Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 34 (11.5.1928)
- Date
- 1928-05-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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'Nr. 34 DIE NEUE WELT Seite II SCHOLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit. Wien und Lelpzlsr. (18. Portsetzung.) 10. Brief. Schelne-Schelndel aus Kasriliwke an ihren Gatten Menachem Mendel in Jehupez. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb Menachem Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott sei' Dank, beim besten Wohlsein sind; gebe Gott uns, das1 Gleiche von Dir zu hören fürderhin und nie Schlimmeres. ■ t Zweitens teile ich Dir mit, daß ich einen starken1 Husten bekommen habe (allen Deinen Jehupezer „Madamen" sei er vergönnt); ich trinke Ziegenmilch und war» auch schon beim Doktor. In den paar Jahren haben die Doktoren von mir ein schönes Stück Geld geschröpft (sie samt dem Apotheker mögen es verdoktern!). Ein} Glück, daß vor kurzem eine neue Apotheke eröffwel' wurde; dort kann man etwas abhandeln! Viel Glück zu Deinem neuen Erwerb mit Gütern und Grafen! Du schmeißt nur so mit den Geschäften, jeden Tag ein neues. Niehl' genug daran, daß der Mann eine glückliche Hand in, seinen Geschäften hat, kennt er auch ihre Fehler genau und zählt sie auf; wie sagt die Mutter: „Wenn das Mädel' nicht tanzen kann, sagt sie, die Musikanten können nicht' spielen!" Ich habe Angst, Mendel, daß Du es so lange mit den Geschäften probieren wirst, bis Du anfängst, mit Zündhölzchen zu hausieren, wie Getzel, der Muhme Sosje Sohn, welcher nach Amerika gegangen ist; er hat auch gemeint,, daß er dort die Millionen im Flug erwischen wird und jetzt schreibt er Briefe von dort zum Steinerweichen, er schreibt, daß man sich dort in Amerika die Seele herausarbeiten muß; wer es nicht tut, der kamv anschwellen vor Hunger und es wird ihm keiner einen Bissen Brot schenken; ein schönes Land, brennen möge es zusammen mit Deinem Jehupez in einer Flamme! Das wäre für Euch beide ein Segen; wie sagt die Mutter:' „Wenn man Brot hat, soll man nicht nach Zuckerkuchen) gelüsten." Wenn doch nur Gott ein Wunder täte und Ich nicht bald von Dir dasselbe hören muß, was mani von Getzel hört, nur noch in neuer, verbesserter Auflage! So wünscht Dir viel Gutes itind dauerndes' Glück Deine wahrhaft treue Frau Schein e-S c h -c i ri d e 1. 11. Brief. Menachem Mendel aus Jehupez an seine Fraa Scheiiie- Scheindel in Kasriliwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Scheindel meinen Gruß!..;. Zum ersteu sei Dir kundgetan, daß ich — Dank! Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben| das des Friedens; der Herr, gelobt sei er, möge helfend daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zu Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Ich habe schon Güter für mehr als eine Million, ich habe Güter, die sind so großM artig, wie man sie nirgends findet. Du wirst natürlich! fragen, wie zu mir solche Schätze kommen. Du sollst ea auf die Börse gekommen bin und erzählt habe, daß ich auf die Börse gekommen in und erzählt habe, daß ich Güter zu verkaufen habe, da hat es Makler nur so geschüttet, die auch Güter zu verkaufen haben und wifcr haben ein Geschäft gemacht, nämlich, wir haben die, Güter gegen andere Güter getauscht, das heißt: wir haben ihnen die „Pläne" unserer Güter gegeben und sie haben, uns die „Pläne" ihrer Güter gegeben. Der Zweck ist wahrhaftig klar: Machen wir ein Geschäft mit ihren. Gütern, so werden wir doch gewiß Geld verdienen; machen sie ein Geschäft