Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 30 (13.4.1928)
- Date
- 1928-04-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 30 DIE NEUE WELT ^swre ~« SCHOLEM ALEJCHEMi MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit. Wien und Lclp«lB. (14. Fortsetzung.) 2. Brief. Scheine-Scheindel aus Kasrlliwke an ihren Gatten Menschern in Jehtipez. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb Menachem Mendel ehrfürchtigen Qruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott sei Dank, beim besten Wohlsein sind, gebe Gott uns, das Gieiche von Dir zu hören fürderhin und nie Schlimmeres. Zweitens teile ich Dir mit, Du Freude meines Lebens (o, die Cholera und schlimmer Tod auf ineine Feinde), Du Mörder, Du Titus, Du Räuber: Du weißt, daß Deine, Frau todkrank gelegen ist nach der „Reparatur", welche mir der liebe Doktor angetan hat (Deinen Jehupezef Narren sePs gesagt!). Ich schleppe kaum meine Füße; und Deine Kinder, mit ihnen habe ich Müh' und Plage^ mit Zähnen bald, bald mit dem Hals, bald mit dem Bauch — Diphtherie/ und allerhand Krankheit und Unglück (attfsi Haupt meiner Feinde). Und da schweigt der Mann so lang« Zeit und schreibt keine Zeile?! Entweder — oder: Bist Du gestorben — schreib' es; lebst Du aber noch, so hast Du erst recht zu schreiben! Doch was nützt das Reden, wenn einer verrückt ist! Wie sagt meine Mutter, sie möge leben und gesund sein: „Eher wird ein Säufer nüchtern, als ein Narr vernünftig." Stell' Dir das doch einmal vor: Scheine-Scheindel, Baruch Hersch' und Leah- Dwosses Tochter hat einen Mann, der Makler ist! Doch es ist immer dasselbe Lied: Makler, sogar Bretzelverkäufer oder Hundefänger — aber in Jehupez (die Erde möge es verschlingen)! Heute schreibst Du mir, daß Du einen Fünfziger verdient hast bei Deinem schönen Geschäft und Du hoffst, so alle Tage einen Fünfziger zu erwischen< Mendel, nicht jeden Moiüag ist Purim! .Du glaubst, daß, dies das frühere Odessaer „London" ist mit den „Papieren'* und den „Liliputanern" und all Deinen übrigen glückliehen Geschäften, die mir noch bis heute im Magen, liegen? Du Narr, Du wirst Dir noch fünfzigmal die Augem aus dem Kopfe kegeln, ehe Du erleben wirst, den zweiten Fünfziger zu sehen! Außerdem glaube ich im Grunde überhaupt nicht an. die Jehupezer großen Gewinne, welche immer mit großen Glücksfällen anfangen und zum Schluß zu Wasser werden. Und da Du mir schreibst, daß Du froh bist,' Du seist nicht verrückt geworden, so sage ich Dir: aus Deinen Worten sehe ich das nicht; Du führst ganz sonderbare Reden! Da fragst nach Rüben und ob es bei uns regnet. ^Was willst Du-eigentlich: solles im Sommer meterhoch1 Schnee geben? Und seit wann kümmert sich ein Mann um Rüben? .Wo gibt es jetzt überhaupt Rüben? Bei uns kocht man jetzt Suppe aus Fleischbrühe oder aus Graupe«* Rüben gibt es erst um die Sukkothzeit! Und was hast Du nach Käfern zu fragen? Kriechen Dir Käfer im Hirn? Käfer! Gar keine anderen Sorgen hast Du? Wir haben genug an unseren Wanzen, noch Käfer brauchen wir! Nun frage ich Dich: In Jehupez sitzt Du, in Zucker machst Du, Fünfziger sackst Du ein — jetzt fehlt Dir nichts,' als nur Rüben, Regen und Käfer!? Du bist jetzt wohl ein Kenner in solchen Dingen geworden? Die Mutter, sie möge leben und gesund sein» sagt sehr richtig: „Ein) Narr zerschlägt immer fremde Fenster, nie die eigenen..?