Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 78 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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F Seite B DIE NEUE WELT Nr. 78 Warten nichtsnutz sei, nicht zum Derwarten, denn es sei noch zu packen und zu packen. Die Holeneschtier Liebhaber des Theaters wollen es jedoch nicht zur Kenntnis! nehmen. Sie wissen dem Verstand nach, daß das eitel Gerede sei. Alles hat ein Ende. Auch mit dem Packen muß es einmal Schluß sein. Das Theater wird ohne Bedingung aus dem Hofe fahren müssen. Unsinn! Wie kann ein jüdisches Theater Holeneschti so ohneweiters mir nichts dir nichts verlassen, ohne daß die halbe Stadt es begleitet? Das war dem Direktor des Jüdisch-deutschen Theaters und seinem Flügeladjutanten Scholem Meir nicht sehr gelegen. Zum Vorhaben, das die beiden vorhatten, brauchte man just das Gegenteil, nämlich daß kein ' Unberufener* anwesend sei, wenn sie abfahren. Was also tun? Was ihnen sagen? Scholem Meir hat ihnen schon genug gesagt. Man kann's mit einer ganzen Stadt nicht bis an die Spitze treiben, es könnte da noch ein Skandal herauskommen, und sie haben es gerade jetzt sehr notwendig,1 da es still, absolut still sei . . . Es steht ihnen eine sehr edle Arbeit auf Gottsgass bevor, ein feines Stück Arbeit!... Hat da Scholem Meir (wie nicht anders zu erwarten ein Diplomat) einen Einfall, klettert hoch hinauf auf einen Wagen, hält vor den Leuten eine Rede, aber wirklich einen ausgewachsenen Speech: „Geettrtes Publikum! Meine Herren und Damen! Im-Namen des Direktors des Jüdisch-deutschen Theaters und im Namen der ganzen Truppe habe ich die Ehre, Ihnen, geehrtes Publikum, unseren tiefsten Dank zu übermitteln für Ihre Sympathie, die Sie unserem Theater bezeugt haben. Alle die Zeit, die wir uns in Ihrer Stadt befunden haben, war das Theater — ich kann es mit Stolz bemerken — niemals leer. Und nicht nur drinnen, sondern auch draußen war es immer belagert. Das beweist, daß ihr Kunst zu schätzen versteht und jüdisches Theater bei euch einen Wert hat. Es ist mir eine Pflicht, euch um Entschuldigung zu bitten für mein unhöfliches Benehmen An euch), das. heißt auf jüdisch gesagt, bitte ich eu\ch hundertmal um Verzeihung dafür — vielleicht hab ich jemanden von euch grob behandelt oder seinen bösen Geist in euren Vater hineingescholten, aus dem Theater hinausgeworfen öder mit kaltem Wasser angespritzt. Ein Mensch ist kein Engel... leb weiß nicht wie bei euch, aber ich versichere euch, daß unser Theater euer Holeneschti niemals vergessen wird. Geehrtes Publikum! Unser Theater ist dabei, .'von hier wegzufahren und vielleicht für eine sehr lange Zeit! Es wäre uns sehr angenehm, wenn ihr uns beehren würdet mit eUrem Hinausbegleiten! aus der Stadt. Es tut mir aber sehr, leid euch sagen zu -müssen, daß nicht alle es werden tun können, denn bevor nicht der Morgen graut, werden wirr uns nicht von der Stelle rühren. Wenn ihr uns wahrhaftig eine Vergnügung bereiten wollt, gehtjetzt nachhause schlafen und mit Gotteshilfe, morgen beim Morgengrauen kommt hierher und ihr werdet uns ein Willkommen, sein." Die Wirkung der Rede Scholem Meirs und seines deutschen Willkomms war über - alle Maßen gewaltig. Das „geehrte Publikum" bereitete dem Redner ungeheure Ovationen. Das Bravo, das man ihm zurief, nahm keini Ende. Bravo , war aber