Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 79 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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f Seite 12 DIE NEUE WELT Nr. 79 k: 38. Kapitel. >•'■'. Fragen flber Fragen über Fragen. 1 ■ ,Einem Menschen, ist er in Furcht, können sich Dinge zeigen: nicht gelesen, nicht gewesen!' So denkt unser junger Held, mit Hotzmach auf dem Wagen sitzend oben über den Dekorationen. „Woher ist ihm der Gedanke gekommen, daß bei Schimen Dovid im Wagen Resl sitzt? Sollte Resl es sein, stellt sich die Frage: warum ist man abgebogen dorthin. auf einen ganz andern Weg? Fahren sie doch beide in denselben Ort. 1 Solche Fragen fragt Lebl sich selber und wendet den Kopf zurück und wirft noch einmal einen Blick dorthin, wohin Schimen Dovids Wagen verschwunden war, und begegnet den Augen seines Kameraden Terkusch, der immer noch mit heraushängender Zunge dem Wagen nachlief. Ein närrischer Hund, denkt sich Lebl, und es greift ihm ans Herz und er empfindet Mitleid mit seinem alten treuen Hund Terkusch,. dem Armen,' der elendeinsam zurückbleibt. Und das arme Fohlen, bleibt das nicht elend-einsam zurück? - . „Die Cholera auf beide", ruft Hotzmach plötzlich aus. „Auf wen die Cholera?" fragt Lebl verwundert. '" - „Auf wen? Auf eben meinen Schtschuppak mit dem Mamser Scholem Meir, wie die sich da breitgemacht haben bei Schimen Dovid im Wagen, geradeso, wie wenn sie bei Vater im Weingarten; wären." ' \: Lebl sieht Hotzmach hoch erstaunter an. Er hat bei Schimen Dovid im Wagen niemand, außer Resl. gesehen. Was geht hier vor? V Und Hotzmach spinnt seine bedanken weiter. Ihn beschäftigen Schtschuppak und sein Flügeladjutant Scholem .Meir. Er spricht gleichsam zu sich selbst: * ,Eines versteh ich nicht, auch wenn, man mir den Kopf abhackt. Warum, zum Teufel, sind sie zurückabgebogen? Man muß den schläfrigen Kerl da1 fragen.' „He, Vettei,'steht auf zu Sliches*)", ruft Hotzmach den Antreiberan. „Nehmt's nicht übeljv daß man euch mitten drin im schönsten Schlaf unterbrochen hat. Könnt ihr mir zum Beispiel nicht sagen, wo jener Wagen hin abgebogen ist, was euer Schimen Dovid gerade jetzt manipuliert hat." „Eh, wohin abgebogen?" antwortet; ihm der Antreiber Vund wendet ihm sein verschlafenes Gesicht zu. ,-,Äuf jenem Weg fährt man, wenn man fahren will, nach Növoseliecz." - „Nach Növoseliecz gar?" { „He? Nach Növoseliecz!'* „Wie kommt Növoseliecz da her? Fahren wir denn nach Növoseliecz? Wir . fahren doch nach Ungheni!" „Eh? Wir fahren nach .Patscheschti "fähren wir." >, „Ich weiß," sagt Hotzmach, „nach Patscheschti. Patscheschti ist1 die Station* von wo man mit ..der ,-Bähn nach Ungheni fährt. Ungheni ist die rumänische Grenze. Und Növoseliecz ist doch eine ganz andere Grenze.'