* Hör' auf mich, Mendel: Laß die Narrheiten und wenn Du noch etwas von dem Fünfziger hast, so pack' Dich1 zusammen und fahr' nach Hause; hast Du aber nichts mehr, so will ich Dir Reisegeld schicken. Erinnere Dich! daran, daß Du eine Frau hast (bis hundertundzwanzig Jahre) und kleine Kinder, welche Tag um Tag Dich erwarten. Einmal müssen doch die Leute aufhören» mich! in ihren Mäulern zu führen und-einmal muß doch mein Gesicht aufhören, in Scham zu erglühen! So wünscht Dir viel Gutes und andauernd Glück Deine wahrhaft treue Frau Scheine-Scheindel. Ja — warum fragst Du denn gar nicht, was es zu, Hause Neues gibt? Es interessiert Dich wahrscheinlich! nicht, daß meine Mutter die Verlobung meiner Schwester aufgehoben hat? Du glaubst wahrscheinlich, daß die Sach« des Geldes wegen auseinander ist. Geld spielt da die kleinste Rolle; entstanden ist das dadurch, da|ß der Vate*> des Bräutigams zum letzten Sabbat hier war. Und dif Mutter hat mit ihm ein kleines Wortgefecht gehabt. Sie hat ihm zu verstehen gegeben, daß er von Bettelleute« abstammt, hat ein Sprichwort hingeworfen, daß man von einem Ochsen nichts anderes verlangen kann, als Ochsen« fleisch, und so ähnliche Anzüglichkeiten. Und wie er wieder nach Hause gekommen ist (der Teufel möge ihn holend hat er den Verlobungsvertrag zurückgeschickt und so ist leftjer meine Nechome zum drittenmal nicht mehr Braut und" wieder ein Mädchen. 3. Brief. Menachem Mendel aus Jehupez an seine Frau Scheirte- Scheindel in Kasriliwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Scheindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kundgetan, daß ich — Dank seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft m T^QSt Wftd Heil - Arne«. Zum zweiten wisse: Du hast nicht ordentlich begriffen, was ich Dir geschrieben habe. Mach' Dir nur kein« Sorge darüber, daß ich aüs einem Spiegulanten ein Makler geworden bin; auch das ist zum Guten. Ich bin nicht der einzige dieser Art in Jehupez. Es gibt bei uns un* berufen eine Menge Makler, Makler in Zucker, Makler in Aktien, Makler in Brot, Makler in Geld, in Häusern, in Gütern, in Wäldern, in Maschinen, in Werkzeugen, in Holzpflöcken, in Fabriken, in Raffinerien, in Bahnen^ — in allem, was Dein Mu«id| aussprechen kann und was Dein Herz begehrt, gibt es hier Makler... Es wird hier kein Oeschäft, auch das kleinste nicht, ohne einen Makler gemacht. Und ein Makler kommt zum anderen; denn der hat einen Käufer und jener einen Verkäufer, und so werden sie gepaart. Oft kommt es vor, daß an einen Makler sich zwei oder drei Makler anhängen; dann teilen sie die „Provision". Und wenn sie sich über die Anteile nicht einigen können, dann geben sie die Sachen anderen Leuten zur Entscheidung, oder sie tun das, was man in Odessa in solchen Fällen tut: es wird mit Ohrfeigen „ausgeglichen". Jetzt verstehst Du hoffentlich schon die Grundlagen der Maklerei?! Die größten Makler aber unter allen sind die Zuckermakler, denn da aller Zucker durch ihre Hand geht, verdienen sie ein Heidengeld, fahren in eigenen Kaleschen, sitzen in Sommervilleii in Bobrisk, spielen Karten und halten sich „Balletteusen" und „Schan* deusen"... Kurz und gut, ich habe es heraus, daß Maklerei das beste Geschäft ist; denn was hat ein Makler zu riskieren? Habe ich's getroffen, so wirds der andere verdienen; wenn nicht, können wir beide uns begraben lassen! Das muß ich zugeben: Recht hast Du, nicht täglicJi erwischt man Fünfziger. Ich habe seit dem ersten Geschäft bis heute nicht einen roten Heller verdient und der Fünfziger is"t bald zerronnen, Gott weiß wie. Vor allem war ich verschuldet gewesen, daß beinn'ic die Maare ttu-V .