mit unseren Gütern, so verdienen wir abermals Geld; für keinen Fall können wir Schaden, haben! Kurz und gut, ich habe mich bald mit den, Maklern bekannt gemacht und bin mit Gottes Hilfe einer von den großen Maklern und sitze schon drinnen bei „Semedenin" wie die anderen an weißen, marmornem Tischen wie in Odessa und trinke Kaffee mit Butter*- gebäck dazu. So ist es hier üblich. Wenn man nicht mitmacht, kommt ein Mensch und jagt einen hinaus. Da bei „Semedenin" ist die richtige Börse. Hierher kommt die ganze Maklerwelt, es herrscht immerwährend ehr Geschrei und Getümmel und Lärm wie — wenn der1 Vergleich gestattet ist — in der Schul': alle reden, schreien» gestikulieren; bald gibt es Streit und Zank, bald bewirtet man sich gegenseitig. Beonders beim Verteilen der „Provision" git es immer Meinungsverschiedenheiten wegen der Anteile, mit Schimpfworten, Flüchen, langen Nasen und Ohrfeigen; und ich bin auch dabei. Da ich jer doch sehr beschäftigt bin und keine Zeit habe, fasse icW mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten: Brief alles genau berichten. Jetzt gebe Gott nur Ge-t sundheit und Glück.. Grüß' die Kinder, sie sollen gösund sein, und Schwiegervater und Schwiegermutter, jeden einzeln sehr herzlich von Deinem Gemahl Menachem Mendel. Richtig: das Wichtigste! Ein Gut habe ich im Gouvernement Wolhynien, mit einem Palast. In diesem gibt es Sechsundsechzig Zimmer; ihre Wände, Decken und Fußböden sind alle ganz aus Spiegelglas. Dann ist dort ein Garten, den nennt man „Ormangerie"; dort wachsen Sommer und Winter Zitronen und Pomeranzen. Und dazu; <Ue Pferde und Kaleschen, die sich dort finden; Prachtexemplare! All das verkauft man so in Bausch und Bogen! Wenn Oott, gelobt sei er, mir den richtigen Kunden« dafür schickt, wer ist mir dann gleich? Einen Fehler hat das ganze Geschäft, daß nämlich die Gfitermäkler zumeist eine lange Zunge haben; das heißt, Sie reden, gern mehr, als an der Sache ist. Doch was läßt sich tun?< Des Verdienstes halber muß man auch eine kleine Lüge sagen!... Der Obige. (Fortsetzung folgt.) III Erste Spezial- £1Ä^ -^ ■ <M m m fL^. xverksmtefür SGSSQI Ulld |fSClIO Salongarnituren und ElnielmöbeUtUcke ADIEB, VII, Apollog, 18 k...«S&:»* « 'SBB MUTTER ROMAN VON SCHALOM ASCH. Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien. „In Amerika ist ein Arbeiter sehr geschätzt. Er ist aillright", — Anschels Aeltester wandte das einzige englische Wort an, das jeder Amerikawanderer noch daheim erlernt. „Aber nicht solche Arbeiter wie du" — spottete der Vater weiter. Die Maschine ließ die Mutter nicht verkaufen. Die Maschine war bisher1 ihr einziger Ernährer gewesen. Denn wenn auch ihr Aeltester geizig war un,d es nur mit Lärm und Geschrei gelang, von ihm einen Groschen zu 'bekommen, so war Schlojme Chajim in den Augen der Mutter doch ihr einziger Ernährer. Wenn es an Brot fehlte und der Vater „eine Ziege" oder „eine Stadt in der Schul"' heimbrachte, da mußte der Aelteste, mochte er wollen oder nicht, beisteuern. Und der Mutter .schien es, daß all das von der Maschine kam. „Was rührst du an die Maschine? Du nimmst mir doch mein 'Stückchen Brot weg" — wandte sich die Mutter weinend an den Sohn. „Was wirst du mit der Maschine anfangen? Wozu brauchst du die Maschine?" „Wozu ich die Maschine brauche? Was heißt das? Sie ist doch meine Brotgeberin!" —- die Mutter umarmte die Maschine,' ails wollte sie ihre einzige Brotgeberin beschützen. — „Wenn eine Maschine im Hause ist, kommt doch immer ein Groschen ins Haus." „Und wer wird auf der Maschine nähen?" „Wer, wer?" —die Mutter versank in Nachdenken. — v.Es wird sich schon jemand finden, der auf ihr näht" — die Mutter hatte irgendwie Angst, den Gedanken ®u Ende zu denken; doch alle wußten, \ver auf der Maschine Höhen wird.