nicht genujg, man begann Hurra zu schreien. Hurra aber genügte dem Publikum nicht, man verlangte Hotzmach": . „Hotzmach,, ein Chossidel,' Hotzmach! Hotzmach!" Da bestieg Scholem Meir Murawtschik wieder einmal den Wagen und entschuldigte sich vor dem „gekehrten Publikum", das Schreien 'und Lärmen sei vergeblich, Hotzmach werde nicht mehr auftreten und kein Chossidel mehr singen; das Theater ist geschlossen. Der Lärm wurde nicht geringer ob dieser Erklärung. Im Gegenteil, das Geschrei „Hotzmach"' und „Chossidel" wurde doppelt so stark. * Scholem Meir Murawtschik. sah. ein, daß in Güte hier, nichtsaj uszurichten ist, und da mußte „er sein alter Mittel anwenden, das ihm in allen seinen Nöten beisprang, das Besänftigungsmittel, wozu man.sich bequemen mußte, die Decke von den Dekorationen herabzunehmen und zwischen ihnen die Spritze herauszuziehen und einen kalten Wasserstrahl auf das „geehrte Publikum" loszulassen. Ein ausgezeichnetes Heilmittel! In ein bis zwei Minuten war der Platz gereinigt und vom „geehrten Publikum" blieb —- daß ihr sagen könnt — nicht eine Seele zurück. Von da ab wartete Scholem Meir noch einige Stunden und als es in der Stadt recht still geworden war, hieß Direktor Schtschuppak die ganze Truppe antreten und lud sie sowie Jcchiel den Musikanten mit der ganzen. Kumpanei in einen Keller ein, auf ein Glas Wein und „Nahif'-Zubeiß, auf daß es lustig zugehe, wie es Gott geboten hat. Die Truppe konnte sich nicht genug wundern, weshalb der Direktor plötzlich so splendid geworden sei. Nicht anders: ein Bär ist ihm über die Straße gelaufenJ Jede Weile ließ er neu auftragen, trank selbst und r.egteidre Leute in seiner unbeholfenen Sprechweise zum Trinken an. „Was soll ich euch sagen, ist das ein Wein, hört also.... Kinder trinkt und schüttet..." Mitten im besten Trinken schält sich unser Scholem Meir M;urawtschik hinaus, läßt die ganze Gesellschaft hinter sich und schleicht wie eui stiller Schatten hin zur Gottsgass. 3 7. Kapitel. Nichtige Aengsten. Jizchak, als er von Abraham, unserem Ahnen, zur Opferung geführt wurde, hätte gewiß nicht so angstvoll beben müssen wie unser armer junger Held, da er Samstag-Nachts auf dem Wagen saß und mit seinem Freund Hotzmach-zur Bahn nach Patscheschti fuhr, von dort nach Ungheni an die rumänische Grenze. Und er zitterte einfach darob, daß man vielleicht — wer kann das wissen? — ihm nachjagt, ihn abfängt und nach Holemeschti zurückbringt, aus ihm herausbeutelt... ah, Lebl kann nur mit Schrecken daran denken. Lieber es nicht erleben., Lieber lebendig ins Wasser springen. Und Lebl horcht lebhaft auf das Stampfen der Pferde und auf das Ratschen der Räder und auf das Knarren'des Wagens. Und es kommt ihm vor, es laufe ihm jemand nach, und er fühlt, wie alle seine Glieder beben. Vop Schreck? Vielleicht hängt das gar mit diesem sonderbaren „Ausflug" zusammen? Ach und Weh ihnen beiden, ihm und Hotzmach, in einem schönen Wagen sitzen sie, kann ihnen die Seele herausschütteln! Das ist Scholem Meirs Kopf gewesen,' daß man Hotzmach ganz obenauf auf die „Harba" mit dem Gepäck setze — damit gottbehüte die Dekorationen keinen Schaden erleiden! Diesmal scherte sich Hotzmach um Scholem Meir lund den Direktor und um ihre Dekorationen uind um ihr ganzes Theater wie um den, vorjährigen Schnee. Hotz- .mach, wie er da oben saß, war bereits selbst