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Die neue Welt · 1928-03-30 · Heft 28 (30.3.1928) · page 13

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 28 (30.3.1928)
Date
1928-03-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 38 DIE NEUE WELT Seite 13 SGHÖLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen tibertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit, Wien und Leipite. (12. Fortsetzung.) 10. Brief. Scheine-Scheindel aus KasrIHwke an Ihren Gatten Menachein Mendel in Jehupez. Dem hochgeehrten, edlen und 'mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Refe Menacbem Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott sei Dawk, beim besten Wohlsein sind, gebe Gott uns, das Gleiche von Dir m hören fürderhin und nichts Schlimmeres. Zweitens tcPIc ich Dir mit, mein teurer Gemahl, daß Du — Gott behüte — nichts Schümmes m erwarten hast, Dir gebührt ein Glückwunsch: Dein Brüderlein, Dein Bert-Benjamin, hat ibereits Hochzeit gehafbt — zu guter, glücklicher Stunde! Er hat keine Zeit gehabt, auch nur drei Monate zu warten! Er ist eiwfaoh nach Bendyczew gefahren, wober man in der ganzen Welt die Stiefmütter bezieht, und hat für seine Kiinder eine Mutter mitgebracht und noch da«u ein Mädel von neunzehn Jahren! Mle Mannsibiider mögen das Glück haben, wie die aussieht! Wie sagt die Mutter, sie soll leben: „Besser, daß wir nach Euch Witwen bleiben, als daß Ihr unsere Kinder zu Waisen macht!" loh stelle mir Deine Trauer vor, Mendel, wenn Du mich — Gott .behüte ~ überleben würdest, nicht erleben mögen das die Jehupezer Damen! Sie würde« Dich anfallen wie ein Bienenschwarm und es wäre ein Geriß um Dich noch vor den drei Trauermonaten! Und für Dich wäre das, wie die Mutter sagt: „Bin koscherer Topf mit einem koscheren Löffel!" Da könntest Du schon ein Jehupezer Meilben für immer und ewig! Es geht hinauf, sagst Du? Mendel, hinauf, flieg', bis Du den Hals brichst! Ich will zu Dir nicht Jahren und wenn ich wüßte, daß Du dort auf dem Totenbett liegst! Und Deine 50.000, die machen mir noch keine Angst. Denn erstens gehörst Du mir mit den 50.000 ebenso, wie ohne die £0.000, und zweitens haben bei mir Deine 50.000 denselben Wert wie eine Prise Schnupftabak, wie sagt die Mutter, sie soll leben: „Solange das Geld auf dem Papier ist, ist das — Papier." Ich sage Dir die Wahrheit, mein teurer Gemahl: wenn Du jetzt ein paar Rubel in der Hand hast und wartest, bis daraus ausgerechnet 50.000 werden, so bist Du entweder ein Narr oder ei'ti Räuber und Mörder, welcher kein Erbarmen hat mit seiner Frau (bis hundertzwanizig Jahre!) unid mit seinen Kindern. Mir gefällt das, wie der Mann mich' mit „Zukunft" füttert: morgen wird er beim Goldschmied sein, morge n wird er mir Wäsche kauten — alles morgen, Du Tropf! Füi; morgen soll Gott sorgen! Du kauf nur heute. Gratf' zu, steck' ein, es wird wie ge- ■ fanden seän! Meine Mutter, sie soll leben, sagt sehr vernünftig, wenn sie sagt: „Wozu brauchst Du, meine Tochter, Geschenke, Tischtücher, Handtücher? Geld" — sagt sie — „soll er Dir schicken! Der Todesengle" — sagt sie — „fragt nicht darnach, ob der Leichnam Totenkleider hat." ~ Ich warte nbch ein paar Wochen^ Ms ich mich ganz gesond fühle, dann setze ich mich awf und fahre, so- Gott will, zu «Dir dorfchwi und dann beneide ich Dich nicht. Ich werde Dir dort auf Schritt und Tritt nachgeben, ich will überall sein. Und ich schwöre es Dir zu, daß Du von dort weg wirst mitten in der Nacht, wie Dir wünscht aus. voller Seele Deine wahnhaift treue Frao S