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Die neue Welt · 1928-07-06 · Heft 42 (6.7.1928) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 42 (6.7.1928)
Date
1928-07-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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$6$t€ 8 DIE NEUE WELT Nr. 42 i^wföJL^?j ^42iHä|<i^/1^ fki^^ji^ Kwl JH <J ü Des Heldenepos erster Gesang. Zum Herzl-Tag. Von Otto Abeles. Jedes Volk hat seine Heldenlieder, die es in guten und schlechten Tagen singt, die Freude zu erhöhen, die Not zu lindern. In der Stunde, da man den Helden begräbt, beginnt das Lied z>u leben, zu wachsen und sich zu wandeln. Bald schwebt der Gepriesene, ein Idol, in den Wolken. Die Glorie strahlt, das Antlitz ist heilig geworden. Aber starr. Was irdisch an ihm war, ist abgefallen. Der Mythos wuchert. Im Wandel der Geschlechter wird manche Strophe vergessen, manche neue gedichtet. Ein solches Heldenlied, spät dem greisen Volke beschert wie Sarah die Leibesfrucht, .betreut und geliebt wie das spätgeborene Kind der Stammutter, ist für das Judentum das Leben Theodor Herzls. Es beginnt ihm zu ergehen wie anderen nationalen Heldenepen. Die gigantischen Kämpfe und rauschenden Erfolge der späteren Jahre, das opfervolle Leben, das heroische Sterben werden immer üppiger von der Sage umrankt, vom Volksmund besungen, anderes wird vergessen, und die Zeit, die der Schöpfung von Herzls Kongreßzionismus-vorangingt der Prolog zu Heldenleben, Tod und Verklärung des großen Juden, wahrscheinlich des größten; der in der Diaspora geboren wurde, geht verloren. Viel zu früh, glaube ich, fürchte ich. Was in diesem Manne vorging, damals, in wenigen Wochen des Frühlings 1895 zu Paris,. war so, außerordentlich, die Höhe des Gefühls, in der er schwebte, so ungemein, das geistige Ringen so gewaltig, die Erkenntnis, Werkzeug einer umwälzenden Idee geworden zu sein, so erschütternd, die Hingabe so inbrünstig, die Arbeitsleistung; so.unerhört, daß dieser Auftakt eines Heldenlebens für die gesamte Kulturweit erhalten bleiben muß .— und erst recht für die ermattenden jüdischen Epigonen ... Damit der erste .Gesang des. Heldenepos „Theodor Herzl" nicht vorzeitig abhanden komme, erinnere ich hier an seinen Inhalt. Die Einflüsse: Dreyfusprozeß, Antisemitismus, Qual der Würdelosigkeit seiemmit ihrer Erwähnung abgetan. Sie stehen zu der Auswirkung in dem, Phänomen Herzl in keinem Verhältnis. Wiegen nicht schwerer als die bedenkliche Tatsache, daß er zwei Jahre früherv die Judenfrage durch. Massentaufen lösen wallte. („Nicht verschämt, wie es einzelne bisher getan, sondern mit stolzen Gebärden. Und dadurch, daß die Führer Juden blieben, das Volk nur bis zur Kirchenschwelle geleiteten und selbst draußen blieben, sollte ein Zug großer Aufrichtigkeit das Ganze erheben. Wir Standhaften hatten die Grenzgeneration gebildet." — Herzls Tagebücher.) Wiegen nicht schwerer als das Paradoxon* daß damals sein Chefredakteur Benedikt, der doch später den Zionismus mit dem Todschweigen bekämpfte, das Judentum gegen Herzl verteidigen mußte. Und nur erwähnt, damit abgetan sei, daß er fremd wie Moses zum Judentum kam, mehr als fremd: entfremdet; daß er eingestandenermaßen nur durch den Antisemitismus an die Joidenheit gefesselt blieb. Gefesselt! Entscheidend, daß in Theodor Herzl die besten Kräfte des Menschen jüdisch Blutes: rasche geistige Erfassung und Bienenfleiß, genialische Begabung und voranssefczungs'lose, des letzten Opfers fähige, demütige Hingabe, in einer begnadeten Stunde plötzlich ausgelöst wurden, weil er die judische Schande in ihrem ganzen Umfange erkannt hatte und seine Fähigkeit, sie zu beseitigen. Entscheidend, daß er, als ihn urplötzlich der Juden ganzer Jammer anfaßte, sich ihm unverzüglich gegenüberstellte, nicht einen Tag, nicht eine Minute fürderhin atmen konnte» ohne für seine endgültige Behebung zu arbeiten, zu streiten, zu leben. Entscheidend die Selbstzucht, die Sachlichkeit, der