Direktor, hatte sein eigenes Theater, seine eigene Truppe^ seine eigenen, Dekorationen. Bei Hotzmach, versteht ihr mich, befindet sich überm Herzen so ein Päckchen, das) ihn wärmt und! heiß macht, Balsam in alle seine Glieder gießt und seine Seele mit höchster Freude erfüllt!. Dieses brave Päckchen hatte ihm im Stillen, sofor* als er den Wagen bestieg, sein junger-Freund Lebl in die Hand gegeben und Lebls Hand, während er dies tat, war: kalt und zitterte und die Zähne im Munde klapperten* ihm, es riß ihn hin und her wie im Fieber. „Wie viel ist drin, Liebling?" fragte ihn Hotzmach leise und neigte sich zu seinem Ohr, damit der Kutscher, der am Bock sitzt, es nicht, höre. Aber aus dem Päckchen, wie es sich anfühlte, schloß er, daß hier, ein hübsches Siimmchen beisammen sein müsse. „Ic:h weiß selbst nicht," antwortete ihm Lebl ins . Ohr, und Hotzmach. fühlt, ^yie aus Lebls Mund heißei1 Atem strömtt. ,;,Warum zitterst du, mein Herz, ist dir kalt?," fragte Hotzmach mit der betreuenden Liebe eines älteren Bruders. [ „Es ist mir warm", antwortete Lebl zögernd, die Zähne aufeinanderschlagend. . „So? Ist dir warm?" äfft ihm Hotzmach nach. „Sonderbare Hitze auf dir! Hier! Ich werde dir, LiebUngf, meine Tcndewerende anziehn, es wird dir wohltun! Meine Tendewerende wärmt wie eine Mutter." , Und Hotzmach gibt sich einen Riß, macht ein Bündel Kleider auf und ärmelt ein altes Kleidungsstück her* aus, einen lumpigen Fetzen. Warum beliebte es ihm, diesem Fetzen einen so prunkvollen Namen zu geben? Möglich, daß es einst, als es noch Schtschuppak gehörte,- so eine Art Kleidungsstück war, das man Tendewerende nennen konnte. Ich fürchte aber, daß das schon lange, lange her sein müsse, sicherlich in jener Zeit, da unser Direktor Albert Schtschuppak noch gar kehl Direktor war, sondern nur so ein Akteur. Vielleicht war es noch damals, als, unser Schtschuppak — man soll's ihm nicht heute wünschen — noch auf Hochzeiten, auf Beschneidungen wridi auf Pidjen-Haben's ging Kol Mikdasch singen... Jeden'r falls, als Schtschuppak dies alte Kleidungsstück dem Komiker Hotzmach überreichte, wiederholte er mehrerfemals, daß er ihm das für immer gebe, also ein Geschenk mache. Und er war just nicht faul, alle Schauspieler zusammenzurufen tand ihnen zu zeigens „was für ein Geschenk er, Schtschuppak,... chalza... wegzugeben sich nicht abhalten lasse. Und er begann den armen Hotzmach nach allen Seiten hin und her zu drehen, spiegelte sich und delektierte sich daran und rühmte sich in einem Atem, „war einmal, hört also, eine Antiquität von einem Uebermantel mit teurem echtem Samtkragen und eine Pellerinei von oben war das, hört also, gekauft um einen geschenkten Preis von einem Dieben, ein Vergnügen wars ohne Aermel cha cha anzusehen, soll mein Name nicht: heißen Albrett! . . ." Auf Schtschuppaks rotgeränderten brauenlosen Augen zeigte sich fast eine Träne. Und Hotzmach zog dieses! wertvolle Kleidungsstück sofort an und begann an Ort Stelle hinter Schtschuppaks Rücken Schtschuppak nachzumachen, seine dummgefaltetc Armensündervisage mit dem geschnürelten Mundstück und mit den greinenden; Aeuglein — aber so kunstvollendet, daß nicht zu erkennen war, wer von den. Zweien Schtschuppak und wer Hotzmach. . .; Ungeachtet dessen hat diese Tendewerende Hotismach wie eine treue Mutter Dienste geleistet. Sie war ihm