-.. Als der Vater sah, daß der Sohn, es mit der Reise ernst meinte, änderte er seine Taktik. Statt zu spotten, begann er sehr..-ernst zu sprechen und gab dem Sohn Lehren, wie er sich in der großen Welt zu benehmen habe:;;'"y. .. „Glaube nur'- jay:ni<$t; ^Amerika -sei eine Kleinigkeit Man fährt nach ^Amerika über ein großes Meer, über den Ozean. Deutschiand ist auch' keine Kleinigkeit, verstanden? Du fährst über weite Länder, mein Sohn. Und we,nn. man: endlich über den Ozean ist, wenn man nach Amerika kommt, wenn man schon drinnen in dem. ,Schmefötieger ist..." Anschel hielt sich für einen Mann von Welt. In seiner Jugend war er ein wenig mit der Aufklärung in Berührung gekommen, hatte profane hebräische Bücher gelesen.. Noch jetzt tat er gern von Zeit zu . Zeit einen Blick in die hebräische Tageszeitung „Hazefira", welche der Elementarlehrer des Städtchens hielt. Anschel hielt sich für einen erfahrenen Mann in allen weltlichen Dingen und begann dem Sohn die ganze Reise nach Amerika zu schildern, die Grenzen, die Städte, durch die er fahren würde, die Schiffe im Ozean, Amerika selbst, den „Schmelztiegel", als wäre er selbst dort gewesen. „Vor allem das Wichtigste: mit niemandem sprechen; und wenn du über die Grenze hinüberkommst, so lauf nicht, sondern gehe langsam, damit man dir nicht ansieht, daß du ein Fremder bist; und wenn du einen Deutschen siehst, so sage ihm „Guten Morgen, mein Herr". Die Deutschen sind feine Leute. Und wenn du einem „Guten Morgen" sagst, so fragt er dich um keinen Paß und um gär nichts. Den Tag, ehe du aufs Schiff gehst, iß nichts, außer eine Zitrone, sonst aber gar nichts. Und wenn du 'mit Gottes Hilfe nach Amerika kommst — ja richtig, vielleicht wird es, Gott behüte, einen Sturm auf dem Meer -geben — da schau' ja nicht ins Meer hinein, sondern leg' dich auf den Bauch, das Gesicht ins Kissen hinein und sag* ein Kapitel Psalmen; die ganze Zeit hindurch, die du auf dem Schiff bist, lerne das Bibelbuch „Jona" — und wenn, Gott dir hilft und du üfber das große Meer kommst und nach Amerika, in den „ Schmelz tiegel" und die Amerikaner dich fragen: „Wozu sind Sie nach Amerika gekommen?", so antworte ihnen: „Ich bin gekommen, -um von meiner Hände Arbeit zu leben." Weiter sag' ihnen: „Ich habe eine Empfehlung 211 einem Onkel." Da werden sie dir gar nichts tun. Die Amerikaner sind feine Leute und sind reich. Wenn man zu ihnen kommt, besonders wenn es ein Jude ist, so nehmen sie ihn mit offenen Armen auf..." Während dieser Belehrungen, die Anschel seinem Sohne gab, standen die anderen Kinder mit offenem Mund im Kreis herum und rissen die Augen auf vor Verwunderung über die fremdartigen Dinge, die der Vater sprach. Vor. Schloime Chajim hatten 1 (4. Fortsetzung.) sie jetzt Angst, als lägen in seinem Rock schon jetzt die bösen Winde und großen Stürme des schrecklichen Meeres, das er durchfahren sollte. Und der Vater setzte sich nieder, ließ einen Bogen Papier und eine neue Feder holen, befeuchtete die Feder mit den Lippen, tauchte sie langsam in die Tinte und begann ein großes „L" zu kalligraphieren, die Initiale für das Wort „Lekowed" (dem geehrten) in einem Brief an den Onkel Pinchas nach Amerika; Der Vater vergoß viel Schweiß über diesen Brief und .im Hause mußte alles einige Stunden lang auf den Zehenspitzen gehen... Alle