! Der Antreiber reißt sich wieder vom Einschlafen los. t/V '"Heb? Eine andere Grenze; sagt ihr! Ja, eine andere Grenze." - '; 4; „Was redet ihr dann von Növoseliecz?" fragt Hotzmach, schön wütend. ' v;?; „He'h!? Der Weg, sag ich, ist nach Növoseliecz. Mit jenem Weg da, sag ich, fährt, man, wenn man will/-sag ich, nach Növoseliecz." *) Nächmitternachtsgebete. „Nach Növoseliecz? Wie kommt Növoseliecz her? Fahren wir denn nach Növoseliecz? Wir fahren doch nach Ungheni"^ schreit ihn Hotzmach mit aller Kraft an. „Hehl? Wir fahren nach Patscheschti fahren wir." „Daß dich ein Stein hinmacht! Ich sag Ungheni, sagt er mir Patscheschti. Na, geh hin und red mit einem Fuhrwerker." Hotzmach spuckt gegen den Führwerker hin und sagt leise zu Lebl: „Ein Kerl das!" Lebl hört ihn aber nicht Lebls Köpf arbeitet, fragt Fragen über fragen und von allen Fragen die eine: was ist mit Resl? „Weißt dii, was ich dir sagen will, mein teurer Singvogel?" wendet sich Hotzmach an ihn. „Ich fürchte, daß mein lieber Schtschuppak mit diesem Lumpen Scholem Meir im Quartier etwas vergessen haben und zurückgefahren sind nach Holeneschti; Fragt sich aber die Frage (hier rückt sich Hotzmach das Hütchen zurecht und spricht wie zu sich selber), warum hat Schimen Dovid den anderen Fuhrleuten sagen lassen, man soll nicht auf ihn warten, ist dieser Abschnitt nicht ganz klar. '(Hotzmach läßt se^ine Hand vom Kinn abwärts streichen, als' hätte -er einen Bart.) Und darum müssen wir die Stelle so auslegen, daß dieser' Mensch da — er zeigt auf den Antreiber — recht hat, das heißt, daß sie wirklich zu allen finsteren Jahren irgenddorthin gefahren sind mit dem Weg, der führt nach Növoseliecz. Aj, die Frage —■ (das singsagt Hotzmach im Tonfall der Gemore und preßt den Daumen hervor) aj, die Frage was? Warum Haben" sie die: ganze Truppe mit den Dekorationen zur rumänischen Grenze geschoben und sind selbst auf den Kopf gefallen — bei ihnen* bleibs — der Teufel weiß wohin abzuziehen?" . Hotzmachbleibt mit dem' Daumen eine Weile sprachlös sitzen und gibt, sich selbst , im gleichen Singsang der Gemore die Antwort:; "»Also bleibt die FrageFrage." •.;' 3 9. Kapitel. Hotenesdüi schläft n;cht. •'' . ' ' 'V ' Unter allen Holeneschtier Juden, in denen es dampfte und die den Köpf verloren hatten .über dem außergewöhnlichen Ereignis, mit den zwei Verschollenen,' dem Knaben des Reichen und .des Chasen Mädel, gab es nur einen Menschen, der 'Iruhig geblieben; war, nicht weihte, nicht stöhnte, nicht Jeufzte, Sondern unternahm, was 'nötig war. Das war-der «Reiche selbst ~ Benje Rafalowitsch. Benje, Rafalowitsch, als er' von, all dem Lärm und der Verwirrung erfahren -hatte, vörl allem, was da vorgeht, gab jzun^chst die Weisung^ Rujjf r.zuhalten. Da trat Ruhe ein. Darauf erließ er den Befehl,'die Pferde einzuspannen und.- das/ ^,,Kn6pfe^Vftieherz^brjngen, .wäi'. in Benjes Bildersprache bedeutet: fcUsh '< P|1js^av,^_ japilt. dem Benje Du auf Du war. . :^"\, .; ' •" „Nimm wieviel .du;-willst/-,,sagte ihm Benje, „kannst mich <bis ,aufs >jHemd, ausziehn, nur bring mir nieiri Kind her!"; ' f&JZs ist kaum zu glauben, daß ein Mensch sich über einen Tag verändern kann, wie» dieser Benje Rafalowitsch sich verändert hat. Die immerroten Backen wurden bläulich und mit einmal jflach, eingefallen^ Die Augen irrten nach allen Seiten, äls; suchten sie jemand. Selbst der Bauch,; immer dick und rund wie eine, Trommel, hing auf einmal irgendwieherab; Es ist nicht mehr der Benje von ehmals'/. Er schreit nicht, er fuchtelt nicht, er zerbricht keine' Stühle inehr;. mit leisen-Schritten geht er hin und her in der Stube wie ein