Regenmantel und Unterbett und Oberbett und Decke und Gala* mantel und was ihr sonst noch wollt. Und auch jetzt kam sie ihm zu statten, dieses kleine Bürschchen, das wie ein keusches Lämmchen zittert, darin einhüllen. Und Hotzmach beugt sich'hinunter zu dem kleinen Bürschchen und flüstert ihm ins Ohr' und tröstet ihn" wie man eiitf kleines Kind tröstet. „Was hast du A'ngS.V Närrchen? Kaum drehst du dich um, sind wir in Patscheschti. Dort setzen wir uns auf die Bahn und mittags sind wir schon "an der Grenze in Ungheni. Und von Ungheni bis Jassy ist -nicht mehr als eine halbe Stunde zu fahren, sodaß wir, bis mau zu Hause draufkommt, schon' weit weit seki werden!" Ob dieses Gedankengangs lacht Hotzmach mit stillem Gelächter und verhustet sich und* verflucht seinen Küsten mit schrecklichen ' Flüchen. Lebl hört, aber nicht was Hotzmach zu ihm sprich! Lebl zittert. Er könnte achwören, daß er jemand hinter dem Wagen her laufen (und schnaufen höre. Und wie groß auch sein Schreck sein mag, steckt er doch seinen Kopf unter der Tendewerende heraus, wirft ein Blick rückwärts und erblickt — ihren alten Hund Terkusch!... Wie kommt Terkusch da her? Sicher fährt' irgendwer von ihrem Hof und Terkusch lauft vor. So denkt sich Lebl und kalter ■ Schweiß beschlägt ihn. Bevor er. Zeit hat, noch einen Blick nach hinten, zu werfen, hört er jemand von hinten mit Huck und Pfiff und * Peitschenknall nachjagen. Verloren, denkt sich unser junger Held und ist bereit, alle« über sich ergehen zu lassen. Und nun klären sich "seine! Phantasien. (Fortsetzung folgt.) GRABSTEINE FRIED LÄNDER & DEUTS Chi Wien, I. Ben., Seitenstettengasse 2, Telephon V'28-1-28\ XL, Zentralftiedhof, neb. d. 1. Tor, Telephon U-18-0-85\ äMlllMlIllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllillilllllllllililllliilu i Gegründet 1882 i .PHÖNIX' Gegründet 1882! iebensuemctierunss | Gesellschaft | Zentraldirektion: WIEN I., Rietnergasse Nr. 2 S 5 VEfjidieiQJipsbejtand 1 Miniarde 600 Milliontn Shilling | 3 »gezahltes Aktienkapital 4,000.000-Mitling s Pflmien- und Zfnsenelnnahmen im Jahre 1927 71 Millionen Schilling s 5 Girufienittel Eode 1927 192 Millionen SÄg | 5 Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, 5 5 Belgien, Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s s Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- £ s fand, Türkei, Aegypten und Palastina. Tliiiiijifiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiriiiiiiiiiiiiiiiiiirriiiiiiiiiuiiiiiurr s - j Bekannter wsn .?sn f '. mit kräftiger Stimme sucht Posten Unter, „Religiös" an die Expedition dieses Blattes Vermittlung erbeten Vermittlung erbeten I mm und Kindergärtnerin mit langjähriger Praxis erteilt hebräischen Unterricht für Erwachsene und spielend für Kinder. Gefällige Zuschriften an E.T., XX. Karajangasse 17/16 pn«> ■ Schadehen, der in besseren jüdischen Kreisen ■ ■ ■ m verkehrt, empfiehlt sich * Gefl. Zuschriften m m ■ m m " unter »Diskret" an die Expedition des Blattes S ■ ■ ■ Bei Einkäufen berufen Sie sich auf GOLD SILBER PLATIN bei S.A. Scheid Wien, vi., GumpendorferstraBe 88 I., Franae Josofs-Kai 39 Niederlage} NXH MASCHINEN FAHRRÄDER 1929 S20.— monatlich ohne Angabe! IX. Llechtensfelnstraße nr.zx ^ImliL Tel" A 16"5**4 und A 16"5"65 IV. Wiedner Hauptstraße Hr.8 Tel. 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