«^ ir mir gehört haben; ein paar Rubel habe ich verbürgt so sitze ich schon wieder auf dem Trockenen. Doch was tut das? Ich hoffe, so Gott Will, mit des Herrn Hilfe gar bald ein Geschäft zu machen; da will ich Dir einige Rubel durch die Post schicken. Und daß ich Dich frage, ob es regnet, ist doch ganz einfach: Zucker - Du verstehst doch - macht man aus Rüben und Rüben brauchen Regen, sonst wachsen sie nicht. Deshalb frage ich Dich1 ob es bei uns regnet. Möge Gott nur geben, daß kein Regen fällt und daß Käfer die Rüben bei Stumpf und Stiel auffressen, denn wenn es keine Rüben geben wird, wird es keinen Zucker geben und wenn es keinen Zucker gibt, wird man Zucker mit Gold aufwiegen, da werden die „Spiegulanten" Geschäfte machen und die Makler schweres1 Geld verdienen und ich mit. Da ich jedoch sehr be^ schäftigt bin und keine Zeit habe, fasse ich mteh kurz. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß die Kinder und jeden einzeln gar herzlich von Deinem Gemahl Menachem Mendel. Richtig: das Wichtigste: Was Du wegen Deiner Schwester schreibst, daß sie nicht mehr Braut ist, — ich hätte für sie einen Bräutigam, ein Prachtstück! Er ist von hier und ein Junggeselle, freilich nicht mehr der; jüngste, aber so gerade in den rechten Jahren, der Bart ist etwas, grau. Ein Millionär ist er nicht. Aber er ha* einen Erwerb in den .Händen, er ist nämlich Makler und macht in Zucker. Diese Heirat wäre für sie gänz aush gezeichnet, der junge Mann ist eüi sehr sanfter, verträglicher Mensch. Wenn Dir die Sache eingeht, so telegraphiere mir oder schreibe expreß und ich will die Zusammenkunft durchführen. Der Obige. (Fortsetzung (folgt.)_' MUTTE E r s t e r T e i 1. ROMAN VON SCHALOM ASCE (Autorisierte Uebertra-g'Un.iiaus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz. — R. Lftwt;-Verlag, Wien-Berlin.) 1. Kapitel. Der Vater, die Mutter und die ganze Familie. Der Vater studierte das Esther-Buch. Es war vor dem Purimfest, da die EschersRoJle gelesen wird. Vor Purim war's, nach einem langen, strengen Winter. Draußen schmolz bereits der Schnee, der dicke, weiche Winterpeiz der Erde schwand und im Sonnenschein begann langsam alles sich zu enthüllen, was unter Schnee und Eis versteckt gewesen war. Die lehimgestampfte Gasse, wurde. 2«..einer einzigen Kötlache und es war unmöglich, von einer* Seite auf die andere Mntywrmfcomn&ii. Dje zugefrorenen „Seen" öffneten sich alte, große und kleine Seen führten von einer "Seite, der Gasse zur anderen, und die Leute konnten einander nur über dje Gasse zurufen, denn Zueinander'kommen konnten sie nicht. In den Wohnungen wurde' es wärmer und luftiger, pie vereisten kleinen Fenster, verloren die Blumen, welche den ganzen harten Winter lang an den Scheiben geblüht hatten. Die Fenster liefen feucht an» «nd es war ainmögiliioh, durch sie durchzuschauen, was draußen vorging. Im Zimmer lag Dunst und Rauch. Der Rauch kam aus der kleinen Küche; er hatte durch den verrußten Kamin nicht abziehen können. Die Winterkleider, die während des langen, schweren Winters fast an die Körper angewachsen waren, so daß sie eine zweite Haut zu bilden schienen, begannen schwer und lästig zu werden und man wollte sie abwerfen. Zu dieser Zeit begann der Vater das Esther-Buch zu lernen. Und wenn die Stimme des Vaters ertönte, der das Esther-Buch lernte, da kam Erleichterung über die Welt, eine Hoffnung blühte auf, der erste Gruß des Frühlings schien gekommen. Wenn der Vater das Esther-Buch lernte, mußte es in der Wohnung mäuschenstill sein, Immer, wenn der Vater zw Hause war, mußte es mäuschenstttl .sein (gar, wenn er sich zu einem kleinen Nachmittagsschläfchen hinlegte). Doch wenn der Vater lernte oder sich im Vorbeten übte, da mußte alles auf den Zehenspitzen gehen, leise atmen — und selbst das war Störung, Also wie gesagt, sobald der Vater eines von beiden tat, entweder sich auf das hügelige t Sofa niederlegte oder z« lernen begann, mußte es stets im ganzen Hause mäuschenstill sein. Aber in dem Hause gab es unberufen mehr als genug