sittliche Ernst, mit dem er das Glückempfinden, berufen zu sein und auserwählt, stündlich benvachte, damit es ihn nicht verführe. . Zunächst panzerte er sich mit der Erkenntnis, daß er selbst Arges, Aergstes zu bestehen haben werde. Gleich zu Beginn seines Tagebuches, zu Pfingsten 1895, schreibt er: „Welche Träume, Gedanken, Briefe, Begegnungen, Taten, Enttäuschungen, wenn es zu nichts kommt — und furchtbaren Kämpfe, wenn es dazu kommt, werde ich zu bestehen haben. Das muß festgehalten werden." Ja, er beschäftigt sich nicht wenig mit der eigenen Person. Er muß sie doch wegräumen, erledigen, er muß sie vorbereiten, daß sie fortab nur für das Werk ißt, schläft, denkt, antichambriert, , Mitarbeiter gewinnt, Kreaturen benützt und, wann immer man sie beansprucht, Höchstleistungen, vollbringt. — „Ich glaube, für mich hat das Leben aufgehört und die Weltgeschichte begonnen... Ich muß vor allem mich selbst beherrschen... Ein ganzes Leben wird nicht ausreichen, alles auszuführen. Aber ich hinterlasse ein geistiges Vermächtnis.'Wem? Allen Menschen.. . Ich habe fortab die Pflicht, mich über persönliche Angriffe hinwegzusetzen... Wie ich zweifle, bin, ich grotesk..." Ferner hat er in diesen Wochen höchster Not und Wonne der Konzeption eines Erlösergedankens eine Sorge besonderer Art zu beseitigen. In sachlichster Selbstprüfung, mit grausamer Objektivität sondiert der Einsame, ob er nicht am Ende ein Geistes- III In den bekanntesten und renommiertesten Hotels von ||| azia «nd Portorose sind komplette Pensionen zu besonders billigen ßHH Preisen unter den günstigsten Konditionen (auch auf HEB Teilzahlung) abzugeben / Auskünfte beim Oesterrelchlsclien ■■■ Verkehrsbüro, Wien, I., Friedrichstiaße I und seinen Filialen BEI und beim Reisebüro Schenker & Co., Wien, f. Uum kranker ist: „Ich habe in diesen Tagen oft gefürchtet, irrsinnig zu werden, so jagten die Gedankenzüge erschütternd durch meine Seele ... Ich glaube, ich werde unter den größten Wohltätern der Menschheit genannt werden. Oder ist diese Meinung schon der Größenwahn?" Was auch immer nach der Gründung des politischen. Zionismus an Gehässigkeiten, Intrigen, an Mißerfolgen, Schicksalsschlägen, Verrätereien, bitteren Erfahrungen mit Weggenossen zu bestehen war — gegen die dräuende Gefahr dieser ersten Zeit, als Verrückter abgetan, unmöglich gemacht zu werden, waren doch alle späteren Prüfungen unwesentlich. ' In einen Brief an Güdethann, den er als ersten Mitstreiter gewinnen will, flickt er kleine Rechenexempel ein, um seine Zurechnungsfähigkeit zu erweisen. Gefährliches Eröffnungsmanöver des Mannes, der später dem neuen Judenparlament herrlich präsidierte, Massen in Bewegung setzte, mit den Herrschern dieser Erde wie ein anerkannter Potentat verkehrte. In gewaltige Exposees, gebaut aus winzigen Sätzen, von, denen jeder ein behauener Steinblock war, riesig, wie die Quadern, aus welchen man Pyramiden türmte, fügt Theodor Herzl Mätzchen ein, als Proben desgesunden, prompt funktionierenden Menschenverstandes. Bedachte nicht, daß er sich bei kleineren Menschen, als er war, damit klein machen konnte. Tat er's überhaupt für die zu Gewinnenden? — Er tat's für sich. Er bangte, ob es auch wirklich mit rechtqn Dingen zugehe, verlor die Haltung für jene Augenblicke, in denen er sich Interpolationen wie: 7X17=119 gestattete. Tragischer Höhepunkt im Vorspiel zu einem Heldenleben. Tatsächlich machte er sich kleiner damit, lieferte er sich an Güdemann aus, versagte in der später von ihm grandios geübten Kunst, den andern stellig zu machen, ermöglichte dem Oberrabbiner die Flucht in die väterliche Fürsorgepose. Einige Zeit später hätte er's nicht mehr getan. Als er „die Broschüre" hinausgeschleudert hatte, rechnete er ruhig damit, daß sie ihn, die harmlosen Dummköpfe und die aufgescheuchten Betroffenen einen argen Narren nennen. „Auf das alles muß ich gefaßt sein. Die höheren Schusterbuben werden mir Herrenwäsche A\ÜHLßAD