Schatten, finster, will nicht einmal auf den Hof hinausgehen, will die lichte Welt nicht sehen. Und obendrein liegt Bejlke das Weib gefährlich krank. Sie hat einen Herzfehler, sagt der Arzt, man muß sie beruhigen... Beruhigen? Womit kann Benje sie beruhigen» wenn man seinen Kopf mit einem Holzklotz erschlagen hat, ihm weggenommen hat das Allerschönste und das Beste und das Liebste und das Teuerste? — „Nimm wieviel du willst," sagt er noch einmal zum „Knöpfel", „kannst mich bis aufs Hemd ausziehn» nur bring mir mein Kind her." Das „Knöpfel" sieht Benje an. Es hat ihn noch nie so erregt gesehen wie jetzt. Es bekommt Mitleid! mit ihm, legt die Hand auf seine Schulter*und beruhigt ihn; „Budjet charascho," was „es wird schon gut sein" heißen soW, „„prikazi, Benje, Kiddusch" — „laß zum Trinken auftragen!" Mit überaus großem Eifer stürzte sich „Natschalstwo'* darauf, vom Grund auf zu sondieren, auszusortieren, genauestens zu-ergründen, bis auf die Wurzel bloßzulegen^ bis an die Quelle heranzukommen. Er, das Kommando, ging den Weg gradaus, wonach ganz und gar schuld sei dieser Schelm, der Chasen. Er weiß es gewiß, wo das Paar hingeraten sei. Er stellt sich nur blöd so. Laßt ihn nur zuerst ein paar Stunden im Sonderkabinett gemütlich zubringen, ein bißche i Bekanntschaft machen mit den Mäusen, mit den Wanzen und mit dem andern Geziefer, dann wird er aufhören, den krepierten Hund zu spielen, als wüßte er von nichts zu sagen. Und es hat nur an einem Haatf gehangen, daß man Israel den Chasen jenen angenehmen Aufenthalt verschafft hätte, wäre nicht Lea die Chasenfrau da mit ihrem Kopf von einem Mannsbild. Lea der Chasenfrau, sobald die erste Welle über sie hinweggegangen war, öffneten sich die Augen und sie hatte es mit ihrem eigenen Vers'and heraus, daß das mit dem Jüdischen Theater in Verbindung stehe. Sie hat tausenderlei Anzeichen dafür und Motive. Wer kann es so erfassen, wie eine Mutter? Eine Mutter weiß wüst und finster ist ihr! Einer Mutter Herz fühlt. Sie hat es erfühlt — ein Donnerschlag hat sie getroffen vom ersten Augenblick, als jene zwei Unglücksraben. (Schtschuppak und Scholem Meir) ihre Schwelle übertreten haben, daß sie ihr ans Blut gehen wollen. Gewalt, Gewalt, wo hatte sie ihre Augen?- Ein'ach verblendet. Ein bös* Aug, Gottesstraf für ihre große, große Sünde!;.. Jetzt ist ihr alles klar. Kläf1 wie der Tag. An ihrem Unglück haben schuld viele — viele Menschen. Als erste diese Heilige, die Neche, die Wirtin des Einkehrhauses mit ihren zwei ausgelassenen Schwestern, die mit jedem aus* nehmend chachacha.'... und chachacha!... schäkern. Die Galgenvögel haben dort Quartier gehabt, mit den Frauenzimmern wie Täubchen geschnäbelt — die müssen wohl alles, alles wissen... No, und erst Jechiel,, der Musikant! Was hat denn der Scharlatan mit ihnen bei Henich dem Weinschenker im Keller die ganzen Nächte gesoffen? Und Henich der Weinschenker selbst? — auch ein Wolf im Schafspelz! Ist ihm denn nicht, erst vor drei Jahren, die ältere Tochter mit dem kleinen Amtsschreiber davon? Lea könnte schwören, daß die. alle an ihrem. Unglück1 schuld tragen? Warum nicht lieber diese packen, statt um nichts und wieder nichts ihren Mann hereinzuziehen, der; nur Gott die Seele schuldig ist, na hast du gesehn!... Damit hat die Chasenfrau ihren Mann vor einem Unglück bewahrt, sie hat auch Natschalstvo den Kopf geöffnet, ihm eine Waffe in die Hand gegeben und den Schlüssel, die Wahrheit zu suchen. (Fortsetzung. folgt.) ISIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIW T EPPICHHAUS&»,,er- WEITZNER IV., Wiedner | Hauptstr. 