Kinder, von Sohlojme Chajim, dem Oberteiherrichter (er hieß ,4er Aeltes-te") ' bis m dem Jüngsten, der den Namen der Großmutter trug und auf dem Boden umherrwtschte. Man kann sich also vorstellen, wieviel die Mutter damit zu tun hatte, die Kinder zur Ruhe zu bringen, wenn der Vater schlummerte oder lernte. Jedes der Kinder hatte seine besondere Gewohnheit und seine besondere Art, sich hören zu lassen. Das begann schon bei Mojschele „Ochs", den der Lehrer aus dem Gheder heimgeschickt hatte, da die Mutter für die letzten drei Monate kein Schulgeld bezahlt hatte. Dieser Mojschele „Ochs** liielt gerade die Zeit, wo der Vater das Esther-Buch lernte, für die geeignete, um seinen jüngeren Bruder Jojne Gedalje (Jojne hieß er nach des Vaters Vater und Gedalije nach dem Vater der Mutter, überdies aber trug er noch einen Spitzhamen, den wir aus Gründen des guten Tones tiicfot niederschreiben können), diesen Jojne Gedalje also zu lehren, wie man durch die Zähne pfeift, selbst wenn man die Lippen geschlossen hält. Die Mutter, welche beim Herd stand und fürchtete, das bißchen Einbrennsuppe, das sie zugestellt hatte, könnte Überläufen und einen unangenehmen Geruch ins Zimmer bringen, versuchte die kleinen Jungen mit ..einem Rippenstoß zu beruhigen. Da begann der kleinere, Jojne Gedalje (der überdies den schönen Spitznamen trug, den man.aus Gründen des guten Tones nicht niederschreiben kann)" in der Freude, die seine Existenz ihm bereitete, heilaut aufzulachen und durch die Zähne zu pfeifen. Der Vater sah von seinem Buch auf, schob die Brille auf die Stirn und sah erst die Mutter und dann den kleinen Jungen mit dem schönen Spitznamen an; dabei rezitierte er in der' höchsten Oktave und im Fortissimo: „In jenen Tagen saß König Ahaschveposch: auf dem Königsthron." © Die Mutter sagte zu Mojschele „Ochs": „Nun,-siehst du jetzt, was du angerichtet hast?" Die Jungen wurden still und zogen es vor, auf die Gasse zu gehen, um dort die „Seen" und „Fiüsse" mit ihren schlecht beschuhten Füßen zu durchwaten. Als es in der Wohnung stiller wurde und nur das Klappern der Steppmaschine zu hören war, auf welcher Schlojme Chajim „der Aelteste",. der einzige Brotgeber im . Hause, seine Oberteile für . die,. Schuhmacher des Ortes nähte, wurde das Lernen des Vaters immer stärker, lebhafter und mehr begeistert. Der Vater lag jetzt im Wettkampf mit dem Klappern der Maschine. Wer wohl den anderen im Takt zuvorkommen und ihn im Ton besiegen würde. Immer mehr gewann des Vaters Stimme an siegreicher Kraft. Denn niemand auf der Welt war glücklicher als der Vater, wenn er den Wochehabschnitt für da« Vorbeten einstudierte. Sein Glücksgefühl erreichte den höchsten Grad, wenn er das Esther-Buch lernte. Denn der Vater betete das Esther-Buch lieber vor als jeden anderen Abschnitt der Bibel. Wenn er das Esther-Buch studierte, stellte er sich vor, er sei selbst an König Ahaschverosoh' Hofe bei der großen Festtafel, wo aus goldenen. Bechern getrunken wird, wo jeder trinken darf, wieviel ihm schmeckt. Und wenn der Vater zu der Stelle kam, wo König Aha®ahverosoh trunken ward, „so daß des Königs Herz vom Weine leicht wurde", und wo er den Befehl gab, die Königin Waschti zu holen, da Hebkoste der Vater den Ton in der Kehle, als wäre eä zu schade, diese Stelle ans dem Gehege der Zähne zu lassen, lind gar wenn der Vater zu „dem Juden Mordechai" kam; bei der Stelle vom Juden Mordechai fühlte er. sich'so wohl wie zu Hause. Oft schien es ihm, er selbst sei der Jude Mordechai, er stehe vor Esther und mache ihr Vorwürfe, warum sie sich nicht der Juden annehmen wolle — einen Augenblick später aber dar Vater schon Ahaschverosch selbst fckw*setaitng toltgtä