c he i n e - S-cto ei wjde-1. n. Brief. Menachero Mendel aus Jehupez au seine Frau Scheine- Schemde» to KasrHiwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Schewe-Scheindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kundgetan, daß ich —- Dawk Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens, der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes bore in guter Botschaft zu Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Finsteres Unglück ist über iwis hereingebrochen! Heute sind von Petersburg Kurse gekommen, daß es uns allen schwär« vor den Augen wurde, wie ein Donnerschlag, wie eine Bombe hat es uns getroffen! In allen Börsemkantoren wurde es dunkel, auf dem Börseplatz war es wie bei einem Erdbeben! Und sofort nach Peterburg hat auch Warschau seine Kurse herabgesetzt —- und wie! Das war ein Laufen, eine Verwirrung, eine Angst, eine Panik! Die Spiegulanten sitzen alle auf dem Trockenen und ich mit. Es gibt keine Börse mehr! Die Kontore sind leer, die Bankiers gehen mit Trauermienen herum — es ist eine wahre TeimpeJ'zerstöruiig! Denk* Dir, teure Gattin: „Maltzewer," die ich, vvenn's schlecht seht, auf 2000 taxiert habe, die haben sich'« ganz, ganz anders überlegt und haben einen Sprung hinunter bis 950 gemacht! Oder zum Beispiel „Putrlow": Eher hätte ich gedacht, sfe werden ganz drauf gehen, als daß sie von 180 auf 67 faiHen! Vpn „Transport" ist nicht erst zu reden; die sind ganz erledigt, kein Mensch rührt sie an! Ebenso ist es mit „Wolga", mit „Don" und mit mIu-ii anderen Papieren- Doch attes das isi noch glänzend gegenüber Warschau. In Warschau ist überhaupt ein Unglück geschehen! Seit die Welt steht, hat es noch kein solches 'Blutbad gegeben, wie je tat in Warschau. Warschau fäHt es ^in, die „LHiput" von 2450 auf 620 zu schmeißen! Und „Wagen"! Sie sind schon so schön, so lieb gestanden. Wir haben alle geglaubt, jetzt kommen sie auf 3000! Und wie hoch — meinst Du wohl — stehen sie heute? Du wirst es sicher nicht erraten: Lumpige 400! Wie gefällt Dir so ein Kurs? Das ist der Weltuntergang! Ach und Weh über Warschau! Ein feiner Ort das: steigen, steigen, und auf einmal — da hast Du die Bescherung! Woher dieses Tohubawohu kommt, daß weiß kein Mensch, der sagt dies, der jenes. Es kommt vom Geld — so heißt es — vielmehr davon, daß kein Geld da ist. Zu deutsch nennt man das: „Geldmangel" und wir sagen kurz und bündig „Dalles". Du wirst natürlich sagen: Was soll das heißen? Geld ist doch erst gestern auf allen Straßen gelegen? Das ist freilich eine schwere Frage! Doch wie dein auch sei: alle Spiegulanten sind abgebrannt und ich mit. Weißt Du, ehrlich gesagt: Wegen Petersburg ärgere ich mich nicht so sehr wie wegen Warschau. Denn Petersburg hat es nicht so arg getrieben: es tut das Seine gemächlich, täglich fällt es dort um zwanzig, höchstens dreißig Rubel, das ist doch sozusagen Kaufmannsbrauch. Aber Warschau — o daß es doch kein Jude kennen würde! Das ist das reinste Sodom. (Gott sei uns gnädig!) Kein Tag vergeht, ohne daß Warschau um hundert fällt, um zweihundert, um dreihundert! So geht es Schlag auf Schlag und wir alle sind auf dem Boden gelegen, eh* wir nur Zeit hatten, uns umzuschauen! Millionen kostet uns dieses Warschau, Millionen! Um Himmels willen! Wo war unser gesunder Menschenverstand? Wie gut wär's, wenn ich auf Dich gehört hätte, meine teure Gemahlin, da könnte ich jetzt der ganzen Welt eine Nase drehen! Brodziki wäre ein Niemand gegen mich! Aber wahrscheinlich ist es Gottes Wille, es ist wohl noch nicht an der Zeit . . . Ein Glück wenigstens, daß mein Bankier — lange möge er leben — mich nicht um die paar Rubel mahnt, welche icli bei ihm habe anstehen lassen, er hat wohl Mitleid mit mir. Er hat mir versprochen, wenn sicli die Zeiten nur ein wenig bessern, mir einige Sachen „zuzusoharozen", daß ich hie und da durch ihn einen Rubel verdienen kann". . . Doch jetzt ist alles tot. An der Börse siehst Du Leichname, keine Spiegulanten, die Makler laufen herum, die Hände in den leeren Taschen, bittere Zeiten überall, die Spiegulantion ist so ganz gestorben, — sagen sie — daß sie selbst am jüngsten Tag nicht mehr auferstehen kann, an nichts ist etwas zu verdienen. Hätte ich nur etwas Geld, so könnte ich mich freilich schon irgendwie durchschlagen und die schlechteste Zeit tiberdauern. Schließlich ist doch, wie man sagt, der Himmel noch nicht eingestürzt, lächerlich! Mein Herz sagt mir, daß es noch ■zu tun geben wird. Noch lebt Gott und noch steht Jehupez. Geht es nicht mit'dem, geht es mit jenem . , . Doch .woher Geld nehmen? Wie sagi Deine Mutter, sie soll leben: „Wer keine Finger hat, kann keinem eine Nase drehen." Ich habe es bei einigen Leuten mit einem kleinen Darlehen versucht auf kurze Zeit, doch sie haben mir geschworen, daß in der ganizen Stadt Geld jetzt rar ist, und besonders die Großen habcn's knapp, sie lassen sich ausziehen, ja hängen für einen Groschen . . . Oh, wenn doch Er, sein Name sei gepriesen* ein Wunder an mir täte; meinetwegen sollen mich Räuber überfallen und erschlagen, oder ich möge plötzlich sterben mitten auf der Straße, denn, meine teure Gattin, ich kann das alles nicht mehr ertragen! Wie geht das zu? So schön, so glänzend dagestanden! Sozusagen mit vollem Hut und auf einmal — da hast Du's! Da ich jedoch sehr stark mitgenommen bin. fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles ausführlich berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Schreibe mir, was die Kinder machen (sie sollen leben), wie es Dir mit der Gesundheit geht und grüß' Schwiegervater und Schwiegermutter, jeden besonders, sehr herzlich von Deinem Gemahl Menachem Mendel... Richtig das Wichtigste! Es gibt ein Sprichwort: Nach einem Brand wird man reich. Ich meine nun: Nach einer solchen Niederlage, wie sie uns jetzt bereitet worden ist, wird es erst recht möglich sein, glänizende Geschäfte zu machen. Denn alles ist halb umsonst, zu kriegen. Heute kannst Du „Hausseschlüsse" und „Promessen" auf die besten Papiere fast ohne Geld haben. Ich prophezeihe Dir und könnt' es beschwören: Wer jetzt nach Petersburg und Warschau kaufen geht, macht sei« Glück! Denn nach meinen Erfahrungen kann ich, ohne mich zu rühmen, sagen, daß ich das Spiel von Grund aus verstehe: zur „Spiegulation" braucht man drei Dinge: Verstand, G il ü c <k und Geld, Verstand habe ich, Dank Seinem lieben Namen, mindestens so viel, wie aiMe hiesigen Spiegulanten zusammen. Glücfa ist Gottes Gabe. Und Geld? — Geld bat BrÖdzkL Der Obige. (Fortsetzung folgt.) ZAUBERIN (28) Von Schalem Asch Da stürzten sie sich zum Scheiterhaufen hin und begannen aus den Flammen Stücke des glimmenden Kleides und des brennenden Haares und blutige, brennende Körperfetzen herauszuholen. Die Mönche der Inquisition seimigen mit ihren Peitschen, Spitzruten, Hellebarden auf die Köpfe der Menge ein, allein es half nichts — der römische Pöbel war von Blut und Feuer trunken. Ebensowenig wirkte es, daß die Nonnen das Bild der Jephtha immer höher über den Köpfen der Menge erhoben, Lob- und Danklieder anstimmten und vor dem Bild niederknieten. Der