10!''' . ' macht höfl. auf den besonderen Okkasionsverkauf ■ aufmerksam. Es gelangen zum Verkaufe Teppiche, ü Decken, Vorhänge, Linoleum; Stores, Doppelbett- . decken, Künstlervorhänge etc. Tlschtepplcne S 25.-^- Stores S3.50, Madrasvorhänge S 5.80, Doppelbett- |4~ decken S 12.—, Laufteppiche per Meter S2.50,; FUrv neildecken S 4.50 und vieles andere bis zu feinsten I' Qualitäten IlllllllllllllllllinilllllllllllllllllllllllllllP GRABSTEINE B HIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, I. Bee., Seitenstettengas$e 2, Telephon U-28-t-28 XL, Zentralfriedhot, neb. d. I.Tor, Telephon, U-18-6 85 aiiiiiiiiii!iiifiiiiiiii|iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii|iii!iiiiiiiiiiiiiiiitt Gegründet 1882 i Lehensuerslclierunss- DU fl MI Y< I | Gesellschaft frnUPllA § s Zentraldiroktion: WIEN I., Riemergasse Nr. 2 .§ s fsiidlenugtfutud 1 Hflfordi 608 Wflitara WSkf § 3. yoUelDjeuW« tttjfglnpit!) 4,000.000.- SAlng 5 s Pftaien- und ZimeniliiwJiJneo In h\m 192? . 71 Marionen tträliog § | Ganotfcnfttil Ende W 192 Kflltoaco ttfllty | s Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsch« Reich, Frantreich, § s Belgien. Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakisch» a s Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Qriechen- 3 s land, TUrkei, Aegypten und Palästina. ~ SiiiiiiiiiiiiiiiiiniiininiiiiiiiiiiiiiMiniiiHUiiiimninimiinü [ Bekannter/^■■IfflVri^Bn?JD m ~st;V* m mit kräftiger Stimme sucht Posten Unter „^iiglös" an die Expedition dieses Blattes I Vermittlung' erbeten Vermittlung erbeten und' Kindergärtnerin mit langjähriger Praxis erteilt hebräischen U nterr i ch t für Erwachsene und spielend für Kinden Gefällige Zuschriften an E. T., XX. Karajangasse 17 16» i . . ■ ' SChaäch^n, der in besseren jüdischen Kreisen ■ ■ ' verkehrt, empfiehlt sich J : ■ V> - * "' ■ S : '.' Gefl. Zuschriften! unter „Diskret" an die Expedition des Blattes Schadchen mit Verbindungen in gut jüdischen Kreisen > v 9«sucM Unter „Qstjude" an die Exped. des Blattes für meinen Bruder, symp. Ersch., Absolvent des.Wilnaer Seminars, nicht unvermögend, hübsches Mädchen aus konservat. Familie, nicht über 25 J. mit entspr. Mitgift. Zuschriften unter „Einheirat bevorzugt" an d. Adm. d. Bl. Bei Einkäufen berufen Sie sich auf i> Einlösung von GOLD SILBER PLATIN bei G.A. Scheid Wien, Vf., GumpendorferctraBo 80 I., Franz Josef« Kai 39 Niederlage» . NÄHMASCHINEN FAHRRÄDER 1929 S20.— monatlich ohne Angabe! ni^if IX. Liechtensteinstraße Nr.Z7 af^lmBL Te>" A i**5'64 und A 16'5"85 iiiiiiiSiiii IV* Wiedner Hauptstraße tir.8 ■BHnHHi tel. A 30.0-38 SPORT» UNP TO II RISTEN ARTIKEL Eigentümer, Verleger» Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker, Druckerei- und ». vVerJags-&-£, Jgnag Stejntnann, beide Wien. IXM ünlversitätsstraße 6—8,