fünfzehn, sechzehn Jahren begann ihm ein Bärtchen zu sprössen und vom achtzehnten an gibt es Leid und Sorge und Leid... Eine solche Art junger Mann ist Benje Rafalowitschs Sohn Anschel, den der Vater hinausgeschickt hat, den, entlaufenen Sohn einzuholen und einzufangen. Er hat ihtn den Kassier mit einem hübschen Stück Geld mitgegeben und ihm eingeschärft: „Heidi, fährt Und bringt ihn hergeführt, den MeK rten Kerl." Und dem Kassier-im besonderen schärft Benje eln4 nicht mit . „Sdherben" (Rubeln) zu sparen und herzir* geben,-was nötig ist, und-wenn mehr notwendig ist, zut schreiben —- man. werde schicken. Und Papiere hat er ihnen mitgegeben, beglaubigte Dokumente, kraft deren man den Flüchtling wenn nötig in Ketten geschmiedet einliefern könne. „Aber Heber im Güten,"- prägt er Anschel einigemal ein. Und als die Expedition schon, fertig war, d. h* als Anschel mit dem Kassier schon auf dem Kutschier wagen saß und die Pferde losgingen, rief Benje ihnen; nach: > „Denkt daran, im Guten, im Guten . . . I" '' 43. Kapitel. Das Expeditionskorps arbeitet mit allem Eifer. Anschel Rafalowitsch mitsamt dem Kassier Schi* schen-we-Simche hatten, nach Jassy gekommen und sich dort umgesehen, von der Gesellschaft der Akteure keinen mehr angetroffen. Man sagte ihnen, daß zwar irgend- * eiche junge Leute mit abgetretenen Stiefein und mit rasierten Gesichtern da und dort lungerten, die — wie sägt man — jüdischen Schauspieler, aber man wisse;, nicht, wohin sie verschwunden sind. Daraus ersah das Expeditionscorps, daß man weiterfahren müsse. Und manrmanipulierte nicht lange, man ging ans Weiter- und Weiterfahren, bis man in Bukarest kam. In Bukarest eingetroffen, drang Anschel in "dein Kassier und bewies ihm mit Verstand, daß man in einest anständigen Hotel absteigen müsse". „Solls sein, wenn es schön soviel.Geld kostet, wird es eben noch kosten. Zumal der Vater es vielleicht hundertmal eingeschärft hat, „nicht mit Geld zu sparen und wenn mehr notwendig,. er schicken werde." - '. Außerdem muß man wissen, daß bei Anschel es der erste Auszug von zu Häuce und der erste Einzug in eine so große Stadt wie Bukarest war. Ach, Ansehet hat schon seit langem sonderbare Sehnsucht nach der großen freien Welt gefühlt und von einer schönen großen Stadt geträumt. Aber seit er Bräutigam dieses ein wenig» mangelhaften Mädchens aus vornehmem Beizer Haus geworden war, hat er sich das Wort gegeben, nach deV Hochzeit, wenn er ein wenig freier geworden ist, einmal nach dem schönen .Bukarest einen Abstecher zu macheqi, sich die. Welt anzusehen und einmal aufzuhauen ^wie Gott es befohlen hat. •. (Fortsetzung folgt.) . v rs-ir Schadehen, der in besseren jüdischen Kreisen J verkehrt, empfiehlt sich; ■ * ■ 5 Gefl. Zuschriften; " unter „Diskret" an die Expedition des Blattes 2 mmi »iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiu | Begründet 1882 1 I Lebensverslcherunss- DUflMIY' 1 |Gesellschaft «rnUNIA | | Zentraldirektion: WIEN I., Riemergasse Nr. 2 § 5 Versidierungsbestand t Milliarde 600 Millionen Sdüiling i s folleingeuhltes Aktienkapital 4.000.000.— Sdinting s Prämien- und Ziiueneinnahinen k Jahr« 192? 7t Millionen Schilling S 5 Gwantiemittel Ende 1927 t92 Millionen SAiüiog liiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiniHiiiHiiiimiiitiiiiiiiiiimiiiti? GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, 1. Bes., Seiiensiettehgasse 2, Telephon Ü'28-1-28 XI., Zehttalfriedhot, neb. * 7. Tor, Telephon V-18 0 8S ß &m mßm N§»ÜH<ft#a G Selbständiger ewerbetreibender sucht Stelle als Kassler oder Inkassant. Gefällige Zuschriften unter „Realkaution" an die Administration des Blattes. Bei Einkäufen berufen Sie sich auf n Einlösung von GOLD SILBER PLATIN . bei G.A. Scheid Wien, VI., CumpendorferstraB« 80 I., Franz Joseta Kai 39 Niederlnse Bekannter »nffll -j^fl TO - mit kräftiger Stimme sucht Posten Unter .Religiös« an die Expedition dieses Blattes 1 Vermittlung erbeten Vermittlung erbeten J NÄHMASCHINEN FAHRRÄDER 1929 $20.— monatlich ohne Angabe! iXallechtenstelnstraBe Nr.Z7 Tel. A 16-3-64 und A 1*5-9$ iy. wiedner Hauptstraße Wr.8 Tel. A 30-0-36 SPORT- UND PURISTEN ARTIKEL Eigentümer, Verleger, Herausgeber and verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker, Druckerei* und vYerlag5?Ä»-G» Igoa» Steinraaun» beide Wien, UnlversltätsstraBe 6-^

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