Pöbel diente ja jetzt einem anderen Gotte und mochte nicht die toten Götter der Bilder. Der alte Gott Moloch war wieder auferstanden und der römische Pöbel verrichtete den HERRENGARDEROBEN DAMEN-MÄNTEL U. KOSTÜME NACH MASS Feinste Auslühruns;! Konkurrenzlose Pieise! Fassonarbelt aus mitgebrachten Stötten wird billigst berechnet. M. ENGEL & Co., Iii-, Marxergasse 16. Tet. 90-710 i Sn zionistischen Versammlungen debattiert man viel über die JÜDISCHE LEGION Die wenigsten wissen aber Bescheid, wie diese engliach-amerikan'sehen Regimenter, die nur für den Palästlnareldzug verwendet wurden, entstanden sind und welche Schicksale sie hatten. Zum erstenmal in deutscher Sprache ist ihre Geschichte in spannendster Weise dargestellt in den Erinnerungen WLADIMIR JABOTINSKY/ aus dem Weltkriege, die unter dem Titel: „Vom Nil zum Jordan" seit l. Jänner 1928 in der Zeitschrift NORAH jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur erscheinen. Neueintretende Jahresabonnenten erhalten die bereits erschienenen Hefte Januar-März GRATIS nachgeliefert Das neue Quartal beginnt am 4. April. Preis vierteljährlich: S 6.— Abonnieren Sie sofort bei der Verwaltung der „Menorah", Wien, f., Zelinkagasae 13. IhllllllllHIIIIllMMIIlHIIIIIlllllMlllllllllfnilllllllllllUWIIWltfl Copyright by R. Löwit- Verlaf, Wien— Leipzig Dienst dieses Gottes — tanzte und freute, sich mit ihm über sein Opfer. Zusammen mit den Feuerzungen trank auch er das Blut der lebenden Jephtha, zusammen mit den Flammen knickte er die Glieder des jugendlichen Mädchenkörpers, zusammen mit ihnen jauchzte er vor Freude auf über jeden Tropfen Blut der lebenden Jungfrau, über jedes Stück Fleisch, das von den Flammen verzehrt wurde ... Die Nonnen des Klosters zum „Heiligen Herzen" standen aber einsam mit dem Bilde Jephthas und knieten vor ihm nieder und sangen zu ihm ihre Lieder, während die Flammen die letzten Reste der heiligen Jephtha zerstörten. Plötzlich schlug sich ein wild aussehender junger Mann mit blassem Gesicht, der in ein schwarzes Gewand gehüllt war, durch die aufgeregte Menge zu den Nonnen mit dem Heiligenbild durch, zückte einen Dolch unter seinem schwarzen Gewände und stieß ihn dem Bilde ins Herz. Aus den Kehlen der Nonnen, der Priester und der Mönche entrang sich ein Schrei des Entsetzens. Ein paar Minuten lang verstummten alle, warfen sich auf die Knie vor dem durchstochenen Bilde, und die aufgereizte Menge blickte sich ängstlich um. Der blasse junge Mann hielt noch den Dolch in seiner Handausgestreckt und rief laut mit unmenschlicher Stimme: „Volk von gom! ich habe sie in Unreinheit semalt und mit sündhafter Begierde geschaffen, Sie ist die Unreine" (dabei zeigte er mit dem Dolch auf das Heiligenbild) „die Heilige wird dort im Feuer verbrannt!" * Viele Zeugen aus der Menge, die an diesem Tage auf dem Campo di fiera versammelt waren, sagten später unter ihrem Eide aus, daß sie es mit ihren eigenen Augen gesehen haben, und die Chronisten der Kirche, trugen es in ihre Animlen für die kommenden Geschlechter ein, daß, als der wahnsinnig gewordene Maler Pastila mit seinem Dolch das Heiligenbild „Die Mutter der Liebe" durchstach, aus diesem ein Strom Blutes hervorgespritzt sei. Die Nonnen des Klosters zum „Heiligen Herzen" aber' zeigen noch bis auf den heutigen Tag zwei Tropfen geronnenen Blutes auf der Brust der „Mutter der Liebe", deren Bild sich in ihrem Kloster befindet, und die noch heute als die Schutzheilige der Yerliebten m ... föchtaW.

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