Zierphrasen aus der Auf'klärerzeit, deren der Vater sich noch aus seinen Jugendjahren erinnerte, kalltgraphierteer -in den, Brief an den Vetter Pinchas in Amerika nieder. Der Brief war in einem so wunderlichen Hebräisch und Jiddisch geschrieben,- daß. es eines zweiten ge* lehrten Vorbeters bedurft hätte, um alle .Metaphern und Rätsel, welche in dem Brief standen, zu lösen; Doch als der Brief endlich fertig war und es dazu kam, die Adresse zu schreiben, wußte der Vater die Adresse des Vetters Pinchasin Amerika nicht. Anschel durchsuchte alle. Laden, durchstöberte alte Briefe und Papiere und fand allerlei darunter: sogar seinen Ehevertrag mit der Mutter; nur die Adresse des Onkels Pinohas war nicht ZU' finden. Doch der Brief war schon geschrieben : und dem Vater tat es um das wohlgedrechseite Erzeugnis seiner Feder leid; so schrieb er auf den Umschlag, in gewähnlichem jiddisch: „An Onkel Pinchas in,Amerika" und «ibengab ihn dem Sohn mit den Worten;: „Wenn, du in New York bist, so frage bloß, wo der Onkel Pinchas wohnt, man wird, es dir schon sagen. New York und Amerika sind jadasselbe."; Keimes der Kinder, auch Schlojime OhaJim, der doch der Aelteste war, wußte,'.- was,, für-ein,: Onkel eigentlich der Onkel Pinchas sei, ob ein Onkel väteriicherseits öder' mütterlicherseits. ' Sure R'ifke sägte 'dem,Sohn gar nichts »um! f&b ihm auch keinen Brief an den Onkel mit, Auf solche t Dinge verstand sie sich nicht. Dafür aiber saß sie4 ganze Nächte lang zusammen mit Dwojrele -und besserte alle Hemden imcj alle Socken ihres Aeltesteh aus; und jedes- Hemd, das sie in seinen Koffer legte, war von Se»genssprächen begleitet und feucht von Tränen... 1 >• v;. Am Tag nach den Feiertaigen steckte der Vater den Brief an den Onkel Pinchas in das Meine GeMsäckchen, welches Dwojrele ihrem Bruder genäht hatte, und hing es ihm um den Hals. Er gab ihm auch ein paar heue Gebetriemen und ein Gebetblich und ließ ihm auf dieses schwören, niemals sein Judentum m vergessen. Die Mutter wusch dem Sohn zum letztenmal ein Arbe-Katifos (Schaarfäden) aus und legte es ihm an; sie beschwor ihn, es während,der ganzen Reise 211 trägen, dann würde ihm nichts Böses passieren. Außerdem legte sie ihm ein Stückchen Brot -und etwas Salz in ein Papier gewickelt in die Tasche; es sollte gegen bösen Blick dienen. Sohlojrne Chajim nahm seinen Koffer und die ptem begleiteten ihn zti dem Wagen. Als der Wagen, der die Emigranten nach Kohl brachte, ankam, begann der Abschied. Die Mutter sprach die ganze Zeit kein Wort; doch als, der Solm ihr den Abschiedskuß gab und sagte: „DleÜb' gesund, Mutter" — da brach lautes Weinen aus ihr hervor: „Mein Kind, vergiß mich nicht, mein Kind!" „Sei unbesorgt, Mutter" — der Wagen trug Schlojme Chajim in die dunkle Nacht hinaus. III. Ein neuer Brotgeber. Nachdem der Aelteste weggefahren war, schien es der Mutter, als fehle ihr die rechte Hand. .Erst jetzt zeigte es sich, wie richtig die Mutter die Maschine eingeschätzt hatte. Wie geizig, ihr Aeltester auch war, dennoch mußte er, ob er wollte oder nicht, der Mutter ba-fä mit einem Gulden, bald mit zwei aushelfen); jedenfalls war ein Groschen im Haus. Jetzt aber wußte sich die Mutter keinen Rat mehr; wenn Geld auf Brot fehlte, so war niemand, da, an den man sich wenden konnte. Die Maschine aper war im Hause geblieben, die Mutter hatte sie nicht fortschaffen lassen; doch es war niemand da, der darauf nähen konnte — und so saßen eines Abends Vater und Mutter nach dem Nachtmahl beim Tisch und sprachen über das tägliche Brot (Fortseteiuig folgt,) %