INflyH A N S" AV &H liRAt) WlENJl.PßATERSTßASS'E 39 Telekom ^9-4-99 nachlaufen. Aber wer in dreißig Jahren recht halben soll, der muß in den ersten vierzehn Tagen für verrückt gehalten werden." Antitoxine gegen diese Augenblicke der Angst vor der geistigen Umnachtung waren in jenen drei, vier Pariser Wochen der Höhenrausch, der Blick ins Allgemeine, Ungemeine. Am 12. Juni — es war einer seiner größten Tage, man überblicke doch den Ertrag in den Tagebüchern — notierte er: „Heute steigt mir der Gedanke auf, ob ich nicht viel mehr als die Judenfrage löse: die soziale Frage! Wenn es wäre, welches Geschenk Gottes für die Juden!" Preisen wir das Schicksal, welches ihm solche Tage gegönnt hat, wie diesen 12. Juni (wenn sie auch wohl die Herzkrankheit beschleunigten); es muß doch unser Glück sein, daß er damals glücklich war, im Reichtum der Gedankenfülle schwelgte und in der Sicherheit des Enderfolges: „Ich arbeite aus? Nein! es arbeitet mich . . ." „Ich bin heute schon unerschütterlich davon durchdrungen, daß es mir gelingen wird ..." Damals, an dem gesegneten 12. Juni 1895, plagte Theodor Herzl auch die süße Qual der Sehnsucht, eine Sekunde, ach, doch nur eine. Traum- Viertelsekunde lang dort drüben zu weilen, wenn alles geschaffen ist und herrlich gebaut, in der jüdischen Freiheit! Er zitiert: „Ich bebe: daß ich hinfahren könnte über Nacht, hinfahren, ehe ich das Werk vollbracht." Dieses waren die Wochen ■ des Anbeginns. Dieses war der Glücksrausch und die Angst vor dem Nervenzusammenbruch, die Entscheidung zur Selbstaufopferung und das Hochgefühl, für die Ewigkeit zu Wirken; dieses waren die Wochen, in denen Herzl, der verwöhnte Literat und Frauenliebling, sich zum Heros umformte, weil er der jüdischen Schande ins Antlitz gesehen hatte. Dann schrieb er den „Judenstaat" nieder. 99Ich gehe mit Ihnen66. Sonderbare Erklärungen des Großrabbiners Israel Levi. Aus Theodor Herzls Tagebüchern, Eintragung 17. November 1895, erfahren wir von einem Besuch beim Groß-' rabbiner Zadölc Kahn in Anwesenheit eines Herrn Leven. Eingeladen waren die Herren Dernbourg, Feinberg und des Großrabbiners Schwiegersohn, der heutige Großrabbiner von Frankreich, Israel Levi. Herzl erzählt von dem Widerstand, den Zadok Khan, seinen Bestrebungen entgegensetzte. Er wurde skeptisch in bezug auf die ältere Generation, aber mit Genugtuung zitiert er die Worte Israel Levis: „Ich gehe mit Ihnen." j In einem Aufsatz der „R e v u e 1 i 11 e r a i r e j u i v. e" beschäftigt sich Jehuda Gheler mit dieser Epoche. Der Großrabbiner Israel Levi versucht nun die Darstellung! Herzls in bezug auf jenen Pariser Besuch richtigzustellen. Er schreibt in der .genannten Revue: I „Ich kenne die erwähnte Stelle aus den Erinnerungen Theodor Herzls. Der Rabbiner Arthur Weill aus Straßburg hat mich darauf aufmerksam gemacht. Ich schwelgte bei der Lektüre selbst in Erinnerungen und kann nur erklären, daß das, was Theodor Herzl mir zuschreibt, nicht genau stimmt. Sehr wohl kann ich mich an jene Unterredung bei meinem Schwiegervater erinnern, ich habe alle Einwendungen studiert und den Eindruck empfangen, daß der Zionistenführer, im Banne «einer1 Ideen, nicht genau kontrollieren konnte, was für Eindruck seine Reden auf die Zuhörer gemacht haben. Herzl hielt Dernbourg frü einen „deutschen Juden", während dieser von Geburt Franzose war und sich auch als solcher! fühlte. Auch für Narcisse Leven, der immer für die Kolonisation Palästinas eingetreten war, hatte er keine gerechte Beurteilung. Hatte doch Baron Rothschild erklärt, daß er anfangs gegen die zionistische Idee war und erst durch Leven und Zadok Khan zur Unterstützung des Palästina-Projektes angeregt worden war. | i^^^^^^^^^^^ DAS HEILBAD FÜR RHEUMATIKER BAD NWVW TSCHECHOSLOWAKEI llllllllllllllllllllllllllülllllllllllllllllllllllllllllllll ■TTCPT IT7 1 JLvJTi>l 1 zl> -pi'^^^^M^kmi^i :y&j^-**»g~***ttmHi& » ^^W^mS^

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